Die menschlichen Augen Gottes

"Wozu lebt der Mensch?" ist eine der Grundfragen der Welt. Ist er frei, zufällig in die Welt geworfen, sich selbst überlassen, seine Zeit auf der Erde zu gestalten wie es u.a. Jean Paul Sartre in seinem Werk "Der Ekel" beschreibt?
Oder hat er Gelegenheit das Leben so gut wie möglich zu gestalten um in einem weiteren Leben eine höhere Daseinsform zu erreichen, wie es im Buddhismus gedacht ist?

Schließen Sie einmal die Augen und stellen sich vor, Ihre Banknachbarin, Ihr Banknachbar würde Sie jetzt allen Ernstes ansprechen: "Ich liebe Dich, ich lege Dir die Welt zu Füßen" – wie würden Sie reagieren? Errötend wegschauen? Sich am liebsten unter die Bank verkriechen? Sich freuen und denjenigen in den Arm nehmen? Sie / Ihn grob anfahren, was er sich dabei denke? Wie auch immer Ihr Gefühl diesbezüglich aussehen mag, können wir uns sicher darauf einigen, dass eine solche persönlich vorgetragene Liebesbezeugung, solch mutige Worte, eine angemessene wohlgewählte Antwort verdienen. Wer dies auf die leichte Schulter nimmt, kann verletzen, ein zartes Band gewaltsam zerreißen.

Wenn jemand Ihnen einen Brief schickt, mit derselben Botschaft: "Ich liebe Dich, ich lege Dir die Welt zu Füßen", dann werden einige sofort zurückschreiben, schon ärgerlich darüber, dass die Post den Brief nicht sofort ans Ziel bringt und man wiederum einige Tage auf Antwort warten muss. Manche neigen dazu, die Antwort auf die lange Bank zu schieben, weil Sie sich die Antwort ganz genau überlegen wollen. Mancher wartet lieber darauf sein Gegenüber von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

Die Bibel beginnt damit, dass Gott ein Wort in das Chaos spricht und sich unsere Welt gestaltet, zugeschnitten auf den Menschen, sein Gegenüber, sein Abbild. Als solches liebt er uns, legt uns gar die ganze Welt zu Füßen. Die Bibel ist quasi ein Liebesbrief Gottes an die Menschen.
Wie ist das mit Gott? Wie sieht unsere Antwort auf seinen Liebesbrief aus? Viele wissen nicht wie und was sie antworten sollen, sie können mit der anvertrauten Verantwortung nichts anfangen. So stellt sich sehr früh die Frage, "was soll ich tun?" – die Antwort darauf ist zum Glaubensbekenntnis Israels geworden: "du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Eigentlich doch klar: wenn so jemand – so etwas wie Gott mich liebt, dann kann meine Antwort nur "Ich liebe dich auch und zeige das mit meinem ganzen Leben" heißen.
Doch ohne Erotik keine Liebe. Erotao heißt im griechischen "Ich frage". Zu dieser Frage gehört das Spiel, die Begegnung der Augen. Wie nun soll das gehen – Gott in die Augen schauen?

Gott hat diesem Bedürfnis Rechnung getragen. "So sehr hat er diese Welt geliebt, dass er seinen Sohn hingegeben hat." In einem reellen Menschen sollte das Angesicht Gottes sichtbar werden. Gottes Liebe hat menschliche Augen auf gleicher Höhe bekommen. Menschen, die mit Jesus gelebt haben, haben diese göttliche Liebe gespürt und geantwortet. Sie sind mit ihm gezogen, haben ihr ganzes Leben umgekrempelt, sind aus ihren privaten und beruflichen Bindungen ausgebrochen und haben neu begonnen. Mit den Worten aus dem Johannesevangelium:
"Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit."

Doch was ist mit den Menschen, die die Person Jesus nicht mehr lebendig vor sich haben? Ist mit dem Tod Jesu alles vorbei? Nein, so heißt es, die menschlichen Augen Gottes sehen uns immer noch an. Gottes Liebe überschreitet die Grenzen des Todes. Thomas der Jünger konnte sich mit eigenen Augen und Händen überzeugen. Und wir? Jesus ist lange tot. Sein Gesicht schaut uns von Kreuzen und Bildern herunter an, doch sein Blick ist traurig.

Volkstrauertag – wenn wir nicht wissen, wie wir lieben sollen, spüren wir Gottes Angesicht nicht mehr. Wir ziehen uns stillschweigend oder gar demonstrativ zurück. So einen, der mich nicht anschaut, will ich nicht lieben… dann sind wir auf uns zurückgeworfen, fühlen uns allein gelassen ungeliebt, sinnlos. Wir antworten nicht. Wir leben den Tag fürs Überleben, wir holen uns aus dem Tag heraus, was wir nur holen können, denn eine Perspektive haben wir nicht. Struggle for life. Der Stärkere gewinnt. Es gilt Macht zu erlangen, Raum zu gewinnen, Güter zu häufen. Jeder ist -wie man neuerdings so schön sagt- eine IchAG. Millionen haben für diesen Kampf ihr Leben gelassen. Was bleibt, sind Gräber Kränze, zerstörte Familien, zerstörte Menschen. Volkstrauertag – Rituale, Fahnen, Fanfaren und Kränze an eiseskalten Novembertagen, soll es so weitergehen, kurzes Gedenken und weiter in den Alltag? Wozu lebt der Mensch?

Uns bleibt Gott-sei-Dank der Liebesbrief Gottes. Regelmäßig geht jemand auf den Speicher, in den Keller, in die Bibliothek und öffnet sachte den Schuhkarton mit den etwas vergilbten persönlichen Briefen, zieht die mit den Jahrtausenden schon etwas spröde gewordene rote Schleife auf und liest, liest ihn vor: So spricht Gott: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. (Jer 31,3) "Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1. Joh 4,16b)"
Wie lässt sich diese Liebe leibhaftig erfahren, wo begegnen uns heute die menschlichen Augen Gottes, sodass wir glauben können, annehmen können, ausstrahlen können, dass wir geliebt sind, dass wir eine Perspektive im Leben haben, dass unser Leben Sinn und Ziel hat? Lesen wir diesen Liebesbrief genauer, bekommen wir eine klare Antwort. Hören wir Mt 25, 31-46 (Briefumschlag mit Schleife öffnen und Kopie des Ev. verlesen)

Liebe Gemeinde, wir erhalten von Jesus eine Botschaft in einigen wenigen Punkten, kein Gleichnis – Klartext:

1. Wir suchen nach Liebe und finden ein Gericht vor? Was soll das?
Wir werden – jeder, jede von uns – Gott persönlich von Angesicht zu Angesicht sehen, ihm in die Augen schauen und uns in die Augen schauen lassen. Dann werden wir seine Liebe direkt erfahren. Wenn wir uns Zeit unseres Lebens um eine Antwort auf seinen Brief gedrückt haben, wenn wir gehandelt haben, als gäbe es Gott nicht, als hätte er sich nicht an uns persönlich gewandt, wenn wir zu unserem Vorteil gelebt haben und niemandem von Gottes Liebe erzählt und weitergegeben haben, wenn wir behauptet haben, dass unser Leben sinnlos war… Würden wir uns dann nicht schämen? Wären wir nicht traurig ob der verpassten Chancen? Wäre es und nicht peinlich unser Ziel, unsere Bestimmung verpasst zu haben und auch anderen diesen Weg verstellt zu haben? Das ist Gericht. Gott wird richten. Er wird die Augen öffnen. Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr rückgängig machen, doch die Zukunft in Gott wird mit diesem Blick anders sein. Wir werden geliebt und wir lieben eingedenk dessen, was wir aus unserer Vergangenheit gemacht haben werden.

2. Die menschlichen Augen Gottes sind immer ganz in unserer Zeit, in unserer Nähe. So heißt es im 1.Joh 4,12: "Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen." Jedes menschliche Augenpaar spiegelt Gottes Blick. Wir haben den Satz aus der Schöpfungsgeschichte noch im Ohr: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Sie sind sicher schon einmal hinter jemanden getreten, der sich gerade im Spiegel betrachtet hat. Ihre Augen haben sich getroffen und sie haben einander zugelächelt oder Grimassen geschnitten. So wie wir einem Spiegelbild zulächeln können, so begegnen wir dem Abbild Gottes in jedem Menschen.

3. Wenn jeder Mensch nun ein Zeugnis von Gottes Liebe ist, davon, dass ER ein Gegenüber, ein DU des Göttlichen erschaffen hat, dann wird das auch unser Handeln bestimmen. dann bleibt uns nicht das "Du sollst" Hals stecken, wenn es heißt: "Du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und Deinen Nächsten wie dich selbst." Dann antworten wir, gehen unserer Ver – antwort – ung dem Leben gegenüber nach.

4. Gott lieben im Nächsten ist kein hochgestochenes Ziel, das großartige Aktionen erfordert.
Niemand erwartet, dass wir von uns aus den Weltfrieden schaffen, aber mit unseren Nachbarn sprechen, das können wir. Niemand erwartet, dass wir Krankheiten ausrotten, aber Kranke und Alte besuchen und sie auf ihrem Weg durch Angst und Schmerz begleiten, das können wir. Niemand erwartet, dass wir Gefängnisse abschaffen, solange Menschen gravierende Fehler begehen, aber sie besuchen und versuchen sie wieder einzugliedern, das können wir.
Niemand erwartet, dass wir alle Leute gleichermaßen einkleiden und verköstigen, doch von den Kleidern abgeben, die wir zuviel haben, das können wir und für einen Hungrigen, einen Durstigen ist immer zumindest Brot und Wasser im Haus.
Niemand erwartet von uns, dass wir uns zu einem einzigen Land vereinigen, aber eine offene Tür und ein offenes Herz für Fremde lässt uns auch in ganz anderen Menschen Gottes Augen sehen.
Niemand erwartet von uns, dass wir Weltorganisationen gründen und mit großer Logistik vorgehen. Hier, heute neben uns sind die Menschen, die uns angehen, die uns anschauen mit Gottes Augen.

Wir haben vorhin den Liebesbrief Gottes bildlich vom Speicher geholt. Es blieb die Frage, warum er sich so lange erhalten hat und immer wieder hervorgeholt wird.

Er ist unsere Antwort auf die Frage "wozu lebt der Mensch?" Der Mensch lebt aus der Liebe Gottes und ist geboren zu lieben. Mit der konkreten Anleitung wie das geschehen könne, sind seit Jahrtausenden die Menschen aufeinander zugegangen. Ohne diesen Liebesbrief gäbe es da die Tafel, das Rote Kreuz, Johanniter u.ä. und die Besuchsdienste in Krankenhäusern und Altenheimen, auch hier und heute in Weilheim, gäbe es da Austausch, Partnerschaft und Asyl wie z.B. im Sommer die Jugendbewegung mit den Maasai in Muungano, gäbe es Kleiderkammern und Soziale Einrichtungen wie Caritas und Diakonie, Nachbarschaftshilfe und Beratungsstellen, gäbe es Amnesty international und Eine Welt Läden wie auch hier in Weilheim? Jahrtausendelang haben Menschen Gottes Liebe weitergegeben und zurückbekommen, sie haben einander in die Augen geschaut, in Gottes Augen. Ihre Erfahrung damit war es wert Gottes Liebesbrief für kommende Generationen aufzubewahren. "Da wo du persönlich einem Menschen begegnest, da begegnet dir Gott, da wo du Liebe gibst und Liebe geschenkt bekommst, erlebst du Gottes Liebe hautnah. Da wo du an den Menschen genau neben dir, in deiner Familie, in deiner Nachbarschaft in deiner Stadt so handelst, dass sie Trost und Nähe spüren und zumindest mit Höflichkeit und Freigiebigkeit bedacht werden, da beginnt der Friede Gottes.

Jede Generation hat versucht Jesu Wort von den Werken der Barmherzigkeit – so nennt man die heutige Bibelstelle aus dem Mt. Ev. auch in Zeitgenössische Kunst zu fassen. Ich möchte mit einer Geschichte von Fjodor Dostojewski schließen:

Das Zwiebelchen (lesen)
So spricht Gott: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. (Jer 31,3) Amen.

Das Zwiebelchen (Fjodor Dostojewski)
"Es lebte einmal eine alte Frau, die war sehr, sehr böse. Eines Tages starb sie. Sie hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht. Da kamen die Engel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen? Da fiel ihm etwas ein, und er sagte zu Gott: Sie hat einmal, sagte er, aus ihrem Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen und es einer Bettlerin gegeben. Und Gott antwortete ihm: Nimm, sagte er, dieses Zwiebelchen und halte es ihr in den See, sodass sie es ergreifen und sich herausziehen kann, und wenn du sie aus dem See herausziehen kannst, so möge sie in das Paradies eingehen, wenn aber das Zwiebelchen reißt, so soll sie bleiben, wo sie ist. Der Engel lief zur Frau und hielt ihr das Zwiebelchen hin: Nun, sagte er zu ihr, fass an und wir wollen sehen, ob ich dich herausziehen kann. Und er begann vorsichtig zu ziehen – und zog sie beinahe schon ganz heraus. Als aber die anderen Sünder im See bemerkten, dass sie herausgezogen wurde, klammerten sich alle an sie, damit man sie mit ihr herauszöge. Aber die Frau war böse, sehr böse und stieß sie mit ihren Füßen zurück und schrie: Nur mich allein soll man herausziehen und nicht euch; es ist mein Zwiebelchen und nicht eures. Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riss das kleine Pflänzchen entzwei. Und die Frau fiel in den Feuersee zurück und brennt dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging davon."
(in: Hrsg. v. Hubertus Halbfas; Ursula Halbfas, Das Menschenhaus, Lesebuch für den Religionsunterricht , Calwer 1993.)

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