Die Hoffnung schweigt nicht

Liebe Gemeinde,

am Mittwoch haben wir im Fernsehen den Einzug der Sieger in Bagdad und Ergil gesehen. Jubelnde Menschen am Straßenrand. Jemand, der mit einem Vorschlaghammer auf eine Saddamstatue einhaut und ein amerikanischer Panzer, der mit einer Seilwinde die Statue dann schließlich zum Einsturz bringt. Am Straßenrand in Ergil ein Mann mit einem Blatt, auf dem steht bye bye Saddam. Die Kommentatoren reden vom Zusammenbruch des Regimes. Endlich werden die Sieger als Befreier empfangen.

Diese Bilder haben mich sehr an unseren heutigen Predigttext erinnert. Ich lese Johannes 12, 12-19:

[TEXT]

Jesus kommt als Sieger nach Jerusalem. Die Menge läuft ihm mit Palmzweigen entgegen. Er wird als der neue König begrüßt. Er selbst erwartet die Huldigung. Er reitet auf einem Eselsfüllen und macht damit deutlich. Ich bin es, der die Verheißung erfüllt. Eure Huldigung ist berechtigt. Der Sieg ist umfassend. Auch die Pharisäer müssen einsehen. Hier können sie mit ihren bösen Absichten nichts ausrichten. Das Volk läuft ihm nach. Er hat gewonnen. Wir können ihm nichts anhaben. Hier im Johannesevangelium ist der Sieg Jesu kein Missverständnis des Volkes. Hier ist der Sieg die Wirklichkeit und das Volk erkennt ihn an. Jesus ist der kommende König. Es ist nicht nur eine Hoffnung auf Befreiung. Die Befreiung ist geschehen. Die Huldigung der Menge wird von Johannes in Zusammenhang gebracht mit der Auferweckung des Lazarus. Jesu Sieg ist der Sieg über den Tod. Er ist König nicht nur über Israel. Er ist Herrscher der Welt, weil er den Tod besiegt hat, den Tod des Lazarus. Und im Nachhinein werden die Jünger erkennen, dass er auch seinen eigenen Tod besiegt hat. Die Jubelrufe sind berechtigt. Der umfassende Sieger zieht ein, der der den Tod besiegt hat, und damit dem Volk Befreiung und Leben gebracht hat. Und daran wird auch das was noch kommt nichts ändern. Hiermit ist alles geklärt. Der Sieg ist unser. Die Macht des Todes gebrochen. Und das Volk hat es erkannt. Es jubelt dem Sieger zu. Es erkennt den als König an, der es mit ins Leben zieht, der auch ihren Tod vernichtet.

Dem Sieger zujubeln und damit Anteil am Sieg bekommen, das tun einige Iraker, und das wird hier in der Geschichte auch von uns erwartet. Wenn auch wir Jesus zujubeln, dann wird sein Sieg auch unserer. Dann werden wir auch mit hinein gezogen in den Sieg über den Tod.

Als Evangelische haben wir damit aber ein Problem. In der katholischen Kirche werden gerade die Palmzweige gesegnet. Da spielen die Menschen diese Geschichte nach. Sie begeben sich in die Geschichte hinein und zeigen Jesus Christus ihre Verehrung wie damals das Volk. Bei uns Evangelischen ist der Palmsonntag kein bekannter Feiertag. Auch als Beginn der Karwoche hat er keine große Bedeutung. Und es sträubt sich etwas in uns bereits vor Karfreitag den Sieg Jesu über den Tod zu feiern. Können wir so leicht über all das Leiden hinweg gehen? Können wir einfach so tun als hätte der Tod die Macht verloren, wo unser eigener Tod doch noch vor uns liegt. Um so näher wir dem Ende unseres Lebens kommen um so mehr wird uns klar, es wird nicht immer so weiter gehen, irgendwann schlägt auch mein letztes Stündlein. Und wer könnte von sich behaupten, dass er das ganz ohne Furcht auf sich zukommen sieht.

Verleugnen wir nicht unsere Angst, verleugnen wir nicht den Schmerz und das Leid, wenn wir Jesus einfach als Sieger zujubeln? Und können wir einfach jubeln? Sind wir uns wirklich sicher, dass die Auferstehung kommt, dass der Tod besiegt ist, dass wir auf ein Leben nach dem Tod bei Gott zugehen?

Bei mir fällt die Antwort auf diese Frage je nach Tagesform unterschiedlich aus. An manchen Tagen ist mir absolut nicht nach jubeln. Aber an anderen fühle ich mich getragen und getröstet und ich freue mich darüber, dass Gott auf mich zukommt. Und ich bin sicher, dass Gott mich auch durch den Tod hindurch sicher geleiten wird.
Und vielleicht liegt des Geheimnis des Jubels doch in dieser Geschichte verborgen. Diese Geschichte ist nämlich keine Alltagsgeschichte. Sie ist eine Festgeschichte. Die große Menge ist aufs Fest nach Jerusalem gekommen. Sie möchte feiern, sie möchte etwas außergewöhnliches erleben. Sie bereitet sich darauf vor, das Fest der Befreiung Israels zu feiern. Hier geht es nicht um die Zweifel und die Niederungen des Alltags. Hier geschieht etwas besonderes, dass man nicht jeden Tag erwarten darf. Festlich gestimmt zieht diese Menge Jesus entgegen. Und sie feiert ihr Fest der Auferstehung, ihr Fest der Befreiung. Und sie feiert es, indem sie auf Jesus zu geht.

Vielleicht ist das auch heute unsere Chance. Wir können erfahren was dieses Volk erfahren hat, wenn auch wir Jesus erwartungsvoll entgegen gehen. Festlich gestimmt auf Jesus zugehen. Und ihn jubelnd begleiten nach Jerusalem. Wenn wir diesen sanftmütigen Sieger auf dem Eselsfüllen in unsere Herzen einziehen lassen, dann kommt der Jubel ohne jede Anstrengung ganz von selbst. Wenn Jesus der König im eigenen Herzen wird, dann verschwindet die Todesangst, die vorher dort geherrscht hat. Sie hat einfach keinen Platz mehr. Und wir werden frei ein neues Leben zu leben, das nicht unter der Herrschaft der Angst und des Todes steht. Wir sind frei. Und wir können endlich das tun, was nötig ist. Und wir müssen uns nicht mehr fragen, ob unsere Nachbarn das auch gut heißen. Wir müssen uns nicht mehr darum kümmern, ob das was wir tun, auch anerkannt wird. Wir brauchen keine Angst mehr vor Ablehnung zu haben. Wir können einfach auf die Menschen zugehen und ihnen offen begegnen.
Wenn Jesus immer mehr König in meinem Herzen wird, dann werde ich sicherer und ruhiger und hoffentlich eines Tages freundlicher und klarer nicht nur den anderen gegenüber sondern auch mir selbst gegenüber. Das kann ich hoffen.

Aber Vorsicht. Diese Geschichte ist eine Festgeschichte. Es ist auch die Geschichte eines Anfangs. Aber nach dem Fest kommt der Alltag zurück. Und nach dem Zauber des Anfangs warten die Mühen der Ebene. Und nach dem bejubelten Einzug in Jerusalem, der den Sieg Jesu verkündet, kommt im Evangelium noch die Stelle, wo sie schreien: Kreuzige ihn. Auf Jesus zugehen, seinen Einzug in meinem Herzen jubelnd begrüßen, ist das ist ein Anfang. Aber danach geht es weiter. Und im Alltag, in dem ich versuche Jesus diesen Platz in meinem Herzen weiterhin einzuräumen, wird es Rückschläge geben und Zweifel und neue Angst.

Aber davon muss ich mich nicht entmutigen lassen. Denn der Sieger ist jetzt da. Und die Hoffnung, die einmal aufgebrochen ist, kann nicht mehr zum Schweigen gebracht werden. Auch im Alltag bricht der Jubel immer wieder durch. Und ich muss mich nicht selbst von der Angst befreien. Es gibt etwas, was weit über mich hinausweist und mehr ist, als ich tun kann. Ich kann mich darauf verlassen. Ich kann leben wie Lothar Zenetti es in seinem Gedicht beschreibt:

Ich fragte:
Wer wird mir
den Stein wegwälzen
von dem Grab
meiner Hoffnung
den Stein
von meinem Herzen
diesen schweren Stein?
Mir ist ein Stein
vom Herzen genommen:
meine Hoffnung
die ich begrub
ist auferstanden
wie er gesagt hat
er lebt er lebt
er geht mir voraus!

Lothar Zenetti

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