Ein Skandal?

Liebe Gemeinde!

Ist das nicht ein Skandal? Da ist Jesus zu Gast in einem vornehmen Haus, in dem man peinlich darauf bedacht ist, das gesellschaftliche Ansehen und die moralische Ehre zu pflegen. Der Hausherr hat schon einiges an Aufsehen riskiert, als er Jesus zum Essen einlud. Denn der Ruf Jesu ist zweifelhaft. Gewiss, er ist berühmt, er hat Aufsehen erregt. Man spricht über ihn. Aber eben: man spricht über ihn! Er hat Dinge gesagt und getan, die man nicht tut und sagt. Aber der Mann, der Jesus einlud, ist sich seiner weißen Weste so sicher, dass er sich so etwas einmal leisten kann. Immerhin, er hat Jesus mit einiger Zurückhaltung behandelt. Er betont einen gewissen Abstand zu Jesus und scheut sich nicht, seine Pflichten als Gastgeber zu vernachlässigen.

Während sie nun bei Tische liegen – wie es damals üblich war -, geschieht das Unglück. Eine Frau, die in diesem Hause und in dieser Gesellschaft unmöglich ist, kommt weinend zu Jesus, vergisst ihre Tränen über Jesu Füßen, trocknet die Füße mit ihren Haaren, küsst sie und salbt sie mit duftendem Öl.

Damit, dass Jesus dies alles mit sich geschehen lässt und die Frau nicht abweist und von sich stößt, ist er in diesem Hause genauso unmöglich wie diese Frau. Der Hausherr erkennt sofort, was für einen großen Fehler Jesus gemacht hat. Aber bevor er die Folgerung daraus ziehen kann, nämlich Jesus und die Frau aus dem Haus zu werfen, stellt Jesus einen Vergleich auf zwischen der verachteten Frau und dem geachteten Pharisäer, bei dem der Hausherr schlecht wegkommt.

Das ist der äußere Rahmen der Geschichte. Aber es wird nicht nur dieses äußere Geschehen erzählt. Wäre das der Fall, dann handelte es sich nur um einen gesellschaftlichen Skandal:

Das Laster, das Unrecht, das es überall gibt, übrigens auch da, wo man behauptet: bei uns ist die Welt noch in Ordnung; das man diskret verschweigt, beschönigt, verdrängt, das kommt hier ans Tageslicht. Der fromme Schein, dass es nicht geben kann, was es nicht geben darf, ist zerrissen.

Aber wenn es sich nur um einen Skandal handelt, dann wird man nach einer gewissen Aufregung schnell wieder den Mantel des Schweigens darüber breiten und den alten Schein wieder herstellen.

Aber in unserer Geschichte wird die Frage nach der Wahrheit so gestellt, dass man ihr nicht ausweichen kann. Mit Hilfe eines Gleichnisses und mit dem Hinweis auf das Verhalten des Hausherrn seinem Gast gegenüber macht Jesus klar, was hier eigentlich geschehen ist. Es ist nämlich etwas geschehen, was mit dem gesellschaftlichen Ansehen gar nichts zu tun hat. Jesus lenkt den Blick auf etwas ganz anderes. Er spricht davon, dass in diesem Hause ihm gegenüber die Pflichten des Gastgebers grob verletzt worden sind und dass ausgerechnet diese Frau, wenn auch auf eigenartige Weise, diesen Verstoß gut gemacht hat. Aber das sagt Jesus ganz und gar nicht, um das Haus und den Hausherrn bloßzustellen. In den Worten, die er an den Hausherrn richtet, ist nicht eine Spur von Hohn und Schadenfreude. Er redet nicht in der Absicht, ihm vorzuhalten, dass er die gute Sitte verletzt hat, und er will auch nicht die Frau dafür loben, dass sie die Ordnung wieder hergestellt hat, obwohl sie dazu gar keinen Grund hatte. Sein Blick ist auf etwas anderes gerichtet, und davon spricht er nun zu seinem Gastgeber.

Auf zweifache Weise hat Jesus Liebe empfangen:

wenig Liebe vom Gastgeber. Der hat ihn zwar eingeladen. Offenbar war er doch auf irgendeine Weise von Jesus und seiner Verkündigung angesprochen. Seine Ohren waren nicht ganz verschlossen. Aber den Dienst, den man seinem Gast zu erweisen pflegte und durch den man ihn wirklich in sein Haus aufnahm, den hat er ihm versagt. So groß war seine Zuneigung zu Jesus nicht, dass er ihn wirklich als Gast aufgenommen hätte. Wenig Liebe hat Jesus von ihm empfangen.

Viel, sehr viel mehr Liebe dagegen hat ihm diese Frau erwiesen. Denn sie hat ihm voller Hingabe den Dienst erweisen, den ihm der Hausherr schuldig geblieben war. Aber Jesu Blick dringt tiefer. Er sieht auf das, was dahinter verborgen liegt, auf die Wurzel, die Ursache dieser Liebe, die von dem einen schwach und von der anderen stark zu ihm kommt. Ihr sind viele Sünden vergeben, darum hat sie viel Liebe bewiesen. Wem dagegen wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.

Die Frau ist eine große Sünderin. Daran lässt Jesus keinen Zweifel aufkommen. Dafür wird sie nicht gelobt. Der Hausherr wird auch nicht als kleiner Sünder hingestellt, dem nur wenig zu vergeben ist. Nicht die Größe der Sünde wird verglichen, sondern die Größe der Liebe.

Jesus macht nicht Gemeinschaft mit der Sünde, im Gegenteil, er verurteilt sie, mehr noch und in tieferem Sinn als der Pharisäer. Er sieht nämlich, wie die Sünde die Menschen zu Grunde richtet. Sie ist nicht nur ein kleinerer oder größerer Fleck auf der im übrigen weißen Weste, über die man entweder großzügig hinwegsehen oder die man ängstlich verbergen müsste; sondern sie geht durch und durch und kommt nicht von außen, sondern von innen, aus dem Herzen, aus der Personmitte. Jesus sagt: "…aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen" (Mt 15,19-20), also von der Gemeinschaft mit Gott und dem Gottesvolk ausschließen.

Darum tun wir uns so schwer mit der Fleckenentfernung. Die Flecken sind nicht nur äußerlich, sie gehen durch und durch. Und wer versucht, z.B. durch Methoden der Meditation auf den Grund seines Herzens zu kommen, der findet da nicht etwa den guten Kern, sondern den schlimmen Bodensatz. Es gibt keinen Weg zur Selbsterlösung. Es gibt nur einen Weg: Jesus und seine Gemeinschaft mit den Sündern. Jesus, der die Sünde hasst, weil sie die Menschen zu Grunde richtet, liebt doch die Sünder und nimmt sie an. Aber es besteht keinen Augenblick Unklarheit darüber, wer wir sind. Es bestand keinen Augenblick Unklarheit darüber, was für eine Frau das war. Der unerschütterliche Grund der Gemeinschaft Jesu mit den Sündern ist Klarheit und Wahrheit. Der Pharisäer meint: Wenn Jesus wüsste, wer diese Frau ist, dann würde er sich ihren Liebesdienst um keinen Preis gefallen lassen und sie von sich stoßen. Er hat keine Ahnung von der nüchternen Wahrheit, in der Jesus diese Frau und ihre Art erkennt. Und er hat noch weniger Ahnung von der unerbittlichen Klarheit, in der sich diese Frau von Jesus erkannt weiß. Er ahnt nicht, wie bitter die Tränen sind, mit denen sie Jesu Füße wäscht. Bitter von dem Schmerz der unerbittlichen Selbsterkenntnis. Jesus, das Licht der Welt, hat Licht in ihre Finsternis gebracht. Da sieht sie erst das Ausmaß des Schadens, den die Sünde in ihr angerichtet hat. Aber der Pharisäer ahnt auch nicht, dass diese bitteren Tränen zugleich Tränen tiefster Dankbarkeit und Freude darüber sind, dass endlich der Schleier von Schein und Selbstbetrug zerrissen ist, den sie um ihre Seele aus Scham und Angst gelegt hatte, und dass sie durch Jesus endlich in der Wahrheit leben darf, und das bedeutet: in Wahrheit leben.

In der Gemeinschaft zwischen Jesus und der Frau geschieht das, weshalb diese Geschichte überliefert worden ist: Jesus geht dem Schaden an die Wurzel. Die steckt tief im menschlichen Herzen. Diese Tiefe aber wird nicht berührt, wenn man nur darauf aus ist, sich von allem, was gesellschaftlich krank ist, abzusondern, sozusagen sich in Quarantäne zu begeben, um nicht infiziert zu werden. Das ist ja die pharisäische Art, wie wir oft mit all denen umgehen, die uns fremd und unbequem sind. Wir grenzen uns von ihnen ab und grenzen sie aus: die Gebildeten die Ungebildeten, die Frommen die Weltmenschen, die Deutschen die Ausländer …

Aber dadurch sind wir nicht sicher und wird nichts gebessert. An das Herz kommt man nur heran, wenn man die Gemeinschaft mit dem anderen herstellen kann. Das tut Jesus. Er tut es in grenzenlosem Erbarmen mit dem verlorenen Herzen. Denn er weiß, dass dieses Herz verloren ist. Es ist verloren wegen der Sünde.

Jesus wäre völlig falsch verstanden, wenn man sein Verhalten so deutete, dass er weichherzig und sentimental über die Sünde hinweg sieht. Wenn irgend jemand weiß, wie furchtbar die Sünde das Menschenherz und alle menschlichen Dinge verdirbt und zerstört, dann weiß er es. Aber gerade weil er das weiß und weil es ihm aus der tiefen Gemeinschaft, in der er mit Gott, seinem Vater, lebt, unmöglich ist, einen Packt mit der Sünde zu schließen, gerade darum kann er die Gemeinschaft herstellen mit dem Herzen, das von der Sünde entstellt ist. Gerade darum kann er Gemeinschaft mit dem Sünder haben. Und er braucht nicht wie alle anderen zu fürchten, dabei in die Sünde hineingezogen und von ihr angesteckt zu werden. Er hat Gemeinschaft mit dem Sünder in der Gewissheit, den Sünder auf seine Seite herüberzuziehen.

Die menschliche Gesellschaft kann das nicht. Sie ist hilflos gegenüber der Gewalt des Bösen, des Gemeinen, des Unrechts, der Haltlosigkeit, von denen sie bedroht wird. Sie kann Menschen, die von diesen Mächten beherrscht werden, nur ausstoßen, ausgrenzen, hinunter in den Abgrund, in dem sich diese Mächte austoben und von wo aus sie immer wieder aufbrechen und den schönen Schein zerreisen.

Darum brauchen wir Jesus, der dem Übel an die Wurzel geht und in der Vollmacht Gottes die Sünde vergibt und den Sünder annimmt.

"Vergebung der Sünden ist ein schöpferischer Akt Gottes – sonst ist sie nicht."(A. Schlatter). Mit dieser Einsicht verzichten wir auf alle Versuche, die Sünden durch andere Leistungen überbieten oder unschädlich machen zu wollen. Es gibt keine Ersatzleistung für unsere Sünden. Ich kann nicht meinen Fall ins Bodenlose durch meine Tugend heilen und in den Himmel erheben. Ich kann mir auch das Wort der Vergebung nicht selbst zusprechen. Wer sich aber auf Jesus einlässt, der erfährt in der Begegnung mit ihm die bedingungslose Annahme und die Vergebung seiner Schuld. Jesus hat die Vollmacht, Sünden zu vergeben, an seine Jünger weiter gegeben. In seinem Namen dürfen sie das lösende, das schöpferische Wort sprechen: "Dir sind deine Sünden vergeben." Oder meinen wir, im Großen und Ganzen doch in Ordnung zu sein, also nur wenig Vergebung zu brauchen? Ist darum nur so wenig Liebe unter uns?

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