Ein sehr persönliches Heil

Liebe Gemeinde!

Wir haben an diesem Osterfest einen sonderbaren Predigttext, bei dem gar nicht deutlich ist – jedenfalls auf den ersten Blick nicht -, was er mit Ostern zu tun hat. Es ist der Lobgesang einer Frau, die endlich – nach langer, langer Zeit der Unfruchtbarkeit – ein Kind bekommen hat.

Es ist die Geschichte der Hanna, der Ehefrau des Elkana. Jahrelang hat sie unter ihrer Unfruchtbarkeit gelitten, galt es doch als Schande, kein Kind, keinen Sohn vor allem, zu bekommen. Die zweite Frau ihres Mannes hat sie deswegen merh als einmal verspottet.

Als sie ihren ganzen Kummer im Tempel zu Silo vor Gott föüsternd ausbreitete, wollte der Hausherr, der Priester Eli, sie des Tempels verweisen. Er hielt sie schlichtweg für betrunken. Als sie endlich ein Kind, einen Sohn gebar, nannte sie ihn Samuel, "denn, so sprach sie, ich habe ihn vom Herrn erbeten". (1.Sam 1,20) Mit drei Jahren bringt sie ihn zu Eli, damit er im Hause des Herrn bleibt, wie sie es versprochen hatte. Bei dieser Gelegenheit lobt Hanna Gott aus ganzem Herzen. Hören wir einige Verse aus ihrem Psalm:

[TEXT]

1. Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN … denn ich freue mich deines Heils. (V.1) Das ist Hannas Ostererfahrung: Sie hat Gott erlebt, der aus dem Tod in das Leben, aus einem erstorbenen Mutterleib Leben erwecken kann. Auch das ist Auferstehung aus dem Tode. Das ist ein sehr persönliches Heil. Das ist nur ihr geschehen. Das hat nur sie empfangen können, ohne etwas dazu tun zu können. Diese Rettung, diese Befreiung aus der Kinderlosigkeit ist Gottes freies Werk an ihr. Was Hanna erlebte, erlebten die Frauen am tag nach dem Sabbat am leeren Grab, das erlebten die Jünger und Paulus: Gottes Heil in unserem so rätselhaften, so schwer begreifbaren Menschenleben. Gott bewahrt, stützt und gibt Hoffnung, wo wir nur schwarze Wände sehen, bedrückt sind und nach dem "Wozu" in unserem Leben suchen. In der Not, der Kinderlosigkeit, in der Angst der Jünger, in der Traurigkeit der Frauen beginnt Gott mit seinem Heil so zu wirken, dass unser Herz fröhlich und zuversichtlich, mit Hoffnung erfüllt wird.

In unseren Tagen fand die Dichterin Marie Luise Kaschnitz folgende Wort für die Ostererfahrung:

"Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen

Und sanften Wölfen
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung

Vorweggenommen in ein haus aus Licht."

Das ist Ostern damals und heute: Gott lässt nicht alles beim Alten. Er verändert die Verhältnisse. Paulus hat diese Erfahrung zusammengefasst: "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden." (2.Kor 5,17)

2. Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. (V.6) Das ist nun der gewaltigste Umschwung der Dinge, der sich denken lässt. Bezogen auf die Lebensgeschichte der Hanna kann man sich fragen: Ist das nicht übertrieben? So schlimm war doch ihre Lage nicht. Sie teilt doch ihr Schicksal mit zig anderen Frauen. Sicher, es war traurig für sie, aber so eine Hölle war es doch nun auch wieder nicht.

Das gibt es manchmal, dass da jemand leidet und die ganze Umwelt sagt: "So schlimm ist es doch nicht!" – und spürt nicht, wie tief verzweifelt der Mensch ist, wie er die Hölle mitten im Leben durchleidet, so dass alle Hoffnung erstorben ist – und reagiert auf anhaltendes Leiden: "Stell dich bloß nicht so an!"

Die Psalmen nennen diese Erfahrung am Rande des Lebens, in Gefahr, in Krankheit, in Not geraten, Tot-sein. Wenn der, der Gottes Hilfe erfuhr, sagen kann: "Du hast mein Leben dem Tod entrissen!", so ist das keine Übertreibung; es zeigt ein anderes Verständnis als das von uns geläufige vom Tod. Tod ist hier verstanden als in das Leben hineinragende Macht. Es ist der Tod, der in der gefahr den Lebenden anfällt, der in der Krankheit dem Kranken die Kraft raubt. Der Tod ist nicht in erster Linie der Augenblick, in dem es aus ist, der Exitus, sondern die im Dasein des Menschen begegnende Macht, die auf sein Leben aus ist. Die Macht des Todes erfährt der lebendige Mensch. So ist es gemeint, wenn der Errettete sagt: "Stricke des Todes hatten mich umfangen, Netze der Unterwelt haben mich getroffen, Not und Kummer traf ich. Da rief ich den Namen Jahwes an … Du hast mein Leben dem Tod entrissen …" (Ps 116,3f.)

Dieses Verständnis des Todes hat zur Folge, dass die Gedanken an den Tod nicht auf den Augenblick des Endes fixiert sind; die so reden, kennen den Tod und seine Macht aus ihrer Vergangenheit; sie haben aber auch erfahren, dass Gott stärker ist als der Tod und sie aus seiner Macht befreien kann.

So hat Hanna Gott erfahren, sein Töten und sein Lebendigmachen: "Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hat, welkt dahin." (V.5b)

In immer neuen Bildern beschreibt sie in ihrem Leid, dass Gottes Macht keine Grenzen gesetzt sind. So richtet ihr Psalm Menschen auf, vermag so Hoffnung und Zuversicht in Menschen zu wecken.

Und damit sind wir bei Ostern. Die Geschichte von dem großen einmaligen Umschwung zum Leben. Nicht nur gegen den kleinen alltäglichen Tod, sondern gegen den großen endgültigen: Der eine einzige Gott hat Menschen, die durch das Sterben Jesu am Kreuz zu Tode verzweifelt waren, die Augen geöffnet, wie die Osternacht von Guldental nach Windesheim anschaulich machen wollte: "Meine Hoffnung liegt begraben" – nun aber gilt: "Meine Hoffnung: Jesus lebt!"

3. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche … (V.8a) Ostern ist die Antwort Gottes auf die ungelösten Rätsel des Lebens. Hanna erfährt dies sozusagen wörtlich am eigenen Leib. Leben weiterzugeben liegt weder in ihrer noch in ihres Mannes Macht, sondern allein in Gottes Hand.

Die Frauen am leeren Grab, auch noch der letzten Möglichkeit beraubt, nämlich pietätvoll den Leichnam einzubalsamieren, da schon alle Hoffnung zu Grabe getragen worden ist, erfahren im Zuspruch "Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden …" (Mk 16,6) neue Hoffnung. Sie liegt allein in Gottes schöpferischem Wirken begründet.

Petrus, der Jesus verleugnet hat, erfährt in der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Tiberias, dass Leben aus der Vergebung möglich ist. Gott durchbricht die Macht der Sünde mit seinem heilenden Wort.

Paulus, der Christusverfolger, erfährt vor Damaskus in dem Anruf "Saul, Saul, was verfolgst du mich?" (Apg 9,4) die unverhoffte Lebenswende. Die Bibel nennt das Gnade.

Darum können auch wir einstimmen in den Lobgesang, den Hanna anstimmte, weil sie mitten in ihrem Leben Auferstehung erfahren hat. Darum können auch wir einstimmen in den Lobgesang der ersten Christen: "Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!" (1.Kor 15,55+57)

Darum können auch wir einstimmen in den Lobgesang als Antwort auf Gottes große Tat:

Ostern ist hier.
Denn mein Herz ist fröhlich
und mein Mund will singen:
Ostern ist hier.

Ostern ist hell.
Dem Hochmut geht’s finster.
Gott spricht: Mein Licht kommt.
Ostern ist hell.

Ostern ist stark.
Denn Waffen zerbrechen

samt Armut und Hunger:
Ostern ist stark.

Ostern ist tief.
Denn Gott, der uns tötet,
führt dennoch ins Leben.
Ostern ist tief.

Ostern ist hoch.
Denn aus Staub und Asche
steigt Aufstand des Lebens:
Ostern ist hoch.

Ostern ist hier.
Denn Jesus, er lebt.
So kommt Ostern zu uns.
Ostern ist hier.

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