Ein Schlitzohr wird fromm

Liebe Gemeinde,

Jesus kommt in die Palmenstadt Jericho, der ältesten Stadt, die wir weltweit kennen. Neueste Ausgrabungen haben große, ummauerte Stadtanlagen zu Tage gefördert, wobei die ältesten ca. zehntausend Jahre alt sind. Bekannt geworden ist Jericho durch die Eroberung von Josua, als Gott die Stadtmauern unter Trompetenstößen zusammenstürzen lies. Das neutestamentlichte Jericho war die Winterresidenz von Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern. Das heutige Jericho ist nur noch eine von großen Palmenpflanzungen umgebene fruchtbare Oase, ca. 13 km nordwestlich vom Toten Meer und 27 km östlich von Jerusalem.

Durch seine Lage war es eine wichtige Zollstation und so ist es nicht verwunderlich, das wir mit Zachäus einen reichen Oberzöllner treffen. Im römischen Staat wurde das Zollwesen so gehandhabt, dass für einen festen Pauschalpreis der Staat das Recht auf Zollerhebung an einzelne Personen verpachtete. "Oberaufseher" heißt wohl, dass Zachäus die Zollerhebung im ganzen Grenzgebiet von Jericho gepachtet und die Erhebung im Einzelnen wieder an Zöllner an den einzelnen Zollstellen weiterverpachtet hatte. Wohl gab es einen festen Zolltarif; doch die Zöllner schlugen für ihren eigenen Lebensunterhalt teilweise kräftig drauf. Dadurch wurde Zachäus reich. Zachäus, der Name ist eine Ableitung von Sacharja – "der Herr hat sich erinnert".

Durch seine Betrügereien und seinen Beruf ist Zachäus also reich geworden. Glücklich jedoch nicht. Ihm ging es wie Bill Gates, von dem ich diese Woche las, dass er trotz seinen Milliarden unzufrieden und unglücklich ist. Es gibt halt viele Dinge, die wir uns für Geld nicht kaufen können. Der Umgang mit Geld ist offensichtlich ein uraltes Problem für den Menschen. Immer wieder wird das in der Bibel deutlich. Dabei gilt der Besitz von Geld, auch von viel Geld, nicht unbedingt als falsch. Reichtum kann Gabe Gottes sein. Aber in unendlich vielen Fällen führt der Besitz von Geld zu Geiz oder das Nichtbesitzen von Geld zu Gier und Betrug.

"Geld macht nicht glücklich – aber es beruhigt", sagt der Volksmund. So hatte Zachäus offensichtlich auch einmal gedacht. Doch als er Jesus begegnet merkt er, dass es keine größere Lüge gibt als den Nachsatz dieses Sprichwortes. Nur der Vordersatz "Geld macht nicht glücklich" stimmt auf Dauer. Beruhigen tut es nicht. Zachäus merkt, dass er nicht nur andere um Geld, sondern sich selbst um ein sinnvolles Leben betrogen hat. Lasst mich das durch eine Geschichte verdeutlichen: "Rabbi, ich verstehe das nicht: Kommt man zu einem Armen, der ist freundlich und hilft, wo er kann. Kommt man aber zu einem Reichen, der sieht einen nicht mal. Was ist das bloß mit dem Geld?" Da sagt der Rabbi: "Tritt ans Fenster! Was siehst du?" "Ich sehe eine Frau mit einem Kind. Und einen Wagen, der zum Markt fährt." "Gut. Und jetzt tritt vor den Spiegel. Was siehst du?" "Nu, Rabbi, was werd‘ ich sehen? Mich selber." "Nun siehst du: Das Fenster ist aus Glas gemacht, und der Spiegel ist aus Glas gemacht. Man braucht bloß ein bisschen Silber dahinter zu legen, schon sieht man nur noch sich selbst."

Die Geschichte von Zachäus zeigt, wie durch Jesus auch unser Umgang mit Geld in rechte geistliche Bahnen gebracht wird – sogar ohne dass Jesus ein Wort zu sagen braucht. Durch den Glauben wird plötzlich der Spiegel vor unserer Nase durchsichtig. Abrahams (verlorener) Sohn ist die Bezeichnung für "Abrahams Nachkomme". Es wird also betont, dass Zachäus (trotz seiner Betrügereien) einer ist, dem das Angebot des Heils an die Nachkommenschaft Abrahams gilt. Warum murren dann die anderen, wenn er dieses Angebot (endlich!) annimmt? Weil sie daran erinnert werden, dass auch sie nur aus Gnade und als Gottes Geschenk angenommen sind. Denn für alle Menschen, für die frommen und die weniger frommen gilt: "Trotz unserer Vergangenheit sind wir Gottes (verlorene) Kinder."

Wenn wir das einmal begriffen haben, dann kann uns nichts hindern, zu Gott zu kommen. Von Zachäus heißt es: "aber er war sehr klein, und niemand machte ihm Platz" Wenn jemand zu Jesus kommen will, sind solche Schwierigkeiten egal: "Da rannte er ein Stück voraus und kletterte auf einen Maulbeerbaum, der am Wege stand." Zachäus klettert auf einen Baum, um zu Jesus zu kommen. Das wünsche ich mir, das auch wir unsere Maulbeerbäume finden, die uns helfen mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, die uns davon abhalten zu Jesus zu kommen.

Es gibt noch eine zweite Schwierigkeit: "Die anderen Leute empörten sich über Jesus. «Jeder weiß doch, dass Zachäus nur durch Betrug reich geworden ist! Wie kann Jesus nur dieses Haus betreten!»" Allgemeine Empörung, dass Jesus ausgerechnet bei dem verhassten Zöllner einkehrt Das hatten die Leute von Jesus nicht erwartet. Damals haben natürlich alle erwartet, dass Jesus zum Mittagessen beim Herrn Bürgermeister oder wenigstens beim Herrn Pfarrer einkehrt, aber doch nicht beim Zachäus, dem übelsten Schlitzohr von ganz Jericho. Deshalb das große Geschrei über Jesus: »Bei einem Betrüger ist er eingekehrt!« Eben dieser Satz, den die braven Bürger mit ihrer ganzen moralischen Entrüstung aussprechen, ist die frohe Botschaft unserer Geschichte, die Zusammenfassung des Evangeliums und der ganzen Bibel. Jesus kommt zu den Sündern und Betrügern, egal, ob es sich um einen reichen Ausbeuter wie Zachäus oder einen armen Schlucker wie Petrus handelt An den Frommen, die sich einbilden, sie wären was Besseres und nur bei ihnen könnte Jesus einkehren – an denen marschiert er ohne Aufenthalt vorbei. Denn er ist nicht auf der Suche nach den Selbstgerechten, sondern nach den Sündern. Die frommen Spießer lässt er stehen und geht zu den Ausgeflippten, die Spießruten laufen müssen wie der Zachäus. Natürlich weiß Jesus, dass die Art, wie der die Leute betrügt eine üble Schweinerei ist. Gerade weil er weiß: dieser Mann ist ein Betrüger, trotz seines Reichtums ein armes Schwein, ein Sünder, ein schwarzes Schaf der Gesellschaft, ausgestoßen und verloren – gerade deshalb geht er zu ihm.

Jesus ruft nicht jedermann, aber den, der ein Verlangen nach ihm hat. Zachäus greift zu ohne Zögern. Er greift so beherzt zu, wie der Mann in der folgenden Geschichte: Als Napoleons Pferd einmal bei einer Parade scheute, hoch ging und seinen Reiter abzuwerfen drohte, sprang ein Grenadier schnell hinzu und fiel dem Pferd in die Zügel. Napoleon bedankte sich mit den Worten "Danke, Herr Leutnant!" Darauf ging der Grenadier nicht wieder in seine Reihe zurück, sondern stellte sich zum Offizierskorps. Wie dieser Mann Napoleon ohne Zögern beim Wort nahm, so machen Christen es mit Jesu Wort. Wie Zachäus.

Das Schlitzohr Zachäus wird fromm, er stellt sich nicht mehr in die Reihe der Sünder, sondern in das Korps der Geretteten. Fromm heißt von seiner ursprünglichen Bedeutung her lebenstüchtig. Zachäus war trotz seines Reichtums nicht lebenstüchtig, weil er sein leben nicht in den Griff bekam. Wir sind trotz unserer Stärken, trotz dem was wir gut können nicht lebenstüchtig, bis wir unsere Leben Gott geben, fromm werden und nach Gottes Maßstäben leben.

Gottes Maßstäbe lernen wir in den Zehn Gebnoten kenne. Hier war es das Gebot "Du sollst nicht stehlen." Denk einmal kurz nach, ob dies Gebot auch dir Schwierigkeiten macht, oder ob es ein anderes ist, mit dem du Probleme hast. Lad einfach Jesus ein, dass er dir zeigt, wie du mit diesen Schwierigkeiten zurechtkommen kannst. Zachäus, "Gott hat sich erinnert". Schon in seinem Namen wird deutlich, dass Gott sich an uns Menschen erinnert und mit uns seine Geschichte schreiben will. Dabei ist egal, ob wir so weit weg von Gott sind wie Zachäus oder ob wir nah dran sind. Jesus möchte uns abholen und mit uns das Fest des Lebens feiern.

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