Ein grauer Wolf im Stall

<i>[Die Predigt lehnt sich an die Predigt zu Heiligabend 1999 von Manfred Günter aus Groß Eichen an. Die Erzählung der Legende ist wörtlich daraus übernommen.]</i>

Wir haben in der Lesung gerade die Weihnachtsgeschichte gehört. Heute ist Weihnachten, obwohl wir Heiligabend hinter uns haben. Das Weihnachten heute ist etwas nüchterner, denn es ist Tag geworden. Das Geheimnis der Nacht ist geschwunden. Trotzdem möchte ich Sie noch einmal hineinziehen in die Szene im Stall, dessen Mittelpunkt die Krippe mit dem neugeborenen Kind ist. Maria ist müde und erschöpft von der Geburt. Josef ist froh wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben für Mutter und Kind. Die Engel haben gesungen. Und die Hirten sind vom Feld her gekommen, um das Kind zu sehen. Ochs und Esel hätten inzwischen gerne wieder etwas zu fressen aus ihrer Futterkrippe. Die Sterndeuter waren auch schon da. Aber in dem ganzen Trubel blieb ein Besucher unbemerkt, so erzählt eine alte Legende. Ein grauer Wolf hatte sich in den Stall geschlichen. Es war ein großes, graues Tier, der Leitwolf seines Rudels, der da wohl erst einige Male den Stall schleichend umrundet hatte. Er wollte ja niemand ängstigen, aber gar zu gern hätte er doch auch das Kind gesehen. Wir können uns denken, wie die Schafe in der Nähe des Stalles in ihrem Pferch unruhig mit den Füßen scharrten. Auch Ochs und Esel hatten den Grauen schon lange gewittert. Wohl ein Dutzend Mal hatte der nun schon einen Anlauf gemacht – da faßt er sich endlich ein Herz, steckt erst den Kopf durch die Tür und dann – in einem Augenblick, in dem keiner aufmerksam ist – den ganzen mächtigen Leib. Und geduckt kriecht er zur Krippe, hebt dort den grauen Kopf mit den funkelnden Augen, in denen seine ganze Wildheit leuchtet, sieht das Kind und spürt es bis tief hinein in sein Herz: Mit diesem Kind wird Neues in dieser Welt beginnen. Alles wird anders sein von nun an. Das Oberste ist zuunterst gekommen. Gott liegt da im Trog. Engel singen über einem Stall. Alle Wunder werden möglich! Ein Wolf wird kein Wolf mehr sein. Ein Schaf kein Schaf und ein Hase kein Hase mehr. Und da fühlt der Wolf auf einmal das Händchen des Kindes in seinem Nacken. Ganz sacht streicht es ihm über den Pelz. Und eine neue, nie gekannte Wärme rieselt ihm durch den Leib. Und er weiß es: Auch er wird nicht mehr derselbe sein von jetzt an.

Und als er sich wendet und nun leise, wie er gekommen ist, durch die Stalltür hinaus ins Dunkel gleitet, da hat ihn keiner gesehen, Maria nicht und Josef nicht, die letzten späten Gäste an der Krippe nicht, nur das Kind – das aber sagt es nicht und hat’s später nie einem Menschen gesagt. Der Wolf aber, als er zurückkehrt zu seinem Rudel, bemerkt, dass in seinem Fell, gerade da, wo ihn das Kind so zart berührt hat, ein Strohhalm von der Krippe hängen geblieben ist. Und noch mehr bemerkt er: Er ist nicht mehr der Wolf, der er war, denn er kann nicht mehr beißen! Schon wenn er die Zähne blecken will, da kann er’s nicht mehr. Nie mehr in seinem Leben, konnte er einem anderen Wesen ein Leid zufügen. Nie mehr, solange der Strohhalm von der Krippe des Kindes in seinem Pelze hing, konnte er jemandem wehetun. Eine schöne Geschichte. Das Kind in der Krippe verändert uns. Es verändert auch unsere Wolfsnatur. Wir spüren, dass mit dem Anblick dieses Kindes etwas neues möglich geworden ist, dass es möglich geworden ist, im Zusammenleben nicht mehr Wolf zu sein sondern Mensch zu werden, ein Mensch wie Gott ihn gewollt hat, dass es möglich geworden ist einander zu vertrauen und mit Güte zu begegnen.

Trotzdem war mein zweiter Gedanke zu dieser Legende: Wie der Wolf das Ende seiner Wolfsnatur wohl überlebt hat? Das erzählt die Legende nicht mehr. In dieser Frage kommt das Bedrohliche nicht nur dieser Geschichte sondern auch der Weihnachtsbotschaft zum Vorschein. Und die Veränderungen, die mit dem Kind in der Krippe auf uns zukommen sind bedrohlich. Wenn der Wolf kein Wolf mehr ist, wenn der König unter den Armen geboren wird, wenn Gott uns Menschen nahe kommt, wenn die Engel vom Frieden auf Erden singen, was ist dann mit denen, die vom Krieg leben? Was ist mit denen, die von der Ausbeutung der Armen leben? Was ist mit uns selbst und unserer Wolfsnatur, wenn wir nicht mehr beißen können? Sind wir dann nicht den Wölfen, die noch beißen können, hilflos ausgeliefert? Vielleicht machen wir so eine sentimentale Geschichte aus Weihnachten, damit wir uns den Folgen der Weihnachtsbotschaft nicht stellen müssen, damit wir uns sagen können. Ja, ein paar Tage Liebe und Frieden auf Erden, das reicht jetzt. Und nach den Feiertagen gehen wir wieder zur Tagesordnung über, weil immer Weihnachten, das würde ja niemand aushalten. Und doch brauchen wir Weihnachten heute dringender denn je. Und doch brauchen wir wenigstens einmal im Jahr die Botschaft vom Frieden auf Erden und der Liebe unter den Menschen. Aber sie bleibt unvollständig, wenn sie nicht weitergeht, wenn sie nicht Folgen hat. Das Kind in Krippe ist eines Tages erwachsen geworden. Nach 28 Jahren ist es zur Hoffnung für viele geworden, weil es die Menschen heilt und die Nähe Gottes zeigt. Dreißig Jahre später ist es der Mann am Kreuz. Und weitere drei Tage später der auferstandene Christus. So geht die Geschichte weiter. Und in diese Geschichte können wir uns hineinbegeben. In dieser Geschichte können wir auch nach Weihnachten weiterleben. In dieser Geschichte lebend verändert sich unsere Wolfsnatur. In dieser Geschichte lebend bekommen wir auch die bedrohlichen Seiten dieser Veränderung zu spüren. Wir erfahren, dass es nicht so einfach ist jemand mit Wohlwollen zu begegnen, der mich gebissen hat, dass es nicht so einfach ist, die eigene Unzulänglichkeit und Unsicherheit auszuhalten, ohne um sich zu beissen. Wenn wir in dieser Geschichte zu leben versuchen, dann werden wir auch immer wieder an ihr scheitern, und die alte Wolfsnatur wird wieder zum Vorschein kommen. Und gerade dafür brauchen wir Weihnachten und die Botschaft von der Liebe Gottes zu uns Menschen und die Hoffnung auf Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Gerade wenn wir erkennen, dass aus uns selbst dieser Friede und die Liebe nicht kommen. Und so schleichen wir wie unser Wolf um die Krippe, und hoffen einen Blick auf das göttliche Kind zu erhaschen. Und dann geschieht es, dass das Kind uns ansieht. Und das Wunder ist da! Die Angst ist verschwunden, und es kommt wie aus dem Nichts ein neuer Mut zum Leben und eine neue Freude an dem Leben, das Gott mir geschenkt hat. Die Schuld, die mich in alten Abhängigkeiten festgehalten hat, ist vorbei. Neue Wege tun sich vor mir auf. Wer überarbeitet ist, findet zur Ruhe, wer sich immer abgelehnt gefühlt hat, findet Anerkennung. Das Neue geschieht. Wie der Strohhalm am Pelz des Wolfes hängen geblieben ist, so bleibt von der Begegnung mit göttlichen Kind ein Licht in unseren Herzen. Gottes Segen geht mit uns in unseren Alltag und verändert uns. Unsere Tage werden erfüllt von diesem Glanz: Gott ist auf die Erde gekommen. Wir werden anders mit unseren Mitmenschen umgehen können. Wir werden anders auf unsere Mitmenschen zugehen können mit der Erinnerung an diesen Blick des Kindes. Gottes Segen geht mit uns, und führt uns zu denen, die uns brauchen.

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