Du bist wertvoll!

Liebe Gemeinde!

Es war einmal, so beginnen Märchen, und fast scheint es so, als würde auch unser Predigttext heute morgen so ein Märchen sein. Es war zu der Zeit, als Gott Himmel und Erde machte … und wir könnten abwinken, könnten sagen. Nein die Zeit ist nicht für Märchen und wie der Erde entstanden ist und das Welt all, das wissen wir. Und nicht aus der Bibel. Doch wenn wir uns so überheblich geben, gehen wir der Geschichte auf dem Leim. Achten wir nicht darauf was in der Geschichte geschrieben steht und nach weniger darauf, in welcher Zeit sie aufgezeichnet wurde.

Sehen wir uns also zuerst die Bilder dieses angeblichen Märchens an. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Lange ist das her. Wohl kaum einer dürfte sich daran erinnern können. Zu der Zeit … das ist noch viel länger her als die angeblich alten Zeiten, in denen alles besser war. Als Gott Himmel und Erde machte, das ist in der Urzeit, fast vor jeder Zeit, und wir sehen Gott, wie er mit Gartenstiefeln und Arbeitshandschuhen herumstapft und Himmel und Erde machte. Karg muss es am Anfang gewesen sein auf der Erde. All die Sträucher waren noch nicht auf Erden gewachsen, eine große Brache, vielleicht gar eine Wüste, und – welch verlockende Vorstellung für alle Hobbygärtner unter uns – ja auch all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Eine Welt ohne Unkraut. Verständlich, denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden. Kein Mensch war da, der das Land bebaute. Still muss es damals gewesen sein. Vermutlich so still, dass sich das heute niemand mehr so vorstellen kann. Dann, vermutlich war es Gott in dieser stillen Ödnis doch zu langweilig, stieg ein Nebel auf von der Erde und feuchtete alles Land. Wenn sie zur Zeit des morgens früh auf den Beinen sind, können sie so einen Neben sehen. Erste Vorboten des Herbstes, ein graues feuchtes Etwas, alles zieht die Feuchtigkeit an sich, wer im Urlaub mit dem Zelt ein solches Wetter erlebt, der weiß, dass ihn klamme Klamotten erwarten, alles durchfeuchtet. Wer den Nebel brachte, es wird nicht berichtet. Nicht Gott lässt es regnen, der Nebel ist einfach da. Und ob Gott ihn schickte bleibt schleierhaft. Doch er kann etwas mit ihm anfangen. Aus der feuchten Erde nimmt er sich etwas, einen Klumpen und beginnt zu formen. Vielleicht bröselt anfangs noch der Ackerboden zwischen den Fingern, Lehm wäre vielleicht besser geeignet, doch den hat Gott nicht zur Verfügung und so gelingt ihm erst nach einiger Zeit eine Gestalt, mit deren Aussehen er zufrieden ist. "Gut sieht er aus" befindet Gott, holt tief Luft und bläst seinem Geschöpf den Lebensatem ein. Und langsam, anfangs noch etwas knirschend, bewegt sich dieser Mensch, steckt seine Glieder und bewegt seine Lippen. Und voller Freude über sein gelungenes Werk macht sich Gott gleich weiter an die Arbeit, lässt Flüsse entspringen, pflanzt Bäume und Sträucher, Edelsteine und kostbarer Bodenschätze werden versteckt und gelagert und als auch das alles fertig ist, nimmt Gott den Menschen und setzt ihn in den diesem Garten, den wunderschönen Garten Eden. "Das ist es jetzt deine Welt" sagt er zum Menschen. "Du darfst sie bebauen! Und pass gut auf sie auf".

Reichlich naiv könnte man sagen, oder: na so hat Gott das sicher nicht gesagt. Und die Aussagen muten auch ziemlich schlicht an. Ein Gott, der scheinbar mit den Händen die Erde macht. Ein Mensch, der aus Ackerboden gemacht ist. Es mag ja sein, dass jeder von uns einmal, einige Jahre nach unserem Ableben zu Erde geworden sein wird. Aber deshalb zu meinen, wir könnten aus Erde entstanden sein. Unsinnig.

Wieso überliefert uns also die Bibel so einen Schöpfungsbericht? Es ist beißende Sozialkritik, gnadenloses Abrechnen mit gesellschaftlichen Fehlentwicklungen und heute wie damals brandaktuelle Erzählkunst, die sich gegen menschliche Fehler stemmt. Die theologische Forschung geht davon aus, dass diese Erzählung von der Entstehung der Welt in der Zeit des Königs Davids und vor allem seines Nachfolgers Salomon geschrieben wurde. Wir erinnern uns, David, der mutige Hirtenjunge, der den Riesen Goliath mit einer Steinschleuder erlegt und zum Held seines Volkes wird. David wird ein mächtiger König. Sein großer politischer Verdienst, der Bau des Tempels in Jerusalem kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Staatsapparat in seiner Regierungszeit ins unermessliche wächst. Die Steuerlast steigt von Jahr zu Jahr, den Menschen bleibt kaum mehr das nötigste zum Leben und zu guter letzt richtet der König auch noch ein eigenes Ministerium für Frondienste ein. Wer nicht mehr zahlen kann wird gleich direkt zum Arbeitsdienst herangezogen. Nach dem Tode Davids wird sein Sohn Solomon König. Wir kennen ihn als weisen Richter und auch viele der Psalmen und das ganze Buch der Sprüche in der Bibel stammen aus jener Zeit. Doch die Kehrseite dieser gebildeten Medaille ist eine gebildete Oberschicht, die nur noch auf Kosten der verarmten Massen existieren kann. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander. Soziale Reformen bleiben immer mehr vor repräsentativen Kanzler-Neubauten auf der Strecke. Die Menschen hausen in Zelten neben den Steinbrüchen des Königs. … All zu weit ist das Volk nicht mehr entfernt von den Frondiensten in Ägypten zu Zeiten eines Mose.

In diese Zeit hinein sticht nun die vordergründig naive Erzählung eines menschen-formenden Gottes. Die Reichen und Klugen jener Zeit dürften die Köpfe geschüttelt haben. Nein, wie die Welt und auch der Mensch entstanden sein, darüber hatten sie sich auch schon Gedanken gemacht. Und Gott, der hatte doch seinen Tempel und wurde doch anständig verehrt. Eigens dafür hatte man doch eine Schar von Priestern eingestellt. Sollte sich doch jetzt die Kirche aus der Politik heraushalten.

"Jeder Mensch ist ein Werk Gottes" lautete die Botschaft an das Volk Israel. Ihr Politiker scheint es vergessen zu haben, wenn ihr sehenden Auges euer Volk, die, die euch anvertraut sind im Elend leben lasst. Gott macht sich die Mühe, jeden Menschen aus Ackerboden, aus ganz einfacher Erde zu formen. Nicht aus Gold uns Seide seit ihr gemacht, sondern aus Erde. Habt ihr das vergessen? Und dann, meine Lieben, nicht ihr seid die großen Lebensstifter, Gott bläst den Lebensatem ein, und nur dann könnt ihr tanzen und springen. Wenn euer letzter Atemzug verhaucht ist, ist es auch schon wieder vorbei.

Vielleicht spüren sie, liebe Gemeinde, die Kraft, die von diesem Text jetzt ausgeht. Ganz direkt misst die Bibel die Welt in die sie spricht an Gottes Maßstäben. Leben, Lebensraum für jeden Menschen, eine Aufgabe, die ihn ernähren kann, ein Leben in Frieden und Genügsamkeit, die grundlegenden Ressourcen zugänglich für jeden von uns. Vor dem Hintergrund des davididischen Reiches und der solomonischen Oberschicht werden die ganz grundlegenden Bedürfnisse des Menschen, die Gottgegebenheit seines Lebens durchbuchstabiert.

Aktuell ist das heute wie damals. Wer denkt angesichts der Zahl von 4.018.200 Arbeitslosen im Monat August noch an das einzelne Schicksal eines Menschen, der ohne, dass er etwas mit eigenen Händen erarbeiten oder bewahren könnte, seinen Lebenssinn fast völlig zu verlieren droht. Wer hat bringt jene paradiesischen Zustände eines Garten Edens noch mit aktuellen Klimamodellen und Hochwasserbildern zusammen? Und die Ströme Euphrat und Tigris … das Land von Gold und Bedolachharz ist der heutige Irak mit seinem Diktator Saddam Hussein. Wenn Amerika und England diesen Landstrich jetzt wieder mit Krieg überziehen wollen wird man dort gar nichts mehr finden. Ein Leben wie einst im Garten Eden ist heute schon unmöglich.

"Wir haben in der vergangenen vier Jahren gute Arbeit geleistet und möchten das fortsetzen" und "Sozial ist, was Arbeit schafft" – diese beiden Sätze werden wir heute Abend vermutlich wieder im Fernsehen hören. Das zweite Fernsehduell steht an und wieder werden die großen Reformen, die wirklich brennenden Fragen unserer Welt wohl nur zaghaft wieder angetippt werden. Die größte Kritik an Politik derzeit ist, das sie nicht den Mut hat, unangenehme Entscheidungen mit uns Menschen zu diskutieren. "Ach was, sie glauben doch auch noch, dass wir ihm Paradies leben könnten!" "Ja", müssten wir sagen, "das glauben wir".

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte … es sind die einfachen Geschichten, die die Welt verändern können. Der Glaube an einen Gott, der jeden von uns, egal wie arm oder wie reich, egal wie klug oder wie dumm, jedem einzelnen Menschen gewollt und mit seinen Händen gemacht hat gibt einen untrüglichen Maßstab vor. Du bist wertvoll, heißt er, so wie du bist. Und wenn Gott sich solche Mühe gegeben hat mit dir, einen Garten pflanzte zu deiner Ernährung und Erhaltung, sollten dann nicht auch wir daran arbeiten, unser Leben zu erhalten. "Mag sein" so schreibt Dietrich Bonhoeffer, "Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand geben, vorher aber nicht."

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