Die Hirten

Liebe Gemeinde –

wir haben eben in der dritten Lesung das Predigtwort für den heutigen Heiligen Abend gehört. "Es begab sich aber zu der Zeit…" – diese Worte kennen Sie alle. Diese Worte kennen auch diejenigen, die sonst nicht so häufig den Weg in die Kirche finden. Was soll man da noch predigen – sollten wir nicht viel lieber nur die Lieder auf uns wirken lassen, die wir heute Abend schon gesungen haben und die wir noch singen werden? Denn allein die Lieder erzählen doch schon so viel von diesem weihnachtlichen Geschehen. Und so wage ich heute Abend – statt die ganze Geschichte nochmal in eigenen Worten wiederzugeben – einen etwas ungewöhnlichen, weil sehr direkten Vergleich! Ich will heute Abend die Hirten mit uns, die wir hier zusammengekommen sind, vergleichen. Ich will für einen kurzen Zeitraum so tun, als wären wir, die wir uns jedes Jahr mit dem Weihnachtsfest, mit Heilig Abend und den anderen Gottesdiensten, aber auch mit dem Geschenke-Trubel, den Familientreffen und den leckeren Essen über die Feiertage – die wir also mit diesen Dingen jedes Jahr des einen Ereignisses gedenken, dessen Zeugen die Hirten geworden waren. So stehen wir – ich sage es in einem Bild – jedes Jahr wieder vor der Krippe, vor der die Hirten damals standen. Worin besteht nun die Möglichkeit, Sie alle hier, liebe Gemeinde, für diesen Augenblick als Hirten – und in heutiger Zeit gesprochen: auch als Hirtinnen – anzusehen? Zunächst ist es unsere Armut, liebe Gemeinde und ich meine das nicht im materiellen Sinne, wenngleich einige unter uns wirklich mit dem Gelde zu kämpfen haben und schauen müssen, wie sie über die Runden kommen. Sondern wir sind arm im geistigen Sinne – uns fehlt oft genug das, was wir als innere Lebensenergie bezeichnen könnten. Uns fehlt oft genug die Perspektive im Leben, die sich auf eine Hoffnung begründet. Oft genug fehlt uns der Glaube daran, dass die Dinge sich zu einem Besseren wenden mögen. Wie oft höre ich den Satz: "Ach, früher war alles besser – früher war alles einfacher!". Wie die Hirten damals, so müssen auch wir mühsam unser tägliches Brot im geistlichen Bereich zusammenkratzen, wie die Hirten stehen auch wir im Kalten oder im Dunklen und wachen manche Nacht durch, damit wir beisammen halten, was unsere kleine Existenz ausmacht. Freilich – und das sei an dieser Stelle nicht verschwiegen – freilich wird auch unser Leben ab und an erhellt. Vielleicht ist es zu romantisch verklärt, wenn ich mir vorstelle, wie die Hirten abends, wenn es ruhiger geworden ist und das Tagesgeschäft im Wesentlichen vorbei war, zusammen gekommen sind, sich ums wärmende Feuer versammelt haben und sich Geschichten erzählt haben. Geschichten, die die kleine Gemeinschaft verbunden haben mag, Geschichten, die zum Lachen und Nachdenken angeregt haben, Geschichten, die einem das Herz erwärmten, so wie das Feuer die Glieder. Auch diese Momente gibt es in unserem Leben – und Sie wissen, liebe Gemeinde, ich habe oft versucht, Sie alle zu ermutigen, diese Momente in Ihrem eigenen Leben zu entdecken. Das Christentum ist eine Gemeinschaft von Erzählenden: wir erzählen Geschichten von Jesus Christus, um damit die Herzen zu erreichen, sie zu erwärmen und wir hoffen, dass dann eines Tages die Herzen von Christus selber in Anspruch genommen werden. Wir hoffen, dass diese Herzen geöffnet werden und sie Christus mit empor zieht über unser alltägliches Leben hinaus, damit wir erfahren und für Augenblicke sehen, dass unser Glaube mehr ist als ein bloßes Für-wahr-Halten von Wundergeschichten. Damit wir erfahren, liebe Gemeinde, dass wir, obwohl wir in diesem Leben mitten vom Tode umfangen sind – dass wir bereits gerettete Kinder Gottes sind.

Aber zurück zu unseren Hirten. Trotz dieser seltenen Momente am Feuer mit erwärmenden Geschichten haben die Hirten in ihrem Leben viel zu kämpfen – sie müssen sich erwehren und zwar in zweifacher Weise: zum einen gegen die wilden Tiere, die ihnen ihre Schafe reißen wollen und auf jeden Augenblick lauern, in denen die Hirten unachtsam sind. So auch wir, liebe Gemeinde: es heißt im ersten Petrusbrief: "Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge." Wir sind eine kleine Gemeinschaft hier und Sie kennen sich alle sehr gut untereinander. Vergessen Sie daher für einen Augenblick die Schwächen, die man vom Nächsten schon weiß und die der Nächste von einem selber weiß und denken Sie an die Schwäche, die Ihre eigenste, Ihre geheimste ist. Wie oft haben Sie sie schon ernsthaft zu bekämpfen versucht und wie oft ist es Ihnen nicht gelungen! Vielleicht schaffen Sie es für eine Weile, aber dann werden Sie wieder schwach und lassen das zu, was Sie sich eigentlich geschworen hatten, für immer abzulegen. "Seid nüchtern und wacht", sagt der Petrusbrief, "denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge." Zum anderen müssen sich die Hirten erwehren deren, die auf sie herabschauen, sie müssen mit dem Spott fertig werden, dass sie in keiner angeseheneren Berufsgruppe gelandet sind, dass sie es nicht zu mehr gebracht haben, dass sie so ungebildet sind. So auch wir, liebe Gemeinde: ich höre es täglich in der Schule, in der ich jetzt unterrichte: "Ist denn das Christentum nicht längst überholt?" – "Man kann doch nur an das glauben, was man auch sehen kann!" usw. usf. Mit Ihrem Glauben an den dreieinigen Gott vertreten Sie schon lange nicht mehr die Hauptdenkrichtung in unserem Lande, liebe Gemeinde. Wie viele andere gibt es doch schon neben uns, die behaupten, sie wüssten es besser, könnten eindeutiger die Fragen, die das Leben stellt, beantworten, wären schon längst weiter auf ihrem spirituellen Weg und was man sonst noch so hört. Ist vielleicht das Christentum nicht doch nur eine Religion für Schwächlinge, so werden die Fragen lauter. Und in der Tat, wenn es in einem Jesus-Gleichnis heißt, dass der Hirt um des einen, verlorenen Schafes willen, die 99 anderen zurücklässt, um das eine zu suchen, so widerspricht das allem, was uns die heutige Gesellschaft weißmachen will. Es widerspricht dem Kosten-Nutzen-Denken; es widerspricht der Gesundschrumpfungs- und Effektivisierungsideologie und es widerspicht dem "Wir-müssen-möglichst-alle-erreichen-Wahn". So sind auch wir wie die Hirten, wenn wir unseren Glauben einbringen und eintragen in diese Welt. Den Glauben, liebe Gemeinde, den wir auch nicht beweisen können und der in den Augen der Welt oft genug Torheit bleibt.

Stellen Sie sich also selbst als diese Hirten vor – und nun passiert es, dass eine Nacht ganz anders ist als die anderen Nächte, denn es herrscht für einen Augenblick Klarheit. Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Stellen Sie sich also vor, es gäbe ihn, diesen weihnachtlichen Moment der Klarheit in Ihrem und über Ihrem Leben. Sie sehen frei und ungehindert auf das, was vor Ihnen liegt und das, was hinter Ihnen liegt. Und Sie können es sehen mit der Klarheit des Herrn, das heißt, Sie sehen und begreifen Ihre Fehler und Schwächen, Sie sehen Ihre Stärken und Ihre Begabungen und Sie sehen mit der Klarheit des Herrn, wie nötig wir Menschen die Gemeinschaft in Liebe und Vertrauen zueinander haben. Die Hirten fürchteten sich sehr – sehr verständlich, wenn Sie mich fragen, denn was mag sein, wenn mein Leben plötzlich durchleuchtet wird und alles offenbar gelegt wird, was ich eigentlich immer verbergen wollte. Das letzte Gericht am Ende der Tage denke ich ähnlich klar und hell: dort wird gesehen und gewertet, was unser Leben ausmacht: Paulus schreibt: "Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi". Gott aber reagiert anders als die Richter unserer Welt – er sagt zu den Hirten und zu uns den weihnachtlichen Satz: "Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird!" Kurz nach diesem Satz, immer noch in Gottes heller Klarheit stehend, setzt der Chor der Engel ein, die Gott loben wegen seiner Macht und Herrlichkeit. Und Gottes Macht ist deswegen so herrlich und so überhaben über all unserer waffenklirrenden weltlichen "Super-Macht", weil sie vergeben kann, statt zu rächen, weil sie auf andere zukommen kann, statt nur mit den Fingern auf sie zu zeigen – sie ist deshalb so weihnachtlich herrlich, liebe Gemeinde, weil es die Macht ist, die Leben schafft, anstatt es zu zerstören. Auch das dürfte den Hirten klargeworden sein in Gottes großem Licht! Lassen Sie sich nicht irreführen dieser Tage, wenn Menschen auftreten, um die Welt in Gut und Böse zu teilen und Ihnen versprechen, dass sie das Böse mit ein paar leicht zu gewinnenden Kriegen ausmerzen können. Auch für diese so verschuldeten Toten werden sowohl die Agitatoren aber auch die stillen Dulder der Kriege eines Tages in Gottes Klarheit zur Verantwortung gezogen werden!

Wir selbst können den himmlischen Klang der Engelschöre erahnen, wenn wir in ihn selber einstimmen, z.B. beim Abendmahl, wo sich ein gleiches, weihnachtliches Geschehen vollzieht. Gott kommt zu uns, indem er Mensch wird, damit er erreiche, dass wir zu ihm kommen können. Was tun nun die Hirten? Diskutieren sie das Für- und Wider einer solchen himmlischen Widerfahrnis? Wägen Sie ab, wie sie es mit den Schafen halten können? Muss gar einer zurückbleiben, um zu sichern, was zu sichern ist? Nichts dergleichen. Ich stelle sie mir vor: staunend und schweigend. Ergriffen und überwältigt. Angerührt und innerlich bewegt. Schließlich spricht einer für alle und sagt: "Lasst uns nun gehen nach Bethlehem …"

Ich glaube, dass auch dies ein weihnachtliches Ereignis ist, gerade auch für uns Heutigen: das Staunen und das Schweigen. Lassen Sie sich anrühren von der Kraft dieses Gottes, der so kräftig ist, dass er so schwach werden konnte wie wir alle, sogar in Steigerung, indem er das schutzlosestes menschliche Wesen werden konnte: ein Säugling, geboren in den ärmlichsten Verhältnissen. Lassen sie sich anrühren, liebe Gemeinde, von der Kraft der Liebe die hinter diesem Geschehen steckt, dessen wir an Heilig Abend gedenken und freuen Sie sich, wenn sie diese Liebe entdecken können in den Geschenken, die Ihnen heute überreicht werden, in den Worten, die heute zu Ihnen gesprochen werden, bei den festlichen Menüs, die extra heute für Sie zubereitet worden sind. Unser Gott will gefunden werden unter all diesen menschlichen Gesten und Worten! Und wenn Sie ihn finden, dann schweigen und staunen Sie ob dieser großen Güte, die Ihnen zuteil wird! Und wenn Sie dann gesehen haben, dass diese Geschichte wahr ist, die wir heute in Bethlehem als die Hirten vor der Krippe erlebt haben, dann gehen Sie hin, in Ihr Hirtenleben nach Weihnachten und tun sie, wie die Hirten damals: "sie breiteten das Wort aus und priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten."

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