Ein wunderbarer Auftrag

Liebe Gemeinde,

"wie erkläre ich nur meinem Sechsjährigen, dass ich ihn gerne taufen lassen möchte", fragte mich vor einiger Zeit eine Bekannte. Sie wolle das Kind nicht "übergehen", aber sie komme wirklich in Schwierigkeiten. "Ich habe gesagt: Damit du zu Jesus gehörst". Der Kleine aber, der schon oft mit im Gottesdienst war und auch im Kindergottesdienst mitmacht, meinte: "Gehöre ich denn nicht zu ihm? Ich bin doch ganz oft in der Kirche. Hat mich Gott nicht lieb, wenn ich nicht getauft bin?"

"Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe", damit kann doch kaum gemeint sein, einem Kind beizubringen, dass es von Gott nicht oder zumindest etwas weniger geliebt wird, weil es noch nicht getauft ist. Manche junge Mutter hat sich schon tief erschrocken, wenn ein Pfarrer oder katholischer Priester ihr erzählt hat, wenn sie ihr Kind nicht schleunigst taufen lasse, werde es unerlöst bleiben, falls ihm etwas passiert. Noch meine eigenen Eltern wagten nicht, mich im Babywagen spazierenzufahren, bevor ich, 14 Tage alt, getauft war.

"Macht zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes", wie oft sind diese Schlussworte des Matthäus-Evangeliums im Lauf der Geschichte missverstanden worden. Wer zum Beispiel liest, wie die Sachsen gewaltsam christianisiert wurden, wird sich ernstlich fragen, ob da die Missionare das gehalten haben, was Jesus befohlen hat. Liebe nämlich, Liebe gegenüber jedermann, auch gegenüber Feinden und Verfolgern. "Macht zu Jüngern alle Völker", das kann doch eigentlich nur heißen, Jünger so zu gewinnen wie Jesus selbst sie gewonnen hat – nicht mit Schwertern und Schlachten, sondern durch überzeugende vorgelebte Liebe und Sanftheit. Aber Eroberungskriege in der ganzen Welt, die Vernichtung von ganzen Kulturen in Südamerika im 16. Jahrhundert, und auch tiefgreifende Eingriffe in das Leben von ganzen Stämmen auf dem afrikanischen Kontinent, ja auch die Kreuzzüge, alles beruft sich auf diesen letzten Abschnitt aus dem Mattäus-Evangelium. Wenn einer sagt: "Bei mir ist Matthäi am Letzten", so ist das meistens nicht gerade ein Ausdruck von Hoffnung, sondern die Ahnung eines schrecklichen Endes.

"Mit der Taufe wirst du ein neuer Mensch", da wird ein sechsjähriges Kind sich darüber Gedanken machen, was denn an ihm bislang nicht in Ordnung war. Dabei, aber das kann man einem Kind kaum erklären, ist mit dieser "Menschwerdung" ein ganz langsamer Prozess gemeint, der vielleicht ein Leben lang dauern kann. Kein Mensch, auch kein Kind, gehört einem anderen Menschen. Und die Taufe eines Kindes bedeutet so schon ein Stück "Loslassen" der Eltern, sie geben das Kind frei für einen anderen, einen höheren Einfluss.

Stellen wir uns nun aber die Jünger vor, die sich auf den Weg zu diesem Berg in Galiläa machen, wohin Jesus sie "beschieden" hat. Nirgendwo vorher im Evangelium ist von einem geographischen Ort oder von einem realen Ruf Jesu, der sie dahin befiehlt, die Rede. Sie gehorchen einem inneren Antrieb, der sie alle bewegt, dem sicheren Gefühl "Das kann noch nicht alles gewesen sein" – und jeder von ihnen hatte seine Vision von Jesus. Uns fällt dabei die Geschichte von der Verklärung ein, der gemeinsame Weg der drei Jünger mit Jesus, der ebenfalls auf einem Berg endet, wo sie den Weggefährten zum ersten Mal in einem anderen Licht sehen. Und jetzt, nachdem sie Tod und Auferstehung erlebt haben, gehen sie den Weg alleine nach, aber das Bild Jesu gewinnt Schritt für Schritt mehr Raum in ihnen, ergreift Besitz von ihnen. "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden" – auf dem Gipfel des Berges, da, wo sich Himmel und Erde berühren, sind sie ganz vom Geist Gottes durchdrungen, Jesus ist ihnen ganz nahe. Es ist ein altes Bild, dieses Niedersinken und das Gesicht verdecken, denn niemand erträgt den Anblick des lebendigen Gottes. "Gott ist gegenwärtig, alles in uns schweige", "Welt, geh aus, lass Jesum ein" – in geistlichen Liedern wird diese Situation, dieses Sich-Leer-machen, in sich Raum schaffen für die Gegenwart Gottes besser ausgedrückt als das jede Predigt vermag. Hier ereignet sich Gott. Und hier beantwortet sich auch die Frage: "Waren die Jünger eigentlich getauft?" Ich glaube, hier ereignet sich die "Feuertaufe", von der ja auch bei Matthäus schon die Rede war und auf die der Täufer am Jordan hingewiesen hat. Hier dringt Gott in die Menschen ein, ich zitiere Eugen Drewermann: "mit der Glut der Liebe, mit der Kraft innerer Begeisterung, mit einem Auflodern des Glücks, mit einer hellen Schönheit des Herzens, mit einer Ergriffenheit, die die gesamte Substanz verzehrt und verwandelt in Wärme und Leuchten, in Geist." Da wird das Herz der Menschen geöffnet ohne Gewalt, die Macht der Liebe öffnet die Seelen.

Und das ist doch ein wunderbarer Auftrag, diese Macht der Liebe weiterzutragen unter Menschen aus aller Welt, in einer Weise, die sie verstehen. So gesehen heißt: "Gehet hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker" nicht: unterwerft sie einem religiösen Programm", sondern setzt euch mit ihnen zusammen, macht ihnen die Liebe deutlich und durch euer Verhalten glaubhaft, die ihr selbst empfangen habt. Seid nicht des anderen Wolf, sondern habt den Mut, menschlich zu sein.

Aber sind wir so? Oder noch genauer gefragt: Ist Kirche so? Es fängt doch schon da an, dass Jesus eigentlich keine Kirche, weder eine römisch-katholische noch eine evangelische noch eine wie auch immer orthodoxe, gründen wollte, sondern das Reich Gottes unter die Menschen bringen. Kaum vorstellbar, dass das sich in kirchenrechtlichen Paragraphen, liturgischen Regeln, in Kirchensteuer und Gemeindegliederstatistiken manifestiert. Rechtsgültig getauft werden kann man zum Beispiel hierzulande heute nur entweder katholisch oder evangelische. Eine "christliche" Taufe ist ausgeschlossen. Dabei würde sie bedeuten, dass man ein Kind "an Gott abgibt", also ein Stück weit loslässt. Das kann eine Beruhigung sein für angespannte und besorgte Eltern und Freiheit bedeuten für ein Lebewesen, das von Menschen ins Dasein gesetzt wurde, die doch letztendlich nicht maßgebend sein können dafür, wie es sich entwickelt. Jedes Menschenleben steht schließlich letztendlich ganz bei Gott. Und ein Kind taufen, heißt, es nach und nach aus den Armen der Eltern dorthin wachsen zu lassen, wo es weitergetragen wird und in seiner ganzen Liebenswürdigkeit aufblühen kann.

Es ist eine ernüchternde, ja bestürzende Vorstellung, dass wir die Taufe herabgewürdigt haben zu einem Kindersakrament mit Konfessionszwang, eigentlich wider alles was wir verkünden. So kann die Kindertaufe, von außen betrachtet, erscheinen als eine Vorbereitung für Verwaltungs- und Kirchensteuerfragen. Ein Mensch, der ohne sein Zutun irgendwann in die Rubrik "evangelisch" oder "katholisch" hineingerutscht ist, kommt dann später wieder unter Druck, wenn er eine "konfessionsverschiedene Ehe" eingeht. Und wenn ein Priester den Mut hat, sich über diese zutiefst absurden, von Menschen ersonnenen Kirchengesetze hinwegzusetzen, und einfach "alle" zu einer gemeinsamen Mahlfeier an den Tisch des Herrn lädt, wie beim Berliner Kirchentag, enthebt ihn "seine Kirche" des Amtes. Der Fall Gotthold Hasenhüttl steht mir hier vor Augen, nicht nur, weil der katholische Priester einmal mein Lehrer war. Er soll seine Schuld, seinen Gesetzesverstoß, bereuen – und hat doch selbst nur das Liebesgebot von Jesus Christus befolgt.

"Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit" und "Gib den Boten Kraft und Mut, Glaubenshoffnung, Liebesglut", wie gerne wird das Lied von der Sonne der Gerechtigkeit gerade bei ökumenischen Veranstaltungen gesungen, aber wie schwer ist es, die Hoffnung zu bewahren, wenn man als Jünger vom Berg hinabsteigt in den Alltag der Kirche in der Welt.

Über den heillosen Zustand der Gemeinschaft der Heiligen könnte man – gerade angesichts der jüngsten Geschehnisse – verzweifeln. Sicher, der Heilung bedürfen wir alle immer noch und immer wieder, und einige aber zweifelten, das sagt uns, dass es den ersten Jüngern nicht anders ging. Und es mag Zeiten und Augenblicke geben, wo wir es müde sind, zu hören, es sei Utopie, angesichts des Zustands der Welt die Bergpredigt ernstzunehmen. "Gut gemeint, aber zum Scheitern verurteilt!" "Menschen, die so etwas wirklich leben, muss man vor sich selbst bewahren", hat mir einmal jemand gesagt. Da könnte man sich unendlich einsam fühlen. Wäre da nicht dieser wunderbare letzte Satz des Matthäus-Evangeliums: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Er lässt uns über alle Verbohrtheiten, Versperrungen und Verdrehungen dieser Menschenwelt und auch unserer Kirchen hinweg den Himmel sehen.

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