Ein bereicherndes Erlebnis

Der heutige Sonntag steht unter dem Thema "Taufe". Was hat nun dieser Text aus dem 1. Petrusbrief mit Taufe zu tun? Denn das Wort kommt ja in der langen Passage kein einziges Mal vor. Die Geschichte dieses Bibeltextes stellt indessen einen Zusammenhang her. Man hat lange herumgerätselt, ob dieser Brief wirklich von Petrus verfasst sein kann. Aber je mehr man genau die Zeitangaben überprüfte und den Inhalt des Gesamttextes untersuchte, umso deutlicher wurde, dass er erst nach dem Märtyrertod des Petrus entstanden sein muss. Und auch, dass er im Kern kein eigentlicher Brief ist, sondern höchstwahrscheinlich ursprünglich eine Taufpredigt. Die Gemeinden, an die der Text gerichtet ist, in Pontus, Galtien, Kappadozien, Asien und Bithynien, das sind die heutige Türkei und Armenien, standen wahrscheinlich unter dem römischen Kaiser Diokletian in ihrer nichtchristlichen Umgebung unter größter Bedrohung, und um sie aufzurichten, hat jemand, der mit dem Namen Petrus zeichnet, einen Rahmen um die Taufpredigt geschrieben und sie durch den Text an ihre Taufe erinnern und zum Aushalten und Durchhalten stärken wollen. Als Ort der Abfassung wird am Ende Babylon genannt, das war damals der Deckname für Rom.

Man könnte also ganz kühn den 1. Petrusbrief als einen konspirativen Text bezeichnen.

Ich stelle mir aber die Situation vor, in der die Taufpredigt zum ersten Mal vorgetragen worden sein mag: Da ließen sich Erwachsene in die Gemeinde derer aufnehmen, die an eine Erlösung durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus glauben. Und sie wussten, dass sie durch diesen Schritt das Risiko eingehen, selbst ihr Leben zu verlieren. Hierzulande ist es ja nicht gerade selten, dass sich Menschen erst im Erwachsenenalter dazu entscheiden, sich taufen zu lassen. Oft sind sie in einer Familie aufgewachsen, wo die Eltern vielleicht zwar gar nicht mehr getauft wurden und sogar die Großeltern aus der Kirche ausgetreten sind. Mit einem lebensbedrohlichen Risiko ist das meist nicht verbunden. Aber dennoch, zum "Stein des Anstoßes" kann man immer noch leicht werden, wenn man seine wahrscheinlich kirchenferne Umwelt damit konfrontiert: "Ich will mich taufen lassen."

"Eine attraktive Religion ist es ja nicht gerade, die wir zu bieten haben", habe ich erst kürzlich zu einem Pfarrer gesagt, als wir uns darüber unterhielten, was wir unter "Gemeindeaufbau" verstehen. Einen "Helden", der in der Welt gescheitert scheint, heutzutage populär zu machen, ist schwer. Was zählt, ist schließlich, "immer gut drauf sein", "flexibel sein", topfit und möglichst konsumorientiert. Jesus Christus passt wenig in dieses Bild, genauso wenig, wie er damals passte: ein a Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses.

Aber: "Ihr habt geschmeckt, dass der Herr freundlich ist", sagt der Prediger in unserem Text. Freundlichkeit, Liebe, Zuwendung, das alles bleibt in einer Erfolgsgesellschaft fast zwangsläufig auf der Strecke, wenn sich jeder selbst der Nächste ist. Und irgendwo braucht doch die Seele Wärme und Liebe, eben Freundlichkeit, damit sie aufblühen kann. Das spüren viele, vor allem junge Menschen heutzutage, die sich sehr alleine gelassen fühlen. Manchen mag genau die Sehnsucht nach Freundlichkeit in eine Gemeinde treiben – aber schaffen wir es, zu solchen Neulingen in unseren Reihen dann so freundlich zu sein, wie es Gott zum Menschen ist? Dabei ist es doch das, was eine Gemeinde lebendig hält. Nicht das Gebäude ist es, was Kirche ausmacht. In anderen Sprachen gibt es auch zwei getrennte Wörter für das Bauwerk und für die Einrichtung.

Ein Kirchbau ist aus Steinen errichtet, und in der Regel nicht aus denen, die die Bauleute verworfen haben. Die Menschen, die Kirchen bauten, haben immer wieder die kostbarsten Materialien ausgesucht, die sie finden konnten, um Gott eine Wohnung unter den Menschen zu errichten. Aber gerade in diesen Gebäuden hat Gott manchmal gar nicht wohnen können – oder man hat ihm das Wohnen darin sehr schwer gemacht, wie die Geschichte Jesu Christi zeigt. Darauf spielt unser Text an:

4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen a Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr a als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern b geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.

Das ist eine eindeutige Aufforderung dazu, bei der Taufe nicht stehenzubleiben. Sie ist erst der Beginn dazu, in eine Gemeinde hineinzuwachsen. Lebendige Steine können ein Haus verändern. Sie können es sogar im schlimmsten Fall zum Einsturz bringen. Sie können es aber auch stabil halten, indem sie einen Platz einnehmen, wo Risse oder Lücken entstanden sind. Und ein Haus, das aus vielen lebendigen Steinen besteht, kann, so stelle ich es mir vor, auch eine neue, einladendere Form annehmen.

Beim Stichwort "lebendige Steine" sind mir spontan zwei Dinge eingefallen: Zum einen die Kakteensorte, die so heißt und die, fast grau und unscheinbar, plötzlich aufbricht und ganz wunderbare Blüten hervorbringt. Dass etwas so Schönes und zartes aus so einer unscheinbaren Hülle hervorbrechen kann, würde kein Mensch vermuten. Aber die "lebenden Steine" sind nur dann zum Blühen zu bringen, wenn die äußeren Gegebenheiten es zulassen: Sie brauchen viel Wärme, Licht und Ruhe. So, kann ich es mir vorstellen, ist es auch mit den "lebendigen Steinen" , die die Gemeinde bilden. Das Klima, die Atmosphäre muss stimmen, sonst sterben die Ansätze zum Blühen ab und der Stein wird wieder tot und kalt.

Das zweite, was mir einfiel, war das Gedicht von Erich Fried: "Zu den Steinen hat einer gesagt: "Seid menschlich". Die Steine haben gesagt: Wir sind nicht hart genug". Das, so scheint mir, ist das krasse Gegenbild zu den "lebendigen Steinen". Das ist das, was eine gnadenlose, gottesferne Welt zustande bringt: Menschen ohne Blüte, ohne Seele, tote Granitbrocken, viel zu hart, um sich von einem Steinmetz gestalten zu lassen und eine Kathedrale zu bilden – daher als Bausteine auch untauglich und wertlos. In einer Wüste von solchen Steinen kann niemand leben oder überleben. Aber uns so zu verhärten, dazu unternehmen wir doch immer wieder die allergrößten Anstrengungen. "Obercool" nennen junge Leute dieses Verhalten, das sie oft so lange üben, bis sie es nicht mehr aushalten und Drogen brauchen, um ein Ventil für ihre Gefühle zu finden.

Ich kann mir ein "Haus aus lebendigen Steinen" vorstellen, das nach außen durchaus stabil ist, Ecken und Kanten bewahrt und nicht ohne unverkennbares Profil bleibt. "Stein des Anstoßes" und "Ärgernis" soll Kirche durchaus sein, wenn es gilt, christliche Grundregeln herauszustellen: Zum Beispiel beim Thema Frieden und Abrüstung, beim Thema Ausländerfeindlichkeit oder beim Thema "Grenzen des Wachstums".

Das Haus muss ein Fundament haben, das trägt. Aber es darf nicht nur aus einem starren Fundament bestehen, das wäre Fundamentalismus.

Innen aber kann das Haus, das Gemeinde heißt, viele Räume haben, in denen die Steine zum Blühen kommen und die Innenwände beweglich sind. "Blüh auf, gefrorner Christ, der Mai steht vor der Tür, du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier", dieser Satz des "Cherubinischen Wandersmannes" Angelus Silesius (Johann Scheffler) aus dem 17. Jahrhundert könnte in einem solchen Haus Wirklichkeit werden.

Schließlich dürfen die Fenster und Türen nicht fehlen, damit Vorübergehende Lust haben, einzutreten und sich zu entfalten. Man mag es für utopisch halten, wenn ich mir Gemeinde so vorstelle. Aber ich denke mir, der Bauherr und Hausherr, der lebendige Gott, hat alles so angelegt, dass wir es mit einiger eigener Anstrengung schaffen könnten, ein solches Haus zu bauen.

Dazu gehört, dass wir verstehen, dass eine Taufe keine Station in einer Einzelbiographie, sondern ein bereicherndes Ereignis für die ganze Gemeinde ist und dass wir uns für solchen Zuwachs öffnen und ihm zuneigen, so, wie sich Gott uns immer wieder zuneigt und nicht nur bei uns, mitten unter uns, sondern auch in uns ist. Er ist das Licht, das Leben, Wärme und Liebe spendet und Steine zum Blühen bringt. Dass wir dies nicht vergessen und auch wirklich glauben können, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

drucken