Ein Geschenk Gottes

Liebe Weihnachtsgemeinde,

ich freue mich, dass wir heute alle hier in dieser Kirche uns versammelt haben, um miteinander zu singen, zu beten und das Wort Gottes für diese Heilige Nacht zu hören. Für mich selbst ist der Heilige Abend so etwas wie ein Zielpunkt der ganzen vorweihnachtlichen Zeit, ein Zielpunkt der Adventszeit – und für mich war es immer, weil ich das Glück habe aus einer Familie zu kommen, in der man mit Liebe und Bedacht die Weihnachtszeit begangen hat, – für mich war es also immer ein schönes Fest, einer der Höhepunkte des Jahres. Als Kind stand freilich vornan die Möglichkeit, Geschenke zu bekommen, aber – und ich glaube, da übertreibe ich nicht – aber auch das Beisammensein in der Familie und den festen und festlichen Ablauf des ganzen Abends.

Auch die Kirche gehörte dazu, die wiederkehrende Geschichte von Jesu Geburt, das etwas fremde und geheimnisvolle Reden des Pfarrers oder der Pfarrerin über ein Geschenk, welches unsere Geschenke, die wir unter dem Weihnachtsbaum auspackten, noch übersteigen sollte. Noch dazu das Singen, die volle Kirche, die Kälte draußen. Mit dem Älterwerden kam noch anderes hinzu: das gute Essen, der gute Tropfen dabei und für mich das allmähliche Begreifen und Erahnen mit dem Verstand, was mir mein Gefühl schon früher mitgeteilt hatte: dass in der Botschaft von diesem vor 2000 Jahren geborenen Juden eine Kraft und eine Macht steckte, die bis heute Leben verändert, Wunden heilt und den Blick freigibt auf eine Wirklichkeit, die unsere anfassbare Wirklichkeit unendlich übersteigt. Mein Weg ging weiter in diese Richtung, begreifen zu wollen, warum Weihnachten nicht das Ende z.B. eines Jahres oder eines Wartens ist, sondern Weihnachten der glanzvolle Beginn ist in einer Geburtsgeschichte mit Engeln und Krippen, mit hellen Sternen und mit etwas, was anscheinend auch heute noch fähig ist, Menschen zusammenzuführen und in ihnen etwas auszulösen. So durfte ich entdecken, dass etwas vom Glanz dieses Festes, vom Glanz und der Freude dieser Heiligen Nacht bleibt und wirkt in das
Leben hinein, auch wenn die Bäume wieder abgebaut, die Kerzen verschwunden, die Krippe verpackt und der Kopf der Menschen schon längst wieder woanders ist. Von diesem Geheimnis zu erzählen, von dieser Wirklichkeit der Freude und der Liebe zu reden, von der Macht und der Stärke Gottes zu künden, das ist ein Anliegen des christlichen Glaubens – ein Anliegen der Menschen, die von Gott bereits etwas erfahren haben in ihrem Leben.

So predigen wir über diese Erfahrungen von Menschen, die gesammelt vorliegt in dem Buch der Bibel und zur Grundlage vielfältiger Auseinandersetzung mit Gott geworden ist. Auch heute abend hören wir einen Abschnitt aus diesem Heiligen Buch, ein Wort aus dem Titusbrief im zweiten Kapitel, die Verse elf bis 14. Im Urtext, im Griechischen, ist es nur ein einziger Satz, der übersprüht und überquillt von der Freude des Schreibers über seine Erfahrungen. Wir heute abend nehmen uns die Freiheit und packen diesen Satz in einzelnen Stückchen aus, wie ein Geschenk an uns zum Heiligen Abend.

Und wie das so ist mit Geschenken: es ist für jeden etwas dabei in der Familie und ich lade jeden von Ihnen ein, zu hören, welches Stück für ihn oder für sie heute das Stück ist, das Ihr Leben anrühren möchte. Nehmen wir also den golden umwickelten ersten Teil heraus, denn er liegt im Päckchen obenauf, als ob er alles nachfolgende mit seiner Präsenz bestimmten wollte: "Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen". Allen Menschen, liebe Weihnachtsgemeinde gilt diese Zusage der Gnade Gottes. Sein Angebot und noch mehr: der Wille zur Durchführung, dass allen Menschen geholfen werde, ist in diesem kleinen Kind erschienen. Deswegen der Stern, die Lichter, deswegen die ärmlichen Verhältnisse im Stall. Nicht nur den Reichen und Mächtigen, nicht nur denen, die Geld und Einfluss haben, um Medikamente, Absicherungen, Sozialleistungen, Luxus und Annehmlichkeiten zu kaufen, ist er erschienen, sondern auch – oder besser, besonders in unserer Welt: gerade denen, die das alles nicht haben, nicht können; denen, deren Leben kaputt, krank, verpfuscht, einsam, hoffnungslos oder banal erscheint: gerade denen ist er erschienen, um zu sagen: Gott hat dich gemeint und er wird dich erreichen! Deswegen stehen Ochse und Esel im Stall: schon damals galten die beiden nicht als die klügsten Tiere auf Erden – als Bild will es sagen: sogar die haben´s begriffen: mit diesem Kind nimmt der Welten Lauf eine gute, weil heilsame Wendung. Dieses Geschenk liegt obenauf, weil es zeigt: das ist der Sinn von Jesu Geschichte – das ist der Sinn des Christentums überhaupt: zu unterstreichen, dass Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der Allmächtige, der Gebieter über Leben und Tod – derjenige, neben dem nichts anderes Bestand und Geltung hat: dass derjenige uns Menschen zusagt und verspricht: siehe, ich mache alles neu – siehe, ich will ich mit meiner Liebe zu mir ziehen! Mit diesem Blick nehmen wir die nächsten Stücke aus unserem Geschenkkarton und greifen das in Silber verpackte und hart glänzende Teil heraus: "Und Gott nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden".

Der Zuchtmeister, liebe Weihnachtsgemeinde, ist die Luther-Übersetzung des griechischen Wortes "Pädagoge", welches wir alle ken
nen. Wir kennen auch die Pädagogen überhaupt, als Lehrerinnen und Lehrer, als Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten oder bei Jugendlichen, in Sozial- oder Fortbildungsarbeit. Die meisten von denen, die ich kenne, sind gute Pädagogen, denn sie tun etwas um der Kinder und Jugendlichen willen: sie wollen sie führen und begleiten, fördern und fordern im Blick auf ein Ziel, das sein Erreichen wert ist. Diese Arbeit wird bei uns heute oft unterschätzt, denn viele glauben, das Erziehen sei eine Dienstleistung, die ich mit Geld kaufen könnte, so etwa wie das Haarschneiden: ich zahle einen Betrag und wenn mir der Schnitt oder anderes nicht passt, kann ich sagen: das war keine gute Arbeit. Diese Pädagogen aber haben als Material nun eben mal Menschen, die nicht einfach knet- und formbar sind, mit Gel oder Stylischer in den rechten Halt gebracht, sondern Menschen, die eine Geschichte von zu Hause mitbringen, mit Wünschen, Ängsten und Hoffnungen. Pädagogen wollen mit ihnen zusammen arbeiten, sie darauf hinweisen, wie diese Menschen selber Schritte unternehmen können, um auf den richtigen Weg zu kommen. Genau das will uns das Bild sagen: wie wir leben können als Christen in dieser Welt, indem wir begreifen, dass wir mehr sind, als nur von dieser Welt und es deswegen keinen Sinn macht, sich an das Weltliche zu hängen, als ob unser Seelenheil davon abhinge. An diesem silbernen Geschenk-Teil hängt mit einem Band noch ein kleiner Umschlag, so als ob beides nur in Kombination zu haben wäre: er ist grün wie die Hoffnung, mit rotem Band umschlungen, wie die Liebe und das Feuer des Heiligen Geistes. Wir öffnen es und lesen: "Gott will, dass wir besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes".

Besonnen und gerecht sollen die Christen auf dieser Erde sein. Besonnen heißt, wie von der Sonne beschienen. Weil wir nicht mehr im Dunkeln tappen und mit Händen tasten müssen, wo wir doch nicht sehen können, sondern weil wir beschienen sind vom goldenen Licht des ersten Geschenkteiles: Gottes Gnade ist uns zugesagt – gerade deswegen sind wir in der Lage, anders zu leben – auch wenn wir es nicht immer schaffen, weil das Dunkel beständig nach uns greift und uns gerne verschlingen möchte. Aber es gibt sie, die Christen, die leuchten in der Welt: Menschen die etwas bewegt haben, weil sie bewegt worden sind: Martin Luther King, Mutter Teresa, Albert Schweitzer, Johann Sebastian Bach, Lech Walesa und viele andere: und es gibt tausende und abertausende, deren Namen nie einen solchen weltlichen Ruhm erfahren werden und die doch genauso leuchten, weil sie von Gottes Sonne beschienen worden sind: ein Engel Gottes an meiner Seite, vielleicht in Gestalt der Nachbarin, die fürsorgend sich um die alte, kranke Dame kümmert; vielleicht in Gestalt eines Lehrers, der seinen Schülern nachgeht und hilft, weit über sein Stundenmaß hinaus. Blicken Sie in die Welt hinaus und sie werden diese Menschen finden: besonnen und um Gerechtigkeit bemüht. Fromm werden sie genannt, weil sie um die Sonne, die sie bescheint Bescheid wissen. Und wie sie nun beten, zu ihrem Gott: das ist egal: laut singend, mit den Armen nach oben; still und schweigend, herausfordernd und fragend – Gott wird es verstehen. Sie alle verbindet die Hoffnung auf das Erscheinen der Herrlichkeit des großen Gottes. Ihre Taten sind nicht um des Zeitungsberichts willen geschehen oder um ein gute-Taten-Punktekonto anzufüllen. Sie sind geschehen, weil sie die Hoffnung in Gott eint, auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit herrscht. Nehmen wir das letzte Stück aus dem Karton: es liegt zu unterst, wie als guter Grund für all unser Reden und ist verpackt in strahlendes Weiß: hier leuchtet die Freude durch, die uns alle verbindet: "Unser Heiland Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken." Aus dem Knaben, dessen Geburt wir heute feiern ist ein Mann geworden, den wir als Gottes Sohn glauben. In ihm erkennen wir Gottes Wesen – das Gold des ersten Geschenk-Teils kann leuchten, weil es von diesem Weiß erhellt ist. Deswegen glauben wir in Jesus den Weg, die Wahrheit und das Leben. Er sitzt zur Rechten Gottes und wird einst kommen, um die Hoffnung umzusetzen und wir werden Gott schauen von Angesicht zu Angesicht.

Weihnachten ist das Fest der Freude – aus gutem Grund, will ich meinen. Ich wünsche Ihnen, dass sie diese Geschenke heute mit nach Hause nehmen können, dass Sie sie aufbewahren in Ihren Herzen, damit sie Sie tragen und halten in dem neuen Jahr, welches vor uns liegt.

Und der Friede Gottes, der uns Geschenk sein will zu allen Zeiten des Jahres, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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