Ein offenes Ohr

Es ist schon spät. Längst steht der Mond am Himmel. Draußen vor dem Haus geht er auf und ab. Er weiß nicht, was er tun soll. Hilfe braucht er. Aber jetzt? Mitten in der Nacht? Schon früh hat er gelernt, dass man auf eigenen Beinen stehen muss. Er ist es nicht gewohnt, andere zu bitten. Er weiß sich selbst zu helfen, nur keine Schwäche, nur keine Bedürftigkeit zeigen. Aber er braucht jetzt einen Freund! Noch einmal der Blick auf die Uhr. Längst schon brennt im Haus kein Licht mehr. Aber – wen soll er sollst um Rat fragen, wen um Hilfe bitten? Jetzt um diese Zeit?

Im Haus ist es still. Im Nebenzimmer schläft ihre kleine Tochter, den Teddybär fest im Arm. In wenigen Stunden wird der Wecker läuten. Behaglich streckt sie sich unter der Decke aus. Längst schon hat sie seine Schritte draußen vor dem Schlafzimmerfenster gehört. Aber sie fühlt sich selbst so müde. So leer. Sie hat jetzt nichts zu geben. Zu oft gibt sie für andere das letzte Hemd, den letzten Nerv, das letzte Stück Brot. Sie fühlt sich ausgebrannt. Aber den Freund vor der Tür einfach hängen lassen?

Zwei Menschen, die auch heute hier bei uns im Gottesdienst sitzen könnten. Zwei Menschen, die vor fast 2000 Jahren im Gottesdienst gesessen haben könnten. Damals – als ein Brief von Paulus, gerade frisch in Kolossä eingetroffen, der Gemeinde vorgelesen wurde. Ich stelle mir vor, beide könnten aufgehorcht haben, als es im vierten Kapitel darin hieß: "Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen, und vergesst dabei nicht, Gott zu danken … Betet auch für uns, damit Gott uns eine Tür für das Wort auftut, und wir das Geheimnis Christi verkündigen können, um dessentwillen ich hier im Gefängnis sitze. Und betet, dass ich frei und offen von dem reden kann, was mir aufgetragen wurde. Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind und kauft die Zeit aus. Redet mit jedem Menschen freundlich, aber scheut euch nicht, die Wahrheit zu sagen. Dann werdet ihr schon für jeden die richtigen Worte finden."

Was hätten die beiden wohl geantwortet, wenn man sie gefragt hätte, was ihnen am wichtigsten ist in ihrem Leben? Was ihnen wirklich etwas bedeutet? Vielleicht mein derzeitiges Problem, meine Sorgen, die mir auf den Nägeln brennen? Dass einer für mich da ist, der mir zuhört, der mir hilft? Oder: Meine kleine Tochter, die mich braucht. Mein Schlaf, den ich benötige, um allen Anforderungen gewachsen zu sein. Der Freund, für den der Schlaf geopfert wird?

Unsere Konfirmanden haben sich am Donnerstag bereits Gedanken gemacht, was ihnen in ihrem Leben am wichtigsten ist und haben ihre ganz persönliche Antwort formuliert. Freunde, mit denen man reden kann, nannten viele. Familie. Eine solide Berufsausbildung und: Fußball. Wenn uns etwas wirklich wichtig ist, dann nehmen wir uns dafür Zeit. Das hat dann Vorrang. Und was wäre Ihre Antwort heute morgen auf die Frage, was Ihnen wirklich wichtig ist?

Ich vermute, dass nur sehr wenige von uns das Gebet, das Gespräch mit Gott ganz oben auf die Liste gesetzt hätten. Und doch sagt Paulus uns: "Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen, und vergesst dabei nicht, Gott zu danken.". Sich durch nichts abbringen lassen, sich nicht ablenken lassen vom Gebet – kleine Kinder machen es uns vor. Die können das. Mit einer ganz erstaunlichen Beharrlichkeit. Papa, wann machst du mein Auto heil? Wann bauen wir die Eisenbahn auf? Immer wieder wird gefragt, genörgelt, gequengelt. So lange, bis Papa aufsteht, die Zeitung aus der Hand legt und sich endlich, endlich kümmert. Wir können von dieser selbstverständlichen Ausdauer und Beharrlichkeit der Kinder lernen. So dürfen und sollen wir beharrlich bei Gott anklopfen. Auch mitten in der Nacht. Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen …"

Den Vater um Hilfe bitten, weil ich weiß, ich bin zu klein, ich kann das nicht. Für viele Kinder ist das selbstverständlich. Aber nicht nur für Kinder. Auch der Apostel Paulus vertraut nicht allein auf seine Fähigkeiten, seine Beruferfahrung, seine Kraft. Nein, von Gott erwartet er, dass er die Tür öffnet. So schreibt er: Betet auch für uns, damit Gott uns eine Tür für das Wort auftut, und wir das Geheimnis Christi verkündigen können, um dessentwillen ich hier im Gefängnis sitze. Nicht aus eigener Kraft, nicht durch Leistung oder Gewalt will Paulus zum Ziel kommen. Nein, er erwartet von Gott Unterstützung. Und wie jeder liebende Vater und jede liebende Mutter sehnt sich Gott nach seinen Kindern. Wartet, dass wir kommen und an seine Tür klopfen. Freut sich, wenn wir unsere leeren Hände ausstrecken und ihn bitten, sie uns zu füllen. Ihn bitten um neue Kraft, um Trost, um Rat.

Und doch scheint es uns manchmal, als ob Gott gar nicht hört. Die Tür scheint fest verschlossen. Niemand antwortet. Da gibt es Zeiten, in denen ich den Eindruck gewinne, mein Gebet gelange nicht weiter als bis zur Zimmerdecke. Schweigt Gott? Hört er überhaupt zu? Und es gibt Zeiten, in denen es schwer fällt, überhaupt noch Gott anzurufen oder vor ihm still zu werden. Vielleicht kannte auch Paulus solche Momente. Immer wieder saß er unschuldig im Gefängnis. Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit, Enttäuschung – vermutlich waren das auch für Paulus keine Fremdwörter!

Aus dem Gefängnis schreibt er: Und betet, dass ich frei und offen von dem reden kann, was mir aufgetragen wurde. In Zeiten, in denen ich mich mutlos und kraftlos fühle, in Zeiten, in denen das Beten schwer fällt – weil die Ausdauer fehlt, weil ich die Stille nicht aushalten kann, weil mir die Worte fehlen und Leid mich verstummen lässt – in solchen Zeiten ist es gut, wenn andere für mich beten. Paulus bittet seine Mitchristen, dass sie stellvertretend für ihn bei Gott anklopfen und um innere Freiheit für ihn bitten. Es tut gut zu wissen, dass andere meine Nöte wahrnehmen und für mich hoffen, glauben, Gott vertrauen. Und es ist gut, dies für andere zu tun. Andere in den Blick zu bekommen. Sie Gott anzubefehlen. Ein kurzes Gebet für den Enkel nach seinem Besuch, dass Gott ihn bewahren möge auf dem Nachhauseweg. Für die Nachbarin, deren Mann so schwer krank ist, um Geduld und Stärke, um neue Hoffnung. Für den Arbeitskollegen, der verbittert sein Kündigungsschreiben in Empfang genommen hat. Beten, dass Gott Türen öffnet.

Von Gott etwas erwarten für sich, für andere. Sich die leeren Hände füllen lassen, das muss jedoch nicht heißen, die Hände in den Schoss zu legen und Arbeit Arbeit sein zu lassen. Für Paulus gehören Beten und Handeln zusammen. So schreibt er weiter: Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind und kauft die Zeit aus. Redet mit jedem Menschen freundlich, aber scheut euch nicht, die Wahrheit zu sagen Nutzt die Zeit – aber dabei geht es Paulus nicht um blinden Aktionismus. Seid freundlich zu jedermann – aber damit ist nicht Aufopferung gemeint. Es geht nicht darum, ständig um der anderen willen an die Grenzen der eigenen Kraft zu geraten. Nein, vielmehr geht es um einen Lebensstil der Ausgewogenheit. Wer etwas von Gott erwartet; wer erwartet, dass Gott selbst das Eigentliche vollbringt und schenkt, wer selbst aufgetankt hat, sich die Hände hat füllen lassen, der kann und soll davon weitergeben, so gut er kann. Wer sich von Gott geliebt fühlt und anerkannt, kann seine Mit-men-schen achten und ihnen etwas von dieser Liebe weiter-geben. Wer bei Gott ein offenes Ohr gefunden hat, kann leichter ein offenes Ohr für seinen Mitmenschen haben. Wer in der Stille vor Gott neue Kraft und Hoffnung geschöpft hat, mag manchmal anderen den Rücken stärken können. Bei Gott anklopfen, von ihm etwas erwarten, sich beschenken lassen – und dann auf andere zugehen. Dann werdet ihr schon für jeden die richtigen Worte finden. So endet unser Predigttext: Dann werdet ihr schon für jeden die richtigen Worte finden.

Es ist schon spät. Längst steht der Mond am Himmel. Lange ist er auf und abgegangen. Voller Sorgen, voller Fragen. Jetzt setzt er sich auf die Treppenstufen und faltet die Hände. Lange, lange hat er nicht mehr gebetet. Aber jetzt ist es gut zu wissen, dass da einer ist, bei dem er anklopfen kann. Einer der niemals schläft noch schlummert. Im Haus ist es still. Sie liegt in der Dunkelheit und atmet die Stille. Genießt die Ruhe der Nacht, das friedliche Schweigen. Der Wecker tickt leise. Diese Minuten gehören nur ihr. Ein Geschenk. Und dann wird sie schlafen. Gestärkt durch die Momente der Stille und die Erholung des Schlafes, wird sie morgen wieder da sein. Da sein für ihre Tochter. Und für ihn. Vielleicht kann sie ihm helfen. Morgen wird sie ihn fragen.

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