Diese Geschichte geht gut aus

Liebe Gemeinde,

heute ist Karfreitag. Wer heute in die Kirche kommt, weiß worauf er sich einlässt. Es geht um Leiden und Twod. Kein schönes Thema! Und ich kann jeden verstehen, der sich das nicht zumuten möchte. Aber Sie sind heute hier und sie sind bereit sich darauf einzulassen. Das heißt, Sie wissen eigentlich schon sehr genau, was ich Ihnen heuten sagen werde: „Der Weg zum neuen Leben führt durch Leiden und Tod hindurch!“ Es kann nichts neues werden, wenn wir nicht bereit sind, etwas Altes sterben zu lassen. Jesus Christus musste durch den Tod hindurch gehen, damit er den Tod besiegen konnte. Ostern gibt es nicht ohne Karfreitag. Das zu wissen ist nicht selbstverständlich. Sich dem zu stellen ist keine leichte Aufgabe. Aber es ist wichtig, um ein gelingendes Leben leben zu können. Es ist wichtig für unseren christlichen Glauben. Also stellen wir uns einem Text, der von Jesu Kreuzigung erzählt. Ich lese Johannes 19,16-30:

[TEXT]

Die Kreuzigungsgeschichte nach Johannes ist diejenige, die noch am einfachsten zu ertragen ist. Jesus stirbt, nachdem er die Versorgung seiner Mutter und seiner Jünger geregelt hat, fast versöhnt mit den Worten: Es ist vollbracht. Er hat es geschafft. Er hat das was nötig war hinter sich gebracht. Sein Werk ist vollendet. Insofern stirbt Jesus nach dem Johannesevangelium in Frieden und im Einverständnis mit dem was ihm passiert ist. Er stirbt im Vertrauen auf Gott. Er stirbt wie es in den Schriften des ersten Testamentes angekündigt worden ist. Und noch in seinem Tod zeigt sich wer er ist, der Sohn Gottes. Der Schrecken ist in eine größere wichtigere Geschichte eingebunden. Und aus ihr erhält er seinen Sinn. Die ganze Geschichte Jesu ist hier gegenwärtig. Und auch bei der Kreuzigung und in allem Leid ist deutlich: Was geschieht ist sinnvoll. Dieses Leiden vollendet Jesu Auftrag. Gott ist bei ihm. Jesus kann den Sinn in seinem Leiden und Tod erkennen und verliert auch darin nicht sein Vertrauen zu Gott.

Vielleicht würde für uns auch manches einfacher zu ertragen sein, wenn wir den Sinn in dem, was uns zustößt, entdecken könnten. Und wenn wir das Vertrauen behalten könnten, dass Gott uns einen Weg führt, der am Ende gut ausgehen kann. Nicht gut ausgehen muss. Vielleicht könnte uns diese Annahme helfen, zumindest manchmal.

So eine Einstellung habe ich in einem Text von Etty Hillesum gefunden, den Fidi eine Moderatorin der Mailingliste Frauenkirche versandt hat: Etty Hillesum schreibt in ihrem Tagebuch: „Das denkende Herz“:

Etwas vollzieht sich in mir, und ich weiß nicht, ob es nur eine Stimmung ist oder etwas Wesentliches. Es ist, als ob ich mit einem Ruck zu meiner eigenen Basis zurückgekehrt wäre. Ein bisschen selbständiger und unabhängiger. Gestern abend auf dem Rad durch die kalte, dunkle Lairessestraat. Ich wollte, ich könnte wiederholen, was ich halblaut vor mich hinmurmelte:
Gott, nimm mich an deine Hand,
ich gehe brav mit, ohne mich allzu sehr zu sträuben.
Ich werde mich nicht entziehen; was in diesem Leben auch auf mich
einstürmen mag, werde ich nach besten Kräften verarbeiten.
Aber schenke mir ab und zu einen kurzen Augenblick der Ruhe.
Ich werde auch nicht mehr in aller Einfalt glauben, dass der Friede,
falls er über mich kommt, ewig sei, ich nehme auch die Unruhe und
den Kampf auf mich, die wieder danach kommen.
Ich bin gern in Wärme und Sicherheit, aber ich werde mich auch nicht weigern, in die Kälte zu gehen, wenn nur deine Hand mich führt. Ich gehe überall mit an deiner Hand und will versuchen, nicht ängstlich zu sein. Ich werde versuchen, etwas von der Liebe, der echten Menschenliebe, die in mir ist, auszustrahlen, wo ich auch sein werde. Aber mit dem Wort "Menschenliebe" darf man nicht prahlen.
Man weiß nie, ob man sie besitzt. Ich will nichts Besonderes sein, ich will nur versuchen, zu der zu werden, die in mir noch nach völliger Entfaltung sucht. Manchmal denke ich, dass ich mich nach der Abgeschiedenheit eines Klosters sehne. Aber ich werde doch wohl unter den Menschen und in dieser Welt danach suchen müssen."
(aus Etty Hillesum "Das denkende Herz", S.70/71)

Etty Hillesum hat ihr Tagebuch 1941-43 im Lager Westerbog in Holland geschrieben. 1943 wurde sie und ihre Familie nach Auschwitz deportiert. Überlebende aus dem Lager berichteten, dass sie vielen dort geholfen und Hoffnung gegeben hat. Sie hat es geschafft in den Schrecken des Lagerlebens weiterhin zu fühlen und Gott zu vertrauen. Sie ist trotz der Schrecken, trotz Tod und Vernichtung, die ihr und den Menschen, die sie liebte, drohten, eine strahlende Persönlichkeit geblieben. In ihr zeigt sich für mich heute die Macht der Auferstehung. In ihr zeigt sich was eben auch menschenmöglich ist, selbst in den schrecklichsten Verhältnissen.
Wenn Etty Hillesum selbst im Lager Gott vertrauen kann, und wenn Jesus auch noch am Kreuz an seinem Gottvertrauen festhält, dann haben vielleicht auch wir eine Chance. Dann können auch wir im Vertrauen auf Gott Trost finden. Dann können auch wir uns im Schmerz noch an Gott festhalten.

Wir sind ja heute in Deutschland nicht der Folter ausgesetzt wie Jesus damals am Kreuz und wir sind heute auch nicht so extremen Erfahrungen ausgesetzt wie damals Etty Hillesum im Lager. Es sterben nicht unsere Freunde um uns herum einer nach dem anderen und auch wir rechnen unsere Lebenserwartung auf mehr als ein paar Stunden.

Trotzdem können wir in ein sehr tiefes Loch fallen, wenn zB die Diagnose Krebs lautet, oder die Ärzte den Dauerschmerz in der Hüfte einfach nicht mehr in den Griff bekommen, wenn plötzlich eine Tochter, ein Sohn, ein Enkel stirbt.

Unser Leben ist nicht sicher. Und niemand kann hoffen, dass der Kelch an ihm vorüber gehen wird. Und dann wird die entscheidende Frage sein: Was jetzt? Muss ich verzweifeln, oder gibt es noch etwas, was tröstet und hält? Glücklich wer in einem solchen Moment noch beten kann. Glücklich wer dann noch von sich selbst weg blicken kann und auf das Kreuz Jesu sehen und darin Trost findet, dass er nicht allein ist. Manchmal ist es nicht viel was den Unterschied macht zwischen völliger Verzweiflung und der Hoffnung, dass all das Schwere ein Schritt ist auf dem Weg zu Gott, der Hoffnung in all dem noch einen Sinn zu finden, der Hoffnung dass nach dem Schmerz noch einmal ein Stück Leben kommt. Glücklich ist wer, wenn es hart auf hart kommt, nicht auch noch das Vertrauen zu Gott in Stücke geschlagen bekommt. Und was dann? Dann ist immer noch Karfreitag, und dann hängt da der Gekreuzigte. Und dann geht die Geschichte weiter. Und dann kommt nach dem Tod die Trauer. Und danach kommt Ostern – die Auferstehung. Diese Geschichte geht gut aus. Unsere wird auch gut ausgehen, ob wir selbst noch daran glauben können oder nicht. Ob in diesem Leben oder nach unseren Tod. Einer ist schon durch. Einer hat es vollbracht. Wir müssen nur noch hinterherkommen. Und er hat uns versprochen niemanden zurückzulassen, der sich auf ihn verlässt. Niemanden!

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