Die Mitte zur Rettung

Viele von uns, besonders die Älteren erinnern sich noch an die Zeit des Dritten Reiches, wie die Menschen unseres Landes dem Führer Adolf Hitler zujubelten und zuriefen: „Heil, Heil“, weil sie von ihm nach den schweren Zeiten der Weimarer Republik das Heil erwarteten.

In den ersten Jahren nach der Machtergreifung schien dies sich ja auch zu bestätigen. Viele Menschen glaubten nicht mehr an die frohe Botschaft, nein, sie glaubten an den Führer und waren bereit, seinen Befehlen blind bis in den Tod zu folgen.

Und für die Menschen, die dem Volk die Augen öffnen wollten für das, was sich in Wahrheit abspielte, wurde kein Gehör geschenkt. Sie wurden als Volksverräter und Staatsfeinde abgestempelt, um dann in den Konzentrationslagern zum Schweigen gebracht zu werden.

Es viele Jahre später ging dem Volk die Augen auf und es erkannte, dass sein Vertrauen für machtpolitische Zwecke missbraucht worden war. – Zeugen der Zeit, die die Zeit nicht verstanden.

Am Ende seines irdischen Wirkens kommt Jesus ein letztes Mal nach Jerusalem. Anders als sonst vollzieht sich sein Einzug nicht in aller Stille, sondern unter lautem Jubel des Volkes.

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Eine große Menge jubelt ihm mit Palmzweigen zu. Alles Menschen, die Zeugen seiner Verkündigung und Wunder waren. Sie sahen, wie er auf dem Esel ritt und hörten, wie die Menge der Pilger Jesus zujubelte – doch begriffen hatten sie es nicht. Und selbst Jesu Jünger verstanden dies alles noch nicht – Zeugen der Zeit, die die Zeit nicht verstanden.

Wer war dieser Jesus wirklich? War er nur der arme Zimmermannssohn mit der Gabe zu predigen? Oder war er ein starker und politischer Führer? War er möglicherweise ein großer Prophet oder sogar ein Gesandter Gottes? Die Jünger Jesu verstanden dies alles noch nicht.

Bei seinem Einzug nach Jerusalem verzichtet Jesus auf alle Symbole der Macht und Gewalt. Er verzichtet sogar darauf, den Jubel für sich zu nutzen und sich zum Führer erwählen zu lassen. Nein, er hielt keine politischen Reden gegen die Römer und schürte auch keinen Aufstand gegen diese.

Jesus verpasste ganz offensichtlich diesen günstigen Augenblick und tat ganz das Gegenteil. Das Volk und auch Jesu Jünger verstanden dies alles nicht – Zeugen der Zeit, die die Zeit nicht verstanden.

Die Zeit aber, liebe Gemeinde, war erfüllt. Das Reich Gottes war herbeigekommen. Und deshalb nahmen sie Palmzweige, zogen ihm entgegen vor die Stadt und riefen laut: »Gepriesen sei Gott! Heil dem, der in seinem Auftrag kommt! Heil dem König Israels. Sieh, dein König kommt! Er reitet auf einem jungen Esel <<.

Hat das Volk damit etwas Falsches gesagt und auch getan? Hat Jesus etwa nicht ihre Huldigungen gefallen lassen? Was war es eigentlich, was die Jünger nicht verstanden?

Die Jünger Jesu verstanden nicht, dass er sich einen Esel für seinen Einzug in Jerusalem ausgesucht hatte. Sie verstanden dies erst, nachdem Jesus gekreuzigt und auferstanden war. Erst da begriffen sie, was Jesus damit ausdrücken wollte und dass es keine Hoffnung mehr auf einen politischen König aus dem Hause Davids geben würde.

Indem Jesus nämlich auf einem Esel in Jerusalem einzog, wollte er deutlich machen, dass er sich als König verstand, so wie es der Prophet Sacharja vorausgesagt hatte:
>>Fürchte dich nicht, du Zionsstadt! Sieh, dein König kommt! Er reitet auf einem jungen Esel<<.

Wie wäre es uns ergangen, liebe Gemeinde, wenn wir damals Zeugen des Einzuges Jesu in Jerusalem und später Zeugen seines Leidens gewesen wären?

Hätten wir Jesu mit der Dornenkrone auf dem Haupt und mit einem Soldatenmantel bekleidet als den wahren König des Reiches Gottes erkannt?

Hätten wir in Jesus, als er am Kreuz hing, den erkannt, in dem Gott sich ein für allemal der Welt offenbart?

Sind wir doch mal ehrlich: wären auch wir nicht von ihm enttäuscht gewesen, weil er unsere Erwartungen nicht erfüllt hatte? – Zeugen der Zeit, die die Zeit nicht verstanden. Selbst die Emmausjünger brachten ihre Enttäuschung zum Ausdruck: >> Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde<<. (Lk 24, 21a)

Aber ist da nicht ein Unterschied zwischen der Erlösung, wie wir sie uns vorstellen, und der, die Gott schafft? Ich denke, die Tage nach Jesu Einzug in Jerusalem machen dies deutlich.

Das Volk, welches Jesu beim Einzug zujubelt, steht einige Tage später voll Zorn und Hass vor dem Palast des Pilatus und schreit: >>Kreuzige ihn, kreuzige ihn!<< Und als Jesus dann am Kreuz hängt, da schaut das Volk ungerührt zu. – Zeugen der Zeit, die die Zeit nicht verstanden. Diese sind stumme Zeugen der Erlösung, die Gott schafft.

Jesus bleibt immer die Mitte, der die Erlösung durchführt. Diese Mitte ist die Erlösung von allem Bösen und vom eigenen Ich und sie ist auch die Mitte zur Rettung derer die da >> Kreuzige ihn, kreuzige ihn!<< riefen und ihn jetzt und heute noch nicht wollen.

Jesu Dienst aber, liebe Gemeinde, ist am Kreuz nicht zu Ende; er tut diesen, seinen Dienst weiter, bis das wahr wird, was das Volk bei Jesu Einzug in Jerusalem zugejubelt hat: >>Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herren, der König von Israel.<< Er ist für immer der Herr über alle Menschen, die zum Kreuz finden.

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