Ein stück Himmel auf der Erde

Als ich diesen Predigttext zum ersten Mal las, hätte ich am liebsten meine Aquarellfarben ausgepackt und die Auslegung für Sie gemalt, mit viel Blau, Türkis und feurigem Orange – ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt. Aber dann dachte ich, das geht ja gar nicht, da fehlt die Musik. Die hätte ich dann auch noch mitbringen müssen. Vielleicht den "Messias" von Händel, aus dem Sie das "Halleluja" ja alle kennen? Oder den Schlusschor aus der "Schöpfung" von Joseph Haydn? Aber hätte das ausgereicht, um den Klang von "Gottes Harfen" vorstellbar zu machen? Ich kam mir vor wie in meiner Kindheit, wenn ich im Radio die Märchenstunde hörte und mir zusätzlich vorstellte, wie es wäre, wenn Ostern und Weihnachten mal auf den gleichen Tag fallen würden: So schön, dass es nicht auszuhalten ist.

Wie kommt ein Mensch, der nicht betrunken oder sonst wie berauscht ist, zu solchen Bildern vor seinem inneren Auge?

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in der Wüste waren – ich selbst bin zweimal durch eine Wüste gereist, und ich habe in der Hitze, in dem unendlich blauen Himmel und dem goldenen Sand, nach ein paar Stunden Dinge gesehen, von denen ich nicht mehr zu sagen wusste, ob sie Träume oder Wirklichkeit waren. Visionen sind hier möglich, auch, weil sich in der Stille die Chance ergibt, Dinge in sich selbst zu spüren und zu hören, über die man sonst hinweggeht, weil sie von äußeren Reizen überdröhnt werden.

Johannes von Patmos, dem wir die Offenbarung verdanken, hat auf einer kleinen Insel gelebt, auf der große Hitze und Trockenheit herrschte. Patmos wurde von den Römern als "Verbannungsinsel" genutzt, es ist sehr gut denkbar, dass auch dieser Mann zu den Verbannten gehörte. Ich kann mir vorstellen, wie sich bei dem gläubigen Christen, der durchaus prophetische Gaben hatte, die Bilder vor dem inneren Auge einstellten, im flirrenden Sonnenlicht, und sich mit dem vermischten, was er schon über Gott wusste. Er war offenbar mit der Schrift vertraut, kannte auch die Bedeutung der Zahlen im jüdischen Glauben und wusste davon, dass mit dem "Lamm" nur Jesus Christus gemeint sein konnte. In seiner Vision vereinen sich Vergangenes und Zukünftiges, er schlägt eine Brücke von der Schöpfung bis zu dem, was Christus verheißen hat, als er von seinen Jüngern weggehoben wurde.

Apokalypsen nennt man visionäre Texte, die sich mit der Endzeit befassen, die des Johannes ist die einzige im Neuen Testament, im alten Testament gibt es mehrere davon, zum Beispiel beim Propheten Daniel – die Propheten hatten samt und sonders die Gabe, in Gottes Pläne Einblick tun zu dürfen, oft eine quälende Angelegenheit für sie selbst, ruft doch das, was sie sehen, oft dazu auf, sich gegen bestehendes Unrecht aufzulehnen und etwas an den Zuständen zu ändern, in Gottes Namen. Hinter Visionen steckt oft eine unendliche Sehnsucht. Die Christengemeinde befand sich zur Entstehungszeit der Offenbarung in einer Zeit schlimmster Verfolgung durch den Römischen Kaiser Domitian. Und in dieser fast aussichtlosen und lebensbedrohenden Situation sieht Johannes ein Bild eines letztendichen Friedens. Die Schöpfung ist gerettet. Er hat in seiner Vision den Auftrag bekommen, an sieben Gemeinden in Kleinasien zu schreiben, was er gesehen hat. Für diese ist wahrscheinlich ein solcher Trost unendlich wichtig gewesen, um ihnen in der Zeit der Bedrohung zu signalisieren: Ein herrliches Ende ist absehbar. Und selbst, wenn ihr euer Leben auf der Erde verliert, das ist nicht alles gewesen.

Im Lauf der Geschichte haben viele Theologen, Prediger und auch Sektierer an der Apokalypse herumgedeutet und sie auf diese oder jene weltgeschichtliche Situation bezogen. Rechenexempel wurden hergestellt. Darauf möchte ich heute nicht eingehen. Ich denke, wir sollten sie als damals brandaktuelle Botschaft an die christlichen Gemeinden in der Bedrohung verstehen. Ihnen macht der Seher von Patmos Hoffnung in einer hoffnungslos scheinenden Zeit. Er ermuntert zum Loben und Jubeln. Das ist, finde ich, etwas, was auf uns an diesem Text ansteckend wirken könnte. "Singet dem Herrn ein neues Lied", ist das Motto des Sonntags "Kantate". Da passt das Bild mit den Erlösten, die am gläsernen Meer stehen, den Tod überwunden haben und auf Gottes Harfen den unendlichen Lobgesang begleiten, ganz genau. "Groß und wunderbar sind deine Werke" – wer hätte nicht in seinem Leben schon etliche Situationen erlebt, in denen er das gedacht hat? Vielleicht, wenn er nach langer Krankheit gesund wurde, wenn er wie durch ein Wunder einem Unfall entging, und immer, wenn er Liebe erfuhr, mit der er nicht gerechnet hatte.

Vor ein paar Jahren durfte ich nach Tansania reisen, wir waren eingeladen zum 100. Geburtstag der evangelischen Kirche dort. In zwei Wochen haben wir etliche Gottesdienste besuchen können, meist war der Weg dahin staubig und heiß, wenn wir ankamen, waren wir rot vom Sand und ziemlich erschöpft. Die Gottesdienstbesucher hatten oft stundenlange Strecken zu Fuß hinter sich.

Sie sind so arm, dass sie sich weder Auto noch richtige Schuhe leisten können, viele kamen barfuß. Dennoch waren die Kirchen brechend voll, es wurde fröhlich getanzt und gesungen, stundenlang. Zwar waren es nicht "die Harfen Gottes", sondern Trommeln und Fußglöckchen und Rasseln, mit denen die Lieder begleitet wurden, aber es war doch ein Abglanz dieses himmlischen Lobgesangs, den wir dort Sonntag für Sonntag vernehmen konnten.

"Singt dem Herrn ein neues Lied", das kann auch bedeuten, das ganz alte Lied, nämlich das "Denn du allein bist heilig!" wiederzuentdecken. Es ist in unserer Abendmahlsliturgie immer noch enthalten: "Heilig ist Gott, der Herr Zebaoth, voll sind Himmel und Erde seiner Herrlichkeit, Hosianna in der Höhe", heißt es da. Das berühmte "Heilig ist der Herr, heilig ist nur er", das "Sanctus" aus Franz Schuberts deutscher Messe, das auch weltliche Chöre so gerne singen, und das Sie alle kennen, wird oft gar nicht mehr in den Zusammenhang gebracht, in den es gehört. Nämlich in die Abendmahlsfeier – gefolgt vom "Agnus dei", dem "Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd‘ der Welt, erbarme dich unser und gib uns deinen Frieden". Und sangen das [a] Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes – was als rätselvoll im Text aus der Apokalypse erscheint, ist eigentlich ganz klar: Gepriesen wird von denen am gläsernen Meer mit den Harfen Gottes der eine liebende Gott, der mit Mose einen Bund geschlossen hat und ihn in Jesus Christus erneuert und erweitert hat.

Dieses wunderschöne Bild unserer Hoffnung können wir nur in den Spiegelungen dieser Welt ausmalen, aber ein wenig davon können wir auch schon auf dieser Erde entdecken. Ist nicht unsere Fähigkeit, zu lieben und Liebe zu erleben, bereits ein Stück vom Himmel auf der Erde. Wenn wir Liebe erleben, ist es doch so, dass uns die ganze Welt zu singen und zu jubeln scheint. Dann können wir Gott, den wir hier nicht sehen können, spüren als Macht der Liebe in unserem Herzen und ihn wiedererkennen in dem Menschen, dem unsere Liebe gilt. Ist es nicht so, dass Augenblicke der Liebe unvergesslich sind und sich jedes Wort im Herzen einprägt? Sie werden das gerade hier erlebt haben, wie gut jede Berührung, jedes Wort tut, das aus einem liebenden Herzen kommt. Im unsterblichen Gesang der Liebe hören wir Gott selbst reden wie zu Johannes von Patmos:"Seht mein Zelt unter den Menschen". Gott ist die Liebe – diese Fühlen ist das, was wir hier schon von ihm erfahren können.

Wenn wir dann einst gefragt werden, wofür wir überhaupt auf dieser Welt gewesen sind, so können wir sagen: "ich habe mich bemüht, die Menschen und diese Welt mit den Augen der Liebe zu sehen." So brauchen wir uns nicht zu fürchten, das "gläserne Meer", das ein Symbol für den Tod in vielen alten Mythen ist, zu überqueren – wir wissen, wir werden uns wiedersehen und vereint einstimmen in den unendlichen Lobgesang "Du allein bist heilig, deine gerechten Gerichte sind offenbar." Was jetzt nur Ahnung ist, wird dann zur Gewissheit. Dies kann uns Kraft geben, auch hier und jetzt gestärkt allem entgegenzutreten, was auf uns zukommt. Ich möchte schließen mit einem alten Text:

Wenn dein Herz
wandert oder leidet,
bring es behutsam
an seinen Platz zurück
und versetze es sanft
in die Gegenwart Gottes.
Und selbst wenn du
nichts getan hast
in deinem ganzen Leben,
außer dein Herz zurückzubringen
und wieder in die Gegenwart Gottes
zu versetzen,
obwohl es jedesmal wieder fortlief,
nachdem du es
zurückgeholt hattest,
dann hat sich
dein Leben wohl erfüllt.
Franz von Sales 1557-1622)

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