Ein gesunder Glaube

Liebe Gemeinde,

ist unsere Gemeinde gesund? In dem Predigttext, den wir gerade gehört haben, wird deutlich, dass sie dann gesund ist, wenn wir gastfreundlich und einladend zu allen Menschen sind, die unseren Gottesdienst besuchen. Das gilt für M., den wir heute in unsere Gemeinde aufgenommen haben ebenso wie für die beiden Täuflinge A. und K. mit ihren beiden Familien und Gästen. Als regelmäßige Gottesdienstbesucher machen wir uns oft nicht hat klar, wie unser Verhalten auf neue Besucher wirkt. Lassen sie mich deswegen eine Geschichte erzählen, die uns die Folgen unseres Handelns deutlich vor Augen führt (Axel Kühner, Überlebensgeschichten. 27. Oktober: Nie wieder …):

Ein Pfarrer hat einen Mann zu beerdigen, der über 60 Jahre keine Kirche mehr betreten hatte. Von den Angehörigen erfährt er eine traurige Geschichte. Der Mann war eins von vielen Kindern einer armen Familie, Nur mit Mühe und Not konnten die Eltern die zahlreichen Kinder durchbringen. Als Zehnjähriger wurde der Junge zum Kindergottesdienst eingeladen. Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er biblische Geschichten und fröhliche Glaubenslieder. Er sang begeistert mit und hörte gebannt auf die Erzählungen von Jesus. Nach dem Gottesdienst nahm ihn die Leiterin beiseite: "Junge, komm bitte mit diesen zerrissenen Alltagskleidern nicht wieder. Wir sind doch hier im Hause Gottes!" Der Junge blickte verschämt an seinen geflickten Sachen herunter auf seine nackten, dreckigen Füße und antwortete leise: "Nie wieder will ich es tun, nie wieder …!" Und das hat der Mann durchgehalten, bis er nun aufgebahrt in der Kirche lag.

Im Grunde ist auch dieses Erlebnis keine Entschuldigung für seine Abwendung vom Glauben. Aber wie anders wäre wohl sein Leben verlaufen, wenn die Kindergottesdienstleiterin den Jungen damals in die Arme genommen und zu ihm gesagt hätte: "Junge, ich freue mich, dass du gekommen bist. Jesus hat dich ganz lieb. Komm doch bitte wieder, du bist hier immer willkommen!"

Ob uns bewusst ist, welche Verantwortung wir mit unserem Verhalten und Reden für andere Menschen und ihren Lebens- und Glaubensweg haben? Wir können nur hoffen und ringen, dass wir gesunde Gemeinde sind und keinem Menschen im Wege stehen, zum Glauben an Jesus zu finden.

Vor sechzig Jahren war unsere ganze Gesellschaft krank. Heute vor sechzig Jahren wurden die letzten jüdischen Mitbürger aus Hardheim weggebracht und so gegen Gottes Gebote verstoßen. Der einzige Grund, warum sie verfolgt und oft auch getötet wurden, war ihr jüdischer Glaube. Darum wird heute nach dem Gottesdienst, 11.30 Uhr im Schlossgarten eine Tafel enthüllt, die an die Verschleppung der Hardheimer Juden erinnert.

Heute kann sich fast jeder ordentliche Kleider leisten und mit ihnen in den Gottesdienst kommen. Und auch im Umgang mit unseren jüdischen Mitbürgern sind heute die Meisten feinfühliger geworden. Bei uns sind es andere Dinge, die Schwierigkeiten bereiten können. Begrüßen wir den Asylbewerber genauso freundlich wie den, der schon lange in Hardheim wohnt? Hat der- oder diejenige, deren Fehler man kennt, seinen Platz neben dem "ehrenwerten" Bürger, ohne dass sie krumm angesehen werden. Begrüßen wir Menschen, die schon lange nicht da waren mit vorwurfsvollen Worten oder freuen wir uns, dass sie wieder kommen. An diesen Punkten entscheidet sich heute, ob wir die Gebote Gottes einhalten und zur einladenden Gemeinde werden. Drei Menschen sind es, die heute neu zu unserer Gemeinde dazukommen:

M. hat es vorhin in seiner persischen Muttersprache vorgelesen: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten." Aus meiner Liebe zu Gott entspringt die Liebe zu meinen Mitmenschen und das bedeutet auch, dass ich sie gerecht behandle und nicht den einen dem anderen vorziehe. Ein Glaube, der sich von der Liebe Gottes prägen und korrigieren lässt, ist ein gesunder Glaube. Das wird auch auf dem Bild vorne deutlich, auf dem sich die drei Kirchen die Hand geben. Dort, wo die Liebe zu Gott und zu Jesus Christus im Mittelpunkt steht, da spielen Volks- und Kirchengrenzen plötzlich keine Rolle mehr. Die gemeinsame Mitte in Jesus Christus schafft hier die Basis, den anderen als Schwester und Bruder anzunehmen. Der Herr Jesus, das ist auch der Schlüssel für unser Verhältnis zu unserer katholischen Schwesterkirche. So wie es im Gottesdienst keine Ehrenplätze gibt, so gibt es für die verschiedene Kirchen im Reich Gottes keine Ehrenplätze. Wir dürfen als Geschwister gemeinsam und gleichberechtigt vor Gott treten!

A. hat bei der Taufe den Taufspruch mit auf den Weg bekommen: "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen." (Psalm 91,11) Hier ist von dem Lebensweg die Rede. Gottes Gebote sind die Verkehrszeichen auf dem Weg von A. Spaßhaft sage ich gern: "Ich darf nicht schneller mit dem Auto fahren, als mein Schutzengel fliegt." Wenn ich die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht beachte, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn der Strafzettel im Briefkasten und die Punkte in Flensburg da sind oder ich gar von der Straße abkomme. Gott möchte A. beschützen und das geht am Besten, wenn A. auf seinem Lebensweg Gottes Gebote beachtet und sich an sie hält. K. hat bei der Taufe den Taufspruch auf den Weg bekommen: "Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir." (Psalm 139,5) Gebote Gottes sind der Schutzraum, in der K.s und unser Leben gelingen kann. Hier wird ein Raum gegeben, in dem er Geborgenheit erfahren kann. Der Segen Gottes zeigt sich nicht so sehr an unserem Erfolg, an unserer Gesundheit oder an unserem Glück. Das Wirken Gottes wird dann sichtbar, wenn wir trotz Schwierigkeiten und Scheitern an dem Glauben an diesen Gott festhalten und seine Nähe spüren. Wie oft höre ich den Satz "Hauptsache gesund". Dieser Satz ist unvollständig, er muss eigentlich heißen: "Hauptsache ein gesunder Glaube an Jesus". Gesund wird der Glaube von K. dann sein, wenn er sich an den Geboten Gottes orientiert. Beiden Taufeltern will ich die Zusage Gottes in Taufspruch und Bild mitgeben. (überreichen)

Am Ende will ich noch eine Geschichte aus der jüdischen Weisheit erzählen, die uns den rechten Umgang mit unseren Gästen zeigt: (Axel Kühner, Hoffen wir das Beste. 25. Mai: Gäste ohne Unterschied):

Als der berühmte Rabbi Jizchak sich in Kinzk aufhielt, wurde er von einem sehr reichen Mann der Stadt in sein Haus eingeladen. Der Gastgeber bereitete voller Stolz für den hohen Gast einen besonderen Empfang. Er ließ Teppiche auf den Treppenstufen auslegen und eine Festbeleuchtung installieren. Als Rabbi Jizchak das alles sah, wollte er nur in das Haus des reichen Mannes eintreten, wenn der ihm verspreche, fortan jeden anderen Gast, wie unangesehen er auch sei, mit dem gleichen Prunk zu empfangen. Das aber konnte und wollte der nicht versprechen, und so musste er wohl oder übel sein Haus wieder in den alltäglichen Zustand versetzen, um den Rabbi als Gast empfangen zu können.

Lasst uns eine solche gesunde Gemeinde werden, die alle Menschen, die zu ihrer kommen, um Jesus willen freundlich und herzlich in ihrer Mitte aufnimmt.

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