Ein öffentlicher Brief

Liebe Gemeinde,

die Menschen lesen in uns, wie in einem öffentlichen Brief. Wir sind der Brief Christi. Geschrieben mit dem Geist des lebendigen Gottes. Was die Menschen in uns lesen, wird ihnen Mut machen, sich Christus anzuschließen. An unserem Vertrauen finden sie Vertrauen zu Gott. Wir werden ihnen mit dem, was wir sind, tun und sagen zu Wegweiser ins ewige Leben.

Bei der Taufe werden die Eltern und Paten gefragt, ob sie ihrem Kind von Christus erzählen wollen. Mit ihrem Leben zeigen sie dem Kind, wohin der Glaube uns führen wird.

Die Gemeinde ist der Ort, an dem Christus den Menschen in vielfältiger Weise sichtbar und greifbar wird. Im Gottesdienst erfahren wir über Reden, Hören und Gesang Christi Gegenwart, die er uns zugesagt hat. Wo zwei oder drei Menschen in seinem Namen versammelt sind, wird er als der Auferstandene mitten unter ihnen sein.

In den verschiedensten Aktivitäten der Gemeinde, im Unterricht, in Vorbereitungskreisen, in Gesprächen, in Gruppen und in der Seelsorge ist zumeist unausgesprochen die Nähe Christi zu erfahren. Hier geben sich Menschen mit ihrem ganzen Menschsein und ihrem Glauben. Es wird aufmerksam zugehört. Freundliche Worte bauen Brücken zueinander, treiben die Arbeit voran und öffnen füreinander. Menschen werden getröstet und begleitet. Hilfe wird so selbstverständlich gewährt, als seien es die eigenen Angehörigen. Die Gemeinde ist bei allen menschlichen Schwächen, die wir auch vorfinden, trotzdem immer ein Ort der Gegenwart und Liebe Christi.

Das aber nicht, weil wir Gemeindeglieder so tolle Leute sind. Auch nicht, weil der Pfarrer das alles in die Wege führt. Oder etwa, weil der Ältestenkreis dafür sorgt. Alle haben wir in der Gemeinde unseren Anteil daran. Aber wir alle berufen uns nicht stolz auf unser Können. Wir berufen uns auf Jesus Christus, der uns zum Dienst seiner Nähe und Liebe beruft und befähigt. Wir bekennen, dass wir als Gemeinde ein Brief Christi sind, weil er diesen Brief mit seinem Geist unter uns schreibt. Er gibt uns, was nötig ist, um Zeuginnen und Zeugen in der Welt zu sein.

Wir bekennen eher kleinlaut und auch beschämt, dass wir zu wenig geglaubt, gehofft und geliebt haben. Wir kommen uns als unnütze Haushalter und Knechte Christi vor. Auch dafür gibt es genug sichtbare Beweise in der Welt. Die Christenheit ist tiefgreifend gespaltet. Theologische Einsichten und Vorstellungen liegen miteinander im Streit. Die Frage nach der Wahrheit und dem richtigen Weg, ist nicht einfach zu beantworten.

Welcher Weg ist richtig? Welche Wahrheit ist die Wahrheit Christi? Weil wir alles von Menschen überliefert bekommen haben, werden wir auch immer im Zweifel darüber sein, was denn jetzt richtig ist. Wenn wir andere trösten, dann so, wie wir Christi Trost erfahren haben. Wenn wir andere unter das Wort rufen, dann so, wie wir bereit sind, uns selbst unter das Wort Christi zu stellen. Wenn wir vom Glauben sprechen, dann reden wir von dem, was auch wir glauben. Wenn wir die Liebe einfordern, dann üben wir sie zu allererst an unseren Nächsten. So wird dann unser Glaube keine Theorie sein. Er ist dann abgedeckt durch unser Leben und unsere eigenen Erfahrungen. Ihnen können wir dann die Erfahrungen und den Glauben anderer Menschen hinzufügen.

Wir als ein Brief Christi stehen immer in der Öffentlichkeit. Ganz gleich, ob wir uns innerhalb oder außerhalb der Gemeinde bewegen. Was wir sagen und tun, daran werden die Menschen erkennen, wes Geistes Kinder wir sind. Das führt uns dann zwangsläufig zu der Frage, was wir ihnen an uns zu lesen geben. An unserem Glauben und Beispiel werden die Menschen die Botschaft von Jesus Christus messen. Weil wir das wissen, sollten wir uns gegenseitig ermutigen und aufeinander Acht haben, dass wir uns immer wieder neu unter das Wort Christi stellen.

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