Die Wahl unseres Lebens

Liebe Gemeinde!

Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, so heißt der Wochenspruch dieser 1. Adventwoche. Aber wie kommt er? Dieser König wurde offensichtlich nicht gecoacht wie unsere Politiker für ihre Fernsehauftritte. Die hatten ihre Trainer und die sagten ihnen genau was wirkt, wie man sich anzieht und frisiert, welche Brille und Krawatte günstig wirkt, welche Themen wie aufgegriffen oder abgeschmettert werden können.

Auch wenn damals das Volk schrie und Hosianna rief, Jesus war auf keiner Werbetour mit beeindruckendem Aufzug und feurigem Pferd, sondern mit einem Esel, dem damaligen Moped des kleinen Mannes.

Es ging Jesus nicht um Stimmenfang und Wählerquoten, damit er etwas wird und zu Macht kommt. Er war schon wer, nicht durch Zustimmung von Zeitgenossen, sondern der Ewige und Herr aller Dinge hat schon vorher zu ihm Ja gesagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“. So hörte man es schon von oben bei seiner Taufe. Und den schickt er nun zu den Menschen seines Wohlgefallens, wie wir es jeden Sonntag im Gloria der Liturgie singen.

Matthäus geht es vor allem darum deutlich zu machen: hier kommt kein neuer Quereinsteiger und göttlicher Überraschungskandidat, sondern der, auf den alle Prophezeiungen hinweisen. Dementsprechend ist auch die Gestaltung des Einzuges in Jerusalem. Dafür gibt es bereits ein altes, exaktes Protokoll, festgelegt und niedergeschrieben bereits beim Propheten Sacharja im 9 Kapitel: „Du, Tochter Zion freue dich sehr und du, Tochter Jerusalem jauchze, siehe dein König kommt zu dir ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ „Kennst dich aus?“ fragt damit gleichsam der Evangelist Matthäus. Und im Lied von Heinrich Held haben wir eben zustimmend bestätigt, dass wir uns auskennen: „Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit. Und darum geht es in diesem Text nicht nur damals, sondern auch heute, um diese sehr konkrete Anfrage, ob wir erkennen und uns auskennen, wer hier seinen Advent halten möchte und bei uns anklopft. Er ist nicht einer unter verschiedenen wählbaren Personen und Varianten, von denen wir uns Heil erhoffen, sondern er ist der, der da kommt im Namen des Herrn.

Und das ist auch der große Unterschied wodurch sich Jesus von anderen Größen nicht nur in seiner Zeit, sondern immer wieder unterscheidet. Sie kamen nicht im Namen und im Sinne des Herrn, sondern im Namen der nationalen Selbstbehauptung, im Namen der Macht, im Namen der persönlichen Karrierehoffnung. Da gab es große Versprechungen, markige Sprüche und Reden die begeisterten. Die Geschichtsbücher sind voll von solchen Gestalten die sich als gute Hirten ausgaben, aber dann alles andere als dies waren. „Der da kommt im Namen des Herrn“ bittet um unser Vertrauen, das er nicht enttäuschen wird.

Siehe, dein König kommt zu Dir sanftmütig. Sanftmütig, wieder so ein Wort, das gar nicht zu den üblichen Wahlwerbern passt. In den Fernsehduellen punktete laut Besprechungen in den Zeitungen nur der, der aggressiv sprach und argumentierte. Zuhören und zu langes Schweigen galt als Schwäche, als nicht beeindruckend und werbend.

Dieser arme und sanftmütige König will einziehen in seiner Stadt Jerusalem.

Wie sehr hätte diese Stadt, gebeutelt und immer neu erschüttert von Terror, Gewalt und Rache, andere, neue Verhältnisse nötig. Wie sehr verlangen diese Zustände gerade heute nach Sanftmut, Vergebung, und Frieden. Aber nein, neu gewählt werden die Falken, nicht die Tauben, die haben keine Chance.

Aber dieses Jerusalem, das hier gemeint ist, ist weltweit. Gewalttat, Krieg und Blutvergießen ist international und überall ist dieser sanftmütige König, der da kommt im Namen es Herrn nötig, notwendend, wenn auch nicht gefragt.

Sanftmütig, so wird das Wesen des kommenden Königs und seiner Herrschaft hier näher beschrieben.

Bis vor kurzem hatte der Begriff Sanftmut bei uns einen sehr altertümlichen Klang. Außer in der Bibel kam er nur in „gehobenen Texten“ vor. Doch im Zuge der ökologischen Diskussion ist das Wort „sanft“ plötzlich zu ungeahnter Bedeutung gekommen. Da sollen nun Flüsse und Gebiete nur sanft verbaut werden, das geht hin bis zum sanften Tourismus.

Selig, sind die Sanftmütigen, heißt es in der Bergpredigt. Für den Religionspädagogen Ingo Baldermann, zählt es zu den Überraschungen, wie sehr Kindern das Wort sanft nahe kommt. Gerade jene, denen man immer brutalere Comics und Computerspiele vorsetzt, sehnen sich laut einer Untersuchung besonders nach einer gewaltfreien Welt, in der niemand angeschrieen wird und auch keine Tiere leiden müssen.

Wer den kommenden, sanftmütigen König, das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind wird nicht hineinkommen, heißt es im Kinderevangelium des Markus.

Gewalt ist weithin die Domäne der Erwachsenen, die sich damals wie heute Veränderungen durch Stärke, Gewalt und Drohung, nicht durch Sanftmut erwarten und erhoffen.

Der frühere Superintendent und Pfarrer der Thomaskirche in Leipzig Johannes Richter, (der am 7.Juni 1998 auch auf dieser Kanzel gestanden ist), schrieb in einem seiner Bücher zu diesem Thema: Es war Gerichtstag:

Es war Gerichtstag unter den Tieren. Das Schaf stand unter harter Anklage. Sie sagten: “Du hast total versagt, denn du solltest uns doch alle bewachen.

Retter und Schützer der Schwachen, das ist der Titel, den wir dir gaben.

Und was ist seither geschehen; Wir haben weiter getan, was wir wollten. Und daran trägst allein du Schuld. Weshalb hast du auch keine Krallen? Weshalb keine eisernen Hufe zum Schlagen; Weshalb hast du dir nicht giftige Zähne beschafft? Du taugst nicht zu unserm Beschützer. Deine Schwachheit macht uns verrückt.

Da sagte das Schaf:“ Ich weiß, ihr habt Recht. Doch könnt ihr nur haben, was ich besitze. Nehmt meine Wolle, damit sie euch wärme. Trinkt von der Milch, die ich euch gebe. Nur bitte ich euch: lasst mich so sein, wie ich bin. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, in der ihr das braucht, was ihr jetzt verurteilt.

Wir wissen, damals in Jerusalem ließen sie das Lamm Gottes nicht so sein, wie es war. Der jubelnde Empfang galt einer Person, die nicht sanftmütig sein und bleiben sollte, sondern die fremden Herren aus Rom mit Gewalt zum Teufel jagen sollte, die ihre Krallen, Hufe und Giftzähne noch zeigen und einsetzen sollte.

Hosianna, zu Deutsch „Hilf doch“ riefen sie und wie diese Hilfe nach ihrer Vorstellung auszusehen hat, war für sie eindeutig. Daher diese Enttäuschung, daher dann das „Kreuzige“, aber das ist erst in 5 Monaten das Thema im Kirchenjahr.

Heute stehen wir vor der Frage: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?“ So schön und stimmungsvoll diese Adventzeit ist und sein kann, so soll doch diese ernste und wichtige Frage nicht übertüncht und verdrängt werden. Und wenn wir dabei etwas ratlos sind, dürfen doch auch wir dieses Hosianna in seiner doppelten Bedeutung rufen. Als Jubelruf, dass er auch zu uns kommen und bei uns einkehren will und als Bitte: Hosianna, Hilf doch, dich recht zu empfangen, damit durch deinen Heiligen Geist die wichtigste Wahl in unserem Leben recht getroffen wird, wir nur dich und niemand anderen zu unserem Herrn und guten Hirten wählen.

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