Dieselben Fragen

Liebe Gemeinde,

wenige Stunden ist diese neue Jahr 2003 alt. Und es geht den meisten von uns wohl wie bei jedem Jahreswechsel: Die Zeit, die vor uns liegt, sie scheint so viele Möglichkeiten zu bieten, sie ist offen dafür, wie wir sie gestalten. Einerseits. Und dann sind aber auch unsere Befürchtungen und Zweifel, was wir denn wirklich gestalten können, ob nicht so manches an böser Überraschung auch auf uns warten wird.

Hoffnungen und Wünsche verbinden sich mit dem Anfang eines neuen Jahres und auch Unsicherheit und die Angst vor manchen tragen wir mit uns. Das betrifft uns selbst und persönlich und es geht uns so, wenn wir auf die Lage in unserem Land, in der Welt sehen. Und so ist der Neujahrstag eigentlich nichts Besonderes.

Ist es nicht diese Mischung aus Zuversicht und aus Befürchtungen, mit der wir alle Zeit auf uns zukommen sehen. Und stellt sich uns nicht ständig die Frage, wovon wir uns mehr bestimmen lassen? Der Jahreswechsel macht es uns wohl nur bewusster.

So ist menschliches Leben, und so war es. Ich möchte euch mit hinein nehmen in die Zeit, in der Menschen mit denselben Fragen die unmittelbare Begegnung mit Jesus erleben konnten:

Es war Schimron an diesem Morgen wieder einmal nicht einfach gefallen aus seinem Bett zu kommen. Sein Bein war so steif, wie lange nicht mehr. Und jede Bewegung bereitete ihm Schmerzen. „Sollte ein Wetterumschwung bevorstehen,“, so waren seine Gedanken, „oder wird es endgültig schlimmer?“

Mit einem Stöhnen hatte er sich endlich aufgerichtet und hielt sich an dem Stuhl fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Nun gut, es war Schabbat. Heute musste er sich wenigstens nicht zur Arbeit zwingen. „Ach komm hör auf mit dem Gejammer!“ rief er sich selber zu. „Du kannst doch froh sein, dass du als Töpfer wenigstens noch halbwegs deiner Arbeit nachgehen kannst und die Familie ernähren. Wenn du Bauer wärst, wäre doch alles aus. Das Betteln bliebe noch.“ Ein scharfer Stich in dem Bein riss ihn aus seinen Gedanken: Er stöhnte noch einmal und seine Frau sah nach ihm: „Das wird wieder ein schwerer Gang in die Synagoge.“ meinte Schimron zu ihr.

Nach dem Synagogengottesdienst, waren viele der Männer nicht gleich nach Hause gegangen. Sie standen in einzelnen Gruppen und man spürte die Aufregung. Immer wieder sah man den einen oder anderen heftig auf die Männer seiner Gruppe einreden. Man sah heute viel Kopfschütteln aber auch aufgeregt frohe Gesichter. Niemanden hatte das was Geschehen war kalt gelassen.

Vorleser war Jeschua gewesen, der Sohn des Zimmermannes Jossep. Natürlich kannte Schimron den alten Prophetentext des Jesaja. Er war ihm lieb und unfassbar zugleich. Es sprach immer ihn wieder an, zu hören, wie den Menschen ihre Gebrechen genommen werden sollen. Er wollte es glauben, ging es doch um ihn selbst. Aber das Bein, wurde es nicht immer schlimmer.

Doch wie dieser Jeschua den Text las, da spürte er die Wahrheit der Worte. Da schrumpften seine Zweifel zusammen. Da spürte er, genau, das Gott um seine Schmerzen wusste, dass sie ihm nicht gleichgültig waren, dass er anderes für ihn wollte. Er fühlte, wie unrecht all die hatten, die seine Schmerzen für eine Strafe Gottes erklärten. Gott wollte keine Schmerzen. Das machte sein Herz frei.

Aber dieses Herz blieb ihm dann fast stehen. Hatte er richtig gehört. Hatte er es sich nur eingebildet, weil er es selbst gerade so empfunden hatte. Sollte dieses Wort des Jesaja jetzt Wirklichkeit sein. Jetzt? Durch diesen Jeschua.

Die erschrocken-angespannte Stille in der Synagoge sagte ihm, dass er sich nicht verhört hatte. Jeschua hatte es gesagt: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“

Darum standen nun die Männer noch so aufgeregt diskutierend in der Mittagssonne vor der Synagoge. Und ihre roten Köpfe, sie waren ganz gewiss nicht allein der Mittagshitze geschuldet.

Schimron selbst stand in keiner der Gruppen. Mit seinem Leiden, da mied man ihn eher. Wer seine Dienste nicht brauchte, der machte oft einen Bogen um ihn. Nur Jachzeel machte da eine Ausnahme. Sie waren Nachbarn und Freunde aus der Kinderzeit. Daran hatte sich auch durch sein schlimmes Bein nichts geändert: Gott sei Dank.

Auch die beiden zog es noch nicht nach Hause. Auch sie mussten über das eben Erlebte noch sprechen. Und auch sie taten es sehr aufgeregt, fast im Streit.

„Aber das ist doch ein aufgeblasener Unsinn, den da Jeschua vom Stapel gelassen hat. Wen der mal wegen Gotteslästerung verklagt wird, dann sollte das mich nicht wundern.“ so regte sich Jachzeel auf. „Da kann doch jeder kommen und das Paradies verkünden. Hörte sich ja prima an. Aber da brauchst du bloß aus der Synagoge rauskommen, und du erkennst, was das für ein Quatsch ist. Ist etwa das Zollhaus dort drüben verschwunden. Nein. Gleich morgen wird uns wieder das Geld aus den Taschen gepresst. Hörst du nicht, wie die römischen Soldaten in dem Gasthaus rumgrölen. Und das schon am Morgen. Der Wein, der macht sie nicht freundlicher. Ach, Schimron, und wenn ich mich recht entsinne, dann bist auch du wieder die drei Stufen runtergehumpelt. Ohne meine Hilfe, wärst du doch gekrochen!“

„Danke für deine Hilfe.“, antwortete Schimron. „Doch was du sonst sagst ist doch nur die Hälfte der Wahrheit. Sicher ist mein Bein noch krank. Aber ich habe doch dich zum Freund, der mir die Treppen herunterhilft. Das ist mir eben noch mal richtig bewusst geworden. Natürlich bist du es, der das tut. Doch ich glaube auch dafür, das zu tun, hat dich Gott an meine Seite gestellt. Du bist da ein Bote von Gott.“

Verlegen schaute Jachzeel nach unten. „Mach es mal nicht ganz so groß.“, murmelte er verlegen. Aber dann schaute er wieder auf. Und redete heftig: „Und die Soldaten, der Zoll. Was hat sich daran geändert, was soll, was wird sich ändern.“

Er zog Schimron an sich heran, denn das nächste sollte lieber nicht laut gesagt sein in diesen Zeiten: „Soll alles so bleiben mit der römischen Besatzung? Das ist doch nicht Frieden, was die hier machen. Sollen wir so leben? Still halten und alles hinnehmen? Das heißt für mich nicht, das die Gefangenen frei sind. Wir sind doch wie Gefangene unter den Römern. Und wenn wir sie mit Gewalt abschütteln wollen – manchmal habe ich Lust mich den um Freiheit kämpfenden Zeloten anzuschließen – wenn wir sie so los werden wollen, dann schlagen sie doch bloß mit noch mehr Gewalt auf uns ein. So oder so kommen wir da nicht raus, wo hat sich da ein Wort vom Frieden erfüllt?“

Auch Schimron flüsterte bei diesem Thema lieber: „Du tust ja, als hätten wir gar kein Leben mehr, weil die Römer im Land sind. Mir gefällt das auch nicht. Aber kommen wir mit dem was wir haben nicht ganz gut aus? Noch letzte Woche haben wir froh beieinander gesessen und die Beschneidung deines Jüngsten gefeiert. ‚Das Leben, es geht weiter.’, hast du da in allem Überschwang gerufen. Stimmt das denn nicht?“

„Schon, aber so war’s doch immer, was soll sich daran nun geändert haben?“, fragte Jachzeel zurück.

„Das wir es sehen. Das wir es sehen und an das Leben glauben. Das hat sich geändert.“ Schimron sagte diese Worte aus der Tiefe dessen, was er an diesem Tag spürte heraus.

„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“ so hielt Jachzeel diese Worte noch von sich fern: „Lass uns heim gehen.“

„Ja, lass uns gehen.“ antwortete Schimron.

Zu Hause ging er gleich in die Küche. „Rebekka“ , so rief er seine Frau: „es steht doch genügend auf dem Tisch, dass noch jemand satt wird?“

„Für einen wird es schon noch reichen. Aber was soll deine Frage?“ antwortete sie ihm.

„Dann soll noch ein Gedeck dazu! Ich bin gleich wieder da.“ Schimron verließ das Haus.

Der Gedanke war ihm gekommen, als sie auf dem Heimweg an dem blinden Bettler vorbeigegangen waren. Blinde, sollten wieder sehen. Doch hier saß er immer noch. Sollte Jachzeel mit aller seiner Skepsis recht haben? Sollte alles beim alten sein.? Hatte er nicht eben etwas anderes gespürt? Wenn Gott etwas gegen seine kranke Hüfte hatte, dann auch gegen dieses bettelnde Elend am Straßenrand.

Als er sich von Jachzeel verabschiedet hatte blieb er noch ein Weile vor seiner Haustür stehen. „Ich sollte einfach etwas tun. Jetzt!“, so ging es ihm durch den Kopf. „Aber noch einmal den Weg zurückgehen, mit dem kranken Bein. Jetzt?“ Als er in seinem hungrigen Bauch die Freude auf das Essen spürte, wusste er was zu tun sei.

„Es ist immer jetzt. Immer jetzt.“, so murmelte er auf seinem Weg vor sich hin. „Jetzt und jeden Augenblick ist Gott bei uns. Jetzt erfüllt sich sein Wort des Friedens. Jetzt schenkt er uns unser Leben. Jetzt.“

Als er um die letzte Ecke ging um den Bettler einzuladen, blieb er überrascht stehen. „Wann konntest du das letzte Mal so gut laufen?“, fragte er sich.

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