Die wache Gemeinde

Liebe Gemeinde,

das sind die Worte, die der Seher Johannes, verfolgt, vertrieben und verbannt in seinem Exil auf einer kleinen Insel an eine Reihe von christlichen Gemeinden schreibt, offenbar davon ausgehend, dass sein Aufruf einiges Gewicht in der Gemeinde hat. Und es sind harte Worte, die er der Gemeinde z.T. zu überbringen hat. Insgesamt richtet er sich an sieben Gemeinden, die wie ein Abbild der gesamten Kirche alles repräsentieren, was wir heute auch noch in unserer Kirche finden: dort gibt es tadellose Gemeinden, wie die in Philadelphia, dann finden wir die lauen Gemeinden, weder Fleisch noch Fisch, wie in Laodicea und wir finden eben jene, die uns heute im Predigtwort vorgegeben sind: die toten Gemeinden. So ziemlich das schlimmste, was überhaupt passieren kann: da hat eine Gemeinde das lebendige Wort Gottes erhalten – aber was ist passiert? – sie ist schwach geworden, abgefallen und schließlich muss man von ihr sagen: siehe, das ist eine tote Gemeinde. Was ist einer solchen Gemeinde zu sagen – was kann man überhaupt noch sagen, wenn man denn glaubt, dass noch so etwas wie ein Restfunke in ihr vorhanden ist, der wieder entfacht werden könnte, damit das Feuer des Glaubens wieder in ihr aufzulodern vermag? Man ruft ihr zu: wach auf, erhebe dich, schüttle ab, was dich nach unten gezogen und v.a.: tue Buße! Das ist wohl recht gesprochen, gerade in der Adventszeit, die ja eigentlich traditionell eine Bußzeit ist. So weit, so gut, könnte manch einer meinen und sich überlegen, was er wohl seiner eigenen Gemeinde heute wieder als Bußakt von der Kanzel aus auferlegen will. Einiges böte sich da an: war doch Sardes – die Gemeinde um die es im Predigtwort geht – eben jene Stadt, in der der sagenumwobene König Krösus lebte. Der König also, der es als geflügeltes Wort bis in unsere Zeit hinein geschafft hat: der lebt wie Krösus, sagt man noch heute, wenn man von einem besonders reichen Menschen spricht. Also könnte doch der Bußaufruf mit diesen beiden Elementen schon jetzt so aussehen: "ihr da unten in dieser konsumorientierten Vorweihnachtszeit: benehmt euch nicht wie Krösus und schaut nur auf´s liebe Geld und kauft nicht so viel, denn darum geht es gar nicht, sondern haltet inne, werdet ruhig und besinnlich, denn schließlich wird bald der Heiland geboren werden!".

Liebe Gemeinde: ich will und werde da nicht mitmachen – ich selber weiß, dass es in der Vorweihnachtzeit oft hektischer zugeht als in den anderen Zeiten des Jahres und ich selber muss gucken, dass ich z.B. meine Geschenke noch alle auf die Reihe kriege. Aber ich will das nicht verurteilen, sind doch die meisten Geschenke gemacht, weil man jemanden sagen will, dass man ihn gerne hat. Und das ist durchaus ein weihnachtlicher Gedanke!

Aber ich komme auch nicht an dem Predigtwort von heute vorbei. So will ich zu ihm zurückkehren und zwei Aspekte herausgreifen. Erstens: wie kann es passieren, dass eine Gemeinde wie die in Sardes zu einer toten Gemeinde wird? Johannes schreibt: die Gemeinde wollte nicht wach sein, sie hat es nicht für nötig befunden, zu wachen. Wenn man in die Geschichte guckt, so wird dies durchaus bestätigt: der König Krösus, von dem ich eben erzählte zog sich nach einer verlorenen Schlacht in seine Bergfestung zurück, von der jeder dachte, sie sei nicht einzunehmen. Das stimmte auch beinahe, denn sie lag wirklich fast unzugänglich. Bis eines Tages ein Spähtrupp einen Soldaten beobachtete, wie er von den Zinnen herabsteigend einen verlorenen Gegenstand wiederholte. So kamen des Nachts über den selben Weg die Feinde in die Burg und: welch Überraschung: sie fanden keine Wachen vor, weil jeder geglaubt hatte: "uns können sie eh nichts anhaben!" Auf diese Weise, liebe Gemeinde wird eine lebendige Gemeinde zu einer toten! Nämlich dann, wenn sie sich sicher fühlt, wenn sie glaubt, bereits alles getan zu haben, wenn sie der Meinung ist: nun kann alles bleiben, wie es ist. So kommt auch unser Feind, der im Neuen Testament der Herr dieser Welt genannt wird, um uns zu überwältigen: er kommt nicht durch die Veränderung, er kommt nicht durch den Wandel, er kommt nicht dadurch, dass wir Altes aufgeben und Neues beginnen, nein, er kommt dann, wenn wir einfach stehenbleiben. Und für dieses Stehenbleiben gibt es unzählige Beispiele: ich bleibe stehen, wenn ich glaube: jetzt habe ich die Bibel, das Wort Gottes endgültig verstanden, jetzt weiß ich alles – jede Auslegung kann nichts Neues mehr bringen: das sind die Menschen, die die Wahrheit allein für sich gepachtet haben: die sind schon stehengeblieben. Ich bleibe stehen, liebe Gemeinde, wenn ich meine Welt, in der ich wohne, endgültig eingerichtet habe, wenn ich weiß, wo die Guten und wo die Bösen stehen: das sind die Menschen, die jedes Problem erklären können, weil sie immer schon eine Antwort wissen, auf Fragen, die nie gestellt worden sind: die sind schon stehengeblieben. Ich bleibe selbst dann stehen, wenn ich der Meinung bin, dass nur steter Aktionismus, nur ständiges Wachstum, nur immerwährender Fortschritt die Lösung schlechthin für die Menschheit oder gar die Gemeinde ist: das sind die Menschen, die das Kleine nicht mehr sehen können, weil sie immer nur den Blick auf das scheinbar Große werfen: die sind schon stehengeblieben. "Wachen" aber bedeutet wachsam sein, es bedeutet immer wieder aufgeweckt zu werden von dem, was einem begegnet, sich umtreiben zu lassen und die Lösung, die man eben noch hatte, wieder zu hinterfragen, offen zu sein für andere, neue Antworten, bereit zu sein, für etwas einzutreten, jemandem zu vertrauen, der einem auch schaden könnte: mit anderen Worten: sich immer wieder bewegen zu lassen von Gottes Anspruch, sich immer wieder aufwecken zu lassen von den Verheißungen, die uns Christen gegeben sind und sich immer wieder neu voller Vertrauen in Gottes Arme zu werfen, wenn man selber nicht mehr weiter weiß.

So wird auch eine Gemeinde, die einst lebendig war, lebendig bleiben.

Nun aber das Zweite: die, die bestehen sollen mit weißen Kleidern ausgestattet sein. Die sind´s, die ins große Buch des Lebens eingetragen worden sind. Sie sind die Erwählten Gottes, die heiligen Berufenen und sie werden in ihren schönen Kleidern einhergehen, wie der Luthertext so vollmundig übersetzt. Diese edlen und glücklichen Menschen, deren Namen sich Christus erinnern wird, wenn es an das große Weltgericht geht, sind diejenigen, die glauben und getauft werden – so wie wie es jeden Gottesdienst bekennen: sie sollen selig werden. Nicht umsonst gibt es die alte Tradition, die Täuflinge in weiße Kleider zu hüllen als Symbol dafür, dass auch sie ab sofort dazugehören sollen – nicht etwa deswegen, weil sie selbst mit ihrem Verstand den Beschluß dazu gefasst hätten, sondern deswegen, weil sie Gott angenommen hat nach seiner Zusage. Weiß weiterhin als die Farbe der Reinheit und der Freude: deswegen ist die Braut in Weiß gekleidet, deswegen haben wir hier in der Kirche zu Ostern weiße Tücher. Weiß auch als die heilige Farbe: als Jesus verklärt wurde, schreibt Markus in seinem Evangelium: "Und er wurde vor ihnen verklärt; und seine Kleider wurden hell und sehr weiß, wie sie kein Bleicher auf Erden so machen kann." All das gilt jenen, die als Christen von Gott angenommen worden sind und meine Beispiele zeigen, dass wir schon einen Teil davon auf Erden leben: das Fest der Taufe zeigt, wie wichtig es den Eltern ist, ihr Kind schon als Säugling dieser schützenden Macht Gottes zu unterstellen; das Fest der Hochzeit zeigt, wie angewiesen eine Ehe auf den Schutz und die Führung Gottes ist – es ist ja nicht so, dass deswegen jede Ehe halten würde – aber eine christliche Eheschließung beweist doch immerhin, dass die Eheleute darum wissen, dass sie dieses Weiß in ihrer Ehe ohne Gott niemals hinbekommen würden. Weiß auch zu Ostern: das Licht, das aufgegangen ist nach dunkler Zeit strahlt so hell, dass die Schatten, die bisher da waren – und wir kennen sie mit verschiedenen Namen: Trauer, Tod, Leid, Endlichkeit, Armut, Krankheit – dass all diese Schatten weichen müssen vor der Lichtgestalt Christus, die uns zu sich ziehen will, damit auch wir all dieser Schatten ledig werden können.

Aber ich habe Sie auch ein bißchen beschwindelt, liebe Gemeinde, denn Weiß ist ja eigentlich gar keine Farbe, Weiß ist mehr als eine Farbe zwischen anderen, weiß ist etwas wie eine Grenze, wie ein Übergang, weiß ist wie eine Unterbrechung all jener Buntheit, die uns sonst immer umgibt. Deswegen kann sie auch so hervorragend die Situation beschreiben, in der eine Gemeinde, die sich von Gott angenommen weiß, in dieser Welt stehen wird. Denn die lebendige Gemeinde, die Gott auf dieser Erde baut, ist keine Gemeinde, die aus lauter Halbgöttern besteht, keine Gemeinde, in der alle eine weiße Weste haben, sondern eine Gemeinde, die in weißen Kleider einhergeht: manche trägt darinnen das Hochzeitskleid, der nächste aber wird das Leichengewand tragen, der eine sieht das helle Licht des Ostertages, der andere ist noch weiß im Gesicht, weil er keine Ahnung hat, wie er seine Angst besiegen soll. Dieses beide, liebe Gemeinde, wird in einer Gemeinde, wie sie vor Gott eine lebendige, wache Gemeinde genannt wird, immer zusammen kommen und immer zusammen wohnen. Und das tolle daran ist: da das Weiß auch für beides steht, wird diese Gemeinde auch eins sein, und so ist der Ängstliche aufgehoben und getragen in der Freude des anderen und so ist das Leichengewand niemals das Ende, sondern immer wieder überboten durch ein festliches Hochzeitskleid. Derjenige aber, der von außen auf diese Gemeinde guckt – und wäre es auch der Seher Johannes – wird insgesamt nur ihr weißes, strahlendes Antlitz sehen und er wird sagen: siehe, das ist eine wache und lebendige Gemeinde Gottes.

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