Ein bunter Vogel

Liebe Gemeinde,

weil wir uns mit dem Heiligen Geist so schwer tun, hören wir erst einmal auf das, was der frühere westfälische Landesbischof, der dort Präses genannt wird, Wilhelm Wilms zum Heiligen Geist geschrieben hat:

"Der heilige Geist ist ein bunter Vogel / der heilige Geist / er ist nicht schwarz / er ist nicht blau / er ist nicht rot / er ist nicht gelb / er ist nicht weiß / der Heilige Geist ist ein bunter Vogel / er ist da / wo einer den andern trägt … / der heilige Geist ist da / wo die Welt bunt ist / wo das Denken bunt ist / wo das Denken und Reden und Leben gut ist / der heilige Geist läßt sich nicht einsperren / in katholische Käfige / nicht in evangelische Käfige / der heilige Geist ist auch kein Papagei / der nachplappert / was ihm vorgekaut wird / auch keine dogmatische Walze, die alles platt walzt / der heilige Geist / ist spontan / er ist bunt / sehr bunt / und er duldet keine Uniformen / er liebt die Phantasie / er liebt das Unberechenbare / er ist selbst unberechenbar." (Aus: Wilhelm Willms, roter Faden Glück. Lichtblicke, in: Schenk dir Zeit, Texte – Bilder – Lieder für Schule, Familie und Gemeinde, RPI, Karlsruhe 1988, hrg. Christiane Olbrich, S. 337)

Der heilige Geist ist ein bunter und kein schräger Vogel. Ein schräger Vogel wirtschaftet in die eigene Tasche. Das kennen wir von all denen, die behaupten, sie allein besitzen den Geist und die Wahrheit, aber alle anderen nicht. Paulus steht diesen Gruppen mit dem, was er hier sagt, gefährlich nahe. Er sagt in V. 15: "Wer dagegen den Geist hat, kann über alles urteilen, aber nicht von jemand beurteilt werden, der den Geist nicht hat." Im Klartext: "Ich habe den Geist und du nicht!" Das lässt sich dann nicht mehr hinterfragen. Ich habe die Wahrheit, ihr aber nicht! Ich bin ein wahrer Christ, ihr aber nicht! Mir hat Gott gesagt …, euch aber nicht!

Nein, der heilige Geist in ein bunter Vogel. Er ist sehr vielfältig. Ihn auf eine Richtung festzulegen ist unmöglich. Er lässt sich nicht in unsere Vorstellungen, Bilder und Wünsche von ihm einfangen. Er ist frei, wie nur frei sein kann, was von Gott kommt. Der heilige Geist ist nicht von dieser Welt. Er ist aus Gottes Welt in dieser Welt für uns da. Gottes Geist kann nur von Gott kommen. Frei und unverfügbar.

In der Pfingstgeschichte erleben die Jünger, wie er als ein Sturm über sie hinwegbraust und zugleich bei ihnen verbleibt. Er ist wie ein Wind, der weht, wann und wo er will. Der heilige Geist ist wie ein bunter Vogel. Ihn anzuschauen macht uns von Herzen froh. "Er ist da, wo einer den anderen trägt", sagt Wilhelm Wilms. Da wird der heilige Geist anschaulich. Er ist dort, wo wir einander tragen, aushalten, beistehen, mitgehen.

Der heilige Geist ist dort, wo ich nicht verurteilt sondern ermutigt werde. Sie hatten schon alle in der Hand einen tödlichen Stein zum Wurf bereit. Wer ohne Schuld, ohne Fehler, ohne Unglaube, ohne Sünde, ohne Hochmut oder irgend etwas Bösem, wer wie Gott selbst ist, der werfe den ersten Stein. Niemand wirft und darf nicht mehr werfen bis in alle Ewigkeit hinein!

Der heilige Geist öffnet unerwartet Wege zu neuem Leben. Auch denen, die am Ende dieses Lebens stehen und denen die Angst und Ungewißheit den Verstand zu rauben versucht. Der heilige Geist tröstet durch die Gegenwart und das Gebet eines Menschen am Bett des Sterbenden. Er tröstet, ermutigt und richtet auf durch ein Wort eines anderen, manchmal unvermutet und überraschend. Dass sich mir schon jemand zuwendet, mich in meiner Angst und Not wahrnimmt, tröstet mich und richtet mich wieder auf. Noch mehr: dass mir Worte des ewigen Lebens gesagt werden, fängt mich in meinem Zweifel und meiner Angst vor morgen auf.

Paulus bewertet nicht den Geist. Er nennt ihn nicht heilig. Er spricht vom Geist Gottes und dem Geist der Welt. Nur der Geist Gottes vermag unsere vergängliche Welt aufbrechen und ihr Ewigkeit und Leben zusagen. Aber von Gott her. Das ist genauso anders, wie der Frieden, den Christus uns schenkt. Er ist auch aus Gottes Welt. Das ist eine Welt der Gerechtigkeit und der Liebe.

Der Geist, den wir empfangen haben, ist der Geist Christi. Christus war unangepaßt. Er hat sich den Mächten und Mächtigen der Welt ausgeliefert. Ihr Triumph ist durch seine Auferstehung von den Toten als Scheitern sichtbar geworden.

Die Sprache macht deutlich, aus welcher Richtung der Geist kommt. Er kommt von Gott. Er ist uns geschenkt, gegeben. Wir empfangen ihn. Der Geist lehrt uns. Er enthüllt. Er hilft. Niemand kann sich den Geist nehmen. Kein Mensch verfügt über ihn. Aber er nimmt uns in seinen Dienst. Er verfügt über uns, damit wir füreinander da sein können.

Der heilige Geist ist dort, wo das Leben bunt und vielfältig im Denken, Reden und Tun ist. Er ist dort, wo das Leben gut ist. Dann kann er kaum dort sein, wo Kirche ist. In der Kirche ist es sehr viel dunkel und düster, grau, freudlos, lebensfeindlich, dogmatisch, eng. Es wimmelt von Geboten und Verboten. Vorurteile, Neid, Mißgunst, Argwohn, Rechthaberei belasten den Glauben vieler Menschen. Je mehr die Schattenseite der Christen und der Kirche hervortreten, je notwendiger ist für uns der Geist Christi. Er kann unsere Enge aufbrechen und uns in die Weite des Lebens und Vertrauens führen.

Uns ist der Geist, der von Gott kommt gegeben. Weil wir wissen, wie unverfügbar er ist, bitten wir Gott in vielen Liedern und Gebeten darum, dass er sich in unserem Herzen festmacht. Wir haben es immerwieder erlebt und werden es immerwieder erleben, dass er uns hilft, tröstet und stärkt. Davon können und werden wir weiterhin gute Lieder singen.

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