Ducken gilt nicht!

„Der Himmel geht über allen auf …“ – dieses Lied erinnert mich immer an den Kirchentag 1995 in Düsseldorf. Es war ein verregneter Kirchentag. Zudem waren die Verkehrsbetriebe der Stadt hoffnungslos überfordert mit der Beförderung der vielen Besucher. Zeitweise brach das ganze Verkehrssystem zusammen; stundenlang warteten Kirchentagsbesucher auf die Straßenbahnen und Busse und wenn mal einer kam, dann war er meist hoffnungslos überfüllt. Es herrschte ziemliches Chaos – aber keiner regte sich auf. Im Gegenteil: als wir einmal eng gedrängt an einer Haltestelle standen und sich ein fürchterlicher Platzregen über uns ergoss, fing irgendwo in der Menge jemand an zu singen: „der Himmel geht über allen auf …“ . Ein Lachen ging durch die Leute und manche stimmten gleich mit ein. Ich dachte: „O je – hoffentlich sieht dich hier keiner: wie du freiwillig im Regen stehst, nass wirst bis auf die Haut und fromme Lieder singst!“ Ich habe dann mitgesungen, es hat Spaß gemacht zu singen und wahrscheinlich ist uns dabei auch ein bisschen wärmer geworden. Das Lied wurde dann übrigens zum Schlager dieses verregneten Kirchentages. Und noch heute vermittelt es mir irgendwie das warme Gefühl an der Bushaltestelle. Umringt von Gleichgesinnten sein, miteinander singen, da war der Himmel wirklich offen!

Dass der Himmel aufgeht über allen – das heißt: Gott öffnet sich den Menschen. Der Unnahbare bleibt nicht auf ewig verborgen. Auch wenn wir vieles nicht verstehen, auch wenn die dunkle Seite Gottes bleibt – es gibt diese lichten Momente – Augenblicke in denen Gott offenbar ist, in denen er erfahrbar wird in unserem Leben und sei es noch so überraschend und gegen alle Vernunft.

Die Taufe Jesu ist dafür eine symbolhafte Beispielgeschichte. Sie erzählt eine Erfahrung, die in allen Zeiten und an allen Orten Wirklichkeit gewinnt.

Was geschieht da eigentlich? Vier Dinge fallen mir besonders auf:

Erstens: Es geht nicht alles glatt bei dieser Taufe. Zunächst will Johannes ihn nicht taufen, er lehnt es ab. „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Sofort erkennt der Täufer, dass hier außerordentliches geschieht. Aber Jesus reiht sich ein. Jesus stellt sich zu denen, die sich damals taufen ließen, die umkehrten und ihr Leben unter Gottes Schutz und Gericht stellten. Es waren Menschen, die ein Bewusstsein davon hatten, dass sie ihr Leben falsch gelebt hatten. Zu denen stellt sich Jesus dazu. Zu denen, die unter Entfremdung leiden, die sich als Sünder empfanden, weit entfernt vom Einklang mit der Schöpfung lebten sie, hatten ihren eigenen Vorteil über alles gestellt, sich nicht drum geschert, wenn andere litten, sie waren sich selbst fremd geworden, mochten sich selbst nicht und Gott war ihnen ein Fremder geworden. Zu denen stellte sich Jesus. Zu denen, die sich sehnsüchtig wünschen, so zu werden, wie Gott uns Menschen gemeint hat. So zu sein, wie es Gott wohlgefällt – das ist „Gottes Gerechtigkeit erfüllen“.

Zweitens: es fällt auf, dass die Taufe selbst im Text gar nicht erwähnt wird. Es heißt nur: „Da gab Johannes nach“. Das eigentliche Taufgeschehen ist dem Erzähler nicht wichtig. Vielleicht darum, weil dieses Geschehen immerwährende Gültigkeit hat und sich in jeder Taufe die wir erleben – in unserer eigenen und in der anderer Menschen – immer wieder mit ereignet.

Drittens: Bemerkenswert an dieser Taufe ist, dass sich dem Getauften der Himmel öffnete und es ist nicht die Rede davon, dass er sich je wieder schloss. Mit dieser Taufe hat sich Gott offenbart.

Dies geschieht viertens – indem der Geist Gottes wie eine Taube herabschwebt. und eine Stimme aus dem Himmel spricht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Worte aus dem zweiten Psalm, Worte der Prophezeiung des Jesaja – sie gelten Jesus.

Wie wir uns das vorstellen sollen – das wird nicht weiter erwähnt. Es geht wohl auch mehr um ein Ereignis, dass sich zwischen Jesus und Gott abspielt. Wir brauchen uns keine Gedanken um die tatsächliche Inszenierung zu machen. Vielleicht haben Außenstehende nicht einmal etwas gemerkt. Nicht das Wie ist wichtig, sondern das Was:

Jesus wird uns hier vorgestellt. Er ist Gottessohn. Er ist Verkörperung des Willens Gottes. „Dies ist mein Sohn“ – das heißt: dieser ist so gut wie ich selbst. Gott stellt uns Jesus vor und zeigt damit sich selbst.

Da tritt einer heraus aus der Menge der Menschen und wird als einzelner hervorgehoben. Zugleich strahlt aber die Zusage Gottes an ihn ab auf uns alle: Dieser eine Sohn macht uns alle zu Kindern Gottes. Er will die „Gerechtigkeit Gottes erfüllen“ – sagt er – und er meint damit sein ganzes späteres Leben: Er wird heilen und lehren, Befreiung bringen und das Fest des Lebens feiern. Er wird auch tief leiden, verzweifelt sein, er wird sterben – und auferstehen zum Leben. Und er wird für alle Menschen gutes, volles, ganzes Leben bringen. Leben als Kinder Gottes. Das dürfen wir mithören und erkennen, wenn Jesus seine Taufe geschehen lässt um die Gerechtigkeit Gottes zu erfüllen – es Gott recht zu machen!

Ich stelle mir den Jordan vor – fließendes, reinigendes Wasser. Darin untertauchen – weg sein für einen Moment. Ganz und gar eintauchen und dann heraufsteigen aus dem Wasser und erleben, dass da eine unerhörte Öffnung geschieht. Der Geist kommt entgegen, drängt entgegen – das hat auch etwas Unentrinnbares. Sich ducken zählt nicht. Wem sich Gott zeigt, wem Geist gegeben ist, solch ein Mensch hat zugleich einen Auftrag – Verantwortung – Berufung, die ein ganzes Leben überdauert und durchdringt. Die ersten Christen, die so von der Taufe Jesu erzählten wussten: Jetzt soll die Gemeinde Ort der Gerechtigkeit sein. Jetzt soll die Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Gemeinschaft der Getauften also, Ort sein, an dem Gott gerecht gelebt wird!

Wir brauchen uns nichts vorzumachen – wir sind davon weit entfernt! Wir brauchen uns aber auch nicht vorzumachen, dass wir uns irgendwie um diesen Auftrag herumdrücken könnten – etwa sagen: das schaffen wir ja doch nicht – deshalb lassen wir es gleich! Nein – ducken gilt nicht!

Liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher – mit der Taube, die Sie heute „angeflogen“ hat möchte ich Sie erinnern an Ihre Taufe, die mit der Konfirmation oder der Firmung bestätigt wurde – das ist Geschenk des Geistes Gottes, aber eben auch Verpflichtung, Auftrag.

Mit der Einführung in Ihr Amt heute, wird daran wieder gerührt und darauf aufgebaut. Wir vertrauen darauf, dass Sie Ihre Aufgabe ernst nehmen und ihr gewissenhaft und geistvoll nachkommen. Sie werden merken und viele haben das gemerkt – dass man da schnell an Grenzen stößt und es auch nie allen in der Gemeinde recht machen kann. Dazu zwei Trostworte: Erstens sind wir viele. Verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Begabungen. Da wird auch in Zukunft vieles möglich werden, was sich der einzelne oder die einzelne vielleicht vorher nicht erträumt hat, wenn die Geistesgaben sich ergänzen und sich gegenseitig stärken. Zweitens geht es in unserem Amt nicht darum, es der Gemeinde „recht“ zu machen – es geht darum, auf die Stimmen der Menschen zu hören. Dann aber – so wie Jesus es zeigt – herauszutreten und auf die Stimme Gottes zu hören. Aus der Verbindung von beidem werden Ratschlüsse, die Gottes-Dienst sind. Die Gott gerecht werden. Dafür haben wir den Segen Gottes für Sie erbeten. Bewahren Sie ihn als eine Mitgift für ihr Amt, damit Sie als Kind Gottes den Kindern Gottes Heimat, Geborgenheit, Raum zum Lernen, Raum zum miteinander Leben, so wie Gott es will, in Frieden und Gerechtigkeit geben können – mit Gottes Hilfe. Ich wünsche uns miteinander eine gelingende Arbeit und ich wünsche, dass wir es miteinander nie vergessen, das der Himmel sich Dank Jesu Christi über allen Menschen aufgetan hat!

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