Ein hartes Schicksal

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Fall Onesimus
Onesimus – der Name ist ein hartes Schicksal. Wer lässt sich schon gerne der »Unnütze« oder »Taugenichts« nennen?! Aber wie es für ihn als Sklave aussah, lässt sich nicht sagen. Manche Familien hielten ihre Sklaven wie Schwerstverbrecher, andere hatten ein durchaus freundschaftliches Verhältnis zu ihnen, zum Beispiel Cicero zu seinem Sklaven Tiro. Aber für Onesimus war das Leben anscheinend nicht so, dass er es lebenslang leben wollte. Vielleicht hatte er sich ja auch ja etwas zu Schulden kommen lassen. Paulus lässt den Namen als einen selbstredenden stehen. »Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen« schreibt er an Philemon. Alles in allem war es für Onesimus eben so, dass er davonlief. Drei Tage lang wird er unterwegs gewesen, bevor er bei Paulus ankam. Drei Tage auf der Flucht, vielleicht ohne Ziel, vielleicht auch mit Ziel Ephesus. Kopfgeldjäger wurden ausgesandt, wenn Sklaven entlaufen waren. Aber in heidnischen Heiligtümern waren sie sicher. Und in Ephesus gab es das große Artemis-Heiligtum. Egal, ob er nun ziellos oder gezielt nach Ephesus gelaufen war, sicher war es eine Hatz, ein Weg voller Angst. Und dann hat er irgendwie erfahren, dass Paulus auch in Ephesus war, im Gefängnis von Ephesus. Den Paulus hatte er bei seinem Herrn kennen gelernt; in Kolossä hatte Paulus gewirkt. Vielleicht war er deshalb zu Paulus hingelaufen, weil der der einzige Mensch in Ephesus war, den er kannte. Vielleicht hatte er auch Zutrauen zu ihm gewonnen. Und was hatte Onesimus nun zu erwarten? Paulus deutet an, dass er ihn behalten könnte: »Ich würde ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient, solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein.« Aber das stimmt nicht. Vielleicht nur ein Trick, um Philemon zu verunsichern? Paulus musste aber Onesimus dem Philemon zurückschicken oder ihn der Polizei übergeben. Nur eine Scheinlösung ist es, die Paulus anbietet. Und Onesimus würde normalerweise ein hartes Schicksal erwarten. Onesimus war bei Paulus im Gefängnis Christ geworden, für Paulus ist Onesimus jetzt sein »Kind«. Onesimus war nicht bei seinem christlichen Herrn Christ geworden. Erst im Gefängnis erkennt er Christus, nicht in der Freiheit. Christen leben eben nicht unbedingt so, dass sie überzeugen können. Und dieser neue Weg des Onesimus war nichts, was es ihm leichter machen würde. Onesimus, der Taugenichts, hat schon ein schweres Los, nicht nur wegen seines Namens!

Gemeinde
Warum steht der Philemon-Brief eigentlich in der Bibel? Das ist doch ein privater Brief, das ist kein apostolisches Schreiben, sagt man gelegentlich. Das geht doch die Öffentlichkeit nichts an. – Stimmt das wirklich? Sicher, Paulus schreibt zunächst den Philemon an. Und was er schreibt, betrifft scheinbar nur den Philemon. Schließlich ist dessen Sklave entlaufen. Aber Paulus lässt dem Philemon keine Wahl. Paulus hebt die zwar die Familie des Philemon besonders hervor. Er nennt Philemons Frau, die Aphia, und den Sohn des Hauses, den Archippus. Aber dabei bleibt es nicht. Auch wenn es ein privates Schreiben zunächst zu sein scheint, fügt Paulus doch schon am Anfang den entscheidenden Gruß ein: an die Gemeinde. Philemon, da hast du keine Möglichkeit mehr, die Geschichte mit dem Onesimus im Geheimen zu verhandeln. Die Gemeinde ist der soziale Raum, in dem Christen nun leben. Wenn zwei Gemeindeglieder miteinander Probleme haben, dann geht das die ganze Gemeinde etwas an. Die gesamte Gemeinde soll darüber beraten. Das ist natürlich ein Gemeindebegriff, der für uns sehr weit weg ist. Ich glaube kaum, dass sich irgend jemand von uns so einfach darauf einlassen würde, Probleme mit einem anderen Gemeindeglied vor der Gemeinde auszutragen und dort miteinander die Lösung zu beraten. Unsere Gemeinde heute sind zu groß. Und wenn ich manchmal die Wünsche vernehmen, man möchte eine kleine eifrige reine Bekenntnisgemeinde sein, dann kann ich das unter diesem Gesichtspunkt ganz gut verstehen, Da ist so etwas möglich. Da wird eine Gemeinde fast immer gleichbedeutend sein mit Gemeinschaft. Bei uns fehlt sie oftmals. Das wissen wir alle, und wir alle wissen auch keine sicheren Auswege aus unserer misslichen Lage. Das Kaffeetrinken nach dem Gottesdienst, wie wir es in Lautenbach kennen, ist ein Ansatz. Aber wie weit diese Gemeinschaft für Paulus ging können wir daran merken, wie Paulus von Onesimus spricht: »Ich schicke ihn dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz.« Paulus identifiziert sich völlig mit Onesimus. Philemon, du musst wissen: wenn du den Onesimus bestrafst, dann ist das genauso schlimm, als wenn du mich, Paulus, bestrafen würdest. Und würdest du das tun? Könntest du dir vorstellen mich, den Apostel Kleinasiens und Griechenlands, zu bestrafen? Nein, Philemon, das würdest du wohl kaum wagen. Und vor Gott gilt kein Ansehen der Person, vor Gott sind wir alle gleichermaßen Geschwister in Christus. Wenn du mich verschonen würdest, dann musst auch den Onesimus verschonen. Philemon, ich habe so viel für euch in der Asia getan, dass du mir eigentlich was schuldig bist. Durch mich haben viele von euch erst Christus erkannt. Und bei ihnen hast du den Glauben entdeckt. Also bist du mir was schuldig. Du müsstest mir dienen. Du hast es noch nicht getan, bist noch nicht dazu gekommen. Aber der Onesimus ist ja jetzt hier, dein Sklave. Und wenn der deine Pflichten erfüllt, dann ist das richtig und gut. Vielleicht hat Gott den Onesimus ja hierher zu mir geführt. Vielleicht war es keine Flucht, sondern Gottes Weggeleit, Gottes Führung. So argumentiert der Paulus. So schreibt er, obwohl er den Philemon nicht einmal persönlich kennt. Bislang hat er nur von ihm gehört. Wie verbunden müssen also damals die Christen gewesen sein?! Frieden und Freude waren damals auch schon eitel, vergänglich. Aber dennoch erfuhr man Gemeinde als Gemeinschaft. Das ist eine Kraft, aus der wir leben können, das ist eine Kraft, die Jesus stiftet. Nur, wenn wir Gemeinschaft erleben, erfahren, dass andere für uns da sind und es zulassen, dass wir auch für sie da sein dürfen, kann es etwas gelingen, was Paulus in dem Brief an Philemon erwartet. In der Gemeinde, die sich anscheinend im Hause Philemons trifft, soll dieser schwere Konflikt beraten werden. Ein schwerer Konflikt ist es deshalb, weil Sklaven für Flucht durchaus der Tod drohen konnte. Ob Philemon das auch jedem einzelnen Gemeindeglied ins Gesicht würde sagen können: »Ich lass den Onesimus hinrichten.« Oder vielleicht auch nur: »Dafür wird Onesimus büßen!« Wenn man miteinander und zueinander ständig davon redet, einander zu vergeben, dann fällt das schon schwer. Und wer im Angesicht der frohen Botschaft der Liebe Gottes zu uns noch Quälereien oder gar Hinrichtung fordert, der blendet ganz wichtige Aspekte von Gottes Wort aus oder ihm fehlt schlichtweg das Herz. Der Philemon im Kreise anderer vornehmer, gutsituierter Herren wird vielleicht ein ganz anderer Philemon gewesen als der Philemon in der christlichen Gemeinde. Auch wir haben ja oft zwei Gesichter. Der nette Mitmensch kann ein schrecklicher Vorgesetzter und der freundliche Helfer in der Öffentlichkeit ein rechter Hausdrachen sein.

Christliches Leben
Wenn Philemon diesen Konflikt nun im Raum der Gemeinde erörtern soll, dann wird sein Glauben ganz erheblich geprüft. Hier weiß jeder, wie dieser Mensch von Glauben, Liebe und Hoffnung gesprochen hat. Und jetzt kann man prüfen, ob das, was er tut, auch mit dem übereinstimmt, was er immer gesagt hat, ob Wort und Tat eins sind, ob seine »Liebe zu allen Heiligen«, also zu allen Christen, auch einem entlaufenen christlichen Sklaven gilt. Ja, ich denke schon, dass es in unserem Leben allzu oft an der Liebe fehlt, von der wir in der Gemeinde reden. Und wenn einmal Probleme öffentlich werden, dann schlagen Menschen entweder blind um sich und vergessen sich total, oder aber sie reagieren besonnener. Es ist sicherlich nicht so, dass unser Tun und Reden immer auseinanderfallen. Aber allzu oft eben leider doch. Und gerade in schweren Konflikten – und ein entlaufener Sklave stellt einen ernsthaften Konflikt dar – ist Rache nicht selten der gewichtigste und zugleich übelste Ratgeber. Und nicht selten bedienen sich Menschen dann auch noch der Gesetze. Sie holen die Gesetze hervor und wenden sie so an, wie es ihnen am besten passt. Nach dem Sinn wird nicht gefragt. Das macht uns die Geschichte deutlich, die wir vorhin als Schriftlesung gehört haben. Eine Regel wird einfach stur angewandt. Da denken nicht einmal die nun wirklich bibelgewandten und sehr frommen Pharisäer darüber nach, warum denn in der Bibel eine Geschichte erzählt wird, die zunächst einmal ein Gebot aushebelt. Jesus erinnert sie einfach daran, weist sie darauf hin: der Wortlaut macht’s nicht, sondern wir müssen nach dem Sinn fragen. Wir müssen nach dem fragen, was Vorrang genießt. Und da steht für Jesus: Gottes Gebote sollen für die Menschen da sein, sie sollen nicht das Leben der Menschen regeln, sondern sie sollen dem Leben der Menschen zu Nutze sein. Gottes Wille ist ein Wille zum Leben. Daraufhin haben wir alle Gebote zu prüfen. Die biblischen Gebote können wir nur durch diesen Filter richtig deuten. Die menschlichen Gebote müssen wir hieran messen, und wenn sie dem Willen zum Leben nach Gottes Maßstab nicht entsprechen, dann müssen wir sie ablehnen. Dann müssen wir sie durch andere Regeln ersetzen. »Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus«, schließt Paulus seinen Briefeingang ab. Das ist nicht irgendeine Formel, einfach nur eine höfliche Floskel. Ich gehe davon aus, dass Paulus meint, was er sagt. Und müsste Philemon dem Onesimus nicht Gnade erweisen, wo Gott doch ihm selbst auch gnädig ist? Unser Heil hängt am Glauben, hängt an Gottes Erbarmen. Nicht an den Werken. Aber Glauben wirkt sich aus ins Leben.

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