Ein Brief von Jesus Christus

Liebe Gemeinde!

Mein Handy piept. „1 Kurzmitteilung erhalten“, lese ich auf dem Display. Und dann:„Sonne, 29 °, erkunden jetzt Madrid. LG Töchterchen.“ Ist das nicht toll? Ruck – Zuck. In wenigen Sekunden wissen wir voneinander. Eine Postkarte wäre vermutlich erst angekommen, als unsere Tochter schon längst wieder in ihrem Institut an der Arbeit gesessen hätte. Als weitere Kommunikationsmittel gibt es dann natürlich auch noch Relikte aus der Zeit der berittenen Gebirgsmarine. Ich rede von der guten alten Postkarte oder vom Brief. Natürlich, keine Frage: Auch Briefe können sehr wichtig sein!

Ich erinnere mich an ein älteres Ehepaar, das das Fest der „Goldenen Hochzeit“ feiern wollte. Der Bruder des Ehemannes sollte dabei sein, aber er lebte seit über 50 Jahren in Kanada. Als Trapper und Pelztierjäger hat er sich oft in großer Einsamkeit mitten in den Wäldern und im Winter im tiefen Schnee durchkämpfen müssen. Meist hatte er nur zwei große Hunde als Begleiter. Mit diesem Bruder hatte man über all die Jahre zwar Briefkontakt gehalten, aber als er nun zurück in die alte Heimat nach Deutschland zur Goldenen Hochzeit kam, hätten die Brüder am Flughafen sich nicht wieder erkannt, wenn sie nicht ein Erkennungszeichen vereinbart hätten. Da stand er nun, der Mann aus dem hohen Norden, eine gebeugte Gestalt, mit langem Bart, mit nur noch einem Auge im Gesicht und verkrüppelter linker Hand. Es gab in den ersten Tagen viel zu erzählen. Und es zeigte sich, dass auch Briefe die tägliche Gemeinschaft, das enge Zusammenleben nicht ersetzen können. Es hat lange gedauert, bis eine gewisse Vertrautheit im Umgang miteinander gewachsen war.

SMS – Kurznachrichten, Telefonate, heutzutage auch eMails, Briefe in herkömmlicher Weise – das sind Möglichkeiten, miteinander Kontakt halten zu können. Wenn es aber darauf ankommt, zusammen zu arbeiten, zusammen zu leben, einander so gut zu kennen, dass auch Vertrauen wachsen kann, dann brauchen wir das tägliche Miteinander. In der täglichen Begegnung wächst das Verständnis füreinander und das Wissen, was der oder die Andere denkt, warum er so handelt, wie er /sie handelt, am besten. Deshalb habe ich, als ich noch aktiv im Dienst war, immer großen Wert auf das persönliche Gespräch gelegt. Zum Beispiel, wenn es darum ging, eine neue Mitarbeiterin, einen neuen Mitarbeiter einzustellen, etwa im Kindergarten. Da gibt es zwar auch schriftliche Bewerbungsunterlagen, aus denen man ersehen kann, welche beruflichen Stationen so ein Mensch bisher durchlaufen hat. Und es gibt Zeugnisse, schriftliche Beurteilungen, die vorgelegt werden können, aber gerade Zeugnisse sind ja heutzutage echte Meisterwerke der Verschlüsselungskunst. Wenn da z.B. in einem Zeugnis erwähnt wird, Frau XY sei eine stets fröhliche Mitarbeiterin gewesen, die viel für ein gutes Betriebsklima getan habe, muss es nicht, aber kann das auch heißen, sie habe regelmäßig an den Betriebsfesten teilgenommen, sie habe keine Geheimnisse bei sich behalten können oder sei einem Gläschen Alkohol nicht feindlich gegenüber gesessen. Wer hat da noch den Durchblick für die Wahrheit? Umso wichtiger ist also der persönliche Eindruck, den man nur im Gespräch miteinander gewinnen kann.

Ich kann mir die Situation des Apostels Paulus gut vorstellen. Da sitzt er in Ephesus, bekommt Briefe aus Korinth oder es kommen auch treue Freunde und erzählen ihm Dinge aus dieser Gemeinde, die ihm so sehr ans Herz gewachsen ist. Er hat ja schließlich in Korinth den Grundstein für eine lebendige Gemeindearbeit gelegt, aber kaum dreht er den Rücken, scheint es dort drüber und drunter zu gehen. Immer wieder muss er eingreifen, muss Briefe schreiben, Anweisungen geben, Fragen beantworten. Und eines Tages muss er hören: Da sind andere Prediger gekommen, die haben sogar seine Autorität als Apostel in Frage gestellt. Seine Vergangenheit als Verfolger der ersten Christen holt ihn ein. Und außerdem: Eigentlich sei er doch gar kein echter Augenzeuge für das Wirken Jesu auf Erden, werfen sie ihm vor. Ja, seine Gegner scheuen sich nicht, sogar menschliche Schwächen wie Krankheiten oder seine mangelnde Begabung als Redner ins Feld zu führen. Und so kommt es zu diesem biblischen Text, den wir als den 2. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth kennen. Ein Theologieprofessor hat einmal den 2. Kor.-brief als den „leidenschaftlichsten und persönlichsten aller Paulusbriefe“ genannt.

Für uns heute könnte das natürlich alles „Schnee von gestern“ sein. Außer einem gewissen Verständnis für den Zorn des Paulus auf seine Gegner, die ihm so an „den Karren“ fahren und seine Arbeit kritisieren, könnten wir eigentlich diese Geschichte zu den Akten legen. Haben wir heute in unseren Gemeinden nicht ganz andere Probleme zu lösen?

Nein, ich denke, so leicht dürfen wir uns das nicht machen. Genau darum geht es heute doch auch noch: So holt auch uns die Vergangenheit ja immer wieder ein. Unsere, d.h. die Vergangenheit, die Geschichte der Christenheit im Allgemeinen und der christlichen Kirchen im Besonderen. Bei wie vielen Diskussionen mit der Kirche entfremdeten Menschen werden einem die „Sünden“ der Väter um die Ohren geschlagen – das reicht von dem berühmten Argument der unseligen Kreuzzüge bis hin zu dem Schweigen der Kirchen im 3.Reich. Und immer wieder werden auch uns, wie damals dem Paulus, Fragen gestellt: Was sagt die Kirche zu ….? Und dann kommen die schwierigen Themen der Gegenwart: Gen-Technik, Abtreibung, Friedensarbeit, die vielfältigen und schwierigen Entscheidungen, die in der Medizin zu treffen sind: Was ist erlaubt, wo sind die Grenzen, die christliche Werte und Normen setzen?

Diese und viele andere Themen, die das Zusammenleben der Menschen bestimmen, müssen auch aus christlicher Sicht diskutiert werden. Wie schön wäre es, wenn wir da eindeutige Antworten fänden, die eine eindeutige und einheitliche Stellungnahme ermöglichten. Auf die wir uns als Einzelne berufen oder hinter denen wir auch in Deckung gehen könnten. Aber wir haben kein Lehramt, zumindest nicht in der evang. Kirche. Und wir haben keinen Paulus, dem wir einen Brief mit der Bitte um Stellungnahme schicken könnten.

Wir selbst sind selbst gefordert. Jeder Einzelne von uns. Niemand kann uns die persönlichen Entscheidungen, zu denen uns der Glaube an Jesus Christus führt, letztlich abnehmen Zumindest das lernen wir heute aus dieser Antwort, die Paulus an seine Gemeinde in Korinth damals geschickt hat: „Ich brauche keinen anderen Empfehlungsbrief, der mir bescheinigt, dass ich mich zu Recht Apostel und Verkünder des Evangeliums nennen darf, als den, den Ihr selbst darstellt. Ihr, die Ihr durch mich von Jesus Christus gehört habt; Ihr, die Ihr durch mich zum Glauben und zu einem Leben aus dem Glauben an Jesus Christus gekommen seid – Ihr seid mein Empfehlungsschreiben!“

Paulus lässt uns also nicht davonkommen. Wir sind nicht nur sein, des Apostels Empfehlungsschreiben; wir sind ein Brief Christi an die Welt! Paulus gebraucht ein Beispiel. Der alte Bund Gottes mit den Menschen, so schreibt er, ist schriftlich fixiert und damit im Laufe der Jahrhunderte zum Gesetz geworden. Und Gesetze sind immer tödlich; da kommt das tägliche Leben an seine Grenzen; da verkümmern Geist und Leben. Aber nun gibt es den neuen Bund Gottes mit den Menschen, den er in Jesus Christus in Kraft gesetzt hat. Dieser neue Bund befreit uns von den Fesseln der geschriebenen Gesetze und erfüllt unsere Herzen, unsere Köpfe mit neuem Leben. „Der Buchstabe des Gesetzes führt zum Tod; der Geist aber führt zum Leben“, schreibt Paulus.

Mit diesem Argument kommen wir also wieder ins Spiel, liebe Gemeinde. Christen sind, sollten jedenfalls sein, ein Empfehlungsschreiben für den Glauben an Jesus Christus. Ja, noch genauer: Christus selbst schreibt durch uns an die Menschen, die nach ihm, nach Christus, fragen. Wir – ein Brief Christi!

Wir – ein Brief Christi? Sie, Du, ich – erschreckt uns diese Vorstellung nicht sehr? Mich macht das ganz klein. Ins letzte und hinterste Mauseloch möchte ich kriechen. ich bin kein Empfehlungsschreiben für Christus, geschweige denn ein Brief Christi an Andere.

Und doch. Die Evangelien berichten: Anders will es Gott nicht. Er will mit uns, er will durch uns, durch die Menschen, die von ihm Rat und Stärke erfragen und erbitten, das Heil in die Welt tragen. Nicht durch die Sicheren, nicht durch die Starken. Nicht mit Gewalt. Nicht mit Bestechung. Den Kleinen und Schwachen, denen, die sich selbst nichts zutrauen, traut Gott alles zu. Ihnen vertraut er alles an. Das ganze Heil der Menschheit. Das verstehe, wer will. Das glaube aber jeder, denn so ist es.

Wir ein Brief Christi – uns verlässt der Mut, die Zuversicht? Wir haben es im Sonntags-Evangelium (Mk 10, 2-16) gehört: Die Schwachen und Gescheiterten erhalten durch Christus eine neue Chance, und die Kinder segnet er zu mutigem Tun. Heute im Hl. Abendmahl erfahren wir diese lebensspendende Gemeinschaft mit Christus auch.

Wir ein Brief Christi? Lassen Sie mich einen Brief Christi, den er mir und Anderen vor einigen Jahren geschrieben hat, an Sie weitergeben: Da war eine junge Frau, 22 Jahre alt. Am Telefon hatte sie gesagt: „Ich möchte mit einem Pastor reden. Ich muss sterben.“ Mir war nicht sehr wohl, als ich den ersten Besuch gemacht habe. Aber dann kamen weitere, erst wöchentliche, später tägliche Besuche. Vor denen hatte ich dann keine Angst mehr. Die junge Frau war sehr krank. Ein Jahr hatte sie verloren, weil sie einem falschen Empfehlungsschreiben vertraut hatte. Der Vater ihres Verlobten hatte ihr geraten, nicht ins Krankenhaus zu gehen. „Das kann ich selber. ich bin Heiler“, hatte er gesagt – und sie hatte ihm vertraut. Und am Ende hat sie sogar das Leben verloren. Oder gewonnen. Je nachdem, wie man es sieht. Oder glaubt, gewiss zu sein. Wir haben jedenfalls in diesen Wochen über Gott und die Welt diskutiert. Allein, zusammen mit der Familie. Wir haben gemeinsam jedem einzelnen Haar hinterher getrauert, das sie verlor. Wir haben gemeinsam Geburtstag gefeiert und wussten, dass es der letzte sein würde. Da war kein Zorn mehr auf das böse Schicksal in ihrem Herzen. Da war keine Frage mehr nach dem „Warum?“. Da war kein Neid mehr auf die, die weiterleben durften. Das alles hatte diese junge Frau längst hinter sich gebracht und erledigt. Da war nur noch die bange Frage: „Was werde ich dort jenseits des Todes ohne meine Eltern, ohne meine Schwester und ihre Familie anfangen?“ – Mir ist weder vorher noch später jemals wieder so eine feste Glaubenszuversicht bei einem jungen Menschen begegnet. Ein paar Tage später sagte der Arzt: „Nun ist es so weit. In dieser Nacht wird es zu Ende gehen.“ „Nein, den Pastor lasst schlafen. Den braucht Ihr später mehr als ich“, hat sie zu ihren Eltern gesagt. Und so fand ich sie dann am Morgen: Mit auf der Brust gefalteten Händen lag sie in ihrem Bett. Und in den weißen Händen hielt sie das Kreuz, das sie zur Konfirmation von ihren Eltern geschenkt bekommen und seit Tagen nicht mehr losgelassen hatte.

Ein Brief von Jesus Christus – an uns alle.

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