Eine andere Welt

Liebe Volkstrauertagsgemeinde,
wir erinnern uns heute der Opfer. Der Opfer der beiden Weltkriege und der Gewaltherrschaft des Dritten Reiches, aber auch der Bomben und der Vertreibungen. Wir beten für den Frieden in der Welt und denken an die heutigen Opfer von Krieg und Terror. Aus der schmerzlichen Erinnerung wird das dringende Gebet um Frieden. Aus der Trauer kommt die Verpflichtung, heute dem Frieden zu dienen. Dass wir die Opfer nicht vergessen, mahnt uns, heute das tun, was dem Frieden dient.

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Wir haben gerade die Evangelienlesung von Frau Winkler gehört. Jesus Christus wird als König und Richter wiederkommen. Alle sind vor seinem Thron versammelt und gehen entweder auf seine rechte Seite und werden mit dem unendlichen Leben belohnt oder sie gehen au seine linke Seite und werden mit unendlicher Pein bestraft.

Was unterscheidet nun die einen von den anderen?

Die einen haben die Werke der Barmherzigkeit getan – die anderen haben sie nicht getan. Sechs Werke der Barmherzigkeit werden hier aufgezählt: den Hungrigen zu Essen geben, den Durstigen zu Trinken geben, die Fremden aufnehmen, den Nackten Kleidung geben, sich um die Kranken kümmern und die Gefangenen besuchen. Später kommt dann als siebtes Werk der Barmherzigkeit aus dem Buch Tobias noch hinzu die Toten zu begraben. Die, die die Werke der Barmherzigkeit getan haben, sie haben einfach geholfen, und sie haben gar nicht gemerkt, dass in dem, der ihre Hilfe empfängt, Christus ist. So sind sie ganz erstaunt und überrascht, dass der himmlische Richter sie wieder erkennt und zu ihnen sagt: „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan?“

Die spannende Frage für uns ist natürlich: zu welcher Seite gehören wir denn?

Wir alle haben schon anderen geholfen. Und wir alle haben auch schon die Hilfe verweigert oder gar anderen geschadet. Welche Tat zählt nun?

Das lässt dieser Bibeltext offen. Es ist ja nur von jeweils einer Tat die Rede. Der himmlische Richter sagt nicht: „Wenn du in 90% aller Fälle das Gute tust, dann zählt das Gute.“ Der himmlische Richter sagt auch nicht: „Wenn du in den wichtigsten, entscheidenden Fällen hilfst, das zählt, dann wirst du zur Belohnung das ewige Leben erhalten.“

Dieser Bibeltext stellt uns in Frage und die Frage bleibt offen. Jeweils der konkrete Fall zählt. Die sechs Werke der Barmherzigkeit werden ja insgesamt 4x aufgezählt. Unser Blick wird gerichtet auf die, die Hilfe brauchen. Das muss ich erst mal sehen und wahrnehmen. Und dann ergibt sich das Helfen eigentlich von selbst. Wenn ich nur hinsehe, mit offenen Augen, mit liebendem Herzen, mit helfender Hand, dann kann ich nicht nur den sehen, der Hilfe braucht. Dann wird mir der geringste Bruder zu Christus. Dann geschieht eine Begegnung, die den Duft des Himmels auf die Erde bringt.

Diese Geschichte, wie die anderen Geschichten im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums kurz vor der Passionsgeschichte, hat einen ernsten und drohenden Unterton. Vielleicht brauchen wir den, denn leider ist es nicht selbstverständlich unter Menschen, dass der, der Hilfe braucht, Hilfe bekommt. Aber wir alle haben auch schon die Erfahrung gemacht, wie gut es uns selbst tut, helfen zu können. Wenn ich jemandem helfen kann, dann wird mir der andere zu Christus. Dann strahlt ein Glanz aus von der Dankbarkeit. Dieser Glanz strahlt auf mich selbst zurück und die gute Tat hat ihre Belohnung in sich selbst.

Sehr beeindruckt hat mich vor einiger Zeit ein Gespräch mit einer Person, die eine sehr schwierige und dunkle Phase erlebt. Ihr geht es auf den Keks, dass alle sie bedauern und bemitleiden. Eine Freundin ruft an, eigentlich auch um sie zu trösten. Aber dann bittet diese Freundin sie um Rat und sie kann ihr mit einem guten Rat und einem hilfreichen Gespräch weiterhelfen. Die Freundin verabschiedet sich am Telefon mit den Worten: Eigentlich wollte ich ja dich trösten. Aber jetzt hast du mich getröstet. Du hast mir so sehr geholfen. Vielen Dank.

Für die Person in der schwierigen und dunklen Phase war dieses Gebrauchtwerden, dieses Helfen ein großer Lichtblick. Die Freundin, die ihre Hilfe in Anspruch genommen hat, ist ihr zu Christus geworden. Durch die Freundin begann die Hoffnung. Die Freundin war wie ein Fenster zum Himmel, das sich öffnet.

Liebe Volkstrauertagsgemeinde, ich höre aus unserem Predigttext heute nicht nur die ernste Mahnung, achtsam zu sein und denen zu helfen, die Hilfe brauchen. Ich höre auch die Einladung, sich helfen zu lassen und dadurch anderen zum Christus zu werden, ein Fenster zum Himmel zu öffnen.

Worauf es ankommt, ist also nicht so sehr, dass wir uns noch mehr anstrengen. Denn wir werden es letztlich nicht schaffen, in 100% aller Fälle zu helfen und uns das ewige Leben zu verdienen. Die, die vom himmlischen Richter am Ende beim Jüngsten Gericht gelobt werden, die haben ja nicht wissentlich das Gute getan. Sie wussten gar nicht, dass sie Christus helfen. Sie erinnern sich gar nicht mehr, wann denn die entscheidenden Situationen waren. Sie haben sich nicht ihr Heil verdient. Und wir können uns unser Heil auch nicht verdienen.

Wir sollen uns nicht mehr anstrengen, nicht uns verkrampfen, nicht voller Angst uns unser Seelenheil zu verdienen suchen. Wir sollen vielmehr die Barmherzigkeit in unser Herz lassen. Wir sollen den Blick Jesu lernen, den helfenden Blick, den Blick, der achtsam und sensibel wahrnimmt, was der andere gerade braucht.

Liebe Gemeinde, ich wünsche uns als Kirchengemeinde, dass wir eine Gemeinschaft sind, in der man Schwäche zeigen kann. Ich weiß, dass unsere Gesellschaft überhaupt nicht so ist. In der Klasse, am Arbeitsplatz, in der Politik oder als öffentliche Person darf ich keine Schwäche zeigen, sonst fällt die Meute über mich her und nutzt meine Schwäche ist. Es ist eine kalte und brutale Welt, in der wir leben und einer ist des anderen Wolf. Diese Welt trägt ihren Untergang in sich und all die vielen Kriege und die ständig gefährlicher werdenden Waffen zeigen das.

Was Jesus uns hier vor Augen stellt, ist eine andere, neue Welt. Und diese Welt trägt die Zukunft in sich. Hier, bei Jesus, darf ich schwach sein und ich finde einen Menschen, der mir hilft. Ich wünsche uns, dass wir dass als Christinnen und Christen miteinander einüben. Und dass von uns etwas ausgeht. Eine andere, barmherzigere Welt. Eine Welt, deren Grundgesetz lautet: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.

Zum Glück müssen wir das nicht alleine machen. Wir können im Glauben in diese Welt hineinwachsen. Und was uns heilt, was uns rettet, was uns verändert, ist durch den barmherzigen Gott immer schon da. Ja, es ist schon in uns. Ja, es ist schon mitten unter uns.

Diese zuvorkommende Barmherzigkeit Gottes möge mit uns gehen. Ich möchte sie uns zusagen mit einem irischen Reisesegen:

Dir scheine die Sonne,
sie streichle dein Herz mit dem Segen des gütigen Gottes,
bis es glüht wie ein wärmendes Feuer,
und der Fremde bleibt nicht in der Kälte.

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