Ein doppelter Freispruch

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde.

Die Bibel ist ja voll mit Geschichten ganz eigentümlicher Kraft. Eine davon gehört zum heutigen Sonntag. Ich lese sie einmal vor, aus dem achten Kapitel des Johannesevangeliums:

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Eine Szene voller Spannung. Filmreif könnte man fast sagen. Stellen sie sich das vor. Der sonnendurchflutete Tempelvorhof. Jesus sitzend, um ihn herum eine große Menge, die seinen Worten lauscht. Manche diskutieren flüsternd, manche schauen den Mann einfach gespannt an. Dann kommt Bewegung in die Gruppe. Ein Tross Männer bahnt sich den Weg durch die Sitzende. In ihrer Mitte – gezerrt und geschubst – eine junge Frau. Der Ärmel des Kleides ist eingerissen. Ihr Gesicht glüht, sie ist geschlagen worden. Aber sie sagt keinen Ton. Sie schaut auch niemanden an. Aufgeregtes Murmeln hebt an. Der Tross macht vor Jesus halt. Sie schieben die Frau nach vorne und einer beschreibt die Lage. Ehebruch, sie ist erwischt worden. Ein klarer Fall – das Gesetz Mose schreibt vor, die Frau ist zu steinigen, nachzulesen in unserer Bibel im 3.Buch Mose 20.Kapitel 10.Vers. Der Fall ist rechtlich ganz klar.

Ach ja, wir sollten uns nicht von dem Rechtsempfinden nicht ablenken lassen. Ehebruch als strafbares Vergehen, als todeswürdiges Verbrechen. Das ist für uns nicht mehr nachzuvollziehen. Wir haben gelernt, dass zu einer zerbrechenden Partnerschaft wohl immer zwei gehören und die Schuld oft kaum richtig auszumachen ist, aber irgendwie greife ich der Geschichte damit schon vor.

Der Fall, den man hier vor Jesus führt ist also rechtlich wasserdicht. Die Dramaturgie wird beklemmend an dieser Stelle und das, was kommt, entspricht irgendwie nicht meinen Erwartungen. Ich gebe das gerne zu, ich bin da vielleicht durch Film und Fernsehen etwas verbildet, aber irgendwie hätte ich einen Auftritt eines klassischen Helden gut gefunden. Jesus springt auf, stellt sich schützend vor die geschlagene Frau und schaut seine Gegner kampfbereit an. Ein Held eben, auf der Seite der Unterlegenen. Oder aber so etwas wie in diesen Anwaltsserien. Jesus erhebt sich – langsam und sich bewusst, dass aller Augen auf ihm ruhen – und beginnt ein langes, aber feuriges Plädoyer für die Gerechtigkeit und gegen die Vorverurteilung. Irgendwie so etwas hätte mich mit der Szene versöhnt.

Jesus dagegen bückt sich und tut von alledem gar nichts. Er bückt sich – so wird erzählt – und schreibt mit dem Finger im Sand oder Staub herum.

Was soll das? Ich kann die fassungslosen Blicke der Leute um ihn herum förmlich sehen. Er setzt doch alles aufs Spiel. Eben noch hat er großspurige Reden geschwungen, von Gott und neuer Gerechtigkeit und dem Reich Gottes und was alles so anders werden muss, und im nächsten Moment – jetzt, wo es konkret wird – kneift er und tut so, als wäre er nicht da.

An so einer Stelle bricht das Vertrauen, die Bewunderung schnell. Das kann jeder und jede wohl bei sich selbst festmachen. Haben wir alle schon erlebt: Die Faszination für jemanden, für das, was er so sagt und tut, und dann kommt ein Moment, wo wir etwas erwartet hätten und es kommt nichts oder nur Belangloses. Die Faszination ist vorbei, die Bewunderung plattgemacht. Von jetzt auf gleich.

So wird es da auch gewesen sein. Der Tross wird nun, als er wieder ansetzt und von Jesus lautstark eine Antwort fordert, zur Stimme des Volkes. Natürlich wollen das jetzt alle wissen, ob der Rabbi, der da am Boden kniet, es ernst meint oder ob er die Weisungen Mose wirklich befolgt. Mancher wird mitgeschrien haben.

Ich habe mich wirklich gefragt, warum Jesus das mit sich machen lässt, warum er nicht aufspringt und Tacheles redet, zeigt, was er kann oder so. Ich glaube mittlerweile, er macht es nicht, weil er es nicht nötig hat. Er muss sich nicht aufspielen, er muss sich nicht beweisen vor den Leuten. Er ist sich seiner Sache ganz sicher. Seine Sache, sein Anliegen, den Menschen die Gnade Gottes auszurichten, zu sagen, dass sie geliebt sind und ein neues Leben auf sie wartet – jetzt schon – das ist sein Ding. Und deswegen muss er sich nicht aufspielen. Sich das zu verkneifen, zeigt echte Größe, tiefe Reife wahrscheinlich auch.

Aber zurück zur Geschichte. Diesmal – unter dem Ansturm der Masse – reagiert Jesus. Er richtet sich kurz auf und als es still wird, sagt er ruhig und ohne Ärger: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." Und sogleich bückt er sich wieder hin und schreibt weiter mit dem Finger in den Staub.

Ich finde die Spannung dieser Szene, wenn man sich wirklich einmal in sie hineinversetzt nahezu unerträglich.

Zunächst steht man ja ein bisschen in der Gefahr, Jesu Reaktion etwas oberflächlich zu verstehen. Das klingt so ein wenig nach Sprichwort. Des Zimmermannssohns gesammelte Lebensweisheiten im Stile der alten Karnevalsaussage, dass wir ja alle keine Englein sind und deswegen man nicht so anstellen sollen.

Damit würden wir der Geschichte allerdings Unrecht tun. Denn an dieser Stelle, als sich Jesus wieder hinkniet, da steht es auf Messers Schneide. Er macht nicht den Eindruck, als wolle er die Frau schützen. Was wenn einige das Gefühl haben, naja, ich hab ein weiße Weste, dann also mal los? Jesus vertraut ganz der Macht des Wortes. Ganz und gar. Und an dieser Stelle ärgere ich mich auch nicht mehr über sein Hinknien, sein Herausgehen aus der Konfrontation. In diesem Moment und vor diesen Worten kann sich keiner mehr hinter ihm verstecken oder ihm frech gegenüber treten, er lässt die Menge mit sich allein. Er wird nicht zum Führer der "Wir-schmeißen-nicht-weil-wir nicht-so-toll-sind-und-ihr-solltet-es-auch-nicht-tun-Partei", die die anderen weiter aufstachelt, doch hier dem Gesetz zu folgen. Jesus lässt jeden und jede mit sich allein in diesem Moment.

Aber es geschieht auch noch etwas ungeheuerliches. Im Grunde genommen – das mag einen schwer angehen – im Grunde genommen akzeptiert er ja das Urteil. Dem widerspricht er gar nicht. Ja, natürlich ist es Gesetz, das sie eigentlich sterben soll. Sein Einspruch ist dann ein anderer. Wer aber soll es denn vollstrecken? Du, weil du dadurch sicherstellen willst, dass du auf der Seite der Guten und Anständigen stehst? Oder du, weil du geil auf die Gewalt bist, zuschlagen willst? Oder du, weil du Angst hast, es könnte dir auch so gehen und die, die du wie ein Eigentum behandelst, könnte sich anderswo Trost holen? Ihr wollt richten? Das ist bei Leibe lächerlich.

Die Worte sind damals angekommen. Die Menge geht. Nicht nur die Ankläger, die Menge geht. Leider mag man sagen, denn sie verpassen das Beste.

In Jesu Logik gibt es doch einen, der das Urteil über die Frau fällen und vollstrecken dürfte. Er selbst ist es. "Er wurde versucht, wie wir alle, aber ohne Sünde" heißt es einmal in der Bibel über ihn. Er selbst, Gott könnte dieses Urteil fällen und vollstrecken. Er kann ein Urteil sprechen.

Die Frau scheint das gespürt zu haben, denn sie bleibt. Unwillkürlich fragt man sich doch, warum sie sich nicht im allgemeinen Durcheinander des Aufbruchs verdrückt hat.

Aber sie bleibt – fast so, um zu zeigen, dass sie sich Jesu Urteil beugen will. Aber sein Urteil ist ja folgendes und damit fasst er das, was er für uns Menschen sein will, zusammen: "Ich verdamme dich auch nicht!"

Die Menge hat das Beste verpasst, die Masse der Menschen hat den Freispruch verpasst, der doch gleichzeitig nicht nur der Frau, sondern auch ihnen gegolten hätte.

Und es ist ein doppelter Freispruch gewesen, denn er geht weiter: "geh hin und sündige hinfort nicht mehr." Jesu Freispruch ist ein doppelter. Zuerst soll die Schuld nicht mehr zählen, das soll weg sein, aber dann sollen wir auch frei sein vom Zwang, es immer wieder zu tun, weil wir nichts anderes können. Jesus gibt einen neuen Beginn. Der Frau und allen und auch uns sei das zugesagt. In seinem Namen.

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