Ein eigenes Weltbild

Liebe Gemeinde,

es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten die Welt und das menschliche Leben anzusehen und zu beschreiben. Die einen sagen: Das Leben ist ein Kampf, der Stärkere wird gewinnen und der Schwächere untergehen. Diese Vorstellung war in Zeiten des NS-Regimes sehr verbreitet. Sie kommt aus dem 19. Jahrhundert und ist ein Missverständnis der Lehren Darwins, der gesagt hat, dass in der Natur diejenige Art am meisten Überlebenschancen hat, die sich am besten an ihre Umwelt anpassen kann. Heute beschreiben wir die Welt und das Leben als ein ökologisches System. Das Leben der Menschen und der Tiere steht in Wechselwirkung mit dem Boden dem Wasser den Pflanzen, dem Klima. Alles beeinflusst sich gegenseitig. Und es ist äußerst schwierig vorauszusagen, welche Handlungen was bewirken werden. Wenn in das System wenig eingegriffen wird, stellt sich mit der Zeit ein Gleichgewicht ein. Wenn etwas verändert wird, ist schwer vorauszusagen, wie die Veränderung sich auf das Ganze auswirken wird. Man kann das ökologische Gleichgewicht ganz leicht zerstören. Das Leben ist ein Kampf, und das Leben ist Teil des ökologischen Gleichgewichts auf der Erde sind zwei sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen der Welt aus dem 20. Jahrhundert. Ich möchte ihnen nun eine sehr viel ältere Betrachtungsweise der Welt vorstellen. Sie ist inzwischen fast 3000 Jahre alt und stammt aus dem 1. Buch Mose. 1. Mose 2,4b-15 lesen:

[TEXT]

Unser Text entwirft ein eigenes Weltbild: Die Welt ist von Gott geschaffen worden. Und sie ist ein Garten. In diesem Garten gibt se alles, was die Menschen und die Tiere zum Leben brauchen. Die Welt ist ein Garten, kein Schlaraffenland. Die gebratenen Tauben fliegen einem nicht ins Maul. Man muss dafür arbeiten. Der Garten braucht Pflege. Er muss bebaut und bewahrt werden. Das ist Arbeit. Aber es ist sinnvolle Arbeit. Denn vier Flüsse sorgen dafür, dass genug Wasser da ist und die Pflanzen wachsen können. Es ist auch nicht nur ein Fluss, der von einem Volk oder einem Herrschen kontrolliert werden könnte wie der Nil in Ägypten. Es sind vier Flüsse. In allen Himmelsrichtungen ist Wasser genug für alle, die das Land bewohnen wollen. Das fruchtbare Zweistromland hatte zwei Flüsse. Ein Land mit vier Flüssen das ist der Inbegriff der Fruchtbarkeit. Die Menschen in diesem Garten sind Erdwesen. Sie gehören zu der Erde, aus der sie geschaffen wurden. Sie sind Teil der Schöpfung und Teil des Gartens. Aus Erde sind sie gemacht und zu Erde werden sie eines Tages zurückkehren. Die Erde bebauen sie, von der Erde leben sie. Die Erde zu bewahren ist ihre Aufgabe. Gott hat gut für seine Wesen gesorgt. Alles was sie brauchen finden sie in dem Garten vor. Der Garten ist ein Raum, in dem sich gut leben lässt. Aber sie sind nicht nur Erde. Ihr Lebensatem kommt von Gott. Gott hat ihnen seinen Atem eingehaucht. Ihr Atem, ihre Seele ist etwas Göttliches. Ihr Lebenshauch verbindet sie mit dem Schöpfer. Sie sind nicht einfach nur Teil der Erde. In ihnen wirkt auch der göttliche Geist. Und auch dieser Geist ist an den menschlichen Aufgaben beteiligt. Diese Geschichte von der Entstehung des menschlichen Lebens ist nicht nur einfach eine alte Geschichte. Es ist ein eigenes Weltbild, eine Möglichkeit die Welt und unser Leben zu verstehen. Dieses Weltbild beruht nicht auf neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Es beruht auf den alten Erfahrungen einer bäuerlichen Welt im vorderen Orient. Aber es ist trotzdem ein gutes Bild, das uns auch heute noch helfen kann unser Leben in seiner Tiefe zu verstehen. Wenn wir dieses alte Bild in unseren Herzen bewegen, dann verstehen wir, dass wir heute immer noch aus Erde gemacht sind. Unsere Verbindung zur Erde erhält uns am Leben. Wir brauchen zu Essen, und Milch kommt immer noch aus der Kuh und nicht aus der Milchtüte im Supermarkt. Heute müssen wir mehr denn je auf den Boden und das Wasser aufpassen, dass wir unsere Lebensgrundlagen erhalten. Wir sind aus Erde und wir kehren zur Erde zurück. Unser Leben ist begrenzt. Und wir müssen diese Grenzen achten. Wir dürfen nicht so tun als könnten wir alles erreichen, als dürften wir für unser eigenes Wohl alles benutzen und bräuchten nichts mehr für die nächste Generation übrig zu lassen. Und nach wie vor fallen uns die Dinge nicht einfach in den Schoß. Nach wie vor müssen wir arbeiten, um unser Leben zu erhalten. Dass es sinnvoll ist zu arbeiten und nicht den Lebenssinn im Vergnügen zu suchen, das ist ein wichtiger Teil dieses alten Weltbildes und er stimmt immer noch.

Aber es gibt noch etwas über die Arbeit und das Vergnügen hinaus. In uns atmet der göttliche Lebenshauch. Wir sind nicht von einem blinden Schicksal in eine feindliche Welt geworfen worden. Sondern Gott hat uns seinen Lebensatem eingehaucht und uns in einen Garten gesetzt. Wir sehen die Welt und die Natur um uns herum an und wir sehen ihre Schönheit. Wir stehen unter einem Baum und blicken hinauf in sein Geäst, und bewundern das Spiel des Lichts in seinen Blättern. Im Garten ernten wir jetzt und in den nächsten Wochen die Früchte und das Gemüse. Der Geruch auf dem Baumstück, wenn wir im Herbst die Äpfel gepflückt haben, gehört zu meines schönsten Kindheitserinnerungen. Und die Farben der verschiedenen Sorten und das Gefühl in den nächsten Wochen nach Herzenslust Äpfel essen zu können. Und dann der Duft von Apfelkuchen der gerade im Herd bäckt. Jedes Jahr wieder entzückt mich der Geschmack des ersten Pflaumenkuchens mit Schlagsahne. Genau wie ich mich im Frühjahr auf den ersten Spargel aus der Region freue. Und es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass der Garten, in den Gott uns gesetzt nicht nur genug hervorbringt, um uns am Leben zu halten, sondern auch so schöne, farbenfrohe und wohlschmeckende Früchte aus denen man so wundervolle verschiedene Gerichte kochen kann. Gott hat uns diesen Körper geschenkt, mit dem wir die Schönheit der Welt sehen können, den Gesang der Vögel hören können und die Früchte der Erde schmecken können. Gott sorgt gut für seine Geschöpfe. Gott sorgt nicht nur für unser Überleben. Gott hat die Schönheit unserer Welt geschaffen, und uns im Überfluss Dinge geschenkt an deren Schönheit wir uns freuen können. Mit diesem Lebensgefühl auf die Welt und die Menschen zu blicken ist egal wie das naturwissenschaftliche Weltbild gerade aussieht heute immer noch extrem sinnvoll und glückverheißend. Und wenn es uns gelänge unsere Kinder diesen Blick auf die Welt zu lehren, dann wäre ihr Leben um vieles einfacher. Manchmal habe ich den Eindruck dass die meisten Eltern, die ich kenne ihren Kindern unbewusst das alte Weltbild aus dem Anfang des 20. Jahrunderts vermitteln. Sie lehren sie, dass das Leben ein Kampf ist, in dem nur der stärkere gewinnen kann. Und dann kämpfen die Kinder in der Schule und im Bus und verletzen sich gegenseitig. Und sie kämpfen immer verzweifelter und finden keinen Weg zu einem sinnvollen sich gegenseitig stärkenden Verhalten. Und sie finden erst recht keinen Weg, um die Schönheit und die Möglichkeiten dieser Welt zu sehen. Sie nehmen was sie an Dingen haben selbstverständlich hin und sehen nur auf das was der andere mehr hat als sie selbst. Dieses Weltbild, in dem viel zu viele Menschen leben, macht unglücklich und verstrickt in unnötige Kämpfe. Was wir alle nötig hätten ist ein Perspektivenwechsel. Versuchen wir einmal die Welt mit den Augen der Menschen, die unseren Predigttext erzählt haben zu sehen. Und dann sehen wir: Warum immer kämpfen. Es gibt doch alles im Überfluss. Warum immer nur auf das sehen, was wir nicht haben. Blicken wir doch einmal auf das was wir haben und freuen uns daran, und sind dafür dankbar. Denn Gott hat uns das Leben gegeben und uns in einen Garten gesetzt und uns das Leben eingehaucht, damit unsere Seele sich an der Schönheit seiner Schöpfung freuen kann.

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