Die Nacht ist vorgedrungen

Liebe Gemeinde,

vor dem Dom fährt der Bischof in seinem großen schwarzen Mercedes vor. Die Menge steht ehrfurchtsvoll dabei, die Kleriker verneigen sich, alle ziehen in feierlichen Zug in den Dom. Sagt das Fritzchen, das sich das ganze angesehen hat: „Der Verein hat sich aber entwickelt, angefangen haben sie mal mit einem Esel.“

Was ist Jesus für ein König? Wie niedrig kommt er daher geritten: auf einem geliehenen Esel, ohne Krone, ohne Zepter, ohne Schwert! Als Sattel dienen staubige, verschwitzte Kleider. Es wird kein kostbarer roter Teppich ausgerollt, nein, es sind nur ein paar getragene Kleidungsstücke und schnell abgerissene Palmwedel und herausgerissene Grasbüschel, die auf den Weg geworfen werden. Und um ihn her ist es eher das arme Volk, das grölt und schreit und ihm zujubelt. Die Vornehmen Jerusalems befinden sich hinter den Mauern. Jesus, der König der Armen, der Geringen! Schon der Esel deutet dies an, das Lasttier der armen Leute. Das wäre gerade so, als würde die Königin Elizabeth die jährliche Geburtstagsparade auf dem Fahrrad abnehmen. Unvorstellbar! Und doch ist gerade der Esel im Orient das Zeichen des Friedenskönigs. Das wollte Sacharja schon zeigen. Der König Gottes kommt nicht wie Alexander der Große auf einem Kriegsross dahergesprengt, er kommt auf dem Esel und bringt den Frieden. Und Jesus will gerade für das arme, getretene Volk König sein. Die Blinden, Lahmen, Krüppel, die johlenden Kinder, sie alle gehören zu seinem Reich. Für die Zöllner und Sünder geht er ans Kreuz. Was für ein König?! Aber spüren wir vielleicht etwas davon, welche Zumutung das für das stolze Jerusalem war? Der König als Lasttier für die armen Leute.

Es ist Jesus, von dem der alles entscheidende Anfang ausgeht. An ihm entscheidet sich alles. Er fordert die Jünger auf, nach dem Esel zu suchen. Er entscheidet über die Art und den Zeitpunkt des Einzuges nach Jerusalem. Er gibt die Befehle, und die Jünger finden alles so vor, wie er gesagt hat. Nein, es stimmt nicht, was viele bis heute behaupten, dass Jesus in Jerusalem gescheitert sei, dass sein Tod ein trauriges Missgeschick gewesen sei. Nein, Jesus geht den Weg nach Jerusalem ganz bewusst. Er sagt seinen Jüngern voraus, was geschehen wird, dass er sterben wird. Jesus zeigt sich hier als der überlegene Herr, der das ganze Geschehen in seinen Händen hat. Er ist der Entscheidende! So wie bei einem Fußballspiel, wenn es null null steht und in der Verlängerung das entscheidende Tor geschossen wird. Gewonnen! Wirklich? Wie viele Menschen zweifeln gerade daran! Da ist eine alte fromme Witwe. Viel hat sie in langen Jahren durchlitten, den Mann schon früh verloren, sich mit ihren Kindern durchgekämpft. In ihrem ganzen Leben stand für sie fest, dass Jesus sie trägt und führt. Doch als im Alter ihre Kräfte nachließen, begann ihr Glaube zu wanken. »Ach, es geschieht so viel Unrecht auf der Welt. Jeden Tag gibt es neues Elend. Ich verkrafte dies kaum noch«, sagt sie. »Hat Gott wirklich noch alles in der Hand?« Das ist ihre bange Frage. Jesus selbst geht ins Leid, er geht ins Sterben. Und er geht ganz bewusst diesen Weg. In der Menge, die ihm beim Einzug zujubelte und huldigte, sind Menschen, die auch ganz unten waren. Da waren die Blinden von Jericho. Bartimäus war unter ihnen. Jahrelang saß er am Tor und war zum Betteln verurteilt. Bis Jesus kam und ihn heilte. Da war der Mann vom Zoll namens Levi. Als Römerfreund wurde er abgelehnt und ausgestoßen. Als Jesus kam und ihn aufforderte: »Komm, folge mir nach!«, da wurde sein Lebensberuf Jünger, Nachfolger Jesu. Sie alle jubelten Jesus zu, sie alle hielten ihn für den Messias, für den, der Israel befreien würde. Und Jesus? Er kam gerade für sie. Für sie zog er in Jerusalem ein, um für sie zu sterben, um sie von ihrer Schuld zu erlösen und ihnen das Reich Gottes zu schenken. Er ist der Retter, der König Israels.

Jesus ist der Verheißene. Matthäus hat den Einzug Jesu miterlebt. Er kennt die Bibel. Und so zeigt er uns, dass Jesus der verheißene Retter des Alten Testaments ist. Er lädt uns zum Staunen ein.

So wie das Kind, das auf das versprochene Weihnachtsgeschenk wartet. Seine Eltern haben es ihm versprochen. Hier hat uns Gott einen Retter versprochen.

Sacharja hat es gesehen. Er durfte weissagen: »Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.« Und tatsächlich, viele Jahre später reitet Jesus so in Jerusalem ein. Und doch, verstehen wir, was damals geschah? Da reitet ein König, ohne Krone, ohne Zepter und Schwert, auf einem geliehenen Esel ein. Und doch, Sacharja sagt es genau so voraus. Der König Gottes ist kein waffenstarrender Herrscher auf einem starken Kriegsross. Der König Gottes kommt als Friedenskönig auf einem Esel geritten. Und Matthäus legt auf ein Wort Sacharjas das ganze Gewicht. Dieser König ist sanftmütig! Doch was heißt denn dieses Wort »sanftmütig«? Bei uns klingen da die Worte »zart, schwach« mit. Aber gemeint ist der gerechte König, der den Frieden bringt und nicht den Krieg. Allerdings wird dieser König schwach für uns. Er lässt sich niederdrücken, an den Boden drücken. Er lässt sich für uns schlagen. Und er stirbt für uns. All dies steckt auch in dem biblischen Wort: »sanftmütig«. Die Krone, die zu diesem König passt, ist die Dornenkrone des Gekreuzigten. Das ist Jesus: der verheißene König.

Es ist auffallend: Die Menge vor der Stadt jubelt Jesus zu und huldigt ihm als König. Doch in der Stadt fragt man nur und diskutiert es: Wer ist dieser Jesus, dieser Prophet aus Nazareth? Jesus kommt in diese Welt als der Friedenskönig Gottes, aber die Welt erkennt ihn nicht. Wir Menschen sind zu stolz, wir Menschen sind zu gut. Wozu brauchen wir den sanftmütigen König Gottes? Oder Paul Gerhardt hat diese Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem meditiert in seinem Lied »Wie soll ich dich empfangen«, das wir vor der Predigt gesungen haben. Auffällig ist, dass er diese Geschichte zunächst einmal ganz auf sich persönlich anwendet. Es ist ein »Ich-Lied«. Die grünen Zweige und Palmen, welche die Menschen vor Jesus hinlegen, sind bei ihm seine Psalmlieder und sein persönliches Dienen, »so gut es kann und weiß«. Doch wohin kommt Jesus? Nicht zu einer stolzen Stadt, sondern zu einem geschlagenen, in schweren Banden liegenden Menschen. Und er, der König, kommt und macht ihn los und groß und schenkt ihm großes Gut. Es ist der König voll Liebe, der in alle Welt in ihre tausend Plagen und ihre Jammerlast kommt.

Die Menge jubelt Jesus zu: »Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!« In Jerusalem zog Jesus auf einem Esel ein. Er kam als der verborgene Retter. Aber die Bibel weiß um das neue Kommen Jesu. Da wird er nicht auf einem Esel kommen. Johannes schildert ihn in der Offenbarung als den, der auf einem weißen Pferd kommt. Er kommt als der letzte Herrscher und der letzte Richter. Paul Gerhardt beschreibt dies in seinem Lied so: »Er kommt zum Weltgerichte, zum Fluch dem, der ihm flucht, mit Gnad und süßem Lichte dem, der ihn liebt und sucht. Ach komm, ach komm, o Sonne, und hol uns allzumal zum ewgen Licht und Wonne in deinen Freudensaal.« Das dürfen wir Christen festhalten. Das ist die Botschaft des Advent: Die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt! Und er wird das letztgültige Wort über diese Welt und ihre Geschichte sprechen, so wie er es auch über unser Leben tun wird. Und doch, das ist für uns Christen Freude und Trost. Paul Gerhardt sieht schon den Freudensaal geöffnet, den Festsaal Gottes, in den er uns einlädt, um mit ihm seine Ewigkeit zu feiern. Dies gilt für uns persönlich und für die ganze Welt. Es war in einer Klinik. Eine Ausbildungsschwester saß am Bett einer sterbenden Frau. Sie schaute sich um. Was war denn jetzt noch wichtig? Sie sah die Hände der alten Frau. Sie waren von der vielen Arbeit gezeichnet. War das das Entscheidende im Leben dieses Menschen, die Arbeit für den Mann und die Kinder? Dann sah sie die Bibel auf dem Nachttisch. Sie nahm sie zur Hand, ein ziemlich abgegriffenes Buch. Da war ein Lesezeichen. Sie schlug auf. Johannes 11: »Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.« Da fiel ihr ein, wie diese alte Frau eine Freundin verabschiedete. Sie sagte: »Ich bin getrost. Ich weiß, wer auf mich wartet.« Sie sagte nicht »was«, sondern »wer«. Und da plötzlich war diese Frau friedlich eingeschlafen. Jesus ist der Kommende. Er ist der, der am Ende unseres Lebens auf uns zukommen und uns ewiges Leben geben wird. Und er ist der Kommende für die ganze Welt. Das ist die große Adventsbotschaft. Diese Botschaft dürfen wir in diesen Tagen laut hinaussagen. In die Dunkelheit der Welt ist Jesus gekommen, in den Terror, den Krieg und die Finanzprobleme und so dürfen wir miteinander singen: Die Nacht ist vorgedrungen.

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