Ein Geist der Liebe

Liebe Festgemeinde,

zuerst, ich muss es zugeben, wollte die pfingstliche Begeisterung bei mir sofort schwinden, als ich las, welcher Predigttext uns für den heutigen Sonntag aufgegeben ist. Zu einem Dorffest mitten im Mai, so mein Eindruck, passen Worte wie "Gesetz, Sünde, sterbliche Leiber und Tod" ganz und gar nicht. Über "fleischlich" und "geistlich " zu reden, bei einem so irdischen Fest, das schien mir zu schwierig. Also schob ich die Predigtvorbereitung vor mir her, zumal ich ziemlich erkältet war und bin, und befasste mich mit etwas anderem.

"Gesundheit kommt von innen", heißt der Titel eines druckfrisches Buch, das mir gerade zugeschickt worden war. Darunter steht vielversprechend " Wie wir unsere Lebenskräfte befreien". Interessiert begann ich die Lektüre – den Satz des Apostels Paulus noch im Sinn: so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Natürlich war von Paulus oder vom Heiligen Geist dann im Buch doch nicht die Rede. Ein Schweizer Psychonanalytiker hat sich eine Menge Gedanken darum gemacht, was die heutigen Menschen krank macht. Er beginnt mit Ausführungen über "Lebenswunsch und Todesangst". Das "Kräftefeld des Lebens" zeichnet der fleißige Arzt mit einem Schaubild auf: Links stehen "schützende Lebenskräfte", die Gesundheit fördern und erhalten, rechts "krank machende Belastungen", die die Gesundheit bedrohen und zerstören. Und eine Passage am Anfang lang ganz gut: "Es kommt offenbar nicht primär darauf an, wie viel Erfüllung in der Liebe, wieviel sexuelle Befriedigung, wieviel Geld, wieviel beruflichen Erfolg man hat. Entscheidend ist viel mehr, von innen her zufrieden zu werden, im Leben das zu entdecken, was das Eigene ist und dieses Eigene hoch zu besetzen und mit ganzer Intensität zu leben. Gesundheit ist nicht gleich Glück. Gesundheit ist eine positive Art, in Bewegung zu sein."

Ich habe das Buch, über 300 Seiten dick, zu Ende lesen müssen, weil ich eine Besprechung schreiben sollte – aber bei allen richtigen Beobachtungen, die ich darin fand, dachte ich am Schluss: "Das kann ja wohl nicht alles gewesen sein". Ich habe zwar erfahren, dass Gesundheit nicht Glück ist, aber was meine eigentlichen Lebenskräfte sind, darauf fehlte mir die Antwort. Unter anderem zitiert der Schweizer Therapeut Lenin "Man kann nicht zugleich in der Gesellschaft leben und frei von ihr sein" und fordert gemeinsamen politischen Kampf zwecks Befreiung der Lebenskräfte. Das ist bekanntlich schon öfter schiefgelaufen.

Gleichzeitig zu dem Buch habe ich den Römerbrief des Apostels weiter studiert, speziell die Kapitel, in denen es um Freiheit geht. "Freiheit vom Tod" ist zum Beispiel der zentrale Gedankengang des achten Kapitels, dessen Anfang unser heutiger Predigttext ist. Freiheit vom Tod – eine ganz alte Sehnsucht. Genau diese Sehnsucht danach ist es wahrscheinlich, die solchen Gesundheitsbüchern wie dem eingangs zitierten Massenauflagen beschert. Manches ist ganz aktuell: Kritik beispielsweise an dem offiziellen Gesundheits- und Fitness-Trend, der dem Menschen die ganze Verantwortung für sein Gesundsein, Schönsein und Erfolgreichsein aufbürdert und damit auch die Verantwortung für sein Scheitern.

Harte Kritik fand ich in dem Buch auch an der völlig körperorientierten Spaßgesellschaft: "Spaß an der Leistung, Spaß am Reisen, Spaß am Sex. Nur noch machen, was Spaß macht – das scheint die gesunderhaltende Devise zu sein. Wer so nicht leben kann ist, selbst schuld, wenn er krank ist", das sei die fatale Botschaft des Zeitgeistes. Dieser Tage hörte ich übrigens im Radio, dass sich sogar eine große politische Partei "mehr Spaß" ins Programm geschrieben hat. Irgendwo hört der Spaß dann doch auf … Im heutigen Predigttext finden wir die Gegenüberstellung von fleischlicher und geistlicher Gesinnung 5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt.

Der Gesundheits-, Schönheits- Spaß- und Fitnesstrip scheint mir die "fleischliche Gesinnung" pur. Übrigens sind wir vom Rom der Zeit, in der Paulus seinen Brief schrieb, mit solchem Kult nicht weit weg. Auch damals leistete sich die Oberschicht eine Spaßgesellschaft sondergleichen, ich denke nur an die Orgien, deren Schilderungen uns überliefert sind. Und wer dafür zu arm war, wurde mit "Brot und Zirkusspielen" abgespeist und ruhig gehalten. Das mit solcher Lebensart etwas nicht stimmen kann, fiel damals Menschen auf, die nach anderen Zielen suchten – und die die Botschaft von Jesus Christus begierig aufnahmen. 6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. "Gesundheit kommt von innen", das predigt also auch Paulus, aber innen muss ja erst einmal etwas sein. Und das kann nicht aus uns selbst kommen, das kommt von ganz oben.

Das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Das ist die frohe Botschaft, die Paulus deutlich macht. Ich möchte hier, mitten auf einem Dorffest, bei dem fröhlich gefeiert wird, beileibe keine Predigt gegen Spaß halten. Feiern gehört zum Leben, es bedeutet Gemeinschaft, Liebe und Toleranz. Jesus Christus selbst hat gerne im Kreis seiner Freunde gefeiert und sich immer wieder mit den "Gesetzeshütern", die damals Schriftgelehrte hießen, angelegt, wenn die ihn und seine Jünger deshalb kritisierten. "Leben wie Jesus" bedeutet durchaus auch, der Freude im Leben einen Platz einräumen und mit Gästen an einem langen Tisch zusammen sitzen, Freude teilen wie essen und trinken, wie Brot und Wein. Auch das ist "geistlich sein".

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. 2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes, das heißt doch durchaus leben, froh sein und feiern, und zwar ohne Angst vor Strafe. Christus ist Mensch gewesen und hat alle Höhen und Tiefen des Menschseins für uns durchgelebt, sein Tod und seine Auferstehung hat uns ein für allemal frei gemacht. Wir feiern heute Pfingsten. Das ist der Geburtstag der Kirche. Aber was wäre eine solche Geburtstagsfeier, wenn wir nicht den feiern würden, auf den sich die Kirche gründet: Gott, der uns seinen Geist als Tröster, als Verteidiger, als Helfer und Fürsprecher, geschickt hat? "paraklhtos", das griechische Wort, mit dem Jesus den Heiligen Geist ankündigt, bedeutet all dieses. Dieser Geist ist es, der uns von innen her lebendig hält. Er kommt direkt von oben direkt in unser Herz. So würde ein Buch, das ich über Gesundheit schreiben sollte, möglicherweise heißen :"Gesundheit kommt von oben – wie unsere Lebenskräfte befreit wurden".

10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. 11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Schade, dass wir das so oft vergessen. Nur Spaß alleine – da bliebe jedes Fest an der Oberfläche und hohl. Das ist so, wie wenn man den Begriff "Glück" auf Lotteriegewinne beschränken würde, so erfreulich ein überraschender Geldsegen sein mag. Wirkliche Freude ist etwas anderes.

Ich denke an die Pfingstgemeinde, die da versammelt war wie jetzt hier die Menschen beim Dorffest. Und als Gottes Geist über sie kam, verstanden sie einander, obwohl sie ganz unterschiedliche Sprachen hatten. Wir sprechen zwar alle die gleiche Sprache, aber wie oft sind wir dennoch unfähig, einander zu verstehen? Eine ganze Menge Unfrieden, auch zwischen Nachbarn, entsteht doch aus Missverständnissen, daraus, dass wir einander nicht richtig zuhören. Und dann wird gar nicht mehr miteinander gesprochen. Der Nachbar oder Verwandte ist für uns "gestorben". Feste sind eine gute Gelegenheit, Gräben zu überbrücken und wieder zueinander zu finden. Gottes guter Geist hilft uns dabei.

Es ist ein Geist der Liebe, den Gott uns geschickt hat. Wer weiß, was Liebe ist, wird auch wissen, dass Liebe wie die wahre Freude ohne Leiden nicht möglich ist. Nur, wer durch die Tiefen gegangen ist, weiß die Höhen überhaupt zu erkennen. Wer nie krank war, wird Gesundheit nicht als Geschenk empfinden, und wer ängstlich am Leben klebt, leugnet, dass es noch etwas gibt, das über den Tod hinaus reicht. Wir feiern zu Pfingsten nicht nur den Geburtstag der christlichen Gemeinden. Wir feiern auch, dass Gott sein Versprechen, das uns Jesus Christus vermittelt hat, gehalten hat: Uns nicht alleine zu lassen, sondern uns mit seinem Geist einen Fürsprecher, Tröster und Anwalt zu geben. Dieser Geist lebt in uns, die wir durch die Taufe zu denen gehören, denen Erlösung zugesagt ist. Und er wird uns so reichlich geschenkt, wenn wir darum bitten, dass wir nicht ärmer werden, wenn wir ihn teilen und weitergeben an andere, die uns – vielleicht hier und heute – begegnen. Dass wir auch andere be-geistern können für die Hoffnung, die uns erfüllt, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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