Driving home for Christmas

Liebe Gemeinde!

I.) Alle Jahre wieder dringen in der Weihnachtszeit vertraute Klänge an unsere Ohren. Hören wir bestimmte Melodien, dann wissen wir schon: bald ist Weihnachten. Natürlich sind es zuerst die altbekannten Weihnachtslieder angefangen von "Macht hoch die Tür" bis "Stille Nacht, heilige Nacht" die diese Ahnung wecken.

Doch außer diesen gibt es inzwischen eine ganze Reihe von modernen Popsongs, die Jahr für Jahr in den Tagen vor Weihnachten auf fast allen Radiosendern gespielt werden. Einen religiösen Anspruch haben diese Lieder meistens nicht, nur selten geht es ausdrücklich um die Weihnachtsgeschichte, um das Kind in der Krippe, um die Hirten und die Könige.

In ihnen sind vielmehr Gedanken, Gefühle und Stimmungen eingefangen, die sich für viele Menschen mit dem Weihnachtsfest verbinden.

II.) Der englische Gitarrist und Sänger Chris Rea ist nun seit vierzehn Jahren in jeder Weihnachtszeit mit seinem Lied "Driving Home For Christmas" im Radio zu hören, auch viele von Ihnen kennen dieses Lied sicherlich. Auf deutsch übersetzt heißt der Titel nicht mehr als "Zu Weihnachten nach Hause fahren …".

Eine einfache Begebenheit wird erzählt: Ein Mann sitzt in seinem Auto. Er will zu Weihnachten nach Hause fahren. Er kann es kaum erwarten, dort all die bekannten Gesichter zu sehen. Er steht im Stau, die Ampeln stehen auf rot, die Zeit wird lang. Er singt, um sich die Zeit zu vertreiben. Und er erinnert sich: es ist lange her, seit er zu Hause gewesen ist. Doch jetzt beim Warten werden tausend Erinnerungen wach, wie es früher war. Er will die Autobahn erreichen, endlich freie Fahrt haben. Denn er will Weihnachten zu Hause sein und seine Füße auf heiligen Boden setzen. Er schaut hinüber zum Fahrer im Auto nebenan und er sieht ihm an, auch ihm geht es nicht anders.

Zu Weihnachten nach Hause fahren …

Das Lied von Chris Rea wird vielleicht deshalb so gerne gehört, weil es ein ganz wichtiges Gefühl weihnachtlicher Sehnsucht auf den Punkt bringt: Weihnachten nach Hause zu kommen, Weihnachten in der Heimat zu sein, das ist für viele Menschen sehr wichtig. Den meisten Menschen erscheint es als besondere Härte, wenn jemand gerade Weihnachten in der Fremde verbringen muss. Und diejenigen die einmal ihre Heimat ganz verlassen oder verloren haben, sie sehnen sich an diesem Tag meist besonders stark dorthin zurück.

Man möchte Weihnachten eben gerne in der vertrauten Umgebung und mit den vertrauten Menschen verbringen. Sich zurückziehen können, an den Ort wo man zu Hause ist, der einem Sicherheit und Geborgenheit gibt, so wie damals zu Weihnachten, als man selber noch ein Kind war.

Und so, vermute ich jedenfalls, sind auch einige von Ihnen heute zu Weihnachten wieder nach Hause gekommen. Manche sind vielleicht nach längerer Zeit mal wieder einmal hier in der Gegend, der eine oder andere hat vielleicht sogar einen weiten Weg zurückgelegt, um Weihnachten zu Hause zu feiern, so wie der Mann, von dem Chris Rea in seinem Lied erzählt.

III.) Vielleicht kann aber der Gedanke, dass wir an Weihnachten nach Hause oder in die Heimat kommen, für uns gerade in dieser Stunde ja noch eine neue und eine tiefere Bedeutung bekommen. Denn Sie alle sind heute Abend ja auch nicht nur nach Hause zur Familie gekommen. Sie sind auch in die Kirche gekommen und feiern hier zusammen mit vielen anderen Menschen Gottesdienst.

Ich habe den Eindruck, dass auch der Gottesdienst am Heiligabend, das gemeinsame Singen der Lieder und die neue Begegnung und Beschäftigung mit der Weihnachtsgeschichte für einige durchaus so etwas wie eine Ankunft oder Rückkehr in die Heimat sein könnte.

Denn es gibt ja nicht wenige, die ihr geistliches Zuhause mit der Zeit verloren oder verlassen haben. Man braucht gar keine großen wissenschaftlichen Untersuchungen, um herauszufinden, dass viele Menschen, seien sie Kirchenmitglieder oder nicht, sich heute nicht mehr so sicher sind, welche Rolle der Glaube an Gott in ihrem Leben spielen soll.

Früher wurden die biblischen Geschichten in den Familien weitergegeben und religiöse Praxis miteinander eingeübt. Heute ist das nicht mehr die Regel. Viele Eltern empfinden es als gar nicht so leicht, ihren Kindern nicht nur Geschenke zu bereiten, sondern ihnen dazu auch die Geschichte zu erzählen, die wir heute feiern. Vielen, gerade von den Jüngeren, fällt es schwer ihren eigenen Glauben in Worte zu fassen.

Hinzu kommt, die christliche Lehre heute ja längst nicht mehr das einzige Angebot auf dem Markt der religiösen Weltdeutung ist. Da gibt es so viele andere Entwürfe, die ebenfalls beanspruchen, die Welt und das Leben erklären zu können. Und nicht wenige haben das eine oder andere da schon ausprobiert.

Und es gibt auch manche, die mit einem gewissen Misstrauen auf ihre Kirche schauen, weil sie ihnen als viel zu groß, zu reich und zu mächtig erscheint.

So ist die Kirche für nicht wenige aus dem einen oder anderen Grund mit der Zeit zu einer fremden Heimat geworden. Ein Zuhause, aus dem man aufgebrochen ist, das manche auch bewusst hinter sich gelassen haben oder bei anderen mit der Zeit einfach aus dem Blick geraten sein mag.

Und doch ist bei vielen eine stille Sehnsucht lebendig geblieben nach dieser Heimat, oder nach diesem Ort, weil sie spüren, dass es in den Geschichten des Glaubens doch um etwas geht, was für eigene Leben ganz wichtig ist oder ganz wichtig werden könnte.

Für viele führt der Weg gerade am Weihnachtsabend wieder einmal zur Kirche. Und es könnte doch ein Weg zurück nach Hause sein, Heimkehr an den Ort, wo ich vielleicht nach langer Zeit meinen Fuß wieder auf heiligen Boden setze, wo ich spüre, was dort geschieht ist auch für mich geschehen, wo ich beginne zu ahnen, dass Gott auch mein Leben berühren und verändern will.

Eine Chance: Zu Weihnachten nach Hause kommen …

IV.) Die Weihnachtsgeschichte, so meine ich, lädt uns zu solcher Heimkehr ein. Und das, obwohl sie doch eigentlich von Menschen erzählt, die fern der Heimat unterwegs in der Fremde sind. Doch sie alle machen in dieser Nacht die Erfahrung, dass Gott ihnen eine Heimat gibt, in einem Stall, an einer Krippe, durch ein Kind.

Fern der Heimat sind die Eltern Maria und Josef, die Verlobten aus Nazareth, die getrieben durch den Befehl des Kaisers nach Bethlehem gekommen sind um sich dort in die Steuerlisten eintragen zu lassen. Etwa fünf Tage lang dürften sie unterwegs gewesen sein, der Mann und die hochschwangere Frau.

In Bethlehem am Ziel ihrer Reise werden sie nicht freundlich empfangen, ein karger Stall auf dem Feld, eine bessere Unterkunft bekommen sie nicht. Dort bringt Maria in der Nacht ihr erstes Kind zur Welt und aus dem Paar wird eine Familie. Im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten geben sie dem Kind, was es braucht, Nahrung, Wärme, einen Platz zum Schlafen, vielleicht haben sie noch ein Lied gesungen – mehr jedoch hatten die beiden nicht zu bieten.

So fing damals alles an und ich denke: das ist schon zum Staunen, wie Gott zur Welt kommt und sich die Welt zur Heimat macht, wie sein Kind ein Zuhause findet, bei zwei ganz einfachen Menschen. Maria und Josef können ihm in der Fremde nur eine bescheidene Unterkunft bieten und doch: es ist Christus erstes Zuhause in unserer Welt.

Ohne Heimat sind auch die Hirten, die in jener Nacht zum Stall gekommen sind. Sie sind nicht sesshaft, leben mal hier mal dort, treiben ihre Herden von einem Weideplatz zum nächsten. Sie sind nicht gut angesehen bei den anderen Leuten, viele meiden die Hirten. Gerade sie sind es, die von den Engeln auf dem Feld als erste die gute Botschaft der Weihnachtsnacht hören.

Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids." Und sie eilen und finden den Stall und alles ist so, wie die Engel es ihnen gesagt haben.

So ist die Botschaft damals zuerst zu den ganz einfachen Menschen gekommen und ich denke: das ist schon erstaunlich, dass Gottes Engel gerade sie noch in der Nacht an die Krippe gerufen hat. Was sie dort sehen verändert ihr Leben für immer. Von nun an wissen Sie: wir sind nicht mehr heimatlos, wir haben einen Platz an den wir für immer gehören. Gott hat uns nach Hause gerufen, an die Krippe. Durch dieses Kind bleiben wir mit ihm verbunden. Mögen die anderen auch über uns Hirten und unser Leben denken, was sie wollen, niemand kann uns mehr die Heimat nehmen, die uns in dieser Nacht geschenkt worden ist.

Weit entfernt von ihren Heimatländern waren auch die Könige, die aus fernen Landen kamen und dem Stern folgten, um den neugeborenen König zu finden. Ihr Weg war lang und was sie am Ende der Reise dort im Stall vorfanden entsprach sicher nicht ihren Erwartungen. Aber sie wussten wohl: hier erfüllt sich unsere Sehnsucht, dieses Kind gibt uns, was uns Wissen, Reichtum und Macht nicht geben können. Doch nun haben wir die Gewissheit: Gott ist bei uns und meint es gut mit uns.

So kommen auch die Mächtigen der Erde statt in einen Palast in einen Stall und beten das Kind in der Krippe an, so wird es jedenfalls erzählt. Und ich denke: vielleicht ist es bei uns nicht anders. Das, was wir suchen, ist oft nicht was wir wirklich brauchen. Sie erwarteten ein Königskind, doch erst im Stall, an der Krippe, findet ihre Sehnsucht ihr Ziel und ein Zuhause.

V.) Die Weihnachtsgeschichte erzählt, wie die unsere Welt für Gottes Sohn zur Heimat wird. Gott lässt sich auf uns Menschen ein, wird selbst ein Kind, gibt seinen eigenen Sohn in unsere Hand, lässt ihn ein Zuhause in einer Familie finden.

Und die Weihnachtsgeschichte erzählt, wie ganz verschiedene Menschen durch dieses Kind in der Fremde eine Heimat und ein Zuhause finden.

Wer zur Krippe kommt, der kommt nach Hause, damals und heute. Für jeden von uns ist ein Platz freigehalten, damit wir uns dort vergewissern können, wie Gott es mit uns meint.

Heute sind wir ganz besonders eingeladen nach Hause zu kommen, in jene Geschichte, die wir schon als kleine Kinder kennen gelernt haben. Wir dürfen ganz nahe heranzukommen, den heiligen Boden zu betreten und an der Krippe die Sehnsucht unserer Herzen mit mehr stillen als mit Geschenken, gutem Essen und Gemütlichkeit im Familienkreis.

Dort, an der Krippe, erkennen wir das eigentlich wichtige: Dieses Kind ist der Grund für alle Hoffnung auf Vergebung, auf Befreiung, auf Frieden. Es ist mir anvertraut und ich bin ihm anvertraut, solange ich lebe – Gott sei Dank, dass ich zu ihm gehöre.

"Zu Weihnachten nach Hause fahrn…", von seinem Weihnachtswunsch singt Chris Rea auch in diesem Jahr. Ich wünsche ihnen allen, dass Sie heute gut ankommen und nicht auf die Bremse treten, bis sie mit dem Herzen zu Hause sind – dort in Bethlehem und dort den Platz einnehmen, der an der Krippe von Gott schon lange, schon immer freigehalten ist.

Und wenn wir von dort zurückgehen, werden wir es wissen, wie die Hirten in der ersten Heiligen Nacht: wir sind allein, heimatlos unter den Sternen. Denn Gottes Kind ist in unser Leben gekommen, will auch in unserem Leben wachsen, will bei uns Heimat finden und uns Heimat geben.

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