Eine beunruhigende Geschichte

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

eine Geschichte wie für den Kindergottesdienst gemacht. Es gibt kaum eine andere Heilungsgeschichte in der Bibel, in der so ein eindrücklich erzählt wird von der Not und Hilflosigkeit eines Kranken, vom Einfallsreichtum und der Kreativität seiner Freunde, von der Wundertätigkeit Jesu, der Neugier der Menge und dem Argwohn seiner Gegner.
Was sich da in und um Kapernaum herum zugetragen hat, schreit förmlich danach weitererzählt und ausgeschmückt zu werden. Allein dafür hätte der Boulevardjournalismus alla Bild erfunden werden können. Man stelle sich die Schlagzeilen einmal vor: "Tumult in Kapernaum"; "Wunderheiler oder Scharlatan?"; "Hoffnung für Tausende";.

Es ist jedenfalls Bewunderung und Erstaunen, die ich mit dieser Geschichte seit meiner eigenen Kindheit, seit meiner Zeit im Kindergottesdienst verbinde: Jesus, der Mann, der große Wunder tut, der Mann, von dem ungewöhnliches zu erwarten ist.
So müssen schon viele seiner Zeitgenossen reagiert haben.

Das war das, was man sich von Jesus weitererzählte und was die Menschen aus den Häusern und auf die Straßen, ja selbst auf die Bäume trieb, wenn Jesus kam und auf der Bildfläche erschien.
„Da versammelten sich so viele, dass sie nicht alle Platz hatten, auch nicht draußen vor der Tür.“ Ein Wunder lässt sich immer gut verkaufen, ein Wunder entspricht den religiösen Grundbedürfnissen. Eine Mutter Teresa in unseren Tagen konnte selig gesprochen werden, weil ihr aufopferungsvolles Leben bewundert und nach ihrem Tod ihr ein Heilungswunder zugeschrieben werden konnte. Jetzt werden sicher noch mehr erwartet.

Ein Wunder erwarten viele dem Glauben fremdgewordene, wenn sie sich in ihrer Not an Gott erinnern und erste Gehversuche im Kontakt und im Gespräch mit Gott unternehmen. Nur , dass es da oft nicht eintritt, dass das Erfolgserlebnis der Freunde ausbleibt, die den Gelähmten nicht mehr über das Dach aus dem Haus tragen müssen, sondern ihn auf eigenen Füssen davongehen sehen.

Wer sich dann aber ein bisschen intensiver auf diese Begegnungen in Kapernaum einlässt, entdeckt mehr als nur oberflächliche, sensationsheischende Berichterstattung.
Der wird , ob er will oder nicht auf Dinge gestoßen, die eigentlich "Unthemen"; unter uns sind.

Jesus ist in einem aus allen Nähten platzenden Haus in Kapernaum, um den Menschen das Wort zu sagen. Allein das ist schon eine ungewöhnliche Ausdrucksweise. Was wird das für ein besonderes, sich von anderen unterscheidendes Wort gewesen sein ? Es scheint nicht eines der vielen Worte zu sein, die wir machen, ohne mit ihnen ernsthaft etwas zu sagen. Es scheint auch ein Wort zu sein, dass Menschen zugemutet wird, dass gesagt werden muss, während wir oft die Angst beobachten können, ob man den Hörern denn noch ein Wort, eine Rede, eine Andacht oder womöglich sogar eine Predigt zumuten kann. Alles muss kurz und knapp sein, darf nur wenige Augenblicke dauern, um den Hörer nicht zu überfordern.

Und dann weiß Markus von zwei kurzen Sätzen Jesu zu berichten: "Dir sind deine Sünden vergeben"; "Steh auf, nimm deine Matte und geh heim". Ich habe mich gefragt, ob das heute unter uns noch jemand aufregen würde? Wahrscheinlich eher nicht!

Nach Sündenvergebung fragt keiner mehr, die Kirche hat aufgehört ernsthaft von Sünde zu reden. Allenfalls Verkehrssünder begegnen uns und da handelt es sich in den meisten Fällen in den Augen der Zeitgenossen eher um ein Kavaliersdelikt. Wollte ich mit meinen Konfirmanden über Sünde reden, würde ich wohl eher ein müdes Lächeln als ein brennendes Interesse ernten. Und das in einer Kirche der Reformation, die ihren Ursprung auch in der bohrenden und drängenden Frage nach einem gnädigen Gott hatte, der uns bestehen lässt trotz unsere Sünde und Gottvergessenheit.
Und mit der Heilung an Körper und Seele haben wir auch nichts mehr zu tun.

Es sind tatsächlich Unthemen unsere Tage, in denen uns das ganz besondere Wort Jesu begegnet, in denen es aber auch um die Substanz, um das Herz unseres Glaubens geht.
Es geht um eine realistische Sicht des Menschen und um unseren Auftrag als Kirche.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal in seiner kleinen Schrift "Gemeinsam leben" geschrieben: "Du brauchst dich selbst und deinen Bruder nicht mehr zu belügen, als wärest du ohne Sünde, du darfst ein Sünder sein, danke Gott dafür; denn er liebt den Sünder, aber er hasst die Sünde." Warum tun wir uns eigentlich schwer damit, einzugestehen, dass unsere Beziehung zu Gott, zur Quelle des Lebens, zu unserem Ursprung gestört ist? Warum tun wir uns schwer, bei aller Schönheit auch die Unvollkommenheit unseres Lebens, Denkens und Planens einzugestehen?
Warum tun wir uns schwer damit einzugestehen, dass die Verhältnisse sich erst ändern, wenn der Mensch sich ändert, das aber aus eigener Kraft nicht vermag?

All das ist aber gemeint, wenn die Bibel und wenn die Reformation vom Menschen als Sünder redet. Es sind gar nicht so sehr die kleinen oder größeren Rechtsverstöße, es ist gar nicht so sehr die Frage, ob mein Leben sich in Grenzen der 10 Gebote oder der Bergpredigt bewegt, sondern ob ich den Mut und die Ehrlichkeit aufbringe, von der Bonhoeffer schreibt, mich und mein Leben so zu sehen wie es ist, als etwas Gebrochenes und immer wieder Unvollkommenes, was mir aber nichts von meiner Würde und von der Größe als Mensch, als Geschöpf Gottes nimmt. Es ist tragisch und ein Trauerspiel, dass die Bearbeitung des Schuldthemas, dass das Leben im Angesicht der Sünde aus unseren Kirchen ausgewandert ist und die Illusion genährt wird , all das ließe sich das alles therapeutisch klären, heilen und letztlich beseitigen, unwirksam machen.

Es ist Jesus mit seiner ihm eigenen, göttlichen Vollmacht, der dem Gelähmten die Vergebung der Sünde zuspricht und für die Heilung all der gestörten Beziehungen bis hin zu der Beziehung Gott gegenüber einstehen will. Ich bin mir sicher, dass wahrhaftig Heilung, innere Heilung geschieht, wo Menschen begreifen: du darfst Sünder sein, denn Gott liebt den Sünder, aber er hast die Sünde und wo dies Wort so deutlich auch gesagt wird und – kann es eine befreiendere und entlastendere Sicht von uns Menschen geben?

Seine Vollmacht, nicht nur seine Kompetenz, sondern seine Autorität und Glaubwürdigkeit von Gott her unterstreicht Jesus, als er sagt: Steh auf und geh heim. Es geht nicht darum, Skeptiker von ihren Zweifeln zu befreien oder von seiner Macht zu überzeugen. Es geht um den inneren Zusammenhang von Heilung an Körper und Geist. Es geht um Glaubwürdigkeit. Kann ich mich dem Seelenheil zuwenden, ohne das körperliche Heil im Blick zu behalten. Kirche hat das leider all zu oft getan und so für die Zweifel an ihrer Vollmacht und Glaubwürdigkeit selber gesorgt. Jesus nimmt den ganzen Menschen ernst.

Für mich hat das ganz praktische Konsequenzen:
1. Sündenbekenntnis und Gnadenzusage haben einen unaufgebbaren Platz in unseren Gottesdiensten und in der Gemeinde. Und in unseren Ordnungen gibt es , wenn auch nicht als Sakrament, die Beichte als ein Seelsorgeangebot mit Schuld, mit den eigenen Grenzen, mit der eigenen Gottvergessenheit oder gar Gottlosigkeit nicht allein zu bleiben. Ein Angebot, das wahrgenommen werden kann!
2. das leibliche Wohl und die körperliche Unversehrtheit ist nicht allein Aufgabe der Ärzte oder der Schulmedizin oder der Heilpraktiker. Sich den Kranken zuwenden, Heilung von Gott zu erbitten, ebenso die Bitte, das Bemühen der Ärzte erfolgreich sein zu lassen ist uns als Gemeinde aufgetragen. In der jungen Kirche gab es den guten Brauch, für die kranken Gemeindeglieder zu beten, sie zu salben und ihnen die Hände aufzulegen. Wo geschieht das noch in unseren Gemeinden ? Es ist nicht unser Auftrag, Ärzte zu ersetzen, sehr wohl aber ihre Arbeit mit unseren Bitten und der Gabe des Segnens zu begleiten.

So wird das Wort aus Kapernaum, dass damals Häuser füllte auch für uns ganz konkret. Dir sind deine Sünden vergeben. Steh auf und geh heim! Es ist wirklich eine aufregende und eindrückliche Geschichte.

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