Dort sein, wo die Menschen sind …

Liebe Gemeinde,

ich vermute, dass Sie alle heute gekommen sind, weil Ihnen der Gottesdienst wichtig ist, weil Sie etwas von Gott erfahren wollen, vielleicht Gemeinschaft erleben, vielleicht Stärkung für den Alltag. Und ich vermute, dass es kaum jemanden oder wahrscheinlich überhaupt niemanden gibt, der hier vorbeigekommen ist und sich gesagt hat: da schau ich mal rein, vielleicht ist was für mich dabei. Wir sind es gewöhnt, dass wir unsere Veranstaltungen halten für Menschen, die von der Sache schon was wissen und eben dann selbstverständlich sagen: da gehe ich hin. Ob nun Gottesdienst oder Bibelwoche, oder Gebetskreis, nur ein einziger Neugersdorfer Neugieriger, das ist wohl sehr selten. Nicht mal bei jungen Leute, die eigentlich neugieriger sind, klappt das. Der Park ist zwar ihr Treffpunkt, aber zum Konfirmandenunterricht kommen nur die, die wollen oder sollen oder von den Eltern her müssen. Und das ist unser Problem. Denn unser gesamtes Gemeindeleben lebt letztlich von und mit denen, die Bescheid wissen und kommen. Und ganz ehrlich: das sind die wenigsten. Ist das eigentlich normal? Und wenn wir die Augen aufmachen, merken wir, dass die die kommen, immer weniger werden. Und das kann uns doch nicht egal sein, wenn christlicher Glaube wirklich eine Hilfe ist für uns Menschen. Wenn Glaube es leichter machen soll zu leben und in unserem Ort die meisten Menschen nicht mal davon was wissen. Aber wie kommt es dazu. Dass sie was wissen, dass sie was erfahren. Jedenfalls nicht mehr dadurch, dass sie in irgendeiner Weise plötzlich bei uns auftauchen. Ich fahre ja nun öfter durch Neugersdorf und sehe nachmittags auf den Straßen so viele junge Leute und denke: die kennst du gar nicht, die kennen dich nicht, ja, die kennen die Kirche nicht. Machen wir was falsch oder gibt’s irgendeinen Weg?

Und da lohnt ausnahmsweise mal der Blick zurück. Anscheinend war es immer schon so, dass die Leute nicht einfach kamen. Sondern, dass Kirche zu den Leuten gegangen ist. Und wie das damals passiert ist, das ist ganz spannend und man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen.

Zuerst: Paulus geht auf den Areopag. Auf den berühmten Platz. Wo alles sich trifft. Da wäre vielleicht heute die Spreequelle oder der Park oder das Stadl, ich weiß es nicht. Und nun macht er nicht den Fehler, die Leute zu beschimpfen: ihr seid ja alle auf dem verkehrten Weg. Ihr seid alle Sünder und nun kommt zu Jesus. Paulus holt die Leute dort ab, wo sie sind. Ich sehe, dass Ihr die Götter verehrt. Ich sehe, dass ihr religiös seid. Ich sehe, dass Ihr Götter braucht. In allen Stücken – also euer ganzes Leben an die Götter bindet. Zuvor hat Paulus noch etwas Entscheidendes gemacht: ich habe mir eure Heiligtümer angesehen. Er hat sich die Lebenswelt der Menschen angeschaut. Was glauben die und woran, was verehren sie. Ganz kühn übertragen würde ich sagen: bevor wir den Leuten mit dem Glauben kommen, müssen wir schauen, wie sie leben. Und da hat sich ja einiges verändert. Junge Leute z.B. sind sonntags um halb zehn in der Regel gerade in der Tiefschlafphase. Oder die anderen modernen Götter, die Sportveranstaltungen, die sich geschickt auf die ganze Woche verteilen, die binden die Menschen und bestimmen den Tagesablauf. Die meisten Entschuldigungen vom Konfirmandenunterricht bekomme ich wegen des Sportes – das ist die Haupt-Religion. Ich habe mir das alles angesehen, sagt Paulus. Und Ihr verehrt unheimlich viel. Aber die Hauptsache kennt Ihr nicht. Und dann hält er eine Predigt über die Hauptsache. Und er spricht damit in die Situation der Menschen hinein. Nicht allgemein, sondern ganz konkret.

Er nennt nicht mal Jesus, sondern spricht von einem Mann, den Gott gesandt hat. Wir sind da manchmal sehr unsicher und denken, wir müssen alles ganz direkt machen. Manchmal sind Umwege oder allgemeine Formulierungen anscheinend auch richtig. Und dann kommt die entscheidende und immer wieder spannende Stelle: Paulus spricht von der Auferstehung der Toten. Und vielleicht ist es sogar ein Trost: schon damals hat man darüber gelacht. Die Botschaft des Glaubens ist eben nicht so einfach anzunehmen und es dauert mitunter lange. Vielleicht hat das Paulus weh getan, so wie das uns auch weh tut. Und sicherlich war es auch schmerzlich, dass andere gesagt haben: wir wollen dich ein ander Mal weiter hören. Wie oft höre ich das: wenn ich mal Zeit habe, wenn ich mal dran denke, wenns gerade mal passt. Und es ist manchmal belastend, wenn man immer wieder sagen muss: schickt doch euer Kind zur Christenlehre, kommt doch mal zum Rentnerkreis, mach doch mit bei der Jungen Gemeinde. Paulus scheint da ganz gelassen zu reagieren. Und so ging Paulus von ihnen, steht da. Ich habe es ihnen ja gesagt, alles, was sie wissen müssen, wissen sie.

Ich lerne zweierlei: das Evangelium ist von Anfang an zu den Menschen gebracht worden hinein in ihre Lebenswelt. Kirchenbauten und Gottesdienste in unserer Form gab es noch gar nicht. Anscheinend ist schon damals niemand von selber gekommen. Das heißt, neben den üblichen und uns gewohnten Angeboten, müssen wir Wege finden, dort zu sein, wo die Menschen sind. Sie ernst nehmen mit dem, wie sie leben und was sie glauben und dann in ihrer Sprache und Vorstellungswelt von unserem Glauben erzählen.

Aber, wir müssen uns nicht unter Druck setzen lassen. Wir können die Menschen auch lassen und gehen lassen. Und manche werden uns ein andermal wieder einmal zuhören, andere gar nicht mehr. Das ist ihre Entscheidung, die wir akzeptieren und ertragen müssen.

17,34 Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

So heißt der letzte Vers. Also auch das wird passieren. Einige kommen dazu. Über die werden wir uns freuen, aber wir werden auch überrascht sein. Denn Menschen, die von ganz draußen kommen, werden unsere Formen nicht einfach übernehmen. Sondern werden dann auch das Beisammensein prägen. Sind wir dazu offen und bereit, dann werden sie bei uns ein Zuhause finden, wenn nicht, werden sie sich woanders umschauen. Ich wünsche uns, dass solche Geschichten uns aufregen, in Bewegung bringen und uns Mut machen, Wege zu gehen, die wir bisher kaum im Blick haben.

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