Draußen vor dem Tor …

Liebe Gemeinde.

Mit dem heutigen Sonntag Judika beginnt einer alten kirchlichen Tradition folgend die eigentliche Passionszeit. Judika hat seinen Namen von den ersten Worten des Psalms 43. Schaffe Gott mir Recht. Draußen vor dem Tor der Stadt, draußen vor dem Tor, starb Jesus. Kurzen Prozess hatten sie mit ihm gemacht. Alle Vorurteile zu einem Urteil zusammengewürfelt, alle eigenen Ängste in der Macht beschränkt zu werden, hatten sie zu einer festen Überzeugung betoniert: Er lästert Gott. Er gehört nicht zu uns. Er muss sterben. Heute noch. Und dann starb er draußen vor dem Tor. Draußen vor dem Tor wurde in alltestamentlicher Zeit Recht gesprochen. Da saßen die Ältesten der Stadt zusammen und behandelten die anfallenden Rechtsfragen. Zu Zeiten Jesu geschieht nun draußen vor dem Tor Unrecht, himmelschreiendes Unrecht. Was hatte er ihnen getan? Was konnten sie ihm tatsächlich vorwerfen. Er starb draußen vor dem Tor.

Und darum möchte ihnen heute auch von Omar Ben Noui erzählen, weil es das auch heute gibt, dass Menschen gehetzt und verfolgt, und ermordet werden, ohne dass es dafür auch nur einen vernünftigen Grund gibt. Wir werden die Passion und die Leiden Jesu am besten dann verstehen, wenn wir sie hineinnehmen in die Ungerechtigkeit und Leiden, die mitten unter uns noch geschehen. Ich fand die Geschichte des jungen Algeriers in einer Predigthilfe für den heutigen Sonntag. Sie hat mich tief erschüttert, denn auch er starb draußen vor dem Tor, irgendwo außerhalb jeder Vernunft und Menschlichkeit. Es geschah in einer Samstagnacht im Februar 1999 in Guben, einer Grenzstadt zu Polen. Die örtliche Skinheadszene, die es dort offensichtlich genauso öffentlich und sichtbar gab, wie die freiwillige Feuerwehr, ohne dass jemand etwas dagegen unternahm, hatte sich mal wie zum Zeitvertreib getroffen um wie sie selbst vor Gericht sagten: "Neger zu klatschen". Die Bewohner einer Neubausiedlung sehen drei, vier Autos vor ihrem Haus kreisen sehen. Junge Mäner lehnen sich grölend und johlend aus dem Fenster. Dann hören sie Glas splittern. Hort G, ein Bewohner des Hauses nimmt allen Mut zusammen und rennt die Treppe herunter zur Wohnungstür. Was er dort sieht, lässt ihn noch einen Tag später erzittern. Auf der Treppe, draußen vor der Tür, sitzt Omar ben Noui, ein 28-jähriger Algerier. Ohnmächtig in sich zusammengesunken in seinem Blut. Der herbeigerufene Notarzt kann nur noch den Tod feststellen. Auf der Flucht vor dem rechtsradikalen Mob war er in seiner panischen Angst durch die Glastür gesprungen und hatte sich dabei eine Schlagader im Knie durchtrennt. Omar ben Noui stirbt draußen vor der Tür.

Als ich diesen Bericht las, liebe Gemeinde, war ich erschüttert und betroffen. Den Tod da draußen, draußen vor dem Tor, abseits von Recht und Gerechtigkeit, abseits von Hirn und Vernunft, den gibt es also immer noch. Und irgendwie, ich finde nicht die richtigen Worte, die es schlüssig begründen, gehört der Tod von Jesus da draußen vor dem Tor und der Tod von Omar ben Noui, da draußen vor der Tür, zusammen. Und ich erinnere daran, liebe Gemeinde, weil die Kirchen es mit großer Sorge sehen, dass das Problem der Einwanderung, der Asylpolitik, der Fremden in unserem Land, mal wieder zum Wahlkampfthema werden soll, und dass es dabei mal wieder um Stimmenfang geht und nicht darum ein sicherlich bestehendes Problem vernunftbegabt zu lösen. Wenn der Hebräerbrief, ein Schreiben, das an eine Gemeinde ging, in der vornehmlich Christinnen und Christen mit jüdischem Hintergrund waren, nun schreibt: Darum hat auch Jesus, dass er das Volk heilige durch sein Blut, gelitten draußen vor dem Tor , dann spielt der Schreiber des Briefes auf den höchsten Feiertag der jüdischen Gemeinde an, auf Jom Kippur, den Versöhnungstag.

Nur an diesem Tag durfte der Hohepriester das Allerheiligste im Inneren des Tempels betreten und nur er, niemand anderes. In einem symbolischen Akt bestrich er den Deckel der Bundeslade, in deren Inneren sich die Tafeln der 10 Gebote befanden, und bat um Vergebung für die Sünden des Volkes. In einem weiteren Akt lud man die Sünden des Volkes auf einen Sündenbock, trieb ihn in die Wüste, um durch das Verbannen der Schuld die Trennung von Gott und dem Volk aufzuheben. Heute brauchen wir keine Sündenböcke mehr. Dafür ist Jesus Christus gestorben. Das meint dieser Satz: "Darum hat Jesus draußen vor dem Tor gelitten, dass er durch sein Blut heilige das Volk."

Zugegeben, liebe Gemeinde, das sind alte und uns fremde Vorstellungen, dass da einer geopfert und sterben musste, damit wir gerettet werden, aber darum ging es dem Schreiber des Hebräerbriefes tatsächlich. Jesus ist gestorben für unsere Sünde. Bei ihm ist Vergebung. Wir brauchen keine Sündenböcke mehr. Und schon allein darum, liebe Gemeinde, wehren wir uns als Christinnen und Christen mit Haut und Haaren und mit Herz und Mund, gegen jeden Versuch, dass Menschen anderen Religion, Menschen anderer Sprache, Menschen anderer Kultur und Hautfarbe, in unserem Land immer wieder zum Sündenbock dafür gemacht werden. "Darum lasst uns nach draußen gehen…," heißt es weiter im Hebräerbrief und es wird deutlich, dass wir als Kirche, seit dem Leiden Jesu Christi, unseren Platz auch dort haben, draußen vor em Tor, draußen, dort wo Menschen am Rande der Gesellschaft leben oder gar schon außerhalb von ihr. Lasst uns nach draußen gehen, liebe Gemeinde, nach draußen ins Leben der Menschen, nach draußen, raus auch aus den Zirkeln der Macht, raus vielleicht auch manchmal, wenn es nötig ist, aus der Mehrheitsmeinung, raus auch jedenfalls aus den Sicherheiten des Lebens, die nicht selten mehr verlockend, als hilfreich sind. "Denn", und so fährt der Hebräerbrief fort, " wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir."

Und das wissen wir ja auch alle, liebe Gemeinde, dass die Sicherheiten des Lebens und die Versicherungen alles nur relative und auf jeden Falll vorläufige Sicherheiten sind. Kirche, liebe Gemeinde, muss in Bewegung sein. Die katholische Kirchengemeinde in Ranstadt bringt das sehr schön zum Ausdruck, weil sie ihre Kirche einem Zeltdach nachempfunden hat. Christinnen und Christen, sind immer in Bewegung auf Gott hin, sie sind Bürger dieser Welt, aber ihre Heimat ist im Himmel. Die einzige Sicherheit, die sie wirklich haben sollte, ist die Sicherheit ihrem Herrn zu folgen und auf sein Wort zu hören. Wir gehen ja nicht unsicheren Zeiten entgegen, sondern der Wiederkehr unseres Herrn Jesus Christus.

Wenn wir unserem Herrn folgen, liebe Gemeinde, dann bleiben wir auf der Suche nach ihm und nicht selten finden wir ihn draußen vor dem Tor, da draußen auch vor der Tür eines Wohnblocks in Guben, gemeuchelt und in den Tod getrieben von einer grölenden Meute. Judika. Es ist Passionszeit. Heute und auch mitten unter uns. Lasst uns das Leiden unseres Herrn Jesus bedenken und die nicht alleine lassen, die bis auf den heutigen Tag dem blanken Hass und der nackten Gewalt ausgeliefert sind.

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