Die Weite eines neuen Lebens

Liebe Gemeinde!

Er führte mich aus ins Weite. Er riss mich heraus, denn er hatte Lust zu mir. (Antiphon zum Introitus des Sonntags)

So handelt Gott an Menschen, verkündigt uns der Psalmdichter. Eine Geschichte, die das bezeugt, ist heute Predigttext. Aber ich will sie nicht erzählen aus der Perspektive des Evangelisten. Bei Johannes im 8. Kapitel ist sie aufgeschrieben, Verse 3-11. Johannes hatte ja vor allem ein Interesse, die Geschichte Jesu zu erzählen. Ich will ihnen die Geschichte aus dem Blickwinkel des Menschen erzählen, der diese befreiende Erfahrung gemacht hat: Er riss mich heraus und führte mich aus ins Weite. Ich erzähle ihnen einfach die Geschichte zum Mitleiden und Mitfreuen, zum Miteifern – auch zum Mitbefreit werden.

Damit ich uns allen die Spannung nicht wegnehme, werde ich den Bibeltext nicht vorher verlesen. Sie können ihn nachlesen – auf den Denkzetteln, die am Schluss immer verteilt werden oder eben in ihrer Bibel. Alle Erzählzüge und Reden habe ich genauso übernommen, werden sie dann feststellen. Aber von Anfang an. Wir springen mitten hinein:

Sie war ihnen ins Netz gegangen. Sie hatten sie in die Enge getrieben. Ihre Liebesbeziehung war aufgeflogen. Warum sie ihren Mann betrogen hatte? – Das ist eine längere Geschichte, die nicht viele etwas angehen musste. Sie tut hier nichts zur Sache. Hier ging es jetzt zur Sache, hier ging’s ums ganze, um Tod oder Leben. Die Ältesten des Dorfes hatten sie in flagranti ertappt. Der Schreck saß ihr noch in den Knochen. So vorsichtig waren sie gewesen, denn sie wussten, dass es tödliche Folgen haben konnte: Ehebruch war eines der schwersten Vergehen, weil es den Schalom, den Frieden in der Gemeinschaft des Volkes zerstörte. In den Geboten, die Mose von Gott selber übermittelt hatte, wurde dieses Gebot gleich nach dem des Tötens genannt.

Ob jemand ihnen eine Falle gestellt hatte? Und wo war ihr Liebhaber? Sie konnte ihren Freund nicht sehen. Wieso stand sie auf einmal allein zwischen all diesen Männern? Sie gingen. Keiner sprach ein Wort zu ihr. Gegenseitig riefen sie es sich zu, forderten alle auf mitzukommen, dabei zu sein. Sie führten sie in der Mitte, zum Tempel hin. Ihr zitterten die Knie. Sie wagte nicht hochzuschauen beim Laufen. Menschen verfolgten sie mit Blicken, mitleidige, schadenfrohe, verächtliche. Gefesselt von diesen Blicken musste sie weitergehen. Viele gingen mit, Nachbarinnen, fremde Gesichter, Kinder auch, vor allem aber Männer. Sie wurden gebraucht, ihre Autorität war gefragt. Einige Blicke fing sie auf: Triumphierend. Manche bückten sich beim Laufen, hoben Steine vom Weg auf. Ihr war schlecht.

Sie brauchten ihr das Urteil nicht mehr sagen. Es war ohnehin klar. Ehebruch – das bedeutete die Todesstrafe durch Steinigung. Sie würden sich versammeln: der Hohe Rat, die Ältesten, die Schriftgelehrten, alle Frommen, die gerade zum Beten im Tempel waren, vielleicht ihr eigener Mann, die Männer ihrer Familie. Sie alle würden wie aus einem Mund das Urteil über sie sprechen: Schuldig. Die Richter, die zugleich die Henker waren: die Gemeinschaft bestrafte den zerstörten Schalom. Begrub die Störenfriede unter der Last der Steine. Bis die Schande bedeck war, ausgelöscht, ihr Leben ausgelöscht.

Wie eine Marionette lief sie weiter, ließ sich mitführen. Sie hatte das Gefühl, daß es immer enger um sie wurde, sie hatte keine Luft zum Atmen mehr. Da waren sie angekommen. Der Pulk blieb stehen. Stimmengewirr, Sprechen, das gerade noch an ihre Ohren drang, erstarb. Sie spürte eine Hand an der Schulter, die schob sie nach vorne. Sie stand plötzlich in der Mitte der Versammlung, viele Augenpaare starrten sie an. Hörte einen der Frommen reden: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

Sie war immer noch unter Schock, verwirrt. Weshalb legten die soviel Wert auf das Wort des einen? Eine Sache der Gemeinschaft war es, seit Moses Zeiten überliefert. Sie sah die lauernden Blicke der Männer. Schaute zu dem hin, der angesprochen war. Er bückte sich. Natürlich. Er musste das Urteil bloß dadurch bekräftigen, dass er sich den anderen Richtern und Henkern anschloss, einen Stein ergriff. Das wurde von ihm erwartet. Die Männer der Gemeinschaft achten zusammen auf die Einhaltung des Rechts.

Aber er hob keinen Stein auf. Was tat er da? Er schrieb mit dem Finger auf die Erde. Sagte kein Wort. Tat so, als ob er nicht dazugehörte. Die Frau wagte nicht aufzuatmen. Die Luft war am Brodeln, aber das war nicht mehr gegen sie allein gerichtet. Neben den wohlgesetzten Worten der Schriftgelehrten, die argumentierten, hörte sie die Stimmen durcheinander klingen: Hei, der ist wohl kein Mann, dass er sich da heraushalten will. Soll er doch zu den Weibern gehen, dann braucht er kein Recht sprechen. Da muss man eben manchmal hart zugreifen. Und eine Stimme, die sie deutlich hörte, legte noch eine Verhöhnung drauf: Schau, schau, der Rabbi kommt in Gewissensnöte. Kein Tüpfel am Gesetz wird vergehen, hat er gesagt. Und von Liebe redet er die ganze Zeit. Aber Liebe hat auch Grenzen. Jetzt ist es Zeit, das durchzuziehen. Macht sich wohl nicht gerne unbeliebt!

Auch die Männer im Hohen Rat verloren ihre würdige Fassung, begannen zu flüstern. Sie hörte einen, der hinter ihr stand raunen: Gestern abend war er noch selber in der Klemme, der Rabbi Jesus. Die wollten ihn töten, festnehmen. Es hat nur keiner von unseren Soldaten gewagt, Hand an ihn zu legen. Zu viel Leute, die ihn verehren, haben sie behauptet. Das ist richtig. Aber es war nicht die ganze Wahrheit. Von diesen einfachen Leuten sind die meisten schon angesteckt. Er hat sie völlig verblendet mit seinen Reden. Viele halten ihn für den Christus oder mindestens für einen Propheten. Ich bin ja gespannt, was er heute redet. Wenn er noch etwas redet. Er scheint ja lange nachdenken zu müssen. – Eine zweite Stimme antwortete leise, aber klar: Ich glaube nicht, dass er sich heute aus der Klemme ziehen kann. Er muss mitmachen, muss das Urteil mittragen. Mose hat es geboten. Ich habe die Bestimmung erst gestern in der Tora nachgelesen, im dritten Buch des Mose: "Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin, weil er mit der Frau seines Nächsten die Ehe gebrochen hat."

Ja und seine Reden, mit denen er das Volk einwickelt, kann er sich dann schenken – hörte sie wieder die erste Stimme: "Lebensbrot – wer zu ihm kommt, den wird nicht hungern! Die Ehebrecherin kriegt den Stein, den sie verdient. Dann wird sie auch nicht mehr hungern." Die letzten Worte gingen im Gelächter der beiden Männer unter.

Die Frau wagte nicht mehr zu atmen. Sie war so gut wie tot vor Angst. Ehebrecherin – ja – niemals hätte sie sich das erträumen lassen. Hilfesuchend schaute sie sich um, suchte zwischen all diesen Gesichtern das des Mannes, der sie in diese Lage gebracht hatte. Täuschte sie sich? Sah sie ihn dort, zwischen den Richtern? Nein, das konnte nicht sein, das bildete sie sich nur ein. Miteinander hatte man sie ertappt. Wo war er nur?

Immer noch redeten die Männer auf den Rabbi ein. Wollten seinen Urteilsspruch hören. Endlich richtete er sich auf. Unterbrach sein konzentriertes Malen im Sand. Seinen Spruch, der ihr das nackte Leben rettete, würde sie nie vergessen: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie."

Sie schloss die Augen, schützte reaktionsschnell mit den Händen ihr Gesicht, den Kopf. Und dann hörte sie den Aufprall des ersten Steines. Sie spürte ihn nicht. Ein Ältester hatte seinen Stein wütend weggeschleudert. Andere ließen ihre Steine einfach aus der Hand fallen, sprachlos, kommentarlos. Und räumten dann das Feld. Verließen den Schauplatz. Die Ältesten zuerst, einer nach dem Andern. Bis sie alleine da stand mit dem, der sie aus dieser Todesangst herausgerissen hatte.

Immer noch malte Jesus in den Sand. Dann richtete er sich auf. Schaute ihr mitten ins Gesicht, offen, unbefangen und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Irgendwie wusste sie, dass ihr der Richter gegenüberstand, der allein das Urteil über sie sprechen konnte. Sie wollte sich ihm anvertrauen, ihr Ergehen in seine Hand legen. Da war keine Falle, keine Hinterlist, keine Nebenabsicht. Nur Erkennen, große Klarheit. Sie antwortete ihm auf seine Frage, musste es selber laut ausgesprochen hören: Niemand, Herr. Keiner hat mich verdammt. Kein Stein hat mich getroffen. Kein Kläger ist mehr hier. Nur du allein bist hier, mein Herr.

Mit seinen Worten spürte sie das Netz endgültig zerreißen, fühlte die Freiheit und die Lust, im Leben zu bleiben. So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Liebe Gemeinde, der einzige, der ein Recht gehabt hätte, einen Stein zu werfen – hat ihn nicht ergriffen. Er hat das Gesetz durchbrochen, dasss die Sünde bestraft werden muss. Hat die Sünderin erlöst von dem Tod, den sie verdient hatte. Hat die Henker erlöst davon, Schuld auf sich zu nehmen. Hat alle in die Weite eines neuen Lebens entlassen: Geht hin und sündigt hinfort nicht mehr.

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