Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Liebe Gemeinde!

Bei einer Konfirmandenfreizeit, die ich gemacht habe, haben die Konfirmanden farbiges Papier bekommen. Sie sollten ihre Füße auf das Papier stellen und sie einmal mit einem Stift umzeichnen und sie dann ausschneiden. Dann habe ich die Geschichte erzählt, die Ihr eben schon gehört habt.

Viele Menschen kamen zusammen, um Jesus zu sehen. Sie waren neugierig, weil sie schon häufiger etwas von Jesus gehört hatten. Nun war Jesus in ein Haus hinein gegangen, in dem sich die Menschen nur so drängelten. Vier Freunde brachten einen Gelähmten. Sie wollten unbedingt, dass Jesus ihn heilen sollte. Und weil sie keine Chance sahen, durch die Tür ins Haus hinein zukommen, deckten sie das Dach ab und ließen den Gelähmten hinunter. Jesus sah den Glauben und vergab dem Gelähmten seine Schuld. Das hielten die Umstehenden für Gotteslästerung. Aber Jesus wollte allen zeigen, dass er Kraft von Gott her bekam und heilte deswegen den Gelähmten. Daraufhin konnte er wieder laufen. So weit hatte ich auf der Konfirmandenfreizeit die Geschichte erzählt.

Und nun bekamen die Konfirmanden den Auftrag, die Geschichte mit ihren ausgeschnittenen Füßen nachzustellen. Auf ein großes Blatt wurde ein Haus gezeichnet. Dann sollten die Füße aufgeklebt werden. Viele Füße standen also um das Haus herum, weil die Leute Jesus sehen wollten. Im Haus waren dicht an dicht Füße, mittendrin ein Paar Füße aus leuchtend weißem Papier. Das waren Jesu Füße. Vier Paar Füße wurden erst außerhalb des Hauses gelegt, weil sie ja den Gelähmten trugen. Dann wurden die Füße ins Haus neben Jesus gestellt. Zum Schluss wurden zwei Füße vor das Haus gestellt, deren Richtung vom Haus weg ging. Das waren die Füße des ursprünglich Gelähmten, der wieder laufen konnte.

Durch das Legen der ausgeschnittenen Füße konnten alle die Geschichte besser nachvollziehen. Dass nämlich ohne die vier Paar Füße der Freunde überhaupt nichts geschehen wäre. Der Gelähmte hatte ja keine Füße, die laufen konnten. Er war auf die Freunde angewiesen. Und nachher sieht man die Spuren seiner Füße, praktisch die Spuren davon, dass Jesus gehandelt und geheilt hat.

Beim Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden haben wir das große Bild mit den Füßen in der Kirche aufgehängt. Die Gottesdienstbesucher haben alle kleine ausgeschnittene Tonpapierfüße bekommen und sie sollten überlegen: An welche Stelle würde ich meine Füße auf dem Papier kleben? Wo finde ich mich in der Geschichte wieder? Und das ist jetzt die Frage, die Ihr und Sie sich heute auch stellen können. Mit wem kann ich mich identifizieren?

Vielleicht geht es Ihnen gerade so wie dem Gelähmten. Manchmal fühlt man sich ja wie erstarrt, bewegungsunfähig. Manchmal geht im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr. Unsere Sprache ist bildlich: Da läuft nichts, sagen wir. In der Schule zum Beispiel, wenn sich nichts zum Guten verändert. Irgendwie geht es nicht weiter. Eine schlechte Zensur löst die nächste ab. Wenn ein Schüler erst mal in einer bestimmten Ecke steht, hat er oder sie es oft schwer, da wieder heraus zu kommen.

Wie gelähmt sein: So geht es in sovielen Partnerschaften. Dabei hatte es einmal so gut angefangen. Keiner will den Absturz der Beziehung, aber selbst bei gutem Bemühen geht es manchmal nicht weiter. Beide bleiben stehen bei gegenseitigen Beschuldigungen und enttäuschten Erwartungen. Jeder fühlt sich unverstanden und allein. Manche fühlen sich im Beruflichen wie gelähmt. Sie bewerben sich überall. Immer wieder schreiben sie Bewerbungen. Aber nichts passiert. Überall bekommen sie Absagen oder hören gar nichts. Sie sind in ihrem Tatendrang gebremst. Heute ist die Zeitumstellung auf die Winterzeit. Abends wird es eine zeitlang heller, morgens allerdings dunkler. Die dunklere Zeit, die kommt, wirkt sich auch auf manche Gemüter aus. Sie fühlen sich in einer trüben Stimmung oder werden sogar richtig depressiv. Wie gelähmt – so kommt es manchen vor.

In allen Beispielen, die ich genannt habe oder die Sie selber finden, wäre es gut, wenn wir das hätten, was der Gelähmte in der Geschichte hatte: nämlich Menschen, die uns begleiten, die uns sogar manchmal ein Stück tragen. Wie wohltuend sind Menschen, die uns nicht allein lassen, wenn wir nicht mehr weiter können, die mit uns durch Dick und Dünn gehen und vielleicht sogar mal durch die Wand oder durch ein Hausdach wie in der Geschichte. Wie Engel sind Menschen, die erkennen: Da kann jemand gar nicht mehr aus eigener Kraft Hilfe holen, weil er so erstarrt ist, dass keine Bewegung, auch keine innere, kein eigenes Aufraffen mehr möglich ist. Menschen, die mich einfach mitnehmen und die nötigen Schritte mit mir oder besser noch für mich tun.

Die Menschen, die in der Geschichte den Gelähmten auf ein Tuch packen, sind wie Engel. Sie gehen dahin, wo Hilfe ist und lassen sich dann auch nicht von den Umständen, von anderen Menschen, von Schwierigkeiten abhalten. Es sind Menschen, die phantasievoll und erfinderisch sind. Sie klettern Jesus aufs Dach und bringen so den Gelähmten an die richtige Adresse.

Vielleicht finden Sie sich ja in diesen helfenden Menschen wieder. Vielleicht fallen Ihnen Situationen ein, wo Sie so gehandelt haben wie die Menschen, die den Gelähmten tragen. Mit Phantasie und Einfühlungsvermögen, mit aller Kraft und Durchsetzungswillen haben Sie/habt Ihr jemandem geholfen, aus seiner Erstarrung, aus seiner Hilflosigkeit herauszukommen.

Das kann eine große Belastung sein, wenn jemand aus der Familie so belastet ist, dass man ihn eine zeitlang mittragen muss. Wenn einer aus der Familie krank ist oder Probleme hat, leiden alle anderen Familienmitglieder mit. Erwachsene sind manchmal in der Situation, dass sie ihre alten Eltern mittragen müssen, weil die nicht mehr allein zurechtkommen. Und wenn Freunde Krankheit oder anderes Schweres erleben, kann man auch in die Situation kommen, dass man den Freunden zur Seite stehen will und ihnen helfen will.

Dann geht es uns wie den Menschen, die den Gelähmten tragen. Wo wir uns auch wiederentdecken: bei den Menschen, die andere begleiten und mittragen oder bei dem Gelähmten, der getragen werden muss – für alle ist das Handeln Jesu das Zentrale: dass er dem Gelähmten seine Sünde vergibt und dass dieser dadurch gesund wird, ist das große Wunder. Für uns heißt das: Jesus kann unser Leben heil machen. Er kann Krankheiten heilen. Aber seine Heilung geht noch viel tiefer. Er will auch das ins Gleichgewicht bringen, was in unserem Leben schief läuft. Wo wir nicht im Einklang sind mit uns und mit Gott, da will Jesus wieder alles ins rechte Verhältnis rücken.

Jesus kann neues heiles erfülltes Leben bringen, nach dem wir uns doch so sehr sehnen. Selbst wenn wir nicht mehr weiter können, kann er doch scheinbar Unmögliches möglich machen. Er stellt unsere Füße auf weiten Raum – so heißt es in dem Psalm, den ich vorhin gelesen habe. Wir können wieder gehen, auch wenn wir uns vorher wie gelähmt fühlten. Unsere Fußspuren wären auf dem Bild zu sehen, von dem ich erzählt habe. Wir bekommen wieder festen Boden unter den Füßen. Und wenn wir so schwer daran zu tragen haben, dass jemand, der uns wichtig ist, leidet, dann können wir das Vertrauen haben, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben, sondern weiterzutragen, weiter für den anderen, für die andere zu glauben und zu hoffen.
Durch unseren Glauben und unser Mittragen kann sich für die, denen wir helfen, alles zum Guten verändern. So wie Jesus zu dem Gelähmten sagt: Steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

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