Die Kraft des Gebets

Liebe Gemeinde,

seit Jahrzehnten treffen sich christliche Frauen in aller Welt an jedem ersten Freitag im März zum Weltgebetstagsgottesdienst. So wie der Schatten der Nacht über die Erde zieht, wandert das Gebet von Millionen Frauen rund um die Erde. Auf der Internetseite der EKD heißt es: "Beim 1. Weltgebetstag 1927 tritt das "Miteinander Beten" an die Stelle des "Füreinander". Heute wird der Weltgebetstag in über 170 Ländern der Erde gefeiert und von Frauen aus fast allen christlichen Kirchen getragen. Er ist damit wohl die wirksamste ökumenische Bewegung überhaupt." Um wieviel größere, geballte Kraft als das Gebet eines Menschen, muss das fast gleichzeitige Gebet der Frauen in der Welt haben?

Die Kraft des Gebetes ist unabhängig davon, wie stark oder schwach wir glauben. Unbeirrt zu glauben heißt doch, sich durch nichts von seinem Gebetsanliegen, von den Menschen, für die ich Gott bitte, abbringen zu lassen. Die Fragen nach der Schuld, dem Versagen, der Moral, danach oder ob es der andere wert ist oder nicht, können das Gebet für ihn keinesfalls verhindern. Unbeirrt zu glauben heißt, das Gebet durchzusetzen. Das erfordert viel Kraft. Bewirkt sie aber auch.

Wir beten zu wenig zu Hause und beschränken uns zumeist auf den Gottesdienst. Dort ist es aber von der Art und Weise öffentlich zu sprechen bestimmt. Wir scheuen uns öffentlich, frei zu beten. Das Gebet ist für uns eher etwas Intimes.

Was werden die anderen sagen, wenn ich Gott im offenen Gebet für die gute Note in der Klassenarbeit oder den Mitschüler danke? Gebe ich vielleicht zuviel von mir preis, wenn ich Gott im öffentlichen Gebet sage, wie traurig und verzweifelt ich im Moment bin? Sprechen mich die anderen neugierig oder komisch auf mein Gebet an? Lachen sie vielleicht?

In den Liedern, Psalmen und anderen geschriebenen Gebeten finde ich mich mit meinem Alltag oft nicht wieder. Das lässt mich allein! Kann ich für die Frau von nebenan, die schwer erkrankt ist namentlich beten, ohne dass andere sich vernachlässigt fühlen?

Es gibt eine Menge Fragen, die uns öffentlich in der Gemeinde für andere und uns selbst zu beten erschweren. Unser Leid wollen wir nicht öffentlich zur Schau stellen. Das geht nur uns etwas an. Andere schließen wir davon aus! Wir leiden, aber nicht nur unter Krankheit, von der besonders Jakobus spricht. Wir leiden an anderen Menschen. Wir leiden unter Unrecht, verletzenden Worten. Wir leiden, dass andere uns ablehnen und nicht mehr mit uns reden. Wir leiden unter uns selbst und unseren Fehlern. Alte Menschen leiden darunter, allein zu sein. Junge Menschen leiden unter Enge und Bevormundung. Woanders leiden Menschen unter Krieg, Hunger und Verelendung.

Das Leiden in der Welt und auch im eigenen Leben überlagert immerwieder das Gute und Frohe.

Jeder Mensch geht mit seiner Krankheit und Not anders um. Aber gemeinsam ist ihnen der Rückzug aus der Gesellschaft.

Herr Graf war sechs Jahre lang pflegebedürftig und ans Bett gebunden. Besucher kamen in den letzten Jahren seines Lebens immer weniger.

Markus Commercon der mit 32 Jahren an den Folgen von AIDS am 29. März 1996 starb, erzählt in seinem Buch: "AIDS, Mein Weg ins Leben, wie sein Freund Wolfgang, der vor ihm an AIDS erkrankte und starb, immerwieder sagte: "Wer Krebs hat, ist ein armes Schwein; wer AIDS hat, ist ein altes Schwein. Das klinge hart, meinte er, aber es entspreche der Wahrheit." (S. 101) Wolfgang hatte einen falschen Krankheitsgrund angegeben. Markus schreibt weiter: "Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass die Anteilnahme all dieser Menschen bei AIDS ebenso groß gewesen wäre, wie sie es bei Leukämie letztendlich war." (S. 101)

Die Gemeinde könnte ein Ort sein, wo Krankheit, welcher Art auch immer, nicht verschwiegen, sondern von ganzem Herzen, unbeirrt, ins Gebet hineingenommen wird. Unsere Kranken wüssten, dass sie weder von den Menschen in der Gemeinde, noch von Gott verlassen wären. Das Gebet würde sichtbar machen, dass Gott uns besonders in den schweren Zeiten unseres Lebens trägt. Es würde eine große Kraft der Geborgenheit und des Vertrauens für den kranken Menschen bedeuten.

Die Gemeinde könnte ein Ort sein, wo Menschen Zuhause wären, die ausgegrenzt werden, weil sie angeblich anders als die anderen sind. Das Gebet würde sie ermutigen.

Die Gemeinde ist Ort tragenden und bergender Gemeinschaft. Sie vermag durch ihr Gebet Menschen körperlich und seelisch zu heilen, weil das eine das andere mit beeinflusst. Ihr Gebet und Vertrauen in Gottes gute Gegenwart, nimmt die Angst vor dem Tod und die Furcht vor dem Leiden. In ihr kann ein offenes Wort gesprochen werden, dass von Schuld und Versagen befreit. In ihr kann Leben zugesprochen und Sünde vergeben werden.

Ist das ein schöner Traum von Gemeinde, der keine Wirklichkeit besitzt? Wo geschieht das unter uns? Ein Stück weit durch den Besuchsdienstkreis. Das gemeinsame Mittagessen für Menschen in schwierigen Lebenslagen gehört dazu. Besuche in den Häusern hin und her, die nicht geschähen, wären wir nicht in der Gemeinde Zuhause. Im Gottesdienst ist es das Gebet für unsere verstorbenen Gemeindeglieder und ihre Familien. Es ist alles noch viel zu wenig. Doch das ist kein Grund, betende, fürbittende, tragende und ermutigende Gemeinde zu sein.

Das Gebet für leidende Sinne, für kranke und sterbende Menschen unterstützt die Arbeit der Ärzte, Kranke Pflegenden, der Berater und Seelsorger. Das Gebet für andere öffnet unser Verstehen und erst recht unser Herz für sie. Menschen, denen mein Gebet gilt, werde ich nicht verurteilen, sondern trage ich mit Herzen, Mund und Händen mit.

Ich weiß, dass Jesus Christus ausnahmslos für jeden Menschen gestorben und auferstanden ist. Darum will ich für meinen Nächsten und die Glieder der Gemeinde Gott bitten, damit sie ohne Angst und in Gott geborgen leben können.

Die Kraft, die von einem solchen Beten ausgeht wird die Beter und für die gebetet wird, im guten Sinne verändern. Gott sei Dank dafür!

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