Echt voll gut!

Liebe Gemeinde!

Klingt schön! Klingt wunderschön, das Lied der Maria! Diese schönen Worte! Diese große Hoffnung, die sie in sich trägt! Klingt doch sehr schön, oder? Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

So begeistert möchte ich auch mal wieder gerne sein. Ich kann mich nicht entsinnen, dass meine Frau und ich bei der Geburt unserer ersten Tochter solche Lieder gesungen hätten. Aber dieses gute Gefühl kenne ich eigentlich schon, dass ich denke: ‚Oh ja, jetzt kann ich wirklich alles schaffen. Alles wird gut werden. Wie schön ist, es auf dieser Welt zu sein.‘

Und gerade beim Singen oder wenn ich Musik höre, kommt mir manchmal dieses Gefühl: ‚So schlimm ist es ja doch nicht. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung. Du wirst das schon alles irgendwie schaffen. Das Leben macht ja doch Spaß.‘

Allerdings ist das ja auch kein x-beliebiges Kind, auf das die Maria da wartet. Sie soll ja Gott zur Welt bringen. Gott selbst ist in ihrem Bauch und wächst und gedeiht und wird als Kind zur Welt kommen. Und der Engel, der mit ihr gesprochen hat, hat zu ihr gesagt, dass Gott eben genau sie sich für seine Geburt ausgesucht hat. Da ist es vielleicht verständlich, dass die Lieder der Maria noch etwas überschwänglicher ausfallen als unsere. Ja, sie ist richtig übermütig die Maria, so kommt mir das vor. Ich möchte ihr Lied jetzt gerne noch mal vorlesen aus dieser modernen ‚Gute Nachricht‘ Übersetzung:

[TEXT]

Diese Frau ist von Gott berührt worden. Sonst könnte sie doch nicht solche Worte sagen! Gott ist ihr nahe gekommen und hat sie angerührt – und angeregt. Ihr Lied ist von dieser Begegnung inspiriert. Es drückt eine große Hoffnung aus. Jetzt soll endlich das geschehen, worauf schon so lange gewartet worden ist. Wie viel Leidende werden schon inständig gehofft haben, dass endlich so ein Wunder geschehen möge, damit sie befreit und erlöst werden? Wie viele werden sehnsüchtig gewartet haben: Warum kommt Gott nicht zu mir und reißt mich heraus? Wie viele werden schon verzweifelt gebetet haben: Gott, warum hörst du mich nicht? Warum hilfst du mir nicht?

Und jetzt ist er da!

Wenn wir die Worte von Maria so hören, haben wir das Gefühl, der ist jetzt wirklich bei ihr, ganz erfüllt ist sie von seiner Anwesenheit. Jetzt endlich ist es passiert.

Und das ist wie ein neuer Anfang. Jetzt werden sich all die Verheißungen erfüllen. Und die klingen doch wirklich auch wunderschön, wie Maria das singt: was niedrig ist, soll erhöht werden, die Hungrigen werden gesättigt, die Traurigen getröstet und die Mächtigen werden in ihre Schranken gewiesen.

Zu schön, um wahr zu sein
Ist ja auch nicht wahr geworden. Es sind ja inzwischen schon viele vom Thron gestürzt, aber Hungernde gibt es immer noch. Es sind schon soviel Reiche leer ausgegangen und trotzdem wurden nicht alle getröstet. Wäre aber doch trotzdem schön.

Das Lied der Maria klingt übermütig. Sie freut sich so sehr, dass sie schwanger ist und dass Gott großes mit ihr vor hat. Wenn man sich freut sieht man vielleicht manches rosiger, als es ist. Dieses Lied ist ja auch schon wie ein Liebeslied an Gott. Und Liebe macht ja bekanntlich blind! Aber Liebe und Musik sagen auch manchmal etwas, was es so noch gar nicht gibt, und es ist in dem Moment trotzdem wahr. Die Vision der Maria ist trotzdem wichtig. Die Aufgabe bleibt.

Mit welcher Hoffnung wollt ihr eurer Leben denn leben, wenn nicht mit dieser? Gibt es wirklich eine bessere? Ich glaube nicht!

Aber wie können wir heute auch Gott so begegnen, wie es Maria damals passiert ist, dass wir neue Energie bekommen, unser Leben sinnvoll zu gestalten? Werden wir heute auch noch so von Gott angerührt, dass wir zuversichtlich schwierige Aufgaben anpacken, obwohl wir uns nicht sicher sind, dass es ein gutes Ende nehmen wird? Wenn es wahr ist, dass durch das Kind der Maria Gott selbst in unsere Welt gekommen ist, sodass wir ihm dort begegnen können, dann muss das doch auch noch heute möglich sein?

Ich glaube, dass wir da gar nicht viel machen können, damit das geschieht. Ich glaube ganz im Gegenteil, dass es eben wichtig ist an Weihnachten unser vieles ‚machen‘ auch mal zu unterbrechen, um einen Raum zu schaffen, wo Gott uns begegnen kann. Wenn ich nur an die furchtbare Liste der Pflichten denke, die in den nächsten Tagen noch vor mir liegen, kann es eigentlich nur schief gehen. Natürlich soll das Fest schön werden, aber es findet auch ohne 100% perfekte Vorbereitung statt. Vielleicht verpassen wir ja vor lauter Vorbereitungen das Wesentliche. Maria hat Gottes Zuwendung auch nicht durch ihre außergewöhnlichen Leistungen und Vorbereitungen verdient und erarbeitet, sondern es kommt auch für sie eher überraschend. Sie sagt: ‚Ich bin nur seine geringste Dienerin, und doch hat er sich mir zugewandt. Sein Erbarmen hört niemals auf, er schenkt es allen, die ihn ehren.‘

Gottes Zuwendung ist also ein Geschenk, sein Weihnachtsgeschenk sozusagen. Vielleicht begegnet Gott uns jetzt an Weihnachten durch einen lieben Menschen, durch eine liebevolles Geschenk oder durch eine freundliche Geste, über die wir uns freuen. Vielleicht begegnet uns Gott aber auch in solchen Worten, wie denen von der Maria, die unserem Denken und unserem Tun eine neue Richtung geben können. Wenn wir solche Worte auf uns wirken lassen, vielleicht können wir dadurch eine ganz neue Erfahrung machen, mit der wir gar nicht gerechnet haben. Natürlich können wir durch unsere vielen Vorbereitungen das Fest schöner machen. Aber manchmal ist es vielleicht auch gut innezuhalten und wach zu sein, wo wir beschenkt werden sollen oder wo wir jetzt für andere da sein sollen. Lassen wir uns zunächst auch ein Stück verändern durch das Fest und seine Botschaft, um dann auch wieder selber etwas verändern und anpacken zu können. Nicht, dass es uns so geht wie dem Menschen in dieser kleinen Adventsgeschichte, der Gott auch vor lauter Vorbereitungen fast verpasst hätte. Die möchte ich euch gerne mal erzählen:

„Ein Mann erfuhr, dass Gott zu ihm kommen wollte. „Zu mir?“ schrie er. „In mein Haus?“ Er rannte in alle Zimmer, er lief die Stiegen auf und ab, er kletterte zum Dachboden hinauf, er stieg in den Keller hinunter. Er sah sein Haus mit anderen Augen. „Unmöglich!“ schrie er. „In diesem Dreckstall kann man keinen Besuch empfangen. Alles voller Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen.“ Er riss die Fenster und Türen auf. „Brüder! Freunde!“ rief er. „Helft mir aufzuräumen – irgendeiner! Aber schnell!“ Er begann sein Haus zu kehren. Durch dicke Staubwolken sah er, dass ihm einer zu Hilfe gekommen war. Sie schleppten das Gerümpel vors Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten die Stiege und Böden. Sie brauchten viele Kübel Wasser, um die Fenster zu putzen. Und noch immer klebte der Dreck an allen Ecken und Enden. „Das schaffen wir nie!“, schnaufte der Mann. „Das schaffen wir“, sagte der andere. Sie plagten sich den ganzen Tag. Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. „So“, sagte der Mann, „jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?“ „Aber ich bin ja da“, sagte der andere und setzte sich an den Tisch. „Komm, und iss mit mir!“

An Weihnachten will Gott nicht nur der Maria begegnen, sondern auch unsere Herzen anrühren und uns verändern. Er will auch uns helfen, dass unsere inneren Verkrampfungen und Enttäuschungen entrümpelt werden können. Vielleicht kann uns auch der Übermut der Maria ein wenig anstecken und uns neue Begeisterung und neuen Lebensmut schenken. Jedes Jahr an Weihnachten drängt dieses Kind wieder in unsere Herzen hinein und fragt uns, ob wir ihm einen Platz in unserem Leben geben. Und so wie andere Kinder auch überzeugt es uns davon, dass die Liebe das Wichtigste in unserem Leben ist und dass allein aus ihr Frieden und Gerechtigkeit hervorgehen können.

Jedes Jahr an Weihnachten tritt Gottes neue Welt in unser Leben, in der andere Regeln gelten, als die bei uns üblichen oder die, die wir bisher kannten. Das unterste wird nach oben gekehrt. Aus manchem Niedrigen und Kleinen entsteht etwas Großes und Besonderes. Macht und Gewalt kommen zu Fall – Teilen und Gerechtigkeit kommen zum Zug. Die Idee Jesu, ohne Gewalt zu mehr Frieden und Gerechtigkeit zu kommen, ist nicht tot, sie lebt weiter durch die Überzeugungskraft der Liebe, die Menschen verändern und umkrempeln kann. Und das erfüllt uns mit Freude und Dank, wenn wir das an Weihnachten zu spüren bekommen. Dieses Kind wollen wir auch dieses Jahr wieder hoffnungsvoll erwarten – mit Maria zusammen – und in unsere Herzen aufnehmen, damit auch wir in andere Umstände kommen und die Zustände sich ändern.

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