Die Sorge der fränkischen Hausfrau

Liebe Gemeinde.

Jede fränkische Hausfrau versteht die Sorgen, die jener Philippus zum Ausdruck brachte. Davon bin ich überzeugt. „Es ist nicht genug. Es reicht nicht!“, stellte er angesichts der großen Gästeschar angstvoll fest – und sie auch! Und so backt sie lieber noch den zweiten Erdbeerkuchen. Und die Cremetorte. Und Onkel Hans mag die „Donauwelle“ so gern. Man legt beim Braten zwei Kilo dazu und dreht zehn Knödel mehr – na ja, lieber doch 15, weil der Friedrich neuerdings so großen Hunger hat. Oder besser dreißig, falls die aus Hof doch noch kommen. Die bereitete Soße reicht ohnehin für ein Bad.

Aber soviel man auch vorbereitet, die Sorge, dass es nicht reichen wird und man am Ende blamiert dasteht, die Sorge bleibt. Die Sorge der fränkischen Hausfrau. Und sie wird diese Sorge niemals in den Griff bekommen, obwohl sie jedes Mal jedem Gast eine dicht gefüllte Kuchenplatte zum Abschied in die Arme presst und in Gedanken die noch verbleibenden Reste einfriert. D.h. sie fragt sich, ob überhaupt noch Platz in der Truhe sei.

Nun lasen wir die Hausfrau allein mit ihren Gedanken. Sollten sie, liebe Gemeinde, den Verdacht hegen, ich mokiere mich über fränkische Gastfreundlichkeit, dann liegen sie falsch. Wollten wir das Wunder von der Brotvermehrung ethisch deuten, dann kämen wir zu dieser Einsicht: Seid gastfreundlich wie die fränkische Hausfrau und bereitet euren Gästen einen schönen Abend in Hülle und Fülle. Lasst alle am Leben Anteil haben. Die fränkische Hausfrau verwandelt die Sorge, dass es nicht reichen könnte, stets in Segen, in den Aufbau eines kleinen Schlaraffenlandes, wo es reichlich von allem für alle gibt.
Für den Fortgang unserer Predigt brauchen wir allerdings ihr Motiv: „Es reicht nicht.“

„Es reicht nicht“. Diesem Motiv begegnen wir ja auch außerhalb unseres Landes und zumeist bemerken wir dabei eine ganz andere, unfränkische Reaktion. Hier wird Sorge nicht in überbordende Gastfreundlichkeit umgewandelt, sondern in Geiz, Lebenskampf und Gier.

„Es reicht nicht“, vermuten wir als Motiv der Vereinigten Staaten, „es reicht nicht mit dem Öl, das wir brauchen. Drum lasst uns Krieg machen. Ein Grund wird sich schon finden.“

„Es reicht nicht“, mag mancher Auto-Narr denken, „es reicht nicht. Da können mich andere noch überhohlen. Ein schnelleres Auto muss her.“

„Es reicht nicht“, sagt mancher in Kulmbach zur Zeit und ergattert nochmals zehn Biermarken für das Bierfest. „Es reicht nicht. Noch ist meine Lebensangst nicht ertränkt.“

„Es reicht noch nicht das Kapital auf der Bank. Drum müssen wir noch einmal Stellen streichen und Menschen entlassen. Die Anleger werden es dankbar registrieren.“

„Es reicht nicht“, empfindet der eifersüchtige Bruder. „Die Liebe meiner Eltern ist so knapp, so rar, sie muss mir allein gehören.“

Unablässig werden Menschen von solcherlei Ängsten geplagt. „Es wird nicht genug für da sein für mich vom großen Kuchen des Lebens. Und darum muss ich kämpfen, ergattern, raffen, und horten. Aber weggeben kann ich nichts, denn es könnte ja nicht reichen.“

Als Jesus jenes Wunder der Brotvermehrung geschehen ließ, liefen ihm die Menschen hinterher. Einen solchen Brotkönig hätten sie gerne. Sie wollten noch mehr, noch mehr davon haben und kosten und horten und mitnehmen und einfrieren und auf´s Konto einzahlen. Sie hatten es nicht begriffen.

Im Johannes-Evangelium folgt auf das Wunder eine Rede Jesu, in der offenbar wird, was im Wunder geschehen ist: Die Angst, im Leben zu kurz zu kommen, schweigt und verschwindet.

Jesus erinnert an das „Manna“: „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, und sind gestorben“, sagt er (Joh 6, 49). Zwar auf der Flucht vor den Ägyptern plagte die Israeliten dennoch die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen der Gefangenschaft. Der Angst zu wehren, verspricht Gott tägliches Brot vom Himmel, damit sie auf dem Weg in die Zukunft nicht erlahmen. Und tatsächlich, da liegt etwas im Wüstensand. “Man ha“? fragen die Israeliten in ihrer Sprache. „Man ha?“ Ist eine Frage, die auf Deutsch lautet: „Was ist das“?

Manna, diese Frage wurde zum Namen für das Brot der armen Wüstenzeit. Manna, das ist das von Tag zu Tag versprochene und dann doch unsichere Brot, das vor dem Tod nicht bewahrt. Es ist und bleibt ein Armenbrot, das zwar den Magen füllt. Aber es macht nicht satt, weil es nicht die Lebensangst von den Schultern nimmt. Verfolgt man die Geschichte des Manna weiter, so erfährt man, dass die Israeliten trotz Warnung diese leicht verderbliche Nahrung horteten und voreinander versteckten. Das Armenbrot hatte sie geizig, verdrießlich und unzufrieden gemacht. Es genügte ihnen nicht, aus Gottes Hand zu leben. Die Lebensangst war ihnen geblieben.

Diesem fraglichen Armenbrot mit dem Namen „Was ist das“ – wo ja auch mitklingt: „Kommt es morgen wieder – und reicht es?“ – diesem Armenbrot setzt Jesus das Lebensbrot entgegen: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Und ich denke, wir verstehen jetzt, was damit gemeint ist.

Wir haben doch auch solche Erlebnisse. Es klingelt an der Tür. Ein paar Freunde kommen unangemeldet ins Haus. Kurz vor sieben Uhr abends. Die Kühlschrank ist leer, das Geschirr benutzt in der Maschine. Und trotzdem wurde es ein wunderschöner Abend. Irgendwo lagen noch ein paar Scheiben Knäckebrot – vielleicht fünf – und zwei Fischdosen knapp unter dem Verfallsdatum gaben ihren Inhalt preis. Und es hat für alle gereicht und es wurde spät an diesem Abend und man denkt noch gerne daran zurück. Nein, kulinarisch war nichts geboten. Es war die Gemeinschaft, die den Abend so wunderbar hat werden lassen. Es waren die unbeschwerte Fröhlichkeit, die Begegnung, das herzliche Gespräch, die diesem Abend seinen Zauber gaben. Vielleicht bewahren sie, liebe Gemeindemitglieder, ähnliche Erinnerungen. Das mag lange her sein und doch liegt immer noch ein Glanz davon im Herzen. Denn damals war die Angst, dass es nicht reichen könnte, still geblieben.

„Wird es genug für alle geben?“ Diese Sorge steckt hinter vielen Fragen, die derzeit öffentlich zur Diskussion stehen: Wird es genug Gesundheitsvorsorge für alle geben? Wird es irgendwann einmal wieder genügend Arbeit geben? Wird genügend Bildungsmöglichkeit da sein? Wird im Alter für jeden ein Platz vorhanden sein, wo er gepflegt wird? Wir denken dabei immer gleich an die Kosten, an das Geld, an Steuern und Abgaben. Das ist ja auch richtig und gehört dazu. Was aber davor zu klären wäre, das gerät uns zu leicht aus dem Blick, nämlich das Bild davon, wie wir zusammen leben wollen.

Dieses Bild haben wir verloren in den reichen Jahren der Vergangenheit. Darin sind wir doch den Israeliten in der Wüste sehr ähnlich geworden. Horten das Manna, die uns gegebenen Mittel, je für sich. In einer Nachbargemeinde soll tatsächlich eine Frau aus dem Diakonieverein ausgetreten sein, als sie erfuhr, dass die Schwestern auch Menschen pflegen, die nicht dem Verein beigetreten sind. Ihr Argument: „Ich zahl doch nichts für andere.“. „Geiz ist geil“, dröhnt uns die Werbung entgegen. Voll im Trend einer auseinanderbrechenden Gesellschaft.

Nun, hier erklingt zum Schluss ein schweres Thema, das zu entfalten keine Zeit mehr ist. Darum erinnere ich nur an ein christliches Grundbild der Gemeinschaft. Das ist das Bild, das wir erleben und sehen, wenn wir uns im Kreis um den Altar herum versammeln und das Brot des Lebens empfangen. In der Bindung an Christus mag unsere Lebensangst, zu kurz zu kommen, schweigen und verschwinden. Wenn wir unser Zusammenleben von diesem Bild her erfassen könnten, wären wir auf einem guten Weg. Wir würden dann entdecken das Gott im Bild einer fränkischen Hausfrau zu erfassen wäre, indem er unsere Sorge in Segen verwandelt. Wobei bemerkt werden muss, dass sich keine fränkische Hausfrau je mit Gott vergleichen würde. Dazu ist sie zu demütig.

Gott hat genug für uns alle. Er hat den Tisch unseres Lebens reichlich gedeckt. Und wenn wir nachfragen, ist immer noch etwas da. Es reicht für dich und mich. Wir müssen es nur erkennen – und wohl auch politisch realisieren: Lasst alle am Leben Anteil haben.

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