Die Wahl der sieben Diakone

Liebe Gemeinde,

eines vom erstaunlichen an unserem Predigttext finde ich den Teil der Antwort der Apostel als sie von den sozialen und diakonischen Problemen hören: "Wir selbst aber wollen nach wie vor alle Kraft für das Gebet und die Verkündigung des Wortes Gottes einsetzen." Die sozialen und diakonischen Probleme werden nicht durch überhastetes Handeln und Lösungsvorschläge beseitigt. Sondern auf der Grundlage von Verkündigung und Gebet finden wir die Antworten auf die sozialen und politischen Probleme unserer Zeit.

Das ist auch die Antwort Jesu zur sozialen und politischen Frage: Auch er ließ sich nicht in vordergründige nationale und soziale Fragen hineinziehen, dass er sie als Mittelpunkt unseres Daseins bewertet hätte. Für ihn stand an erster Stelle die Frage nach Gott, die Frage nach seiner Herrschaft und Allmacht und die Frage nach Sünde und Tod, die unseren Geist und Körper verstrickt. Jesus hätte die Möglichkeit gehabt, die nationale Frage zu beantworten und zu bereinigen, die Juden von den Römern, von ihren schrecklichen Unterdrückern zu befreien, indem er sie ins Mittelmeer getrieben hätte, aber er tat es nicht. In den Augen der damaligen Juden war das sicher auch unmenschlich. Und wenn wir nach Israel blicke, haben wir die Probleme bis heute. Israel wird bis zum zweiten Kommen von Jesus Christus umkämpftes Land bleiben.

Jesus Christus war auch in der Lage, die tiefste soziale und politische Frage aller Zeiten ein und für allemal zu beantworten, als der Teufel ihn versuchte, Steine in Brot zu verwandeln. Seine Antwort lauter: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt." Seine Antwort ist für die viele Menschen heute ein Ärgernis – auch für viele Christen -, aber seine Antwort ist Gottes Antwort. Vorrang für Jesus Christus und seine Jünger hat weder die politische Frage, die in dieser Zeit der Unterdrückung durch die Römer bestimmt sehr aktuell war, noch die soziale Frage, die damals – wie heute – ebenfalls "auf den Nägeln brannte", sondern die religiöse Frage, die Frage nach der Herrschaft Gottes. Warum war das so? Nicht weil die politischen Probleme unwichtig wären, oder weil Hunger und physische Not übersehen werden dürfte – Jesus hat ja selbst den Bedürftigen geholfen, wo er ihnen begegnete, sondern weil es im Tiefsten um Gottes Heil, Gottes Zusage, Gottes Vollendung geht. Der hungrige Mensch braucht Brot, um zu leben. Ihm nur Gottes Wort zu predigen, wäre zu wenig. Aber jeder Mensch hat nicht nur einen Körper – als Gottes höchstes Geschöpf ist er Person, und die Wahrheit Gottes, seine Herrschaft, umfasst alle beide Bereiche. Die Nähe Gottes im Gebet, die Überwindung unserer Sünde und unseres Todes am Kreuz Jesu geben die letzte tiefste Antwort auf die Fragen unseres Menschseins. Da bleibt nichts offen.

Das ist wichtig, wenn wir an die Menschen denken, die vom Hochwasser an der Elbe schwer betroffen sind. In der Kollekte am Ende des Gottesdienstes werden wir für sie sammeln. Das kann die körperliche Not lindern. Aber genauso groß ist die seelische und geistliche Not und wir dürfen dafür beten, das Christen dort Weisheit finden, materiale und geistliche Hilfe weiterzugeben.

Das zweite erstaunliche am Text finde ich, welche Menschen zu Diakonen gewählt wurden, wie es hier heißt: "sucht in der Gemeinde nach sieben zuverlässigen Männern, die ihr Leben ganz vom Heiligen Geist bestimmen lassen und wissen, was zu tun ist. Sie sollen diese Aufgabe übernehmen."

Voraussetzung für echte soziale und diakonische Arbeit ist demnach der Glaube, der das Leben vom Heiligen Geist bestimmen lässt. Hier stellt sich die Frage: Ist soziale Arbeit nicht eine rein menschliche Angelegenheit, und ist darum nicht die menschliche Begabung auf diesem Gebiet viel wichtiger als die Tiefe des Glaubens? Fragen wir Sozialarbeiter nach ihrem Glauben, gehen wir ins Sozialamt und erwarten, dass eine Bibel auf dem Tisch liegt, oder erwarten wir dort äußere Hilfe von denen, die sie geben können? Wie viele bekommen im modernen Sozialstaat Brot, Geld, Hilfe für ihre physischen Bedürfnisse, aber keine Hilfe für ihre geistliche Not. Die Hilfe wird meist unpersönlich gewährt, der leidende Mensch als Gegenstand betrachtet, nicht als vollwertiger Mensch. Aber im tiefsten Grund ist es doch so: wenn wir physische Not leiden, wenn wir arm und krank sind, brauchen wir ja doch weit mehr als nur äußere Hilfe, mehr als mitmenschlichen Kontakt und Anteilnahme. Wir brauchen dann besonders das, was der Mensch ohnehin nötig hat: eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, ein sinnvolles Leben. Äußere Hilfe und menschliche Anteilnahme sind einfach nicht genug. Und darum werden in der Apostelgeschichte die sieben Diakone religiösen Maßstäben ausgewählt, nach der Tiefe ihres Glaubens und ihrer Verbindung zu Gott. Weil jeder Mensch in Jesu Augen einen tiefen Wert hat, darum starb der Herr für uns, für jeden einzelnen von uns. "Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan." Diakonische Arbeit erfüllt nur dann ihre Aufgabe wirklich, wenn den Armen, den Verlassenen, den Kranken, den Menschen in Not nicht nur ihre körperlichen Bedürfnisse befriedigt werden so wichtig das auch ist -, sondern wenn ihr ganzes Leben in Ordnung gebracht wird – ihr Glaube Jesus und ihre Verbindung zu Gott.

Mit dem dritten kommen wir von dieser Aufgabe zu uns und unserem Land. Wir leben heute in Deutschland in einer Welt des großen äußeren Reichtums und der schrecklichen inneren und geistigen Armut. Das wird deutlich an der drastisch steigenden Selbstmordziffer, durch die Abhängigkeit von Alkohol und Drogen, dem rapiden Verfall von Moral und Sitten und durch die schreckliche Einsamkeit der Armen, Kranken und Alten unter uns. Die Letzteren bekommen das, was sie äußerlich zum Leben brauchen, gesellschaftlich und familiär sind sie in die Ecke geschoben, man beachtet sie nicht mehr, weil sie nicht mehr jung sind, nicht gut aussehen, nicht reich und gesund sind und weil wir denken, wir brauchten sie nicht mehr. Unsere Gesellschaft ist reich, und sie ist äußerlich betrachtet in sozialer Hinsicht viel gerechter, als man das in der Vergangenheit oft war, aber gleichzeitig ist unsere Gesellschaft krank, sozial krank. Das Hauptkennzeichen dieses Kranksein liegt darin, dass eine ständig zunehmende Zahl von Menschen keinen Sinn mehr im Leben findet, kein Ziel mehr hat. Die Gesellschaft ist krank, weil so wenig Menschen sich wirklich um ihren Nächsten sorgen.

Die Lösung dieser großen sozialen und persönlichen Not ist weder durch Bürokratie und durch Gesetze allein zu ermöglichen, noch dadurch gegeben, dass mehr Menschen wirkliche Mitmenschlichkeit üben. Das tiefste Problem, schlimmer als Armut, Alter, Krankheit. Einsamkeit und Identitätsverlust ist, dass wir ohne Sinn und Ziel, ohne echte Aufgabe leben. ohne eine positive Werteinstellung zu jeder Lebensphase, nicht nur zu der des Jungseins. Und eine grundsätzliche Antwort auf diese Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Warum und Wieso, kann nur vom Glauben her gegeben werden. Der Herr Jesus Christus liebt uns nicht nur theoretisch, sondern in jeder Minute unseres Lebens ist er für uns da, das hat er am Kreuz bewiesen. Er fordert jeden im Wochenspruch auf: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken." Nur in Jesus Christus, nur durch ihn kann unser Leben einen wahren und dauerhaften Sinn bekommen. Er beurteilt uns nicht nach unserem äußeren Reichtum, nach Erfolg und Klugheit, nach unserem Jungsein, nach dem, was wir ihm geben können, sondern je größer unsere Not ist, desto näher ist er uns. Er ging zu den Ärmsten und Verachtetsten seiner Zeit, und das gleiche Angebot gilt heute noch für jeden von uns. Darum haben die Jünger als Sozialarbeiter, als Diakone diejenigen gewählt, die zwar nach menschlichen Maßstäben vielleicht nicht die Fachleute waren, sondern sie wählten Menschen aus, die voll Heiligen Geistes und Weisheit Gottes waren, die sein Licht in die Finsternis der Elenden hineinbrachten, in die Tiefe ihrer Verlassenheit, ihres Verachtet seins und – nach den Maßstäben einer unmenschlichen, weil unchristlichen Gesellschaft – ihrer Nutzlosigkeit.

Darum stelle du auch dir die wichtigste Frage deines Lebens: Habe ich den Sinn für mein Leben gefunden. Denn Jesus Christus bietet ihn dir an.

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