Die Nachfolge kostet uns das Leben

Liebe Gemeinde,

wenn jemand in unserer Gemeinde sein Kind taufen lassen will, bekommt er diese Broschüre zugesandt.Dort finden sich ungefähr 10 Dutzend Bibelverse als Vorschläge für einen Taufspruch. Und wer einmal darauf achtet, wird sicher bemerken, dass ganz bestimmte Verse immer wieder genommen werden: Die Engel, die das Kind behüten mögen aus dem 91. Psalm. Glaube, Liebe, Hoffnung aus dem 1. Korintherbrief. Und Jes 43,1: Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Doch was hielten Sie eigentlich von einem Taufspruch aus unserem heutigen Predigttext? Schließlich handelt er von der Nachfolge und müsste dementsprechend ganz gut zur Taufe passen. Lk 14,26: "Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein."

Irgendwie habe ich vergessen, diesen Vers mit in unsere Taufspruchsammlung aufzunehmen. Und ich habe, um ehrlich zu sein, in meinem ganzen Leben noch nie eine Taufe mit diesem Vers erlebt. Wäre bestimmt spannend, wenn sich die Eltern diesen Vers für ihr Kind aussuchten. Sollte bei Ihnen in der Familie also irgendwo Nachwuchs anstehen, schlagen Sie diesen Vers doch einmal vor. Lk 14,26 – und diese Taufe wird nicht sein wie alle anderen. Oder meinen Sie, so ein Vers ist so einem kleinen Christenmenschen nicht zuzumuten? Soviel Hass und dann noch gegen sich selbst und die Eltern, das kann man doch nicht so sagen Das ist doch absolut unchristlich. Da nehmen wir doch lieber was mit Engel, Liebe, Hoffnung. Nur gut, dass der Vers nicht in dieser Taufbroschüre gelandet ist. Nicht, dass der Pate vor Schreck das Kind fallen lässt. Am besten, wir lassen den Spruch in den Tiefen des 14. Kapitels bei Lukas und reden nicht mehr drüber. Der liebe Heiland hat sich da bestimmt versprochen. Der meint das ja gar nicht so. Meint er aber.

Der liebe Heiland war manchmal radikaler als wir denken oder als wir es uns eigentlich wünschen. Und eigentlich wäre es doch nur fair, die Eltern und Paten mit dieser Radikalität zu konfrontieren. Dann können sie ja immer noch entscheiden, ob sie ihr Kind taufen lassen wollen oder nicht. Eltern, die ihr Kind taufen lassen, sollten wissen: Wenn’s hart auf hart kommt, ist Blut einmal nicht dicker als Wasser. Wer sich aufs Christentum einlässt, der sollte wissen, worauf er sich einlässt. Das ist Thema unseres Textes: Was muss man sich seinen Gott kosten lassen? Oder genauer: Sind wir wirklich bereit, uns Nachfolge zu leisten. Jeder Häuslebauer unter uns kann bestätigen: Am Anfang jeder Bauherrschaft steht die Planung, die Kalkulation, der Familienrat: Was sind uns die eigenen 4 Wände wert? Sind wir bereit, uns über Jahrzehnte finanziell zu binden und eventuell auf andere Dinge zu verzichten, um von der Etage wegzukommen? Ist es das wirklich wert? Oder wollen wir unsere Nerven und unser Geld lieber für andere Dinge behalten? Was für Friedenszeiten gilt, gilt auch für Kriegszeiten: Wer sich auf einen Krieg einlassen will, sollte sich fragen, ob er ihn mit seinen zur Verfügung stehenden Kräften wirklich gewinnen kann. Liechtenstein zum Beispiel sollte sich im Falle eines Falles ganz genau überlegen, ob es so ganz allein gegen die Vereinigten Staaten ein Chance hätte …

Und was für Liechtenstein gilt, gilt für jeden von uns. Jede und jeder von uns hat seine Entscheidungen ganz allein zu treffen. In Kriegs- und Friedenszeiten. Wir leben erst dann unser eigenes Leben, wenn wir unsere Entscheidungen selbst treffen. Leben ist Entscheidung, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Zu meinen, man träfe einmal die große Entscheidung für sein Leben ist nichts anderes als Schwärmerei. Wer also sich Jesus einlassen will, ihm wirklich nachfolgen möchte, braucht mehr als die eine große Willenserklärung. Nachfolge ist kein Weg, den man einschlagen kann wie die Flensburger Chaussee.

Nachfolge besteht aus vielen, kleinen, eigenen Schritten. Christinnen und Christen laufen nicht herdenweise ihrem Gott hinterher. Jeder einzelne Schritt ist Entscheidung des Einzelnen. Auch wenn Gemeinschaft hilft und trägt: Wir können unsere eigenen Entscheidungen nicht delegieren. Wir stehen allein vor Gott mit unserem Leben. Vor Gott gilt die Gemeinde, die Tradition, die Kirche nichts – der einzelne alles. Nachfolge besteht aus einzelnen, ganz persönlichen Schritten, nicht aus ausgetretenen Pfaden.

Dies hält Jesus der großen Menge, die ihm wie Lemminge nachläuft, entgegen: Sein Aufruf zum allgemeinen Sippen- und Selbsthass bedeutet natürlich nicht, dass nur masochistische Menschenfeinde die wahren Christen seien. Der fromme Jude hätte sich nie über das Gebot, die Eltern zu ehren und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, hinweggesetzt. Trotzdem wollen wir es nicht verharmlosen: Wer einen ersten Schritt in der Nachfolge Christi geht, vollzieht zunächst einen radikalen Bruch mit Gott und der Welt. Nichts ist mehr selbstverständlich, nichts mehr unmittelbar erfahrbar, nichts soll mehr ohne weiteres gelten außer Jesus Christus. Dies soll die Menge wissen, die dem galliläischen Wanderprediger hinter läuft. Wer nachfolgt, verliert zunächst Gott und die Welt. Nur wer dazu bereit ist, ist frei, eigene Schritte in der Nachfolge zu tun. Nun wird jeder Psychologe bei solchen Worten mahnend seine Pfeife heben und sagen: "Hass hat nicht das geringste mit Freiheit zu tun." "Wenn wir unsere Feinde hassen, verleihen wir ihnen Macht über uns: Macht über unseren Schlaf, über unseren Appetit, unseren Blutdruck, unsere Gesundheit und unser Glück." (D. Carnegy) Hassen – wie wir es heute verstehen – lässt uns unfrei sein. Was Jesus meint, ist nicht die emotionale Gefangenschaft, weil wir uns gegen jemanden verrannt haben.

In der Sprache Jesu bedeutete "Hassen" etwas anderes: Etwas zu hassen, meint, etwas "hinten an zu stellen". Im Gegensatz zu "lieben", "etwas oder jemandem den Vorzug geben." Liebe Gemeinde, Sie sehen: Es empfiehlt sich beim Bibelstudium immer, ein Wörterbuch dabei zu haben. Da kriegt man selbst die rauhsten Texte glatt gebügelt. Doch stimmt das? Haben wir mit unserer Übersetzungskunst den Text in mundgerechte, kleine Stücke zerlegt? Oder bleibt er uns trotzdem im Hals stecken? Wer Jesus nachfolgt, für den gibt es wichtigeres als die Familie, für den gibt es wichtigeres als sein eigenes Selbst. Lassen Sie sich doch einmal von diesem Gedanken davon provozieren: Sind Sie bereit, Ihre Familie, Ihr eigenes Leben hintenan zu stellen, nur weil Gott es will? Warum sollten Sie es tun? Warum sollte Christus das wollen?

Ich könnte mir vorstellen, unser Text ist eine der Lieblingsstellen der Zeugen Jevovas und ähnlicher Sekten: Ich bin unwichtig. Die Familie ist unwichtig. Lebensrettende Operationen sind unwichtig. Alles ist unwichtig. Hauptsache, ich kann für meinen Gott auf der Straße Erweckungsheftchen verkaufen. Wer in diesem Sinne Schritte in der Nachfolge wagt, tritt knapp daneben: hinein in neue Abhängigkeiten. Der Weg, der zum Leben führt, ist in der Tat schmal. Doch wie gesagt, ist der Weg der Nachfolge zum Leben nicht die Flensburger Chaussee. Mit jedem freien Schritt entsteht er aufs Neue. Links und rechts lauern nicht Teufel und Verdammnis, denn es gibt kein links und rechts. Wir brauchen keine Angst zu haben. Der Weg ins Leben entsteht überall dort, wo wir frei ausschreiten können. Wir wissen schon wohin. Denn wenn auch der Weg oft nicht zu erkennen ist: Wir haben ein Ziel. Und allein dieses Ziel soll unseren Lebensweg bestimmen. Und um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir nur eines: Wir müssen aufrecht gehen lernen.

Die schlechtere Alternative zur Nachfolge sind nicht unbedingt die Holzwege und Sackgassen der Gottlosigkeit. Die schlechtere Alternative zur Nachfolge ist oft das Stehenbleiben als sei man gelähmt, es ist das Beharren und Festhalten am status quo. Erich Fried schrieb einmal den schönen Satz: Wer will, dass die Welt bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt. Doch es geht um weit mehr als Weltverbesserung: Wer so bleiben will, wie er ist, der will nicht, dass er bleibt. Wer will, dass Gott so bleibt, wie er ist, der will nicht, dass Gott bleibt. Das ist das Kreuz, das wir zu tragen haben, wenn wir Christus nachfolgen: Es ist der radikale Bruch mit allem, was uns ohne weiteres lieb und teuer ist. In seinem Buch "Nachfolge" meint Dietrich Bohoeffer dazu: ""Gottgegebene Wirklichkeiten" gibt es für den Nachfolger Jesu nur durch Jesus Christus hindurch. Was mir nicht durch Christus, den menschgewordenen gegeben wird, ist mir nicht von Gott gegeben. … Es gibt keine echte Liebe zur Welt außer der Liebe, mit der Gott die Welt geliebt hat in Jesus Christus."

Doch was bedeutet dieses "Adieu, du schöne Welt!" konkret für Väter und Mütter, Ehepaare und Kinder, Brüder und Schwestern? Was bedeutet es für uns persönlich? "Wer nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst hasst, der kann nicht Jesu Jünger sein." Wenn die Gnade unseres Herrn Jesus Christus mit ihnen ist, dann können Väter und Mütter ihre Kinder nicht mehr über alles lieben wie bisher. Sie haben es nicht nötig, ihre eigene Zukunft, ihre eigenen Pläne in den Kindern auszuleben, sie fest an sich zu binden oder sie nach ihrem Bild zu formen. Denn sie werden nicht in ihren Kindern weiterleben, sondern in der Liebe Gottes. Eltern in der Nachfolge Christi, gewinnen Distanz zu ihren Kindern, Abstand genug zu erkennen, dass ihre Kinder nicht ihre Kinder sind, dass sie ihnen eben nicht über alles gehen dürfen, Abstand genug, um Stärken und Schwächen der Kinder zu erkennen und Kritik anderer zuzulassen.

Für Kinder heißt Nachfolge zunächst Freiheit: Zunächst, wenn sie klein sind, Freiheit durch die Eltern, später als Erwachsene auch Freiheit von den Eltern. Die Nachfolge Jesu führt an den großen Fußstapfen der Väter und Mütter vorbei. Wir haben es nicht nötig, uns zu beweisen, Mama oder Papa nachzueifern, oder auch die Schuld für die vergangenen Fehler oder Versäumnisse der Eltern mit uns zu tragen. Kinder in der Nachfolge Christi sind freies Gegenüber zu ihren Eltern, nicht deren Abziehbild. Dasselbe gilt für Geschwister. Wir haben es nicht nötig, unser Leben lang um Anerkennung zu buhlen. Wir müssen uns nicht stets vergleichen, beneiden und übertrumpfen, um leben zu können. Geschwister in der Nachfolge Christi lassen sich nicht durch Blutsbande fesseln, sondern durch Seile der Liebe ziehen.

In einem halben Jahr werden wir hier in dieser Kirche wieder ein Lied mit der Zeile singen: "Welt ging verloren, Christ ist geboren". In der Nachfolge Christi geht uns nicht nur die Welt verloren, sondern auch unser Gott. Wir suchen ihn nicht mehr in der Natur, opfern uns nicht mehr für Seine Majestät auf, versuchen nicht mehr, den Weltenrichter gnädig zu stimmen. Denn allein in Christus erkennen wir den einen Gott. Jesus schiebt sich zwischen uns und die Welt, zwischen uns und unseren Gott. Und wir gewinnen ein neues Verständnis für Gott und die Welt, für uns. Nachfolge bedeutet: Wir sind nicht mehr selbstverständlich und wir müssen es auch nicht sein. In Christus hat Gott uns verstanden. Die sich selbst finden wollten, gehen in ihm verloren, um in dieser Selbstverlorenheit von Gott gefunden zu werden.

Die Nachfolge kostet uns das Leben. Doch nochmals: Warum sollten wir uns Christus alles kosten lassen. Warum sollte er das wollen? Damit wir endlich eigene Schritte gehen. Damit wir endlich anfangen zu leben. Jedem eigenen Schritt unseres Lebens geht derselbe Gedanke voraus: Ich bin befreit. Ich muss nichts. Ich soll nichts. Ich darf. Ich darf lieben. Ich darf verantworten. Ich darf einen neuen Schritt in meinem Leben machen. Denn ich bin befreit. Nichts kann so wichtig sein, dass es mich vom nächsten Schritt abhält. Nur wer nicht auf Gedeih und Verderb an dem hängt, was er liebt, kann wirklich lieben, und zwar nicht kühl und distanziert, weil eh alles zweitrangig ist, sondern mit der inbrünstigen Liebe Gottes. Liebe kann nur in Freiheit wachsen, in Freiheit vom eigenen Selbst und dem des Gegenübers. Und in Christus finden wir diese Freiheit. Sie ist selbst dem kleinsten Christenmenschen nicht nur zuzumuten, sondern auch zu wünschen. Sollte bei Ihnen in der Familie also Nachwuchs anstehen, schlagen Sie den Vers doch eimal vor: Lk 14,26 – und diese Taufe wird nicht sein wie alle anderen.

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