Ein sicheres Ziel

Liebe Adventsgemeinde;

’so seid nun geduldig‘ – ob sich das nicht ganz schön nach Vertröstung anhört ? Bleibt ruhig, regt euch nicht auf, tut nichts, wartet ab!
Eine Beschwichtigung von Menschen, die auf dem Weg sind, ihre Geduld zu verlieren, wenn sie denn jemals eine hahatten.

Unsere kleinen Geduldsproben sind da fast nur ein lächerlicher Hinweis. Wenn wir auf der Autobahn in einen Stau kommen und es einfach nicht oder nur im Schritttempo weiter geht. Und wir wollten doch längst am Urlaubsort, wollten längst zuhause sein.

Wenn wir einen Termin haben, die Jacke praktisch schon an und dann klingelt das Telefon. Da hat einer die Ruhe weg und redet und erzählt und ich wollte doch längst verschwunden sein.
Bei Geduld geht es um mehr, als um ein bisschen Ärger, den ich mit etwas Training und Hilfe eindämmen kann. Ich sehe Menschen vor mir, deren Geduld auf eine harte Probe gestellt wird.

Sie haben ihre Arbeit verloren und sind noch zu jung um vorzeitig in den Ruhestand zu gehen; sie haben noch zu viele Jahre vor sich, noch zu viel Kraft, zu viel Energie, zu viele Ideen. Sie mühen sich, sie bewerben sich – und müssen immer wieder Geduld haben, auf eine Antwort warten. Nichts tun können, alles Mögliche getan haben – warten.

Menschen, die von einer Krankheit in ihrem Körper ahnen, Symptome spüren, untersucht werden – und dann warten müssen. Geduld haben, bis die Diagnose gestellt ist, bis eine Therapie gewählt ist, bis erkennbar wird, ob sie anschlägt.

In Geduld warten müssen auf Besserung – oder den Tod. Menschen auf der falschen Seite des Lebens; Menschen, die sich mühen und quälen, die arbeiten bis zur Erschöpfung, aber andere ernten den Ertrag. Andere haben die Macht und das Geld, den Wohlstand, das feine Leben. Und sie sehen es, immer wieder. Sie glauben an Jesus Christus und dass es nicht so bleiben wird – aber sie sehen auch nicht, dass es anders wird. Sie quälen sich weiter und warten – aber ihre Geduld ist bis zum Reißen gespannt. Wie lange noch?

Sie drohen ihre Geduld zu verlieren. Es muss etwas geschehen; wenn nicht bald etwas geschieht, kann ich nicht mehr. Immer nur warten und Geduld haben, wo soll die Kraft dazu herkommen?

Und dann verlieren sie die Geduld – sie starten Aktionen, versuchen das Heft des Handelns notfalls mit Gewalt an sich zu reißen – oder sie resignieren, sie geben auf, es hat alles keinen Sinn mehr.

Normale menschliche Situation, weil unsere Geduld begrenzt
ist; sie ist nicht ohne Ende belastbar. Entweder warten Menschen auf eine Entscheidung, auf ein Urteil, auf eine Antwort und sie wollen Klarheit. Und zwar lieber eine unangenehme Gewissheit als ungewisses Warten. Oder sie leiden unter einer unerträglichen Situation und wünschen sich, dass sie endlich beendet wird – egal wie, Hauptsache so geht es nicht weiter.

Ich kann nicht mehr, ist die Empfindung; so nicht. Der Apostel Jakobus hat von seiner Gemeinde genau den Eindruck, dass sie an dem Punkt ist: ´Ich kann nicht mehr, so nicht". Christen leiden unter dem Leben, obwohl – oder weil – sie an Jesus Christus glauben und die Hoffnung haben, dass es anders wird. Es wird aber nicht anders, jedenfalls sehen sie nichts davon. Sie sind einfache Leute, arme Leute, denen die frohe Botschaft richtig gut getan hat. Endlich nimmt jemand sie wahr, sieht ihre Not und nimmt sie als Menschen an, würdigt sie, liebt sie. Auf einmal haben sie den Glauben, das Leben hat einen Sinn, weil es ein Ziel hat. Es werden nicht ewig die rücksichtslosen Reichen das gute und sorgenfreie Leben haben, das sie schamlos genießen gegen uns Arme. Jemand hat mehr Macht als sie und beschenkt uns mit Hoffnung auf Leben.
Das hat den Menschen Mut gemacht; sie haben aufgeatmet und einen echten Grund bekommen auf morgen zu warten. Christus kommt ja wieder und dann hat alle Ungerechtigkeit ein Ende. Dann müssen wir nicht mehr leiden unter Armut, unter Gewalt, Unterdrückung, und Rücksichtslosigkeit der Reichen und Mächtigen dieser Erde, denen es auf unsere Kosten so gut geht.

Aber morgen kam und Jesus Christus nicht; auch übermorgen nicht und all die nächsten Wochen, Monate und Jahre auch nicht. Und immer noch ging es ihnen schlecht und den Reichen so gut – nichts änderte sich.

Irgendwann – so ist das bei uns Menschen, auch bei christlichen Menschen – ist die Geduld am Ende. Sie können nicht mehr; sie verlieren die Hoffnung, sie verlieren die Kraft, sie verlieren den Mut. Dann leben sie lieber mit der Gewissheit, Christus kommt nicht und es bleibt halt doch, wie es immer war; das ist zwar ungerecht, aber das kennen wir, darauf stellen wir uns ein. Besser, keine Hoffnung zu haben, als eine, die sich nicht erfüllt.
Darauf antwortet Jakobus; das kann und will er nicht geschehen lassen, dass die Gemeinde sich von ihrem Glauben lossagt, ihre Hoffnung verliert.

Im Grunde hat er nur zwei Möglichkeiten damit umzugehen: die Gemeinde zur Geduld zu ermahnen und ihnen die VerhVerheißung neu zuzusagen.

Also: 1. seid geduldig, stärkt eure Herzen; und 2. das Kommen des Herrn ist nahe.

Ist das eine Vertröstung? Wenn du so empfindest, dass deine Geduld im Grunde am Ende ist, dann klingt es wohl so; jedes Wort kann so ankommen, dass es dich nur beschwichtigt. Wenn es keinen guten Blick nach vorn gibt, dann ist Geduld eine Katastrophe. Das weiß auch Jakobus. Seine Ermahnung hätte weder seiner noch unserer Gemeinde irgend etwas genutzt. Darum erzählt er ein Beispiel, das die Menschen verstehen: es ist mit der Landwirtschaft wie mit dem Glauben. Es ist etwas gepflanzt oder gesät und daraus soll etwas Schönes und Gutes werden. Aber es ist noch nicht gleich zu sehen. Du musst erst noch durch den Herbst, durch trübe, graue, kühle, nasse Tage – und du siehst nichts auf deinem Feld. Du musst durch den Winter, durch wenig Licht und viel Dunkelheit, durch Kälte und Frost, manchmal auch durch Schnee und dann siehst du von deinem Feld gar nichts mehr, siehst nicht einmal, wo es anfängt und wo es aufhört.

Aber der Bauer verliert das Vertrauen nicht, dass es wärmer wird, der Schnee schmilzt, die Sonne den Boden erwärmt und mit Wind und Regen die Frucht wächst.

Es würde nichts nutzen, die Frucht mit Gewalt aus dem Boden zu reißen oder das Land zu verschenken, weil es ja doch nichts bringt. Das einzige Verhalten, das dich fröhlich ernsten lässt, ist Geduld. Der Bauer, der warten kann, wird ernten. Weder, wer hektisch aktiv wird noch wer resigniert, wird die
Früchte genießen können.

Was immer die Gemeinde erlebt, worunter auch immer sie wirklich leidet, sie soll nicht aufgeben, sie soll die Geduld nicht verlieren, den Glauben nicht wegwerfen, das Vertrauen nicht einstellen. Dazu braucht es starke Herzen, das ist keine Frage; das Glaubensleben ist kein Kinderspiel. Du musst damit rechnen, dass du enttäuscht wirst, dass du viele Dinge nicht verstehst, dass du leiden und Dinge tragen musst, die dir gar nicht gefallen. Es kann sein, ein Leben als Christ in dieser Welt scheint sinnlos – als hättest du ohne den Glauben wenigstens ein Problem weniger.

Allein wirst du damit nicht zurecht kommen; ´stärkt eure Herzen` – das braucht gegenseitige Hilfe. Christen brauchen das gemeinsame Leben und Erleben, sie brauchen die Erfahrung, dass Andere auf dem gleichen Weg ganz ähnliche Geduldsproben mitmachen; sie brauchen gemeinsame Gottes-dienste, gemeinsames Hören auf die Verheißung, gemeinsames Singen und Beten und auch die Gewissheit, Christen beten füreinander; sie tragen einander und tragen sich gegenseitig zu Gott …

Geduld hat nur einen Sinn, wenn sie ein sicheres Ziel hat; so sicher wie die Ernte, sagt Jakobus, kommt Christus und mit ihm das Ende aller Ungerechtigkeit und allen Leides.
Geduld wird leichter, wenn Christen sie gemeinsam leben. Dazu stärke uns Christus unsere Herzen.

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