Ein guter Anfang

Liebe Gemeinde,

kennen sie Geschichten von einem guten Anfang? Unser heutiges Predigtwort erzählt solch eine Geschichte vom guten Anfang – vom guten Anfang der Welt und der Menschen. Es sind Verse aus der Schöpfungsgeschichte. Scheinbar ist diese Geschichte vom guten Anfang für den heutigen Sonntag ausgewählt worden, weil da jemand der Meinung war, dass das Wissen vom guten Anfang wichtig sind. Und es stimmt. Das Wissen um einen guten Anfang ist wichtig.

Ich denke an den Mann, der erzählte, wie er Belastungen und Problemen in seiner Ehe begegnet. "Ich versuche dann oft," so sein Bericht, "mich an unseren Anfang zu erinnern. An das Werben der ersten Wochen, das sehnsüchtige Hoffen auf ein Wiedersehen, der Zauber des ersten Kusses, und dann … ja, dann bekomme ich neue Zuversicht und Kraft."

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt
und der uns hilft, zu leben"
– hat Hermann Hesse gedichtet.

Oder ich denken an die siebenjährige Anna, die mit ihrer Mutter Bilder aus ihrer Babyzeit anschaut. "Erzähl noch mal von dem Tag, als ich geboren wurde", bittet sie die Mutter. Als die Mutter dann die Geschichte zum x-ten Mal erzählt, macht die Wärme ihrer Worte ihre ganze Liebe für ihr Kind spürbar – so dass Anna anschließend zufrieden seufzt: "Ich kann mir so richtig vorstellen, wie ihr euch gefreut habt, ausgerechnet mich als Kind zu kriegen!"

Ich glaube, wir ähneln diesem Mann und der Anna. Auch wir brauchen Geschichten vom guten Anfang. Denn das Wissen um einen guten Anfang gibt uns die Zuversicht, dass das, was gut begonnen hat, auch gut enden wird. Ich lese Verse aus Gen 2:

[TEXT]

Eine Geschichte vom guten Anfang der Welt und der Menschen. Die Welt ein Garten und der Mensch sein Gärtner. Was erzählt also die Geschichte vom guten Anfang? Sie erzählt von Gott. Gott erschafft sich eine Welt. Aber er gibt sich nicht zufrieden mit der erschaffenen Natur und den Tieren. Etwas fehlt. Gott ist auf der Suche. Er sucht ein Gegenüber. Und so erschafft er den Menschen.

Aber warum hat er es nicht bei der Natur und den Tieren belassen? Warum sucht er noch ein Gegenüber? Darauf antwortet ein anderes Bibelwort. Der 1. Johannes-Brief sagt: Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott. Gott ist Liebe. Deshalb hat er uns als sein Gegenüber erschaffen. Aus Liebe. Denn das ist das Wesen der Liebe. Sie gibt sich nicht mit sich selbst zufrieden, sonst wäre sie keine Liebe. Liebe will ein Gegenüber. Liebe will sich mitteilen. Liebe will sich schenken.

"Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen." Deshalb schafft Gott den Menschen. Nicht weil er den Menschen braucht, sondern weil er ihn will. Weil er es mit ihm zu tun haben will, weil er ihm seine Liebe schenken will – deshalb schafft Gott den Menschen. Deshalb hat er uns in unser Leben gerufen: weil er es mit uns zu tun haben will. Das ist unser guter Anfang.

Zu unserem guten Anfang gehört auch, dass Gott uns eine Aufgabe anvertraut. "Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahre." Bebauen und bewahren. Interessanterweise stellen sich Menschen den Garten Eden, das Paradies, oft als eine Art Schlaraffenland vor. Ein Ort, an dem man sich um nichts kümmern muss, weil alles im Überfluss vorhanden sind. Ein Eldorado für Faulenzer, wo `take it easy´ das Lebensmotto ist. Nach der Schöpfungsgeschichte dagegen stellt Gott den Menschen in den Garten, damit er Gottes gute Welt bebaue und bewahre. Das ist sein Auftrag.

Nun wissen wir alle um unser Versagen angesichts dieses Auftrags des Bebauens und Bewahrens. Keine Angst, ich will jetzt nicht einen langen Katalog der Weltverwüstung aufzählen. Wir wissen alle um die Erwärmung der Erde aufgrund unseres enthemmten Lebensstils. Wir wissen um Umweltgifte, Regenwaldzerstörung, Ausbeutung der Erde. Wir haben alle fassungslos die Bilder gesehen von der Gewalt der entfesselten Wassermassen, die in Ostdeutschland und anderen osteuropäischen Länder enorme Verwüstungen hinterlassen haben. Wir haben diesen Sommer wirklich bitterlich zu spüren bekommen, was wir mit unserem Lebensstil anrichten.

Wir wissen auch um unsere zaghaften Bemühungen, den Schwerpunkt im Auftrag Gottes vom Bebauen wieder auf das Bewahren zu verlagern. Aber es gelingt uns oft so wenig. Und so sind wir immer in Gefahr, zu resignieren und zu sagen: Unser Bemühen um den Umweltschutz, unser Einsatz um die Bewahrung von Gottes Schöpfung – ist das nicht letztlich vergebliche Liebesmüh? Wer von uns verliert nicht manchmal den Glauben, es könnte uns noch gelingen, das Rad der Zerstörung anzuhalten?

Sie wissen, wie die Geschichte vom Menschen in der Bibel weitergeht. Sie beschreiben das, was zu unserem Wesen dazugehört: Die Geschichte vom Sündenfall: Der Mensch verliert seine ursprüngliche Unbefangenheit, er entwickelt Scham – nachdem Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen haben, merken sie plötzlich, dass sie nackt sind und verstecken sich vor Gott in den Büschen. Der Mensch entwickelt Angst und beginnt sich selbst zu rechtfertigen. Von Gott gefragt, ob er von der verbotenen Frucht gegessen hat, findet Adam zwei Sündenböcke: "Die Frau – die außerdem du mir ja gegeben hast! – die hat mir gesagt, ich soll von der Frucht essen." Als nächstes die Geschichte von Kain und Abel: Jetzt entsteht Neid und Missgunst unter den Menschen. Aus Eifersucht vergeht sich der Mensch an seinem Bruder. Der Tod hat Einzug gehalten. Dann die Geschichte vom Turmbau zu Babel: Der Mensch hat enorme technische Möglichkeiten. Er setzt sie aber nicht zum Guten ein. Er missbraucht sie, um Gott gleich zu werden.

Entspricht das nicht dem, was wir von der tatsächlichen Menschheitsgeschichte kennen? Sicher gehören zur dieser Geschichte auch ungezählte Beispiele von Menschlichkeit und Nächstenliebe, von Augenblicken, in denen es Menschen gelang, die Forderung nach Frieden auf Erden tatsächlich zu leben. Aber die Menschheitsgeschichte wurde oft genug mit Blut geschrieben.
· All die Kriege und Zerstörungen, all das Elend und Leid, all die Menschenverachtung im früher und im heute – ist das alles nicht letztlich Zeichen dessen, dass wir – im Bild des ersten Buches Mose gesprochen – aus dem Garten Eden vertrieben wurden und von Gott getrennt leben?
· Sind nicht meine Erfahrungen mit brüchigen oder zerbrochenen Beziehungen Zeichen dafür, wie sehr ich mit meinem Mensch-sein entfernt bin von dem, wie Gott mich haben will?
· Sind nicht meine Erfahrungen mit eigener Schuld und eigenem Versagen im Umgang mit anderen Menschen Zeichen dafür, wie weit ich entfernt bin von dem guten Anfang, den Gott gemacht hat?

Am Anfang der Predigt hat die Geschichte vom guten Anfang uns doch froh gestimmt; zeigte sie doch: So hat Gott das Leben gemeint! Aber nun stimmt diese Geschichte traurig, weil wir erkennen, wie sehr die Vertreibungsgeschichte Realität geworden ist, wie getrennt der Mensch von Gott lebt und wie entfremdet er damit seiner eigenen Bestimmung ist.

Trotzdem – die Geschichte vom guten Anfang ist keine deprimierende Geschichte über eine gute, alte, aber unwiderruflich verlorene Zeit. Die Geschichte vom guten Anfang ist eine Geschichte der Hoffnung, eine Geschichte, die Mut macht. Mag sich auch alles seit dieser Geschichte verändert haben, mag unsere Welt nun wirklich nicht mehr dem schönen Garten gleichen, mag der Mensch immer auf der Suche sein nach dem Leben, das Gott ihm zugedacht hat – mag sich vieles verändert haben – einer hat sich nicht verändert: Gott. Gott, der den Menschen geschaffen hat, weil er es mit ihm zu tun haben will. Gott, der uns das Leben gegeben hat, weil er uns seine Liebe schenken will – er ist sich und seiner Liebe treu geblieben. Denn davon erzählt die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite, dass Gott den Menschen nie aufgibt, sondern sich immer wieder auf die Suche nach ihm macht. Das Alte Testament ist voll von Zeugnissen von Menschen, die in Zeiten von Elend und Verzweiflung Gottes Nähe erfahren, so dass sie beten können: " … und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück. Du bist bei mir!" Und schließlich erzählt das Neue Testament, wie Gottes Liebe ihn dazu bringt, Mensch zu werden, um uns in den Niederungen und den Höhen unseres Lebens nahe zu sein. Aus Liebe hat Gott sich in Jesus Christus auf die Suche nach uns gemacht.

Gott hat sich nicht verändert. Er ist sich und seiner Liebe treu geblieben. Deshalb ist diese Geschichte vom guten Anfang eine Geschichte der Hoffnung, eine Geschichte, die Mut macht – denn ganz gleich, was in meinem Leben geschehen ist und noch geschehen wird: Gott will es mit mir zu tun haben, weil seine Liebe mir gilt.

Die Geschichte vom guten Anfang. Brauchen wir Geschichten vom guten Anfang? Ich glaube ja, denn das Wissen um einen guten Anfang kann viel bewirken. Denn das Wissen um einen guten Anfang gibt uns die Zuversicht, dass das, was gut begonnen hat, auch gut enden wird.

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