Ein fester Glaube

Silvester/Neujahr: Tage des Rückblicks = Tage des Zorns und der Dankbarkeit. Tage auch der Hoffnungen und Ängste. Abschluss und Neuanfang werden getrennt durch ein weiter Rücken des Sekundenzeigers.

Dazu die neue Jahreslosung: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. (Jesaja 12,2). Mir persönlich ist diese Losung etwas zu triumphierend geraten. Aber in der Sache ja richtig. Und vielleicht will diese Losung mir ja auch Mut machen, das zu glauben, dass ich in allen Zweifeln, allen Ängsten und allem, was mich und meinen Glauben bedrängt nicht verloren bin. Ich merke immer wieder, wie ich diesen Mut brauche, der mir hilft, allen Widrigkeiten des Leben zu widerstehen. Ich brauche einen festen Glauben und doch wird er mir manchmal so unsagbar schwer. Der Predigttext zum Jahreswechsel will mir da wohl weiter helfen. Er stammt aus einer Zeit, in der allein das Bekenntnis zu Christus dem Herrn lebensgefährlich war – Christenverfolgungen – Damals, als das Glaubensbekenntnis so gefährlich war, wie heute vielleicht noch in einigen wenigen islamischen Staaten, bekannten Menschen ihren Glauben:

[TEXT]

‚Gestern und heute und für alle Zeiten ist er immer derselbe‘. Diese Formel wird gerne eingemeißelt oder in Bronze gegossen. Sie wird aber erst dann zu einem wichtigen Satz, wenn ich sie fülle, wenn ich sie lebe, wenn ich sie mir von seinem Geist erfüllen lasse.

Was bedeutet das in meinem Leben, dass Jesus der Herr ist? Um diese bedrängende Frage geht es ganz persönlich: Was bedeutet es, dass du getauft bist, dass du heute im Gottesdienst bist? Welchen Glauben lebst du da eigentlich? Dass der eine feste Glaube immer wieder neue Antworten finden muss, haben wir im vergangenen Jahr ja schmerzlich erlebt. Als alle einfachen Antworten nicht mehr weiterhalfen gegenüber einem Krieg, der unfassbar war. Klar war, dass ein Terror dieser Art nicht hingenommen werden konnte – und auch klar, dass der Krieg des Staates Afghanistan gegen die eigene Bevölkerung längst im vollen Gange war. Trotzdem: eine eindeutige Antwort zu geben war vielleicht unmöglich, aber sie musste sein. Denn klar war auch, dass die Wahrscheinlichkeit eines Weltkrieges nicht von der Hand zu weisen war. Welche Antwort auch immer jeder einzelne von uns gegeben hat, weiß ich nicht. Ich ahne nur welch harte Kämpfe, welch hartes Ringen nicht nur im Parlament, sondern gerade im Herzen eines jeden Christenmenschen vor sich gegangen sind. Ich denke, das gehört zum Glauben dazu, dass sich nicht immer einfach.

Alles ist im Fluss, auch der christliche Glaube. Auch wenn sein Inhalt derselbe bleibt: Jesus Christus, sind seine Auswirkungen doch immer verschieden, natürlich auch von widerchristlichen Einflüssen abhängig. Wer wollte zum Beispiel bestreiten, dass es bei den DC auch fromme Leute guten Willens gab, die gar nicht merkten, wie missbraucht sie waren.

Jesus Christus bleibt derselbe auch wenn die Zeiten andere werden. Das musste damals zu Zeiten des Hebräerbriefes scheinbar betont werden in eine konkrete Situation, in der Gemeindeleiter sterben und die Wiederkunft Christi nicht in Sicht ist. Für Christinnen und Christen der zweiten und dritten Generation waren die Ereignisse nicht so einfach einzuordnen.

Er bleibt derselbe, der er vor der Zeit gewesen ist und auch nach der Zeit noch sein wird – und er bleibt darum auch heute aktuell.

Neben dieser festen Glaubensaussage stehen die Warnungen vor den schillernden und exotischen Lehren. Es besteht wohl konkrete Gefahr von allerlei umherschwärmenden Sektierern, die mit einer faszinierenden bunt schillernden Lehre die Menschen verwirren. Dagegen wirkt Gottes Gnade: sie schenkt ein unerschrockenes Herz. Gegen welche seltsamen Irrungen und Wirrungen kann mich heute Gottes Gnade schützen?

Die Gefahr dieses Textes bleibt darin, dass man ein Wort, das in die Zeit geschrieben ist, zu einem Objekt der eigenen Ideen und Methoden macht, anstatt dass das Wort das Subjekt bleibt. Ziel ist die Ermutigung, im Glauben zu leben. Ziel ist, im Hier und Heute den umherschwärmenden, faszinierenden, bunt schillernden Irrlehren entgegenzutreten. Gleichzeitig offen zu bleiben für die Frage: Was ist Irrlehre? Was für den Verfasser des Hebräerbriefes noch so einfach war, wird für uns zu einer Belastung. Ich selber muss angemessene Antworten finden. Und oft fehlen objektive Kriterien. Ich spüre, dass ich öfter falsche Entscheidungen treffe, aber in allem wirkt die Gnade Gottes. Was bewirkt sie? Lasse ich sie wirken?

‚In der Ruhe liegt die Kraft‘: Die Kraft zu glauben, die Kraft in Ruhe durchzuatmen und zu wissen: Jesus Christus bleibt bei uns. Seine Treue ist die Konstante in unserem Leben. Natürlich gehört dazu, dass die Welt sich ändert. Mit dieser Änderung kann und will ich leben. Sie fordert mich heraus, immer wieder meinen Glauben in das Hier und Jetzt hinein zu lesen.

Das Abendmahl gibt mir dabei zusätzliche Kraft. Auch es unterliegt der Veränderung. Früher war das Abendmahl nur etwas für Eingeweihte, einstreng abgegrenztes Mahl mit vorheriger Beichte. Später ein Mahl nur für Konfirmierte. Heute eher ein offenes Mahl mit Kindern und Erwachsenen, manchmal konfessionsübergreifend. Ich erinnere auch an Diskussionen (in der Bürgerrechtsbewegung der DDR z.B. ganz existentiell): dürfen Ungetaufte zum Abendmahl? Ist das Abendmahl in seiner einladenden Gestalt nicht besonders dazu prädestiniert, Wege in die Kirche zu öffnen, den eintritt zum Glauben frei zu machen.

Für mich ganz wichtig: in allem ist doch Christus mitten unter uns.

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