Ein starkes Gespräch

Liebe Gemeinde!

Stellen Sie sich eine trockene, gebirgige Gegend vor, mitten in Palästina. Da führt ein Weg durch diese Landschaft, links und rechts von ihm liegen ein paar kärgliche Felder. Viele Steine und Felsen sind da zu sehen, und wenig fruchtbarer Ackerboden. Wir sind schon lange diesenWeg entlanggegangen, da taucht in der Ferne die Silhouette einer kleinen Stadt auf. Da könnte man als Wanderer ein wenig ausrasten von den Strapazen des Weges durch diese gebirgige Landschaft Samaria. Doch während wir langsam auf die Stadt zugehen, tauchen am Wegesrand Büsche und Sträucher auf, und dahinter sehen wir einen großen, alten Brunnen. Gleich fühlt sich die Luft feuchter, frischer an. Hier kann man Wasser bekommen! Endlich kühles, erfrischendes Wasser! Da lassen wir uns gerne gleich nieder.

So ähnlich ist es wohl Jesus und seinen Freunden ergangen, als sie auf dem Weg von Jerusalem zurück nach Galiläa waren, dorthin, wo Jesus eigentlich her kam. Wer aus Judäa im Süden nach Galiläa im Norden wollte, der musste Samaria durchqueren, dieses recht unwirtliche Land in der Mitte Palästinas. Aber unwirtlich war Samaria damals nicht nur wegen der wenig einladenden Landschaft. Denn für fromme Juden in der Zeit Jesu war dieser Weg durch Samaria ein Weg durch das Land der Ketzer, der religiös Ahnungslosen. Da lebten Irrgläubige, die sich zwar selbst als Juden bezeichneten, aber so ziemlich alles falsch machten, was man als Jude nur falsch machen kann. Eigentlich waren das doch Heiden! Oder noch schlimmer, denn diese Samaritaner behaupteten ja auch noch, die eigentlichen Juden zu sein, die die alten jüdischen Traditionen besser bewahrt hätten als die Leute in Judäa und Galiläa. Dabei gingen die ja nicht mal in den Tempel nach Jerusalem, sondern sie hatten ein eigenes Heiligtum auf einem Berg in der Nähe, dem Garizim. Ja, wer den Tempel in der heiligen Stadt nicht als das Allerhöchste ehrt, das kann doch nie im Leben ein wirklich frommer Mensch sein! Und von der Bibel wollen die auch nur die Thora, die fünf Bücher Mose akzeptieren, nichts sonst. Das sind doch Abtrünnige, Unreine! Eine Zumutung, dass es so etwas überhaupt gibt. Und erst recht eine Zumutung, dass man als rechtgläubiger Mensch durch dieses Samaria durch muss, um von Judäa nach Galiläa zu kommen. Nur schnell durch durch dieses Samaria!!

Aber jetzt haben wir Durst und lassen uns deshalb an dem Brunnen vor den Toren der kleinen Stadt in Samaria nieder. So wie Jesus sich damals dort hingesetzt hat. Seinen Jüngern hat er gesagt: Geht in die Stadt! Schaut, ob ihr dort etwas Essbares einkaufen könnt! Er ist müde von dem langen Weg. Ihm tut es gut, dort am Rande des Brunnens zu sitzen und alleine zu sein.

Alleine bleibt er dort aber nicht lange. Plötzlich steht eine Frau vor ihm. Sie ist nicht wie er vom Weg gekommen, sondern seitlich aus einer Lücke im Gebüsch. Anscheinend kennt sie sich aus hier. In den Händen trägt sie einen Krug und ein Schöpfgefäß. Sie will Wasser holen vom Brunnen.

Für Jesus ist klar: Diese Frau ist von hier, ist eine Samaritanerin. Und die Frau erkennt, dass Jesus ein Fremder ist, einer von denen aus Judäa und Galiläa, die meinen, sie hätten das Judentum für sich gepachtet. Was ist jetzt wahrscheinlich? Entweder die Frau erschrickt über den fremden Mann, der da an ihrem Brunnen Platz genommen hat, und sie läuft weg, um später nochmal zu kommen, wenn die Luft rein ist. Oder: Sie ist mutig, sie ignoriert den Fremden, geht an ihm vorbei auf den Brunnen zu, vermeidet dabei jeden Blickkontakt, schöpft dann ihren Krug voll mit Wasser und geht wieder. Lässt den Fremden da sitzen, als wäre er Luft.

Das wäre das Wahrscheinliche. Es geschieht aber – das Unwahrscheinliche: Der Mann spricht die Frau an, bittet sie um Wasser. Und sie kann nicht anders als ihm zu antworten: "Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau?" – Die Frau hat allen Grund, sich zu wundern. Denn dass er eine ungläubige Frau um einen Gefallen bittet, das hätte sie von dem fremden Mann nun wirklich nicht erwartet. Und das Unwahrscheinliche geht weiter: Die beiden kommen ins Gespräch miteinander. Es ist kein einfaches Gespräch; es hakt, es gibt Missverständnisse, es bleibt dabei, dass einer dem anderen fremd ist. Aber: Sie reden miteinander. Wo sonst nur die Samaritaner untereinander über die Juden aus Judäa und Galiläa redeten und nur die Juden untereinander über die Samaritaner, da reden nun auf einmal ein Jude und eine Samaritanerin miteinander. Höhe- und Schlusspunkt dieses Gesprächs ist unser heutiger Predigttext zum Pfingstmontag. Da berichtet Johannes im 4. Kapitel seines Evangeliums folgendes:

[TEXT]

Ein starkes Gespräch ist das zwischen den beiden. Wir könnten nun jeden dieser Sätze auf die theologische Goldwaage legen und daraufhin absuchen, was wir an Aussagen über den Heiligen Geist finden. Da würden wir auch eine Menge finden. Trotzdem möchte ich das jetzt nicht tun. Denn die stärkste Aussage über den Heiligen Geist in diesem Text finde ich gar nicht in dem, was da gesprochen wird. Ich finde sie vielmehr darin, dass diese beiden überhaupt miteinander sprechen, und wie sie miteinander sprechen.

Schon dass dieses Gespräch überhaupt beginnt hat, ist bemerkenswert genug. Dass Jesus und die Frau dann nicht bloß übers Wetter reden, sondern sich ein echtes Gespräch entwickelt, das ist noch bemerkenswerter. Und dass dabei auch das zur Sprache kommen kann, was die beiden voneinander trennt – das ist die Sensation, die in dieser Erzählung präsentiert wird. Die Frau macht dabei den Anfang, indem sie sagt: "Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll." Das ist ungeheuer mutig. In einem Atemzug erkennt sie die Autorität ihres Gesprächspartners an und benennt doch auch das Trennende: UNSER Heiligtum ist hier am Garizim. EUER Heiligtum steht in Jerusalem. Entweder hier, oder dort. Wir machen’s richtig! Diese Frau eifert zwar nicht für ihr religiöses Verhalten als Samaritanerin. Sie sagt nicht "was ihr macht, ist ganz verkehrt" – aber sie stellt den Unterschied fest. Und damit sind alle Differenzen wachgerufen; alle gegenseitigen Vorurteile und Verurteilungen klingen an. Indem sie dies nicht verschweigt, sondern sehr direkt anspricht, scheint sie um der Wahrheit willen die Beziehung zu ihrem fremden Gesprächspartner zu gefährden. Ja, um der Wahrheit willen. Sie sagt etwas, und gleich wird der Streit losgehen: Wer hat recht? Wir natürlich!!

Abermals geschieht das Unwahrscheinliche: Die Antwort Jesu honoriert den Mut der Frau. Ihm geht es gar nicht darum, wer recht hat, die Samaritaner oder die Juden aus Judäa und Galiläa, zu denen er selbst gehört. Es geht Jesus in seiner Antwort darum, den sichtbaren Unterschied richtig einzuordnen: "Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet." Damit ist der bestehende Unterschied nicht weggeredet. Aber er wird begrenzt: Er ist keine Frage von Alles oder Nichts, von immer und ewig. Er ist ein Unterschied auf Zeit, der etwas mit historischen und kulturellen Prägungen zu tun hat, auch mit unterschiedlichen politischen Verhältnissen, durch die sich die Samaritaner von den übrigen Juden abgesondert haben. Es werden andere Zeiten kommen, in denen die Frage "Garizim oder Jerusalem?" gar keine sinnvolle Frage mehr sein wird. Dieser Unterschied wird dann einfach überholt sein, und niemand wird mehr verstehen, wie sich daran früher einmal so viel Hass und Verachtung entzünden konnten.

Und so ist diese Geschichte am Brunnen vor der Stadt in Samaria eine Geschichte vom Heiligen Geist. Eine Pfingstgeschichte. Zu gewagt? Nun: Der Heilige Geist kommt im Text ja auch vor: "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten." Aber das ist ein Satz, der sehr verschlüsselt wirkt, wenn man ihn so für sich hört. Jedenfalls liegt der Schlüssel zu diesem Satz nicht im Dogmatik-Lexikon, Buchstabe H, Artikel "Heiliger Geist". Dieser Satz schließt sich wohl erst auf, wenn man die Geschichte, in der er steht, sozusagen auf ihn selbst anwendet. Denn auf die Frage: Was ist das denn bitte: im Geist und in der Wahrheit sein? – auf diese Frage antwortet unser Predigttext nicht mit einer Definition, sondern eben indem er erzählt, was da zwischen Jesus und der Samaritanerin geschieht. Und das ist genau dieses "im Geist und in der Wahrheit" sein!

Bei uns heute nennt sich ein Gegenüber zweier Menschen im Gespräch gerne "Dialog". Doch ich muss gestehen, dass ich mir inzwischen von Vorhaben und Veranstaltungen, die unter diesem Etikett "Dialog" angekündigt werden, sehr wenig erwarte. Denn meistens wird das so aufgefasst, dass die Dialogpartner nett zueinander sind, dem anderen bestätigen, dass er auch ganz nett ist, dann nach dem suchen, was sie gemeinsam haben, und diese Gemeinsamkeiten hochleben lassen – und dann geht man auseinander, und jeder darf ein bisschen stolz sein, ein gutes Werk der Versöhnung getan zu haben. Wer aber ehrlich zu sich selber ist, bemerkt dann doch im tiefsten Innern das dumpfe Gefühl, dem anderen nicht wirklich näher gekommen zu sein.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Jede Form der Annäherung zwischen Menschen ist zunächst etwas sehr Lobenswertes. Um in unserer Geschichte zu bleiben: Es ist schon enorm, dass die Samaritanerin nicht wegrennt. Und dass sie nicht stumm ihr Wasser schöpft und so schnell wie möglich wieder verschwindet. Dass die beiden überhaupt ins Gespräch kommen. Aber: Das Ungeheure, das in diesem Gespräch sich ereignet, das kommt nicht von einem Willen, nett zueinander zu sein. Die Wahrheit – das kann man gerade an dieser Geschichte genau sehen – ist nicht immer nett, denn zur Wahrheit gehört auch das, was uns voneinander unterscheidet. Dass trotzdem das möglich wird, was hier geschieht, das macht der Heilige Geist, nicht das Bemühen der beiden Gesprächspartner. Im Geist und in der Wahrheit sein, wie Jesus das dann formuliert – das ist genau das, was die beiden da machen. Und das ist noch etwas anderes als der menschliche Wille zum friedfertigen Umgang miteinander. Es schließt die Auseinandersetzung ein: Das offene Aussprechen der Unterschiede, ohne gewalttätig zu werden, oder beleidigt zu sein, wie der andere es wagen kann, so wenig nett zu mir zu sein. Diese Offenheit, so zeigt sich, ist es, die etwas in Bewegung bringt. Am Ende des Gesprächs weiß die Frau: Dieser Mann hier ist der Messias, auf den auch sie als Samaritanerin so sehr gehofft hat. Auch das weiß sie nur, weil er wiederum rückhaltlos offen zu ihr ist, indem er sagt: "Ich bin’s, der mit dir redet."

An Pfingsten feiern wir, dass Gott seinen heiligen Geist über Jesu Jünger ausgegossen hat. Manche Leute nennen Pfingsten auch "den Geburtstag der Kirche". Daran ist richtig, dass nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte Pfingsten der Auslöser dafür war, dass eine christliche Gemeinde entstand, die mehr war als ein Kreis von Jüngern und Anhängern, denen seit Karfreitag ihr Herr und Meister abhanden gekommen war. Aber wenn wir Pfingsten so denken, dann ist die Versuchung groß, dass wir an Pfingsten feiern, dass wir den Geist haben, dass wir uns so richtig als die Geist-Besitzer fühlen, denen jetzt nichts mehr passieren kann.

Da kommt so eine Geschichte wie die von Jesus und der Samaritanerin gerade recht. Denn am Maßstab dieser Geschichte wird uns klar, wie viel uns vom Leben im Geist und in der Wahrheit noch fehlt. Wie würden wir, jeder und jede von uns, mit Unterschieden und Konflikten in unserem Leben, in der Partnerbeziehung und in der Familie, am Arbeitsplatz und auch in der Kirchengemeinde umgehen, wenn wir so im Geist und in der Wahrheit wären wie Jesus und die Frau am Brunnen! Wie würden Konflikte und Differenzen in unserer Gesellschaft, in dieser Welt bearbeitet: Zwischen Männern und Frauen, zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Arbeitslosen, zwischen Deutschen und Ausländern, zwischen Christen, Juden und Muslimen, zwischen Israelis und Palästinensern, ja auch zwischen den christlichen Kirchen … !

Jesus sagt zu der Frau am Brunnen: "Es kommt die Zeit und sie ist schon jetzt …" Ja, es gibt schon viele Möglichkeiten, im Geist und in der Wahrheit zu leben, und es gibt andererseits Möglichkeiten, die uns noch verschlossen scheinen. Es gilt die einen zu nutzen und um die anderen zu beten. So wird Pfingsten einerseits zum Fest der Freude über die Möglichkeiten zu einem wirklich erfüllten Leben, und gleichzeitig zum Fest des Bittens um den Heiligen Geist, der unserem Leben in so vieler Hinsicht noch fehlt. Übrigens: Wenn wir das erkennen , dieses Bedürftig-Sein nach Heiligem Geist – dann hat der Geist ja schon zu wirken begonnen. Denn das ist das Gegenteil dessen, was wir in der Lesung vorhin gehört haben: Menschen, die meinten, alles selber in den Griff bekommen zu können. Sie bauten den Turm zu Babel, und am Ende stand das Chaos, und eine tiefe Traurigkeit darüber. Das gibt es natürlich auch heute. Mich erinnern daran zum Beispiel diejenigen Leute in unserer Gesellschaft, die glauben, auf Erden mehr Glück zu schaffen, wenn sie möglicherweise krankes und behindertes menschliches Leben schon vor der Geburt aussortieren, damit nur noch gesunde, schöne, perfekte Kinder zur Welt kommen. Ja, das sind lauter gute Absichten, so wie bei den Leuten, die damals anfingen, den Turm zu bauen – aber da ist kein Geist und keine Wahrheit. Der Geist, der Heilige Geist hält vieles aus: Das Unschöne, das Spannungsreiche, das Konflikthafte, das Missglückte, das Unfertige. Er muss das nicht wegdrücken und verleugnen. Der Geist Gottes hält die Wahrheit aus.

Ich wünsche Ihnen allen einen solchen Brunnen, an dem sie spüren, wie der Geist Gottes in ihrem Leben weht. Und ich wünsche Ihnen, dass Ihnen das die Kraft gibt, mit der Wahrheit Ihres Lebens zu leben.

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