Die Kraft des Passah

Liebe Gemeinde!

Vieles lässt sich lernen. Hilfen dazu gibt es auch. Wir haben Schule und Lehre, Hochschule und Volkshochschule. Ein Leben lang können wir uns bilden und weiterbilden. In den evangelischen Familienbildungsstätten werden sogar Eltern-Kurse angeboten. Da können wir uns darin unterrichten lassen, wie wir gute Eltern werden. Manche lachen jetzt vielleicht. Ich finde das aber gar nicht blöd. Vielmehr finde ich es unerhört schwer, eine halbwegs gute Mutter zu sein. Für mich ist es das Anspruchsvollste und Anstrengendste, was es gibt. Mitunter kann es sogar große Angst verursachen. Zum Beispiel, wenn das Kind verschwindet. Plötzlich ist es weg. Und da steht man dann auf einmal in einem Supermarkt oder einer Fußgängerzone, am Strand oder auf dem Rummelplatz und schaut um sich – in Panik. Wo ist das Kind geblieben? Die Eltern von Jesus haben zunächst einmal die Ruhe bewahrt. Sie sind weiter gezogen, als sie feststellten, dass ihr Sohn nicht in ihrer Nähe war. Er war immerhin schon zwölf Jahre alt. Ein großer Junge, und vernünftig auch. Wenn es wohl auch unvernünftig von ihm war, nicht Bescheid zu sagen. Aber er wird wohl mit seinen Vettern und Cousinen oder seinen Freunden oder seinen Mitschülern aus Nazareth mitgegangen sein – irgendwo muss er ja sein. Er ist ja heute morgen mit ihnen aufgebrochen. Den Weg kennt er, und außerdem ziehen sie als Gruppe zurück. Da kann er ja nicht gänzlich abhanden gekommen sein. – So oder so ähnlich werden Maria und Josef gedacht und zueinander gesprochen haben. Und ich muss sagen: Ich bewundere diese Eltern. Sie reagieren vernünftig und verantwortungsvoll. Sie verfallen nicht in Panik und machen sich und den anderen keine unnötigen Sorgen. Es war ja eigentlich klar, dass der Junge Jesus mit dabei sein musste.

Erst am Abend dieses anstrengenden Reisetages stellte sich heraus, dass er nicht bei seinen Vettern und Cousinen, nicht bei seinen Freunden und Mitschülern war und auch nicht dort gewesen war. Wie mögen sich die Eltern gefühlt haben? Was haben sie einander gesagt beim Aufbauen des Zeltes, beim Essen, beim Zubettgehen, beim morgendlichen Aufstehen? Eins stand fest: Nun mussten sie den ganzen langen Weg nach Jerusalem zurücklaufen. So groß und vernünftig war ihr Sohn wohl doch nicht gewesen, wie sie gedacht hatten. Oder es war ihm etwas zugestoßen. Vielleicht war ihm schlecht geworden. Vielleicht hatte er sich irgendwo am Weg kurz hingesetzt und ausgeruht und dann war er ohnmächtig geworden? Oder womöglich hatten irgendwelche kriminellen Banden, die sich unter den Zug der Festpilger gemischt hatten, den Jungen entführt und verschleppt, um ihn in die Sklaverei zu verkaufen? Es ist unglaublich, was in den Köpfen von Eltern vorgeht, die ihr Kind vermissen, die es suchen und nicht finden können. Die Gedanken gehen in diese und jene Richtung, sie irren in die entlegensten Eventualitäten ab, und schließlich sammeln sie sich wieder, an dem Punkt, der am wahrscheinlichsten oder zumindest am wenigsten schlimm ist: Jesus ist in Jerusalem geblieben. So wird es sein. Auch wenn es fast unglaublich klingt. Es ist die einzige Möglichkeit, die den Eltern noch eine reelle Chance lässt, ihren Sohn wiederzufinden. So kehren sie denn zurück und fragen alle Verwandten, alle Freunde, alle entfernten Bekannten in der Stadt nach ihrem Jesus, suchen alle Plätze ab, die sie kennen, sprechen alle Leute an, die etwas wissen könnten.

Nichts. Kein Erfolg. Keine Hoffnung. Der Sohn war und blieb verschollen. Ich kann mir vorstellen, dass Josef und Maria ihre Suche aufgegeben hatten, als sie zuletzt in den Tempel kamen. Dass ihr Sohn nicht in der Stadt war oder zumindest in dieser Stadt nicht aufzufinden war, das muss ihnen nach diesen drei Tagen klar gewesen sein. Vielleicht haben sie gehofft, dass er doch inzwischen irgendwie nach Nazareth zurückgekehrt war. Vielleicht haben sie nicht mehr gewusst, was sie noch hoffen durften oder sollten. Vielleicht haben sie sich auch gedacht: Wir wollen doch nicht so sang- und klanglos aus Jerusalem aufbrechen.

Schließlich waren sie zum Passah-Fest hergekommen. Sie hatten Gott gedankt für die Befreiung aus der Sklaverei. Sie hatten diese Befreiung gefeiert, zusammen mit vielen anderen. Trotz der Besatzung durch die mächtigen Römer, trotz der Angst vor der Willkür der fremden Soldaten, trotz der bedrückenden Steuerlast hatten sie den Auszug aus Ägypten gefeiert und auf Gott gehofft. Auf die göttliche Kraft, die alle Fesseln lösen und alle Menschen frei machen will.

Es konnte doch nicht sein, dass Gott das zulässt: dass diesen Eltern im Verlaufe des Passah-Festes der älteste Sohn abhanden kommt! Bei den Gelehrten könnte man sich vielleicht einen Rat holen, bei denen, die die Schrift und ihre Auslegung gut kennen, bei denen, die von Menschen und ihren Schicksalen etwas verstehen, und die auch in scheinbar ausweglosen Lagen noch ein Wort des Trosts und der Weisung zu sagen wissen. Und da sitzen sie ja auch in Gruppen, lesen in der Schrift und diskutieren, geben die bewährten Antworten der Tradition auf die Fragen ihrer Zeit und finden auch immer wieder neue Antworten. Soll man fasten oder feiern, was ist wann angemessen? Darf man seinen Hunger stillen auch am Sabbat, wenn man nichts zu essen vorbereitet hatte? Ist das Arbeit (also verboten) oder Lebensrettung (also Gottes höchstes Ziel)?

Darf man Menschen werktags heilen oder auch am Feiertage? Alles Fragen, die damals diskutiert wurden, und dass Jesus selbst später einer von diesen Gelehrten wurde, die sich mit solchen Dingen beschäftigten, kann man wenige Kapitel später im Evangelium nachlesen. Hier wird uns aber zunächst berichtet, wie erschrocken seine Eltern waren, als sie ihren Sohn im Tempel fanden.

Wo hatten sie nicht überall gesucht! Was hatten sie nicht alles gedacht und versucht, gefragt und gewünscht, gehofft und gebangt! Und nun saß dies halbwüchsige Kind da mitten unter den Gelehrten und Studierenden und verblüffte noch zu allem Überfluss mit seinen Fragen und Antworten diejenigen, vor denen alle anderen Ehrfurcht empfanden.

Die Eltern werden in dieser Lage nicht stolz darauf gewesen sein, dass ihr Sohn so sehr glänzte im Kreis der Belesenen und Gebildeten. Sie werden im ersten Moment noch nicht einmal froh darüber gewesen sein, dass sie ihn gesund wieder hatten. Zorn und Ärger, Enttäuschung und eine tiefe Kränkung sprechen aus den Worten von Maria, die ihren wiedergefundenen Ausreißer so anspricht: “Mein Sohn, warum hast du uns das getan?” Warum tun Kinder einem das an? Warum entfernen sie sich, ohne Bescheid zu sagen? Warum tun sie vorzugsweise das, vor dem sich die Eltern am allermeisten fürchten? Warum kommen sie einem so plötzlich und so gründlich abhanden? Warum beschäftigen sie sich mit solchen Dingen und nicht mit dem, was man ihnen aufgetragen hat?

Warum lassen sie einen so einsam und verzweifelt zurück, wenn man mit ansehen und schließlich begreifen muss, dass sie in einer ganz eigenen Welt leben, zu der man keinen Zugang hat, in der man sich niemals zurecht finden könnte, in der allein sie selbst zu Hause sind? Und dann geben sie, darauf angesprochen, auch noch freche Antworten, als ob das alles nicht schon genug wäre. “Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?” Als wäre das alles so selbstverständlich. Als hätten die Eltern doch wissen müssen, wo sie ihren Sohn finden können. Als wären sie umsonst die weite Tagesreise Richtung Nazareth gegangen und dann den ganzen Weg zurück nach Jerusalem. Als hätten sie ohne Sinn und Verstand die Hauptstadt durchkämmt und hätten doch nur eine Sekunde lang innehalten und nachdenken müssen, um sofort drauf zu kommen: Er kann ja nur im Tempel sein! Ja, Eltern zu sein, das ist – weiß Gott! – nicht leicht.

“Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht”, sagt die Mutter. Beide Eltern haben sich die gleichen Sorgen gemacht, beide haben mit dem gleichen Eifer nach ihrem Sohn gesucht. Und mit beiden zusammen ist der Sohn auch wieder nach Nazareth zurückgekehrt. Ein wenig klingt es hier, als wäre er mit seinen Eltern nach Hause zurückgegangen, als sei nichts passiert. “Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan.” Ein ganz normaler zwölfjähriger Junge, der seinen Eltern wieder gehorcht. Merkwürdig, oder nicht? Nach allem, was gewesen war. Oder sollten wir sagen: Alle laufen mal weg. Alle hauen mal von zu Hause ab. Alle müssen auf dem Weg vom Kindsein zum Erwachsenwerden mindestens einmal ausprobieren, wie es ist, wenn sie ohne die Eltern in einer fremden Stadt oder in einer ungewohnten Lage oder vielleicht sogar in einer besonders gefährlichen Situation überleben können. Wahrscheinlich brauchen wir Menschen das, um zu reifen, um groß und selbständig zu werden.

Hier in dieser Geschichte schimmert etwas davon hindurch. Denn zuletzt heißt es: Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. Das kommt also dabei heraus. Es ist das glückliche Ende einer nervenaufreibenden Ausreißergeschichte. Und es ist noch viel mehr. Eine Geschichte vom Weglaufen, vom Verlorengehen und Gefundenwerden. Eine Geschichte vom Aufbegehren und Sich-Fügen, von Eltern und Kindern, von Ungehorsam und Respekt. Eine Geschichte, die erzählt, wie ein Mensch das findet, was ihm liegt, seine Gabe, seine Aufgabe.

Wenn wir zunehmen wollen an Weisheit, an Alter, an Gnade bei Gott und den Menschen, dann können wir uns getrost an diesen Jesus halten. Er versteht es, wenn wir einmal näher dran sind an ihm und seiner Botschaft, und einmal wieder weiter weg. Er hat Verständnis dafür, dass wir eigene Wege ausprobieren müssen, bevor wir zurückkommen und den Weg nach Hause wieder antreten. Er weiß genau, dass die Freiheit, das Eigene zu suchen und zu finden, unerlässlich ist für uns Menschen. Sie ist genau so wichtig wie Essen und Trinken, wie Liebe und Wärme und ein Dach über dem Kopf. Ja, es kann einmal so sein, dass wir auf alles andere verzichten: auf Essen und Trinken, wie Liebe und Wärme und ein Dach über dem Kopf, um das zu finden, was unser Eigenes ist. Das, was anliegt, das, was uns liegt. Das, was uns anspricht, das, was uns entspricht. Das, was uns ausmachen wird, wenn wir ihm nachgehen. Nicht das, was die anderen erwartet haben: dass wir den Beruf unserer Eltern erlernen und ihr Handwerk übernehmen. Nicht das, was wir selbst von uns erwartet haben: dass wir es weit bringen im Gebildetsein oder im Freundlichsein oder im Wohlhabendsein. Nein. Nur das Unsere.

Das, was nur wir so können, wie wir es eben können, wenn wir uns endlich dazu trauen, es zu beginnen. Unsere Berufung. Wenn wir sie gefunden haben, wird sie uns so selbstverständlich erscheinen, dass wir uns darüber wundern, dass die anderen nicht längst gewusst und verstanden hatten, dass es dies und eben dies ist, was wir tun von jetzt an und in Zukunft. Wie konnten sie uns nur woanders suchen als hier?

Jesus unterstützt diese Bewegung, liebe Gemeinde. Er unterstützt sie bei uns allen, wenn wir ihm dazu Gelegenheit geben. Jede und jeder ist einzigartig. Alle haben wir etwas Besonderes mitbekommen, das es zu entfalten gilt. Jammerschade wäre es, wenn wir daran vorbeigingen, uns keinen Ausreißer leisteten und versuchten, immer brav dem zu entsprechen, was von uns erwartet wird. Bestimmt kennen wir alle einen oder zwei Menschen, die das gewagt und geschafft haben: das ganz Eigene hervorzubringen mit Gottes Hilfe. Menschen, die Kinder so gut unterrichten können wie andere es kaum schaffen; Menschen, bei denen die Pflanzen gedeihen, die woanders längst eingehen wollten; Menschen, die Freude und Lebendigkeit verbreiten gerade dadurch, dass sie sich ganz stark auf sich selbst beziehen können, sich selbst finden und das tun, was ihnen aufgegeben ist. Ich finde es wunderschön, solchen Menschen zu begegnen. Es geht so eine gute Kraft von ihnen aus. Es ist die Kraft des Passah, des Auszugs aus der Knechtschaft. Sie führt Menschen in die Freiheit, und sie tut es bis heute. Für dich und für mich.

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