Drei Anregungen …

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext ist aus dem 2. Thessalonicher Brief. Da schreibt jemand einen Brief und schiebt ihn Paulus unter. Und so ist dieser Brief in die Bibel gekommen, weil man früher dachte, er ist von Paulus. Aber heute wissen wir, es ist eine Fälschung. Oder etwas freundlicher formuliert. Da versucht jemand sich Gehör zu verschaffen und benutzt dazu den guten Ruf und die Autorität des Paulus, denn er ist ganz verzweifelt, weil sonst niemand auf ihn hört. Und auf den ersten Blick kann ich verstehen wieso sonst niemand auf ihn gehört hat, denn unser Predigttext hört sich an wie die Ermahnung einer Grundschullehrerin an ihre Kinder, die jetzt auf die weiterführende Schule gehen. Es hört sich an wie, geht rechtzeitig schlafen, guckt nicht solange fernsehen und macht immer eure Hausaufgaben. Das ist ja durchaus richtig. Aber wenn man so etwas Erwachsenen sagen würde, wären sie mit recht etwas genervt. Aber hören wir uns den Text erst einmal an:

[TEXT]

Wie hinter den Ermahnungen einer Grundschullehrerin steht auch hinter diesem Text echte Besorgnis. Der Mann, der das schreibt, sorgt sich um seine Gemeinde. Er sorgt sich, weil es bei ihnen so ist wie immer und überall. Es gibt falsche und böse Menschen, und der Glaube ist halt nicht jedermanns Ding. Klar so ist es, und das ist heute noch so. Wir leben mit der genau der Situation auch schon unser Leben lang. Wir ärgern uns über die Familie und die Nachbarn und den Ort, den Hundedreck auf dem Penny-Spielplatz, die unfreundliche Bedienung im Kaufhaus und die Raser oder die Langsamfahrer auf der Autobahn. Und wir sind besorgt, weil selbst in der eigenen Familie Leute aus der Kirche austreten. Ich ärgere mich, wenn meine Töchter auf der Straße angepöbelt werden, weil sie Pfarrerskinder sind, und mit Sprüchen wie: Geh beten! belästigt werden. Es ist eine deutliche Einschränkung der eigenen Lebensqualität, wenn die Kinder wegen des Berufs ihrer Eltern gemobbt werden. Das geht bis in die Schule, wo dann Lehrer ihre Sprüche mit ?Unter uns Pfarrerstöchtern ? beginnen. Oder: Eine Bekannte erzählte mir, dass sie bei der Arbeit einfach etwas aus der Predigt des letzten Sonntags zitiert hat. Sie hat allgemeine Verwunderung ausgelöst. Und die Kolleginnen und Kollegen haben gefragt: Wie, du gehst in die Kirche? Du wirkst doch sonst ganz normal.

Der Glaube ist halt nicht jedermanns Ding und gutes Benehmen auch nicht. Es geht einem ja auch selber manchmal so, dass man sich gerade nicht so intensiv mit dem Glauben befassen will, oder dass man sich mal daneben benimmt. Das war schon immer so, und das wird sich auch auf Dauer wohl nicht ändern. Eigentlich ist das, liebe Gemeinde, ganz beruhigend. Selbst dass es böse Menschen gegeben hat und immer wieder geben wird, gehört einfach zum Alltag. Und dass der Glaube nicht jedermanns Ding ist, und ich ergänze vor allem nicht zu jeder Zeit auch das eigene Ding, damit müssen wir eben leben.

Nur die spannende Frage ist, wie leben wir am besten damit? Und da sind die Anregungen unseres Predigttextes ganz interessant.

Die erste Anregung ist: Beten. Die zweite Anregung: auf Gott vertrauen, auf seine Liebe schauen. Die dritte Anregung ist nicht aufregen! Geduld!

Im Grunde sind die Antworten ganz einfach. Aber das Einfache ist oft das Schwierige. Diese Antworten sind zwar einfach zu verstehen, aber es ist schwer, sich im Leben daran zu halten.

Ich fange mal mit dem dritten an. Nicht aufregen! Geduld. Ich bin nicht besonders geduldig, wenn meine Kinder angegriffen werden. Und ich kann mich darüber furchtbar aufregen. Aber eigentlich ist das ganz unangemessen, denn andere Kinder werden auch geärgert, dann halt wegen ihrer hellen Haare oder ihrer ungeschickten Art zu gehen. Wer jemand ärgern will, findet immer einen Grund. Und da ist der Beruf der Eltern halt einfach ein Angebot unter vielen. Und eigentlich kommen die Kinder ganz gut damit zurecht. Und sie haben auch systematische Antworten auf die durchaus vorhersehbaren Angriffe. Zum Beispiel ist eine beliebte Antwort auf: Geh beten:? In Ordnung, ich werde für dich beten. Du kannst das gut gebrauchen.?

Und im Fall der Bekannten, die von ihren Kollegen für verrückt erklärt wurde, weil sie in die Kirche geht, hat sich das auch noch aufgelöst. Die Bekannte hat mit der Antwort: ?Sie könne sich eigentlich nicht erinnern, wann sie ihren letzten Urlaub in der Psychiatrie verbracht habe? durchaus erreicht, dass sich die Kollegen bei ihr entschuldigt haben. Und dann kamen ganz spannende Gespräche über die Frage, woran die einzelnen glauben, in denen sie durchaus respektvoll behandelt wurde. Da war es sehr sinnvoll, dass sie geduldig war und sich nicht sehr aufgeregt hat und sich auch nicht beleidigt zurückgezogen hat. Ja, wir brauchen heute als Kirche viel Geduld. Und nicht alles, was auf den ersten Blick unverschämt daherkommt, ist auch so gemeint. Die Leute sind in allen Glaubensfragen, oft so verunsichert, dass man durch etwas Geduld und indem man sich erst einmal sehr merkwürdige Dinge freundlich anhört, durchaus noch zu wichtigen Gesprächen kommen kann. Man kommt dann manchmal an Punkte, wo deutlich wird, dass der Glaube nur verschüttet ist, und durchaus wieder aufblühen könnte. Und dann beginne ich zu ahnen, dass Gott auch in diesem Leben wirksam ist.

Und da kommt unsere zweite Anregung aus dem Predigttext zum Tragen: Auf Gott vertrauen und auf seine Liebe schauen.

Wir denken manchmal: ?Mit der Kirche geht es sowieso nur bergab. Es kommen immer weniger Menschen in die Gottesdienste. Viele treten aus. Und immer mehr Menschen sagen: Ich glaube nicht mehr an Gott.? Wir können darüber traurig oder verärgert sein. Wir können auch uns selbst die Schuld geben, dass wir nicht überzeugender wirken. Oder wir können uns fragen, ob die Botschaft nicht mehr zeitgemäß ist? Aber letztendlich nützt das alles nichts. Das einzige, was etwas nützt, ist auf Gott zu vertrauen, und auf seine Liebe zu schauen. Schwierige Zeiten hat es immer gegeben, aber Gott hat sich doch immer wieder um die Menschen gekümmert und sich ihnen zugewandt. Gott hat Jesus Christus geschickt, damit wir erfahren, dass wir für Gott wichtig sind, dass Gott auf uns rechnet, und dass Gott seine Welt nicht einfach abgeschrieben hat, sondern dass wir erlöst und befreit und gerettet werden sollen. Kein Untergang wartet auf uns, sondern ewiges Leben in der Gegenwart Gottes. Und zwar nicht nur auf uns, sondern auf alle, die das für sich in Anspruch nehmen wollen. Dass wir dafür zwischendurch uns halt mal anpöbeln lassen müssen, das können wir schon aushalten. Dass wir dafür halt zwischendurch etwas belächelt und für verrückt gehalten werden, damit können wir, denke ich, leben. Und wenn ich glaube, dass Gott die Menschen nicht im Stich lässt, – und das glaube ich ? dann kann ich auch Geduld haben, dann kann ich warten. Dann verlasse ich mich darauf, dass Gott die anderen auch erreicht. Gott erreicht sie vielleicht auf eine Art, die ich nicht verstehe, und die mir nicht zugänglich ist. Aber ich muss das ja auch nicht alles verstehen. Dann sage ich mir: Ich gehe in die Kirche und ich finde hier meinen Weg zu Gott. Und andere tun das anders. Ich vertraue darauf, dass Gott niemanden fallen lässt, der nach ihm sucht, und wenn dann der eine oder die andere doch noch mal in die Kirche findet, dann freue ich mich darüber, und nehme es als verdientes oder auch unverdientes Geschenk.

Und damit wären wir auch schon beim der dritten Anregung unseres Predigtextes: Beten: den Kontakt zu Gott halten. Regelmäßig eine Zeit reservieren, in der ich, was mich bewegt, vor Gott bringe und mit Gott bespreche. Oder einfach eine Zeit am Tag haben, in der ich mich um gar nichts kümmere, sondern einfach nur die Stille genieße und darauf warte, dass Gott den Kontakt mit mir sucht. Das Pfarramt ist manchmal etwas hektisch, und da schaffe ich es nicht immer mir diese Zeit zu nehmen. Vielleicht haben auch Sie Zeiten, wo Sie nicht zum Beten kommen? Oder vielleicht habt Ihr liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden ein paar Jahre lang nicht mehr gebetet? Oder ihr betet öfter. Wahrscheinlich ist das bei euch auch unterschiedlich. Mir geht es jedenfalls deutlich besser, wenn ich mir regelmäßig die Zeit zum Beten nehme. Und ich möchte euch bitten es doch einmal auszuprobieren, ohne besondere Regeln, zB abends vor dem Einschlafen leise für euch zu beten. Wenn euch nichts einfällt, könnt ihr es ja mal mit einem Vaterunser versuchen. Und ihr werdet merken, ihr findet eher Ruhe, und vielleicht werdet ihr merken. Gott redet mit mir, ich kann es fühlen. Ich wünsche uns allen jedenfalls viele hilfreiche Erfahrungen, wenn wir die Anregungen unseres Predigttextes aufgreifen und in unserem Leben umzusetzen versuchen:

Beten, auf Gott vertrauen und auf seine Liebe schauen, sich nicht aufregen, Geduld haben.

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