Die Sprache der Verständigung

Liebe Gemeinde!

Was hat diese Geschichte vom Turmbau mit dem Pfingstfest zu tun? Wir feiern an Pfingsten die Geburtsstunde der Kirche, feiern das Wirken des Heiligen Geistes, der Menschen miteinander verbindet, der Gemeinschaft stiftet und tröstet. Und dann steht da diese Turmbaugeschichte vor uns, die zunächst einmal genau das Gegenteil erzählt: Das Ende einer Gemeinschaft, Menschen werden zerstreut und getrennt, der Text endet ziemlich trostlos.

Wie kommen wir vom Turmbau zu Babel mit seiner scheinbaren Trostlosigkeit zum Pfingstfest mit seiner neuen Gemeinschaft? Wir müssen dazu ein Stück Wegs miteinander gehen und nachdenken:

In der ersten Hälfte der Turmbau-Geschichte wird das Handeln des Menschen erzählt, von Gott ist nirgends die Rede. Die Menschen sind anonym, sie tragen keine Namen, tauchen nur als Masse auf. Was sie verbindet ist das gemeinsame Tun? der Wille, eine Zivilisation zu schaffen. Das ist ja zunächst einmal nichts Verwerfliches – wäre da nicht ein dunkler Schatten dahinter. Sie sind ja nicht die ersten Menschen und fangen auch nicht bei Null an. Im Kapitel davor ist in einer langen Völkertafel von einer großen und bunten Vielfalt der Geschlechter und Familien die Rede. Der Turmbau geschieht in der Absicht, diese Vielfältigkeit der Menschen und Sprachen rückgängig zu machen. Aus der Buntheit soll eine Einförmigkeit werden. Einerlei Zunge und Sprache bedeutet hier: Eine reduzierte Sprache, alle Wörter, die gesprochen werden, haben eine festgelegte Bedeutung. Zwischentöne sind ausgeschlossen, verschiedene Verstehensmöglichkeiten sind nicht vorgesehen. Missverständnisse finden nicht mehr statt. Einheitlichkeit ist das Motto. Gleichheit. Ein Haus ist ein Haus und sonst nichts. Wenn ich "Frieden und Sicherheit" sage, dann kann es nur so verstanden werden, wie ich es meine und nicht anders.

Einerlei Zunge und Sprache. Welch eine faszinierende Vorstellung? eine Sprache mit gleichen Worten. Das ist ja erst einmal die Voraussetzung für diese Leistung, Stadt und Turm zu bauen. Was könnten wir alles auf die Beine bringen, wenn unsere Sprache einheitlich wäre. Was könnte werden aus unserer Gemeinde, aus unserer Stadt, unserer Politik, unseren Beziehungen bei einer Sprache, die alle sprechen und alle verstehen. Kein Erklärungsbedarf mehr, keine Zweideutigkeiten, keine Missverständnisse. Faszinierend. Aber gleichzeitig: Welch eine schreckliche Vorstellung! Nur eine Sprache mit immer gleichen Worten. Ein Haus ist nur ein Gebäude und sonst nichts. In der Gemeinde reden alle gleich, immer nur dieselben Worte in einer Ehe. Zuviel Übereinstimmung lähmt. Der andere weiß immer gleich, was gemeint ist. Keine Zwischentöne, keine Andeutungen, keine Poesie. Alle Unterschiede sind eingeebnet. Wie öde, langweilig, ja tödlich.

"Einerlei Zunge und Sprache!" – Faszination oder Schrecken?

Die Menschen in Babel haben das gemerkt: Wenn man gleich ist, ungefragt Übereinkunft vorhanden ist, dann kann man etwas anpacken, ein größeres Ziel suchen, eine Herausforderung, dann ist man zu Leistungen in der Lage, die weit über einen selbst hinausweisen.

Die Bibel warnt mit dieser Geschichte: Gefahr ist im Verzug! In allem Übereinkunft haben zu wollen, ist antigöttlich. Einerlei Zunge und Sprache: Die Einsprüche fehlen und die Unterbrechungen,? da ist kein Platz mehr für Mahnungen, für Propheten. Eine Zunge, eine Sprache, eine Einheitsregierung, eine Währung? und es ist nicht sehr weit zu einer reinen Rasse.

Die ungebrochene Übereinkunft und Gleichheit ist anfällig für Krankheiten und die Zerstörung des Lebens, so wie landwirtschaftliche Monokulturen besonders anfällig sind und den Boden zerstören, wenn keine Unterbrechung, kein Wechsel da ist. Das gilt von der Schöpfung über die Zweierbeziehung bis in die Politik. Wie langweilig wäre eine Welt, in der Menschen einer einzigen Kultur und einer einzigen Sprache lebten. Alles gleich. Welche Armut! Und welch eine Gefahr!

"Wohlan!" So lautet die Parole! "Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und brennen und lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen und uns einen Namen machen" Es kommt Bewegung in den Text. Fangen wir an, bauen wir hinauf bis in den Himmel. Was ist verwerflich daran? Zunächst einmal wieder diese Sprache. Parolen fordern Gehorsam. Das kennen wir aus leidvoller Erfahrung. Sie tragen etwas Gewalttätiges in sich. Auch wenn sie sich mit dem Ziel des Fortschritts tarnen. Der Bibeltext mahnt. Ziegel streichen und brennen – das kommt in der Bibel nur noch an einer einzigen weiteren Stelle vor, nämlich in der Sklaverei Ägyptens. Der Bibeltext fragt und fordert auf, hinter die Parolen zu sehen: Wo hat der angesagte Fortschritt etwas mit Gewalterfahrungen, mit Versklavung, mit Unfreiheit zu tun? Kommen die Menschen mit ihren Bedürfnissen noch darin vor? "Wohlan, lasst uns streichen, brennen, bauen,…." das ist ein rein technischer Monolog, ohne Nachdenken über den Preis, den das fordert. Nicht der Bau der Stadt oder des Turmes ist das Problem, sondern das heimliche Ziel, die geplante gigantische Größe, die damit verbundene militärische Herrschaft – der Turm ist auch eine Zitadelle, ein militärischer Wachturm. Macht und Gewalt, Parolen und eine klare, einheitliche Marschrichtung, Sprache und Erscheinungsbild – und das Ziel eines selbstgemachten Namens. Abweichungen, Einwürfe, Mahnung, Prophetie und Widerspruch – das alles hat keinen Platz. Diese Einlinigkeit ist lebensgefährlich. Wo kulturelle Identität eingeebnet wird, da wächst die Heimatlosigkeit, da wächst die Aggression aus der Wehrlosigkeit. Wo ein Reich dominiert, sei es zB das, dass sich alles dem freien Markt und dem Gewinn unterordnen muss, da gedeiht Gegengewalt. Es ist mehr als einen Gedanken wert, wie viel die modernen Türme des World-Trade-Centers in New York mit dem Ziel einer widerspruchslosen Welt des Handels und des Gewinns zu tun hatten – und ob der Angriff darauf nicht die letzte bitterste Widerspruchstat von Menschen war, denen kein eigener Platz unter dem Diktat dieser Türme zugestanden wurde. Die nicht mehr vorkamen in der globalen einheitlichen Welt des freien Wirtschaftens. "Wir wollen uns einen eigenen Namen machen!"? das geht immer auf Kosten anderer, auf Kosten "Namenloser". Und es geht gegen Gott. Im Alten Testament ist "der Name" eine verhüllende Beschreibung für Jahwe. Und es ist Jahwe, der Namen vergibt, und uns Menschen ja bereits einen Namen gegeben hat. ADAM heißt der Mensch: Sohn und Tochter der Erde, an die Erde Gewiesener, mit der Erde Verbundener. Gebunden an die geschenkte Zeit, an die gewährte Gemeinschaft.

Der Turm aber geht weg von der Erde in den Himmel. Die Grenzen unseres Geschöpfseins werden angegriffen und sollen überschritten werden. Sie werden bis heute überschritten, wo immer das Maß des Menschlichen überschritten wird, d.h. wo die fundamentalen Lebensbedürfnisse eines jeden Menschen missachtet werden, vor allem auch der Menschen, die noch Generationen nach uns leben wollen.

Der Turm geht weg von der Erde in den Himmel. Das Streben in die Höhe isoliert. Jeder spricht nur noch für sich, versteht nur noch sich selbst. Der Blick ist nach oben fixiert, es gibt kein WIR mehr und auch kein DU. Nur noch ICH. Der andere, der Fremde kommt nicht mehr vor. Wer nicht in das eigene Bild passt, wird an den Rand gedrängt, nicht mehr beachtet, totgeschlagen. Unter dem Turm von Babel liegt der tote Abel. Der, den sein Bruder Kain nicht ertragen hat, an dem Unterschiede sichtbar geworden sind. Abel, der Hüter, ist tot. Es lebe Kain, der Bebauer. Und wie er lebt.

Die Menschen sind aus dem Paradies, dem Garten mit seinem Baum des Lebens vertrieben worden – jetzt versuchen sie, sich ihr eigenes technisches Paradies herzustellen. Stadt anstelle des Gartens, Turm anstelle des Baumes. Alles muss machbar sein, Grenzen sind zum Überschreiten da. Störungen, auch störende Menschen gehören nicht dazu. "Wohlauf lasst uns in den Himmel bauen!"

Wir sind damit genau in der Mitte des Textes angekommen. Bislang ist Gott noch nicht vorgekommen. "Da fuhr der Herr hernieder" – so geht es weiter. Gott muss weit herunterkommen, um den Turm, der angeblich bis zum Himmel reicht, überhaupt zu sehen. Der Erzähler spottet. Und der Text dreht sich. Gottes Gegenbewegung setzt ein. "Wohlauf, wir bauen", sagt der Mensch – "Wohlauf, wir zerstreuen", sagt Gott. Wehret den Anfängen! Gott erinnert an Grenzen, er zieht eine heilsame Grenze. Er bewahrt durch die Zerstreuung den Menschen vor der Selbstvernichtung durch Größenwahn. Er stört die Parolen derer, die nicht Menschen, sondern Übermenschen sein wollen. Alles hat seine Zeit, d.h. auch? alles hat seine Grenze! Die Zeit hat ihre Grenze, damit ich Geduld lerne. Der Wohlstand hat seine Grenzen, damit auch der ferne Nächste genug bekommt. Das Verstehen hat seine Grenze, damit wir Konflikte und Streit lernen und uns unseres Zieles gewisser werden und Versöhnung und einander tragen lernen. Die Kraft hat eine Grenze, damit wir aufeinander angewiesen bleiben. Das gegenseitige Verstehen hat nicht nur eine, sondern viele Grenzen: "Verwirrt ist aller Länder Sprache…" – bis hinein in die Kirchen, die Beziehungen von Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Mann und Frau. Grenzen des Verstehens und Entfernung voneinander gehören zusammen. In dieser Verständnislosigkeit, dieser Zerstreuung endet der Bibeltext vom Turmbau.

Ist das ein Drama – oder nicht vielleicht doch ein Segen? Oder wenigstens eine – wenn auch oft mühsame – Chance des Lebens? Ist der Text tatsächlich ohne Trost Gottes?

Vielleicht ist allein das schon ein Trost und ein Segen, dass heilsame Grenzen gezogen werden. Grenzen vor dem Größenwahn. Das Projekt, die Vielfalt von Menschen, Völkern und Sprachen unter einen Willen, ein Ziel, eine Sprache zu zwingen, ist – zumindest damals – Gott sei Dank, gescheitert.

Darüber hinaus setzt 1. Mose 11 eine Zäsur. Die Urgeschichten enden und Gott beginnt noch einmal ganz neu. Anstrengend und mühsam. Ganz klein mit Abraham und Sara. Die Geschichte des Heils beginnt noch einmal von vorne. Gott ruft zwei Menschen heraus aus dem Land, wo Türme gebaut werden, verspricht ihnen einen Namen, neues Land, Segen, unter dem Wirken seines Geistes. Schickt die beiden – und später den eigenen Sohn – in die zerstreute, bunte und vielfältige Welt seiner Menschen. Diese Vielfalt braucht das Gespräch, das gegenseitige Hören und Lernen, braucht die Aufmerksamkeit, braucht Interpretation, Rückfragen und vor allem Begegnung und Beziehung. Die Vielfalt erfordert ein Deuten des Gehörten, ein Lauschen auf die Zwischentöne, ein Erlernen einer fremden Sprache. Sie erfordert Auseinandersetzung, Kennenlernen, Rücksichtnahme. Die Vielfalt erst ruft unsere Gaben ans Licht, fordert das Können heraus, hinter Worte zu hören, um das Leben des anderen zu entdecken. Bloße Einlinigkeit macht dumm. Vielfalt des Lebens, auch in einer Gemeinde, macht reich. Es ist ja nicht nur mühsam, sich den anderen Erfahrungen der anderen zu stellen, Fragen stehen zu lassen, sich immer wieder erklären müssen. Das alles verbindet ja auch und bereichert, es fördert das gegenseitige Verstehen und verhindert Parolen und Diktatur jeder Art.

Spätestens hier sind wir mitten im Pfingstgeschehen. Wo diese Verständigung und dieses Zusammenleben in einer bunten Kultur gelingt, wo Menschen einander verstehen können, ohne dass sie vorher gleich werden müssen, da ist der Geist Gottes am Wirken. So wie in der neutestamentlichen Pfingstgeschichte, wo Menschen unterschiedlichster Nationen verstehen, was Petrus sagt, weil Gottes Geist da ist. Sprache wird zur Sprache der Verständigung und Versöhnung, zu einer Sprache des Friedens, nicht nur in Worten, auch in Gesten und Zeichen. Gottes Heiliger Geist schafft eine neue Gemeinschaft, ohne Türme, diese Symbole der Macht und der Gewalt. In dieser Gemeinschaft des Geistes können wir die Sprache des Friedens lernen, können unsere eigenen Gaben ans Licht kommen, die wir angesichts der Menschenvielfalt brauchen, können wir miteinander leben ohne Zwang zum Einerlei. Können wir schließlich die Begrenzung des Lebens immer wieder üben und für gut heißen. Uns trägt die Verheißung, dass das gelingen kann, wo wir dem Geist Gottes Raum geben. Alles hat seine Zeit. Alles hat seine Grenze. Alles ist getragen von Gottes Geist.

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