Du bist nicht allein …

Wahrscheinlich kennen Sie den Text alle, und ebenso wahrscheinlich haben Sie ihn in schweren Situationen oft schon als Trostwort empfunden: "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen". Bezeichnet als das "erste Lied vom Gottesknecht" sind die Worte aus Jesaja 42 einer der ganz großen Texte der Bibel, von einer ungebrochenen ermutigenden Kraft. Es handelt sich um das erste der insgesamt vier "Lieder vom Gottesknecht", auf die sich die neutestamentlichen Texte immer wieder beziehen.

Beim ersten Hören dieses kurzen Textes werden wir heute sofort an Jesus denken, an die Geschichte von der Taufe, die vorhin im Evangelium verlesen wurde. "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe…", klingt doch ganz ähnlich wie "das ist mein Erwählter" – oder? Aber dann lässt ein anderes Wort aufhorchen "das ist mein Knecht". Wer, so fragt man sich, würde sein eigenes Kind als Knecht bezeichnen?

Kann das wirklich ein liebender Vater sagen? Irgendwie kommt da wieder der Gedanke auf vom strafenden, eifrigen Gott, den man sich so ganz anders vorstellt als den, zu dem Jesus "Abba, lieber Vater" sagt. Ich musste dabei an eine Klassenkameradin denken. Ihr Vater war Politiker, Bürgermeister einer Großstadt, und zwar einer von der gefürchteten Sorte. Bekannt für seine Jähzornsausbrüche und seine Unerbittlichkeit. Sogar unsere Lehrer hatten Angst vor ihm. Als ich zum ersten Mal bei der Schulkameradin eingeladen war und erfuhr, der Vater sei zu Hause, wäre ich am liebsten wieder gegangen. Immer schon hatte mir das Mädchen leid getan, weil ich dachte, das Familienleben mit so einem Tyrannen müsse unerträglich sein. Erstaunlicherweise fand ich einen dicken und gutgelaunten Mann vor, der sich mit viel Humor und Interesse mit mir beschäftigte, Mathematikaufgaben erklären konnte und mich am Ende sogar nach Hause fuhr. "Er ist gar nicht so", hatte Christel immer gesagt. "Zu mir ist er wirklich lieb. Gut. Er kann streng sein, aber ungerecht ist er nicht." Und seine Tochter, das wurde mir an diesem Nachmittag klar, hatte der gefürchtete Mann wirklich ins Herz geschlossen. Später half er einmal der ganzen Klasse aus der Patsche: Eine Mathematikarbeit war katastrophal ausgefallen – er rechnete die Aufgaben nach und stellte fest, dass eine schlichtweg so formuliert war, dass sie unlösbar war. Empört marschierte er in die Schule. Die Arbeit ging nicht in Wertung. Für meine Mitschülerinnen wäre es nicht so schlimm gewesen, bei mir hing die Versetzung von dieser Arbeit ab. Wenn schon Menschen so viele verschiedene Seiten haben, von denen wir die liebende oft nur schwer erkennen, wie mag das gar bei Gott sein, der uns ja nur zu einem für uns begreifbaren Ebenbild seiner selbst geschaffen hat? Dass der Knecht, den er schicken wird, sein geliebter Sohn, ein Stück seiner selbst ist, das dürfen wir unter diesem Aspekt getrost glauben.

Der Prophet, der die Worte vom kommenden "Gottesknecht" spricht, konnte allerdings noch nicht ahnen, wie und wann Gott sein Versprechen, einen "Messias", einen Erlöser zu schicken, einlösen würde. Gott offenbart ihm nur, dass es geschehen werde. "Mein Knecht, den ich stütze, an ihm finde ich Gefallen" – aber schon diese Worte sind im alten Testament ein ungewohnter Ton. Der "Ich bin der ich bin", der, von dem wir uns kein Bild machen sollen, er äußert Gefühle. Gefühle, die wir nachvollziehen können. "An ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt", Gott verspricht, den Unterdrückten – dem Volk im Exil – jemanden zu schicken, der ihm am Herzen liegt und der sich leise und unspektakulär der Leidenden annimmt. Die Worte vom geknickten Rohr und vom glimmenden Docht sind vielleicht gerade darum so wirkmächtig, weil sie nicht von Sieg und Heldentum sprechen. Zu wissen, da ist einer, der immer da ist und nicht müde wird, mit durch alle Niederungen zu gehen, das ist doch weitaus tröstlicher als der Gedanke an jemanden, der laute Reden schwingt wie ein Politiker im Wahlkampf.

"Er wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen", im Grunde ist das kein großes Versprechen. Wer einmal eine Weile eine Kerze beobachtet hat, kennt den Anblick: Stundenlang kann so ein Licht weiter glimmen, ohne zu verlöschen, aber auch, ohne zu strahlender Helligkeit aufzuleuchten. Und einer Pflanze, die einmal geknickt war, sieht man diese Narbe an, auch, wenn sie weiter wächst. Gott verspricht kein leichtes Leben, aber er verspricht Leben. Und das ist sehr viel. Wer vielleicht einmal einen schweren Unfall überlebt hat, wird das gut nachvollziehen können. Und auch, wer gelernt hat, mit einer Krankheit zu leben, mit der Hoffnung von Tag zu Tag, wird die volle Tragweite der Verheißung erkennen und die Freude darüber teilen können, dass dieser Gottesknecht erschienen ist und seinen Geist hier gelassen hat. Den Geist, der in uns weiter wirkt. "Er weckt mich alle Morgen", allein diese Erkenntnis wird dann schon Grund zum Danken.

Schließlich denke ich auch an unsere Gemeinden. Man kann die kleine Schar, die sich hier sonntags zum Gottesdienst versammelt, mit Resignation betrachten, mit dem Gefühl: "Bald macht hier der letzte das Licht aus." Man kann aber auch über das Wunder staunen, dass wir uns immer noch zusammenfinden, und wenn es nur zwei oder drei sein sollten. "Den glimmenden Docht löscht er nicht aus". Das ist Gottes Zusage, nicht mehr und nicht weniger. Den Funken am Glühen zu halten und wieder zu einem hellen Licht werden zu lassen, dazu freilich können nur wir, jeder von uns, unseren kleinen Anteil leisten, so weit es in unseren Kräften steht. Aber wo kein Funke mehr ist, da wird es dann endlich dunkel. Er wird den glimmenden Docht nicht auslöschen, wenn aber wir die Glut nicht pflegen oder das geknickte Rohr mit stützen, so schlagen wir Gottes ausgestreckte Hand aus, wir überhören den leisen Ruf Gottes.

"Er wird nicht müde und er bricht nicht zusammen, bis er auf Erden das Recht begründet hat" , bei diesem Satz höre ich schon die Frage, die uns Christen wohl am häufigsten gestellt wird: "Warum lässt Gott alles Unrecht in dieser Welt zu?" Dies ist die Frage, auf die die Antwort am schwersten ist. Letztlich sind es doch immer wieder Menschen, die das Unrecht tun, jeder von uns, und eigentlich kann man sich nur wundern, wie groß die Geduld des "Gottesknechtes" sein muss, wenn er "nicht müde wird, in Treue das Recht hinauszutragen."

Das Ermutigende im ersten Lied vom Gottesknecht liegt darin, dass es jedem, der aufgerufen ist, Gottes Mitarbeiter zu sein, sagt: "Du bist nicht alleine und du wirst geliebt ". Auch wir sollen nicht lärmen oder schreien über den Jammer in der Welt, wir sollen das zerdrückte Rohr nicht vollends zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, sondern ein leises und schützendes Wort finden, wenn wir Bedrückung sehen. Einer ist uns vorausgegangen, um dessen Nachfolge wir uns nur bemühen können. Das ist unsere Stütze. Dass wir Liebe ausstrahlen in allem, was wir tun, dass wir alles, was wir tun, tun in Gottes Namen und nicht um des eigenen Erfolgs willen, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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