Ein Engel in der Wüste

Liebe Gemeinde,

wir stehen am Beginn der Reisezeit im Sommer: die Schulferien haben eben erst begonnen und so manch einer wird sich bald aufmachen, um ein paar – hoffentlich schöne – Tage fern von der Heimat zur Erholung zu verbringen. Nicht, dass man sich nicht auch zu Hause erholen könnte: schön genug haben wir es ja – ganz abgesehen davon jagt ja zur Zeit ein Fest das andere! Nein: das Wichtige beim Verreisen scheint doch die neue Umgebung zu sein – das macht viel aus – dort passiert etwas: Zeit für neue Begegnungen, andere Gedanken, Raum, aus dem alten Trott einmal aufzubrechen und sich inspirieren lassen von fremden Begegnungen.

Im Herbst schließlich wird ein Teil von unserer Gemeinde mit nach Israel fahren und viele werden dort zum ersten Mal die Wüste aus nächster Nähe erleben können. Auch hier ein Faszinosum: die Weite der Steinwüste, das scheinbar tote Stück Erde: tagsüber brennend heiß, nachts hingegen bitter kalt. So für den Menschen eigentlich unwirtlich, ja gefährlich: manch einer ist in der Wüste umgekommen. Dennoch auch eine Gegend, die begeistert, die mich in den Bann zieht: neue Gedanken stellen sich ein; ganz seltsam konzentriert sich die Welt plötzlich auf mich und macht sich trotzdem ganz weit: damals, als ich das erste Mal in der Wüste war, habe ich mich meinem Gott ganz nahe gefühlt und neue Kraft getankt in dieser doch so trostlosen Umgebung.

Diese beiden Arten von Begegnung kommen auch in unserem heutigen Predigttext vor und ich möchte sie ihnen ein wenig näher bringen. Es ist die Geschichte von einem, der auch eine Reise tat und dabei durch die Wüste kam:

[TEXT]

Eine wirklich dichte Geschichte, diese Erzählung von dem schwarzen Finanzminister aus dem Ausland: eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, der Weg zurück durch die Wüste. Enttäuschte Wünsche möglicherweise, unbeantwortete Fragen, verborgene Sehnsucht und verschlossene Zukunft. Dennoch: das Ende und zugleich der neue Anfang in der Taufe: Heilwerden vor Gott und fröhlich, wenn auch immer noch als schwarzer Finanzminister aus dem Ausland, seine Straße weiterziehen.

Ich möchte mit Ihnen zusammen ein paar Ausschnitte dieser Geschichte entlanggehen. Zunächst die Wüste: biblisch gesehen ein bedeutsamer Ort. Die ganze Geschichte Israels ist mit der Wüste verbunden: war das Volk nicht 40 Jahre umhergetrieben, bevor es das gelobte Land erreichen durfte? Floh nicht auch Elia durch die Wüste und hatte dort eine wichtige Gottesbegegnung? "Bereitet Gott eine Steige in der Wüste!": die Ankündigung des Messias! und seine Aufnahme im Neuen Testament: Johannes der Täufer: in der Wüste! – Jesu Fasten: in der Wüste! Wie schrecklich nah liegt dies alles doch beisammen: der Tod und das neue Leben, die Einsamkeit und zugleich die tiefste Ergriffenheit durch Gott. Die Wüste als ein Bild, was Gott gut auszudrücken vermag: die Hoheit, die Macht, die Gefahr und zugleich das Neue Leben, das Gerettetwerden, das heilsame Ankommen. So schon bei den frühen Christen – vielleicht auch so bei uns: ohne Wüstenerfahrung in unserem Leben kein Vorwärtskommen und keine Reifung.

Dann: der Kämmerer! Er jedenfalls war in der Wüste. Und man muss sagen: immerhin! Das ist ein Mann, der es zu etwas gebracht hat: Kämmerer heißt soviel wie "Finanzminister": eine mächtige Stellung, Zugriff zu allem Geld und Gold von Äthiopien – bestimmt hatte er auch viel Macht. Aber etwas hat er dafür hergeben müssen: er ist ein Verschnittener, wie die Bibel sagt, kastriert ist er worden: ein hoher Preis, um in der Nähe der Königin sein zu dürfen. Er ist mit seiner Macht und seinem Amt auf der Höhe des Lebens und kann dennoch kein eigenes Leben hervorbringen. Was lasse ich es mir heute kosten, um zur Machtfülle zu gelangen?

Aber der Äthiopier unternimmt etwas: nämlich eine Wallfahrt zu einem Gott, von dem er sich anscheinend etwas erhofft – soll diese Wallfahrt seine Wunden heilen? Anscheinend kennt er die Bibel – wahrscheinlich wusste er somit auch, was im 5. Buch Mose steht: "Kein Entmannter soll in die Gemeinde des Herrn kommen." So stelle ich mir den schwarzen Reichen vor, wie er vor dem Tempel in Jerusalem steht, an diesen fremden Gott denkt und schließlich wieder umkehrt. Er ist ein Mensch, der zwischen allen Stühlen sitzt: ein Mächtiger im eigenen Land, aber mit einem fremden Gott – in Israel ein Gläubiger mit dem richtigen Gott, aber ohne Zutritt zur Gemeinde. Gibt es für auch mich diese Stühle in meinem Leben, zwischen die ich mich ständig setze?

Was aber tut nun der Finanzminister? Er liest in der Bibel und zwar im griechischen Text – ein bestimmt mühsames Unterfangen. Ich stelle ihn mir vor, wie er sich Satz für Satz erarbeiten muss. Vieles bleibt ihm unklar. Und nun kommt jener Philippus, gesellt sich scheinbar aus dem Nichts zu dem Reichen und hört erst einmal eine Weile zu. Dann fragt er plötzlich: "Verstehst du auch, was du liest?" Unerhört eigentlich: der Mächtige auf seinem Wagen hätte von Standes wegen nicht nötig auf die Gestalt zu hören, die ihm so völlig ohne Ehrerbieten begegnet. Aber auch andersherum: Philippus stellt sich zur Verfügung, trotz der Wüste, trotz der Hitze, trotz des Standesunterschiedes, trotz des Fremden: Philippus hat keine Angst vorm schwarzen Mann!

So kommen beide ins Gespräch: "Wie sollte ich verstehen können?" fragt der Schwarze und es ist klar, dass er damit nicht die Grammatik des Textes meint, sondern sich selbst und sein eigenes Leben: was hat das mit mir zu tun, fragt sich der Reiche auf seinem Wagen und er fragt es ehrlich, ohne Hochmut. Und dann liest er einen Leidenstext aus Jesaja vor und kommt zu der Stelle: haben wir sie noch im Ohr?: "Seine Nachkommen – wer wird sie zählen?" Ich stelle mir vor: er spürt dabei seinen eigenen Schmerz, er liest die Bibel und liest sein eigenes Leben. Trotzdem fragt er Philippus: "Wer ist das? Von wem ist da die Rede?" Dieser schwarze Finanzminister macht es anders als wir Heutigen es oft tun: wir wollen wissen: war es historisch der Schreiber XY oder ein anderer, der den Text so gestaltet hat? Wir fragen nach einer Information. Und wenn wir sie haben, glauben wir, besser zu verstehen. Der Kämmerer aber fragt mit gleichen Worten anders: "Was für eine Macht steht hinter diesen Worten, dass sie meinen Ängsten Sprache verleihen? – Wie kann es sein, dass ein Text, der doch schon so alt ist, von mir und meinem Leben erzählt?"

Und was jetzt passiert ist das Entscheidende: das Gespräch zwischen dem Ausländer und dem Israeliten wird zum Glaubensgespräch und das ist etwas anderes als ein Lehrgespräch: Philippus doziert nicht von Gott und von Christus, er unterrichtet nicht, wie was zu glauben sei. Nein, er bezieht die Geschichte des Finanzministers auf die Geschichte Gottes: er bringt beide zusammen: im Text heißt das: "Philippus aber tat seinen Mund auf und fing an mit diesem Wort der Schrift und predigte ihm das Evangelium von Jesus." Er erzählt dem Fragenden von Gottes Güte und von seiner Gnade, er hört sein Leiden und geht nicht daran vorbei. So wird aus dem toten Buchstaben, den der Mächtige noch zuvor immer und immer wieder im Munde gekaut hatte, plötzlich lebendiges Wasser und das mitten in der Wüste! Wenn ich mir die Begegnung der beiden vorstelle, male ich mir aus, wie sie wohl in der Schrift gelesen haben und Philippus das Buch nach vorne blättert und beim selben Propheten folgende Worte findet: "Denn so spricht der Herr: Den Verschnittenen …will ich in meinem Hause … ein Denkmal und einen Namen geben; das ist besser als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll." Und auf einmal versteht der Kastrierte die Worte der Heiligen Schrift: er versteht sie in seinem Herzen, sie rühren ihn an, sie sind zu seiner Geschichte geworden. So wurde der tote Buchstabe zu lebendigem Wasser und sie fahren weiter auf seinem Wagen und plötzlich kommt eine Wasserstelle und der Mächtige, der einst zwischen allen Stühlen saß ruft aus: "Was hindert´s, dass ich mich taufen lasse." Und Philippus taufte dieses neugewordene Kind Gottes und der Geist Gottes entrückte ihn an eine andere Stelle – vielleicht so schnell, so unerwartet, dass der Reiche denken musste: ich habe wohl einen Engel in der Wüste getroffen, wie einst die Väter des Glaubens vor mir.

Ich denke, liebe Gemeinde, er hat einen Engel getroffen: einen Christen zur rechten Zeit am rechten Ort, einen der hinhört und aufpasst, einen, der Zeugnis gibt, von der Hoffnung, die in ihm ist und der unterscheiden kann zwischen den Worthülsen und dem lebendigen Wasser darinnen. Der mächtige Finanzminister aber zog fröhlich seine Straße.

Und wir Heutigen? Kann uns das heute auch noch passieren? Ja, es kann passieren, aber wir können es nicht erzwingen. Gott sendet Philippus, der Schwarze trifft auf eine Geschichte, die zu ihm sprechen kann, in der Wüste findet sich Wasser und der Geist Gottes beendet dieses Zusammentreffen der beiden Menschen wieder. Kann ich es noch anders sagen? Ich will es versuchen: Nicht Philippus bekehrt den Äthiopier, nicht wir bauen eine Gemeinde auf, nicht Philippus überlegt sich eine Strategie, wie man wohl am besten vom Alten Testament ans Neue anknüpfen kann, nicht wir suchen uns Begegnungen mit Menschen aus, wo wir meinen: die müssten mal was von Gott hören. Es ist der Geist Gottes, der dies an uns Menschen zu tun vermag: an uns schwarzen Ausländern ebenso wie an uns bibelfesten Frommen. In der Wüste des Lebens, in der ich meine staubige Straße ziehe, ist es Gott selber, der mich an die Wasserquelle führt und mir das Geheimnis des Lebens zeigt. Bei Gott liegt deshalb diese letzte Verantwortung für das Leben, diese Erkenntnis bewahrt uns vor dem Hochmut. Was aber bleibt dann uns? Das Beispiel des Kämmerers und des Philippus: das Lesen und das Hören, das sich Vertiefen und das Hingehen – auch das Hingehen auf das Fremde, auf das Andere, das Antworten und das Auskunft geben, das Erzählen vom eigenen Glauben und das Bereit-Sein, wenn man geschickt wird. Auch das Fragen, das erneute Lesen, das ständige Durchgehen und das Verstehen-Wollen wird nicht aufhören. Das bleibt uns als Gemeinde Gottes in der heutigen Zeit. Und wenn wir dann als Philippus und als Kämmerer wieder auseinandergehen, dann wird jeder fröhlich seine Wege ziehen.

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