Die Sache mit den Talenten

Der Abteilungsleiter eines großen Unternehmens ruft seine Mitarbeiter zu sich und sagt: „Ich muss für einige Zeit auf Geschäftsreise und möchte Ihnen nun die Arbeitsbereiche übertragen. Sie, Herr Schmidt, Sie bekommen von mir diese fünf wichtigen Kunden. Ihnen, Frau Müller, übertrage ich die Verantwortung für diese beiden wichtigen Kunden und Ihnen, Herr Schulze, Sie betreuen bitte während meiner Abwesenheit, diesen einen Kunden. Und eines sollte Ihnen klar sein, wenn ich wieder da bin, will ich Ergebnisse sehen. Aufträge, Umsätze, Gewinne.

So stelle ich mir die erste Szene eines Fernsehfilms vor. Und wie geht es weiter? Der Chef fährt gehetzt zum Flughafen und die Mitarbeiter gehen an ihre Arbeit. Es wird telefoniert, gefaxt, gemailt was das Zeug hält. Eine Besprechung jagt die nächste der Laden brummt. Nur im Büro von Herrn Schulz ist es ein wenig ruhiger, ratlos sitzt er da und fragt sich, was er nun machen soll. Ein Kunde, das ist eigentlich nicht viel, man muss sich nicht zerreißen, der Auftrag ist klar und überschaubar. Doch man spürt etwas nagt an ihm. Am Abend zuhause legt er los: „ Ist ja wieder typisch der Schmidt und die Müller, die kriegen die dicken Brocken und ich sowieso nur diesen einen läppischen Kunden. Was soll das alles?“ „ Ja, und warum hast Du da nichts gesagt?“ fragt ihn seine Frau und erntet dafür nur einen Blick, der sagt, das verstehst Du nicht, Du weißt ja nicht was da draußen alles los ist.

Der Film nimmt seinen Lauf und man spürt in all den Verwicklungen, die sich so nach und nach ergeben, das es dem Drehbuchautor in aller Ernsthaftigkeit doch darum geht, sein Thema mit einem Augenzwickern rüberzubringen. Niemand soll wirklich bloßgestellt, abgeschoben und schlecht gemacht werden, vielmehr sind es Typen, einfach Leute, wie Sie und ich, die hier etwas überzeichnet für menschliches Leben stehen. Und wie geht es weiter. Der Chef kommt zurück, die Mitarbeiter werden zum Gespräch gebeten und es wird Bilanz gezogen.
„Prima gemacht Schmidt, Sie haben den Umsatz verdoppelt und noch Kunden dazu gewonnen, das ist wirklich Spitze und gehen Sie mal davon aus, dass wir das entsprechend honorieren werden. Auch Sie Frau Müller, ich bin begeistert, klare Umsatzsteigerungen und ein neues Kundenpotential erschlossen, Glückwunsch und weiter so. Tja Herr Schulz, mit Ihnen das ist ja wohl nichts, bei Ihnen ist ja gar nichts passiert, was haben sie denn die ganze Zeit gemacht?“ Und dann passiert etwas unerwartetes, der im Büro sonst eher zurückhaltende Schulz geht plötzlich aus sich heraus und zeigt was in ihm brodelt. „Es ist ungerecht, sie mit Ihren abenteuerlichen Methoden“, raunzt er den Chef an „ keine klaren Absprachen, keine Motivation nur Druck und ein unfairer Wettbewerb. Es war doch schon von vorn herein klar, dass ich hier nichts mehr zu melden habe.“ Er lässt Dampf ab, alle Achtung denkt man, das hätte ich ihm jetzt nicht zugetraut dem Herrn Schulz. Und damit endet die Geschichte.

Man könnte das Evangelium für den heutigen Sonntag auch als Parabel der Völker nacherzählen. Der fleißigste Mitarbeiter, der am Ende auch noch das eine Talent des letzten erbt, das wäre in unserer Welt sicher die USA und der zweite, der sich so im Mittelfeld bewegt, das könnten die anderen Industrieländer sein und das Schlusslicht, das hieße dann Afrika. Ich möchte noch einmal hinsehen auf die Geschichte, um zu verstehen und um nicht all zu schnell in alte Muster zu laufen, um mich nicht blenden zu lassen, von Sätzen, die so rücksichtslos und gar nicht nach Evangelium klingen. Sätze, wie: Wer hat dem wird gegeben. Und wer nicht hat, dem wird auch noch alles genommen. Nicht nur weil diese Verse vom Evangelisten Matthäus nachträglich in die ursprüngliche Geschichte hineingeschrieben sind, sondern weil sie uns auf ein ganz anderes Gleis führen. Denn die Geschichte ist nicht eine von den Geschichten, bei denen wir uns zurücklehnen können mit dem guten und sicheren Gefühl: Ja, wenigstens bei Gott kommen die Schwachen gut weg. So wie bei den Arbeitern im Weinberg. Bei Gott wird nach anderen Regeln gespielt als wir es täglich erleben müssen. Im Alltag, in allen aktuellen Diskussionen oder bei einem tieferen Blick hinein in die Maschinerie der Weltwirtschaft.
Nein, so eine Geschichte ist es nicht, die das Evangelium heute erzählt. Es ist eine Krisengeschichte. Nicht, weil sie so dramatisch ist, sondern weil sie wachrütteln und schütteln will. Verschlaft sie nicht eure Chance. Seht doch mal hin, was ihr habt, was ihr könnt. Talente sind da, nicht nur Begabungen auch echtes Geld. Und ihr, ihr sitzt da und jammert. Ihr sagt, wie soll das denn gehen. Was wird nur aus uns? Wie geht es weiter? Was kommt?

Die ersten Christen, die sind in ein Loch gefallen, als sie spürten, so schnell wie wir es allen erzählt haben, kommt sie nicht die neue Welt. Die Hoffnung, die wir anderen gemacht haben, das auch sie Jesus einmal sehen werden, die können wir nicht erfüllen. Und wir heute, wir stehen da mit unserer Kirche und spüren es wird anders, da kommt etwas auf und zu. Nichts bleibt mehr wie es war.
Doch das Evangelium hält dagegen. Was braucht ihr denn: Jedem und jeder von euch hat Gott etwas zugesagt. In jeden und jede von euch hat Gott sein vertrauen gesetzt und euch und uns die Welt, die Menschen und die Kirche anvertraut. Macht was draus, hat er gesagt. Geht in alle Welt und gewinnt die Menschen für meine Sache, tauft sie und erzählt weiter, was ihr von mir wisst und haltet euch an das, was ich euch gesagt habe. Es genügt nicht, die Tradition zu pflegen. Genauso wie in Politik und Gesellschaft lange Zeit alle dachten, das die Steuer, Renten und Krankenkassenzahler einfach so nachwachsen, haben die Kirchen gedacht, die Christen, die kommen schon von ganz allein, auch wenn Menschen austreten, es wird. Und jetzt, jetzt müssen wir an allen Ecken und Enden feststellen, dass es nicht so wird. Und das es auch nicht genügt, das Ererbte, die Tradition zu bewahren, Leben, Zukunft, soll gestaltet werden.
Wer wird kommen und uns fragen, was habt ihr gemacht mit dem Geld, mit all den Möglichkeiten. Das ist keine angenehme Vorstellung, einmal Rechenschaft geben zu müssen. Uns selbst, den nachfolgenden Generationen und am Ende unserem Schöpfer. Was hast du gemacht mit dem Geld, mit all den Möglichkeiten?

Es ist keine Angstmach-Geschichte, denn erzählt wird sie, von dem der auch vom verloren Sohn erzählt, aber es ist eine Geschichte, die deutlich macht: Fehler, ja die gehören zum Leben dazu, aber ihr Menschen, wir, wir sollen nicht unter unseren Möglichkeiten leben. Es ist eine Mutmach Geschichte. Sie soll Mut machen zum Engagement, Mut machen, der Verheißung zu glauben, Mut machen, mit der SichEr erheit von Gott geliebt und begleitet zu sein hinauszugehen und etwas zu bewegen im Sinne Jesu. Und dennoch macht es Mühe durch den Nebel von Versagen, doch wieder der Letzte, wie soll man das nur schaffen hindurch zu kommen.
Geht es Ihnen auch so, dass sie sich wenn Sie sich noch einmal alle Personen vor Augen führen, Den Haushalter und die drei, die von ihm abhängen, dass dann der letzte ihnen erst einmal am Sympathischen ist.
Mit einem Talent, oder einem Zentner, ausgestattet sitzt er da und weiß nicht was er tun soll. Irgendwas kommt im falsch vor und am Ende macht er sich Luft. Gewinne erwirtschaften, das kann doch wohl nicht sein ernst sein. Wo sind wir denn hier. Ist nicht gerade dieses mehr und immer mehr das, was uns zuschaffen macht. Reicht es nicht das zu haben, was man hat. Muss es denn immer mehr und immer mehr werden. Und wenn ich nun was falsch mache, falsch investiere, was dann, dann ist alles weg und der Ärger, der ist doppelt so groß. Und was ist gegen Furcht einzuwenden. Aber, übertreibt er nicht ein wenig. Der Haushalter, der wirkt so gar nicht wie ein Despot. Baut er sich nicht doch ein Schattengespenst auf. Der Haushalter, der riskiert sehr viel. Alles, was er hat setzt er ein und vertraut es im Prinzip fremden Menschen an. Er verlässt sich auf sie, traut ihnen was zu. Schön dumm, könnte man sagen, ich würde das nicht tun. Doch geht es hier um wagen und gewinnen. Auch er kommt mir bekannt vor, denn auch ich muss mich auf andere verlassen können. Muss darauf vertrauen, dass andere ihren Teil tun, dass ich nicht betrogen werde. Auch ich muss darauf vertrauen, dass jeder nach sein Möglichkeiten tut, was zu tun ist. Auch ich ärgere mich, wenn ich den Eindruck habe, da versteckt sich jemand, schiebt alles mögliche vor, nur um die Verantwortung nicht zu übernehmen. Lehrer ärgern sich über Schüler, die von vorn herein sagen, dass schaff ich sowieso nicht. Eltern, ärgern sich über Kinder, die sagen, ich hab es gar nicht erst versucht.

Und die anderen beiden. Wer steht mir da am Nächsten. Auch in ihnen finde ich etwas wieder. Wenn mir eine Aufgabe übertragen wird, dann versuche ich doch mit all meinen Möglichkeiten das Beste daraus zu machen. Nicht nur um am Ende gelobt zu werden, sondern auch weil mir die Arbeit Spaß macht, weil ich einen Sinn darin sehe, weil ich spüre, ja ich kann das auch und es ist schön zu sehen, wenn etwas gelingt. Ja, in diesem Evangelium geht es wirklich zur Sache. Es geht um Talente im doppelten Wortsinn, es geht um Geld und um Begabungen um das was wir aus unserem Leben und um das was wir als Menschen mit der Welt machen, und darum, ob wir in unserer Kirche wirklich noch mit all unseren Pfunden wuchern, oder ob wir sie irgendwo weggeschlossen haben? Es geht zur Sache, denn zum Glauben gehört nicht nur der tröstende Zuspruch, zu ihm gehört auch, der hörbare Anspruch.
Und darum möchte ich mit einer Bitte, oder lieber noch mit einer Aufforderung schließen. Nehmen Sie die Geschichte mit in die Woche und lassen Sie sie nachklingen. Oder besser noch erzählen Sie sie weiter, denn dazu ist sie gedacht. Entdecken Sie die Personen, von denen erzählt wird und kommen sie damit dem Gleichnis auf die Spur, einem Gleichnis das uns ermutigen will dazu das die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht zu unserer Zeit. Ein Gleichnis das uns wecken will aus dem Schlaf der Sicherheit.

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